Vertrauen ist zweifellos die wichtigste Währung im Journalismus. Millionen von Bürgern schalten jeden Abend ihre Fernsehgeräte ein, in dem festen Glauben, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihnen ein objektives, ungefiltertes und vor allem wahrheitsgetreues Bild der weltweiten Geschehnisse vermitteln. Wir alle finanzieren dieses System mit unseren Rundfunkbeiträgen, um exakt das zu gewährleisten: eine unabhängige, sachliche Berichterstattung fernab von politischer Einflussnahme und parteiischer Meinungsmache. Doch was passiert mit einer Gesellschaft, wenn dieses grundlegende Vertrauen nicht nur enttäuscht, sondern scheinbar systematisch und völlig ohne Not ausgenutzt wird? Was geschieht, wenn aus seriösen Nachrichten schleichend betreutes Denken wird und harte Fakten am Schneidetisch so lange verdreht werden, bis sie haargenau in ein vorgefertigtes, politisches Narrativ passen?

Ein brandaktueller Vorfall rund um die Berichterstattung des ZDF über die Proteste in London wirft genau diese äußerst unbequemen Fragen auf. Es handelt sich um ein Ereignis, das auf den ersten flüchtigen Blick wie ein banaler, fast verzeihlicher Übersetzungsfehler wirken mag. Doch bei genauerem, kritischem Hinsehen offenbart sich eine erschreckende Dimension journalistischer Verfehlung. Es geht hierbei um nicht weniger als die Frage: Wie weit gehen unsere etablierten Leitmedien, um ihre eigene Weltsicht in die Wohnzimmer der Bürger zu transportieren?

Um die tatsächliche Tragweite dieses redaktionellen Vorfalls in Gänze zu begreifen, müssen wir uns zunächst die Kulisse ansehen. Wir blicken nach London, eine Metropole im Ausnahmezustand. Zehntausende Menschen strömen auf die Straßen, die Luft vibriert vor Anspannung. Es sind zwei völlig unterschiedliche, rivalisierende Großdemonstrationen, die hier aufeinandertreffen. Auf der einen Seite versammeln sich pro-palästinensische Aktivisten, auf der anderen Seite formieren sich Anhänger des umstrittenen rechten Aktivisten Tommy Robinson. Bereits in der grundlegenden Anmoderation des ZDF durch die Korrespondentin Hilke Petersen lässt sich ein subtiles, aber ungemein wirkungsvolles sprachliches Framing erkennen. Die eine Gruppierung wird geradezu neutral als “Aktivisten” bezeichnet, denen man scheinbar legitime Anliegen zuschreibt, während die andere Seite unverblümt und pauschal mit dem Etikett “rechtsextrem” versehen wird. Doch wer die Bilder unvoreingenommen betrachtet, stellt fest: Unter den Demonstranten, die sich auf der Gegenseite versammelt haben, finden sich bei Weitem nicht nur radikale Kräfte. Es sind Familienmütter, Großmütter, hart arbeitende Menschen aus der Mitte der Arbeiterklasse, die sich ernsthafte Sorgen um die Zukunft ihrer Enkelkinder machen. Sie treibt der nackte Frust über eine als tiefgreifend verfehlt wahrgenommene Migrations- und Wirtschaftspolitik auf die Straße. Genau hier, inmitten dieser emotional aufgeladenen Menge, fängt die Kamera des ZDF eine Szene ein, die das Zeug dazu hat, das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nachhaltig zu erschüttern.

Die Kameralinse fokussiert sich auf eine Frau mittleren Alters. Ihr Gesichtsausdruck zeugt von tiefer Sorge, Erschöpfung und ehrlicher Verzweiflung. Sie wird vom Reporterteam zur aktuellen Lage in Großbritannien befragt. In einem völlig klaren, unmissverständlichen britischen Akzent sagt sie in das Mikrofon: “I hate it.” Zu Deutsch bedeutet dies klipp und klar: “Ich hasse es.” Dies ist eine völlig legitime Zustandsbeschreibung. Die Frau bringt damit auf prägnante Weise ihren Unmut über die allgemeine Situation zum Ausdruck, über das, was gerade mit ihrem Land geschieht, über die tiefe Krise der Regierung und die gravierenden gesellschaftlichen Verwerfungen. Doch was machen die verantwortlichen Redakteure des ZDF in Mainz am Ende aus diesem simplen Satz? Die Untertitel, die Millionen deutscher Fernsehzuschauer beim Abendessen über ihre Bildschirme flimmern sehen, sagen etwas gänzlich anderes. Dort steht in großen weißen Lettern unmissverständlich geschrieben: “Ich hasse sie.”

Magier Siegfried und Joy: ZDF-Team vor laufender Kamera reingelegt

Lassen Sie uns diesen scheinbar kleinen, sprachlichen Unterschied einmal ganz in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen. Aus “I hate it” – also der emotionalen Ablehnung eines Zustandes oder einer Situation – wird “Ich hasse sie” – ein direkter, persönlicher Hass, der sich gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen richtet. Das ist beileibe kein marginaler Lapsus, den man mit einem Augenzwinkern übergehen könnte. Das ist eine fundamentale semantische Verschiebung, die den gesamten Charakter der Aussage und der sprechenden Person von Grund auf umkrempelt. Mit nur einem einzigen, bewusst oder unbewusst falsch gesetzten Wort wird aus einer frustrierten Bürgerin, die das Versagen der etablierten Politik beklagt, eine hasserfüllte, potenziell gewaltbereite Extremistin gemacht, die ihren blinden Hass gezielt gegen andere Menschen – seien es Einwanderer, Muslime oder Regierungsvertreter – richtet.

Nun könnte man natürlich einwenden: Jeder macht mal Fehler. Wo Menschen arbeiten, da passieren Missgeschicke. Vielleicht gab es ein Rauschen in der Leitung. Vielleicht waren die Umgebungsgeräusche auf den Straßen Londons schlichtweg zu laut. Vielleicht war der diensthabende Redakteur am späten Abend übermüdet. Doch diese gut gemeinten Erklärungsversuche greifen viel zu kurz, wenn man sich die hochprofessionelle Arbeitsweise eines milliardenschweren, gebührenfinanzierten Medienunternehmens vor Augen führt. Ein solcher Auslandsbeitrag durchläuft in der Regel mehrere Instanzen und Kontrollmechanismen. Korrespondenten vor Ort, geschulte Übersetzer, erfahrene Cutter und schließlich die abnehmenden Redakteure sichten das Material intensiv. Dass das englische “it” akustisch so überdeutlich von “them” (sie) zu unterscheiden ist, macht ein bloßes, versehentliches Verhören nahezu unmöglich. Wer der englischen Sprache auch nur auf grundlegendem Schulniveau mächtig ist, hört auf dem Originalton unmissverständlich ein “I hate it”.

Warum also kommt es zu dieser völlig falschen Übersetzung, die dann ohne Korrektur über den Sender geht? Die Schlussfolgerung drängt sich jedem kritischen Beobachter förmlich auf: Es passte schlichtweg besser in das gewünschte Bild. Das vorgefertigte Narrativ der “bösen, rechten, hasserfüllten Demonstranten” musste um jeden Preis mit passendem Futter versorgt werden. Ein bloßes “Ich hasse die politische Situation” reichte offenbar nicht aus, um den Zuschauern im fernen Deutschland den gewünschten wohligen Schauer über den Rücken zu jagen und die Gefahr greifbar zu machen. Man brauchte handfesten, direkten Hass, um die redaktionelle Warnung vor den Auswüchsen des rechten Randes zu untermauern. Wenn die komplexe Realität dieses eindeutige Bild nicht hergibt, wird eben in der Übersetzungsabteilung oder am Schneidetisch ein wenig nachgeholfen. Es ist exakt jener schmale Grat zwischen einer objektiven, dienenden Berichterstattung und einer manipulativen Form des betreuten Denkens. Dem volljährigen, mündigen Zuschauer wird scheinbar nicht mehr zugetraut, sich anhand echter Fakten selbst ein fundiertes Urteil zu bilden; stattdessen wird ihm durch solche Taschenspielertricks vorgekaut, was er bitteschön zu denken, zu fühlen und zu verurteilen hat.

Die langfristigen Konsequenzen einer derartigen Berichterstattung sind geradezu verheerend für das ohnehin schon fragile gesellschaftliche Klima. Wir leben in extrem polarisierten, aufgeheizten Zeiten, in denen der gesellschaftliche Konsens immer weiter bröckelt. Wenn nun ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Medien, die eigentlich als neutraler Anker, als vertrauenswürdiger Schiedsrichter fungieren sollten, anfangen, normale Bürger in radikale Schubladen zu stecken und ihre Aussagen ins Extremistische zu verzerren, dann gießen sie fahrlässig Liter um Liter Öl ins Feuer der gesellschaftlichen Spaltung. Die Zuschauer vor den heimischen Bildschirmen haben im Moment der Ausstrahlung keine reale Möglichkeit, das englische Original in Millisekunden akustisch zu überprüfen und zu verifizieren. Sie lesen die eingeblendeten Untertitel, vertrauen der Institution ZDF und speichern im Unterbewusstsein ab: “Die Demonstranten dort in London sind durch und durch hasserfüllte, gefährliche Menschen.” Auf diese Weise werden ungerechtfertigte Vorurteile massiv zementiert und gesellschaftliche Feindbilder aufgebaut, die letztlich auf einer reinen redaktionellen Fiktion basieren. Die betroffene Frau in London ahnt dabei nicht einmal ansatzweise, dass sie im deutschen Fernsehen als wehrloses Paradebeispiel für Fremdenfeindlichkeit oder blinden Extremismus missbraucht wird. Sie wird ihrer Würde und ihrer wahren Intention beraubt – kurzerhand geopfert auf dem Altar der politischen Meinungsmache und der ständigen Suche nach dem extremsten Zitat.

Besonders alarmierend ist an dieser ganzen Geschichte jedoch, dass dieser Vorfall in London kein völlig isolierter Einzelfall zu sein scheint. Wer die Medienlandschaft und speziell die Ausrutscher der letzten Jahre kritisch verfolgt, der beginnt ein wiederkehrendes, erschreckendes Muster zu erkennen. Immer und immer wieder kommt es zu sogenannten “Fehlern”, zu aus dem Kontext gerissenen Zitaten, zu irreführenden, falsch skalierten Grafiken oder gar zum Einsatz von manipulierten Bildern. Und das Erstaunlichste daran: Diese “technischen Pannen” verzerren die harte Realität so gut wie nie zugunsten eines neutralen oder gar konservativen Standpunkts. Sie fallen in schöner Regelmäßigkeit, fast wie durch ein unsichtbares Gesetz gesteuert, immer wieder in dieselbe politische Richtung. Ein Fehler, der aus reinem Zufall, aus menschlicher Unachtsamkeit geschieht, würde sich statistisch gesehen im Laufe der Zeit in alle Richtungen verteilen. Mal wäre ein Balkendiagramm für die eine politische Partei unabsichtlich zu groß geraten, mal für die andere. Doch wenn der Zufall in den Nachrichtenredaktionen immer nur ein Auge zudrückt, verliert das Argument des menschlichen Versagens irgendwann seine letzte Glaubwürdigkeit. Es wirkt auf den wachen Beobachter vielmehr wie ein systematisches Vorgehen, eine schleichende, unbewusste oder bewusste Indoktrination, bei der die ungeschönte Wahrheit nicht länger das höchste journalistische Gut ist, sondern nur noch ein formbares Mittel zum Zweck.

Man muss sich folgerichtig die Frage stellen, wie die Verantwortlichen, die Chefredakteure und letztendlich auch die Rundfunkräte auf derartige Skandale reagieren. Wird es eine tiefgehende interne Untersuchung geben? Wird die zuständige Korrespondentin oder die verantwortliche Redaktion sich für diese sinnentstellende Übersetzung rechtfertigen müssen? Die leidvolle Erfahrung der jüngeren Vergangenheit lehrt uns, dass oft erst auf massiven öffentlichen Druck aus den sozialen Medien hin reagiert wird – und selbst dann häufig nur zögerlich. Oftmals werden solche Vorfälle schlichtweg ausgesessen, ignoriert oder in einem kleinen Nebensatz als “bedauerliche Einzelfälle” abgetan, als winzige technische Pannen im ansonsten perfekten Ablauf des viel gepriesenen Qualitätsjournalismus. Doch diese Ausreden ziehen im digitalen Informationszeitalter nicht mehr. Der angerichtete Schaden ist bereits tiefgehend, das Gift des wachsenden Misstrauens ist längst in die Mitte der Gesellschaft geträufelt.

Who is Tommy Robinson, Britain's far-right Islamophobic influencer?

Was bleibt uns als Bürgern und Konsumenten in einer solch fehleranfälligen Medienlandschaft noch übrig? Der Fall der manipulierten Übersetzung aus London ist ein lauter, nicht zu überhörender Weckruf an uns alle. Wir dürfen unsere kritische Distanz niemals an der Fernbedienung abgeben. Wir müssen dringend lernen, wieder genauer hinzuhören, die wichtigen Zwischentöne zu erkennen, rhetorische Narrative zu hinterfragen und nicht alles ungeprüft zu schlucken, was uns serviert wird. Das Zeitalter des blinden, bedingungslosen Vertrauens in die großen Institutionen ist durch solche Vorfälle endgültig vorbei. Wir sind mehr denn je dazu aufgefordert, unsere eigene Medienkompetenz kontinuierlich zu schärfen. Das bedeutet keinesfalls, in blinde Verschwörungstheorien oder generelle Medienhetze abzudriften, sondern schlicht und ergreifend wachsam zu bleiben. Wer das Originalmaterial prüfen kann, sollte dies tun. Wer offensichtliche Unstimmigkeiten entdeckt, muss sie laut benennen und den Diskurs einfordern.

Die Wahrheit braucht keine kosmetischen Eingriffe am Schnittpult. Sie ist manchmal überaus komplex, oft furchtbar unbequem und lässt sich längst nicht immer in einfache, bekömmliche Schwarz-Weiß-Muster pressen. Genau das macht sie aber so wertvoll und unersetzlich für eine funktionierende Demokratie. Das ZDF und alle anderen großen, einflussreichen Medienhäuser täten sehr gut daran, sich schleunigst auf ihre eigentliche, im Rundfunkstaatsvertrag verankerte Aufgabe zurückzubesinnen: absolute Demut vor den Fakten und Respekt vor dem mündigen Zuschauer. Die Bürger sind müde von ständigen moralischen Belehrungen und versteckten Manipulationen. Sie haben mittlerweile ein sehr feines, empfindliches Gespür dafür entwickelt, wenn man ihnen propagandistischen Sand in die Augen streuen will. Der aufgedeckte Skandal um das veränderte Wort “sie” in London mag in der rasante, täglichen Nachrichtenflut vielleicht bald wieder etwas in den Hintergrund rücken, doch er hinterlässt einen weiteren bleibenden, tiefen Kratzer im ohnehin bröckelnden Lack unserer Medienlandschaft. Es ist an der höchsten Zeit, dass wir als Gesellschaft eine faire Berichterstattung vehement einfordern, die uns respektiert, die uns die nackte Wahrheit zumutet und die endlich aufhört, uns durch sprachliche Taschenspielertricks für dumm zu verkaufen. Bis wir diesen Standard wieder flächendeckend erreicht haben, gilt mehr denn je: Traue nicht blind dem, was du liest und hörst – besonders dann nicht, wenn es allzu perfekt in ein vorgefertigtes Weltbild passt.