Vielleicht kennen Sie das auch: Es ist ein vertrautes Muster in unserer schnelllebigen, digitalisierten Medienlandschaft. Ein prominenter Vorwurf wird laut, ein Skandal entfacht sich, und die Schlagzeilen überschlagen sich. Jüngst war es die mediale Kampagne rund um die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen, die das Land in Atem hielt. Doch so schnell und gewaltig der mediale Sturm auch aufzog, so rasch scheint er nun wieder an Kraft zu verlieren. Die ursprüngliche Dynamik flacht allmählich ab, und die inhaltliche Tiefe der Geschichte tritt zusehends in den Hintergrund. Doch genau dort, wo die sachliche Auseinandersetzung verstummt, übernimmt oft eine andere, viel lautere Kraft die Bühne: die pure, unreflektierte Wut.

An vorderster Front dieser emotionalen Gegenoffensive positioniert sich derzeit die bekannte Komikerin Carolin Kebekus. Mit ihrer neuesten Show tritt sie machtvoll ins Rampenlicht und fordert die Gesellschaft – insbesondere die Frauen – dazu auf, “einfach mal komplett auszurasten”. Das mag im ersten Moment wie ein ermutigender Ruf nach Gerechtigkeit klingen. Doch bei genauerer Betrachtung ihrer Aussagen, Lieder und Methoden offenbart sich ein tiefes, strukturelles Problem. Es ist ein hochtoxischer Cocktail aus offensichtlicher Doppelmoral, der pauschalen Abwertung ganzer Bevölkerungsgruppen und einem erschreckend leichtfertigen Umgang mit unseren wichtigsten rechtsstaatlichen Prinzipien. In einer Zeit, die mehr Besonnenheit und differenziertes Denken denn je bräuchte, gießt Kebekus massiv Öl ins Feuer.

Im Zentrum von Kebekus’ Tiraden steht ein Prinzip, das eigentlich das unerschütterliche Fundament jeder zivilisierten Demokratie bilden sollte: die Unschuldsvermutung. In unserer Rechtsordnung gilt der eherne Grundsatz „in dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten. Es bedeutet schlicht und ergreifend, dass jeder Mensch so lange als unschuldig zu gelten hat, bis seine Schuld in einem ordentlichen, fairen Gerichtsverfahren zweifelsfrei bewiesen ist. Carolin Kebekus jedoch scheint dieses elementare Prinzip bestenfalls als lästiges Hindernis und schlimmstenfalls als Instrument von Tätern zu betrachten. In ihrer Sendung macht sie sich ganz offen über jenes „Lager“ lustig, das auf der Unschuldsvermutung beharrt. Das sogenannte „Team mutmaßlicher Täter“, wie sie es abfällig nennt, mache sie „sehr, sehr wütend“.

Diese Einstellung ist nicht nur befremdlich, sie ist brandgefährlich. Wenn in der Öffentlichkeit die Forderung nach echten Beweisen und einem fairen, rechtsstaatlichen Prozess als Affront gewertet wird, verlassen wir den sicheren Boden des Rechtsstaates und betreten das dunkle Terrain mittelalterlicher Hexenjagden. Kebekus stört sich offenbar massiv daran, dass die Gesellschaft in hitzigen Momenten innehalten und sagen könnte: „Moment mal, hier steht Aussage gegen Aussage. Lassen wir die Gerichte arbeiten.“ Doch genau dieses besonnene Innehalten ist es, was uns vor Willkür und Mob-Justiz schützt. Die jüngere Vergangenheit hat uns schmerzhaft gelehrt, wie unfassbar zerstörerisch Vorverurteilungen sein können. Ob in den intensiv diskutierten Fällen rund um Luke Mockridge, Till Lindemann oder diverse Akteure aus der Politik – immer wieder haben wir erlebt, wie rasend schnell die mediale Guillotine fällt. Existenzen, Lebenswerke und Familien werden auf Basis von unbewiesenen Anschuldigungen in der Luft zerrissen, noch bevor ein Richter überhaupt die Akten gesehen hat. Es geht in dieser Debatte absolut nicht darum, mutmaßlichen Opfern nicht zuzuhören oder ihre Stimmen zum Schweigen zu bringen. Es geht einzig und allein darum, dass der öffentliche Pranger niemals das Gericht ersetzen darf. Wer dieses Prinzip aus Wut, ideologischer Verblendung oder reinem Show-Kalkül über Bord wirft, sägt rücksichtslos an dem Ast, auf dem unsere freiheitliche und gerechte Gesellschaft sitzt.

Köln: Carolin Kebekus spricht über digitale Gewalt und die Wut von Frauen

Ein weiteres, zutiefst beunruhigendes Muster in der Argumentation von Carolin Kebekus ist die völlige Entgrenzung der Schuldfrage. Anstatt sich in dem konkreten Fall auf den Beschuldigten, also Christian Ulmen, zu konzentrieren und diesen als Individuum in die Pflicht zu nehmen (sofern die Vorwürfe belegbar sind), vollzieht sie einen rhetorischen Taschenspielertrick. Sie weitet die Anklage einfach aus. Plötzlich ist nicht mehr ein einzelner Mann der mutmaßliche Täter, sondern „die Männer“ als riesiges, abstraktes Kollektiv. Die individuelle Verantwortung wird in ihren Reden völlig aufgelöst und durch eine toxische Form der gesellschaftlichen Sippenhaft ersetzt. Männer sind, so suggeriert es diese mediale Inszenierung unentwegt, pauschal an allem schuld.

Diese Strategie lenkt nicht nur dramatisch vom eigentlichen juristischen Fall ab, sie vergiftet auch das gesellschaftliche Klima nachhaltig und für lange Zeit. Wenn Männer kollektiv in Mithaftung genommen werden, erstickt das jeden konstruktiven Dialog im Keim. Es ist ein gefährlicher Mechanismus, den wir leider immer häufiger in der politischen und gesellschaftlichen Debatte beobachten können. Wer jedem Mann prinzipiell eine Mitschuld an den Verfehlungen einzelner schwarzer Schafe gibt, trivialisiert die tatsächlichen Taten und spaltet unsere Gesellschaft in verfeindete, unversöhnliche Lager. Konstruktive Lösungen zur Verhinderung echter Übergriffe lassen sich auf diesem Weg gewiss nicht finden. Es ist schlichtweg der einfache, intellektuell bequeme Weg der billigen Empörung, der die komplizierte Wahrheit einer individuellen Fallprüfung scheut.

Der vielleicht gravierendste und offensichtlichste Widerspruch in Kebekus’ Auftreten liegt jedoch in ihrer Sprache und Ästhetik selbst. Sie prangert lauthals an, dass Frauen in unserer Gesellschaft sexualisiert und objektiviert werden. Sie fordert vehement einen radikalen Kulturwandel. Doch wie sieht dieser Wandel bei ihr in der Praxis aus? Betrachtet man die Clips, Sketche und musikalischen Einlagen der Komikerin genauer, wird man geradezu überrollt von aggressiver Vulgärsprache, plattem Fäkalhumor und einer extremen Form der Sexualisierung. In ihrem neuesten Song heißt es unter anderem reißerisch „Die Scham muss die Seite wechseln“, direkt gefolgt von tief fliegenden Zeilen wie „Vaterstaat kann Scheide lecken“. Männliche Anatomie wird geradezu obsessiv in den Mittelpunkt gerückt: „Immer ein Schwanz, einfach immer ein Schwanz.“

Hier offenbart sich eine bodenlose Heuchelei, die den Verstand beleidigt. Wie kann man glaubhaft gegen die Reduzierung von Menschen auf ihre reinen Geschlechtsmerkmale ankämpfen, wenn man selbst Männer in Dauerschleife auf exakt diese reduziert? Kebekus bekämpft Feuer nicht mit Wasser, sondern mit einem Flammenwerfer voller Geschmacklosigkeiten. Dieser angebliche, modern inszenierte Feminismus verliert dadurch jede intellektuelle Tiefe und verkommt zur plumpen, unreflektierten Provokation. Wenn der wichtige Kampf für echte Gleichberechtigung und gegenseitigen Respekt am Ende nur noch aus Kraftausdrücken und der systematischen Herabwürdigung des anderen Geschlechts besteht, hat er sein eigentliches, edles Ziel längst aus den Augen verloren. Es drängt sich dem neutralen Beobachter unweigerlich die Frage auf, was bei einer solchen Künstlerin eigentlich schiefläuft, dass jede gesellschaftliche Kritik sofort in die unterste rhetorische Schublade abgleiten muss. Ist es nur das verzweifelte Ringen um Klicks und Aufmerksamkeit in einer Welt, die immer extremere Reize fordert?

Christian Ulmen: einen Mann, den wir zu kennen glaubten | STERN.de

Werfen wir zudem einen Blick auf die breitere Medien- und Politiklandschaft, so stellt sich die Frage nach der Verantwortung von Prominenten und Politikern in solch emotional aufgeladenen Diskursen. Die Problematik geht weit über die Person Carolin Kebekus hinaus, sie hat längst die höchste politische Ebene erreicht. Das Thema wird im Bundestag debattiert, Gesetzesänderungen stehen im Raum. Doch anstatt sachlich zu diskutieren, erleben wir absurde politische Manöver. Der Bundeskanzler versucht plötzlich, aus einer ernsten Sexismusdebatte kurzerhand eine allgemeine Migrationsdebatte zu stricken – und macht sich damit ironischerweise zum Komplizen jener Gegenbewegungen, die er angeblich bekämpfen will. Gleichzeitig schweigen jene lauten Stimmen der Empörung rund um Kebekus ohrenbetäubend, wenn es um wirklich existenzielle Bedrohungen von Frauen auf der Welt geht. Wo sind die wütenden Videos und feurigen Referate, wenn es um die brutale, systematische Unterdrückung von Frauen in Kabul oder in streng religiös geprägten Parallelgesellschaften geht? Sind diese Themen für die Comedians plötzlich irrelevant, weil sie sich nicht so leicht und profitabel in das eigene, bequeme Weltbild einfügen lassen?

Hinzu kommt die äußerst selektive, geradezu heuchlerische “Solidarität” unter Frauen. Wer sich noch an die jüngere Fernsehgeschichte erinnert, weiß: Wenn es um politische Gegnerinnen geht, sind alle moralischen Schranken rasch gefallen. Da machten Carolin Kebekus und Außenministerin Annalena Baerbock einst gemeinsam im Fernsehen geschmacklose, deplatzierte Witze über die Oppositionsführerin Alice Weidel – ganz nach dem infantilen Motto „einfach laufen lassen“. Wenn feministische Solidarität und Anstand jedoch nur für Frauen gelten, die das gleiche Parteibuch haben oder die exakt gleiche Ideologie vertreten, dann ist diese Solidarität absolut nichts wert.

Am Ende bleibt ein mehr als bitterer Nachgeschmack bei den Zuschauern zurück. Der Fall Collien Fernandes hätte eine echte gesellschaftliche Chance sein können, ernsthaft, sachlich und juristisch fundiert über Machtstrukturen, möglichen Missbrauch und echte Gerechtigkeit zu sprechen. Stattdessen wird er von Figuren wie Carolin Kebekus gekapert, um eine mediale Dauerempörung zu befeuern, die den funktionierenden Rechtsstaat offen verachtet, Männer unter einen Generalverdacht stellt und selbst in vulgärer Doppelmoral gnadenlos ertrinkt. Die Unschuldsvermutung ist jedoch kein lästiges Detail, das man weglächeln kann, sondern der unverhandelbare Kern unserer zivilisierten Welt. Wenn wir als Gesellschaft zulassen, dass lautes Geschrei, Fäkalsprache und öffentliche Denunziation den Platz von Fakten, Beweisen und Gerichten einnehmen, dann verlieren wir am Ende alle unsere Freiheit. Es ist höchste Zeit, dem hysterischen Mobbing im Deckmantel der Moral die rote Karte zu zeigen. Wir brauchen keine inszeniert „wütenden“ Künstlerinnen, die für Quoten Öl ins Feuer gießen. Wir brauchen Sachlichkeit, tiefen Respekt vor dem Gesetz und den unbedingten Willen zur echten, differenzierten Wahrheit.