Am 2. Juni 1982 trugen einige wenige Männer einen schlichten Sarg über den kleinen, unscheinbaren Dorffriedhof von Boissy-sans-Avoir, etwa 50 Kilometer westlich von Paris. Es war kein Ort für große Spektakel. Kein Blitzlichtgewitter erhellte den Tag, keine weinenden Menschenmassen säumten die Straßen. Nur eine Handvoll engster Vertrauter – darunter Jean-Claude Brialy und Michel Piccoli – war gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie verabschiedeten sich an diesem Tag nicht von einem unnahbaren Weltstar, sondern von einer geliebten Freundin. Wer später an ihr Grab trat, suchte vergeblich nach dem Namen, der einst Millionen von Kinobesuchern in Ekstase versetzt hatte. Auf dem Grabstein stand weder “Sissi” noch “Romy Schneider”. Dort stand in stiller Würde: Rosemarie Albach. Es war der Name, den die Welt nie gekannt hatte, aber der Name, unter dem sie geboren wurde und unter dem sie in Frieden ruhen wollte. “Sissi, ich bin doch längst nicht mehr”, hatte sie ein Jahr vor ihrem Tod in einem großen Interview verzweifelt gerufen. “Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.” Doch wer war diese Rosemarie Albach wirklich, bevor die gnadenlose Maschinerie des Ruhms sie verschlang?

Die Geschichte beginnt am 23. September 1938 in Wien. Rosemarie Magdalena Albach wird in eine echte Schauspieldynastie hineingeboren. Ihr Vater, Wolf Albach-Retty, ist ein gefeierter Mime, ihre Mutter Magda Schneider ein umjubelter Filmstar. Doch das Kind wächst weitgehend ohne die Liebe seiner berühmten Eltern auf. Schon wenige Wochen nach der Geburt wird sie zu den Großeltern aufs Land gebracht. Eine Gouvernante übernimmt die Erziehung, während die Eltern von Drehort zu Drehort eilen. Als sich die Eltern 1943 trennen, landet das Mädchen im Internat in Salzburg. Aus dieser tiefen, schmerzhaften kindlichen Einsamkeit entspringt ein fataler Wunsch. Mit 13 Jahren notiert sie in ihr Tagebuch, dass sie Schauspielerin werden müsse – genau wie ihre Mami. Es war nicht die glühende Liebe zur Kunst, die sie antrieb, sondern die verzweifelte kindliche Hoffnung, durch den Film der abwesenden Mutter endlich wieder nah sein zu können.
Diese Entscheidung führt sie geradewegs in einen goldenen, aber unbarmherzigen Käfig. Nach der Heirat ihrer Mutter mit dem Kölner Großgastronomen Hans Herbert Blatzheim im Jahr 1953 übernimmt dieser die totale Kontrolle über Romys Leben. Blatzheim, den sie demütigend “Daddy” nennen muss, wird zu ihrem Manager, ihrem Vormund und ihrem Ausbeuter. Er bestimmt ihre Rollen, verwehrt ihr Zusammenarbeiten mit Regielegenden wie Luis Buñuel und zerrt sie zu unzähligen Restauranteröffnungen, um mit ihrem prominenten Gesicht Kasse zu machen. Doch es kommt noch viel schlimmer: Wie Romy Jahrzehnte später der Journalistin Alice Schwarzer anvertraut, bedrängt Blatzheim sie sexuell in den eigenen vier Wänden. Ihre Mutter Magda sieht geflissentlich weg, mahnt die Tochter bei Auftritten nur: “Jetzt lächle!”
In dieser toxischen Atmosphäre entsteht ab 1955 die legendäre “Sissi”-Trilogie. Sechs Millionen Deutsche strömen pro Film in die Kinos und suchen in der süßlichen Monarchie-Romanze Heilung von den Wunden des Zweiten Weltkriegs. Für Romy jedoch wird das Korsett der Kaiserin zur Zwangsjacke. Schon mit 15 Jahren erkennt sie hellsichtig: “Es ist ein Gift, das man schluckt, an das man sich gewöhnt und das man doch verwünscht.” Als man ihr eine astronomische Summe für einen vierten Teil anbietet, zieht sie endgültig die Reißleine. Sie lehnt ab, überwirft sich mit der Mutter und dem Stiefvater und flieht.

Ihre Flucht trägt den Namen Alain Delon. Am Set des Films “Christine” lernt sie 1958 den jungen Franzosen kennen. Was als eiskalte Distanz beginnt, entbrennt auf einer Zugfahrt nach Brüssel zu einer alles verzehrenden Leidenschaft. Romy zieht zu ihm nach Paris. In Deutschland bricht ein Sturm der Entrüstung los: Man beschimpft sie als Vaterlandsverräterin, als gefallenes Mädchen. Das Nachkriegsdeutschland kann es nicht ertragen, dass ihr Inbegriff der jungfräulichen Unschuld in den Armen eines Franzosen liegt. Doch auch diese große Liebe endet in einem Trauma. Nach Jahren der intensiven Beziehung kehrt Romy eines Tages aus Hollywood zurück und findet eine leere Pariser Wohnung vor. Ein liebloser Zettel auf dem Tisch informiert sie knapp darüber, dass Delon mit einer anderen Frau nach Mexiko geflohen ist. Romy versucht, sich das Leben zu nehmen.
Die folgenden Jahre sind geprägt von künstlerischen Triumphen in Frankreich – wo sie zur größten Schauspielerin ihrer Zeit aufsteigt und an der Seite hochkarätiger Regisseure brilliert – und privaten Katastrophen. 1966 heiratet sie den Schauspieler Harry Meyen, einen Holocaust-Überlebenden, der schwer unter Depressionen und Tablettensucht leidet. Romy zahlt seine Scheidung, stützt ihn, bringt den gemeinsamen Sohn David zur Welt. Es sind kurze Jahre des privaten Glücks, die sie als die schönsten ihres Lebens bezeichnet. Doch auch diese Ehe zerbricht an Meyens Dämonen. Später heiratet sie ihren Privatsekretär Daniel Biasini, mit dem sie Tochter Sarah bekommt. Doch Biasini nutzt sie finanziell aus. Am Ende ihres Lebens, nach 61 gedrehten Filmen und Millionen an Gagen, steht Romy vor einem Berg von Schulden. Blatzheim hatte Gelder veruntreut, Meyen bei der Scheidung ein Vermögen gefordert, Biasini auf großem Fuß auf ihre Kosten gelebt.
Der endgültige, tödliche Schlag trifft Romy im Sommer 1981. Ihr geliebter Sohn David, gerade einmal 14 Jahre alt, verliert beim Überklettern eines verschlossenen Eisentores das Gleichgewicht. Er wird von einer Metallspitze aufgespießt und verblutet im Krankenhaus. Romy bricht zusammen, weint, schreit, umklammert den leblosen Körper ihres Kindes. Während sie den schlimmsten Albtraum einer Mutter durchlebt, fotografieren Paparazzi, verkleidet als Pflegepersonal, heimlich die Leiche des Jungen. Die Seele der Schauspielerin zerspringt in tausend Stücke.

Und doch zeigt sie eine letzte, unfassbare Stärke. Statt sich gänzlich aufzugeben, wählt sie ihr nächstes Filmprojekt bewusst aus. In “Die Spaziergängerin von Sans-Souci” spielt sie eine Frau, die sich eines jüdischen Waisenjungen annimmt – eine tiefe filmische Verneigung vor ihrem Ex-Mann Harry Meyen, der sich 1979 das Leben genommen hatte, und ihrem toten Sohn David. Es ist das erste Mal, dass sie gewissermaßen sich selbst spielt. Es wird ihr letzter Akt.
Am Morgen des 29. Mai 1982 wird Romy Schneider von ihrem neuen Lebensgefährten tot an ihrem Schreibtisch gefunden. Neben ihr ein voller Aschenbecher, eine leere Flasche Wein und ein unvollendeter Brief, bei dem die Tinte in einem langen Strich verronnen ist. Offizielle Todesursache: Herzversagen. Doch Alain Delon, der sofort an ihr Totenbett eilt, weiß es besser: Romy starb an einem gebrochenen Herzen. Ihr Sterben hatte an jenem Sommertag begonnen, als sie David verlor. Delon sorgt später dafür, dass der Sohn in ihr Grab nach Boissy-sans-Avoir umgebettet wird. So sind Mutter und Sohn, vereint unter dem Namen Rosemarie Albach, am Ende wieder beisammen. Übrig bleibt das tragische Echo einer Frau, die der Welt so unendlich viel gab, aber deren eigener Hunger nach wahrer Liebe niemals gestillt wurde.
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