Es ist ein politisches Déjà-vu der denkbar unangenehmsten Sorte, das die Bürger dieses Landes derzeit miterleben müssen. Pünktlich zum wohlverdienten Wochenende braut sich in der Bundeshauptstadt ein veritabler Sturm zusammen, der das politische Parkett in seinen Grundfesten erschüttert. Die ohnehin fragile Regierungskoalition befindet sich in einem Zustand maximaler Anspannung. Wer gehofft hatte, dass nach den traumatischen Erfahrungen der vergangenen Jahre endlich Stabilität und konstruktive Sacharbeit in Berlin einkehren würden, sieht sich in diesen Tagen bitter enttäuscht. Das Klima innerhalb der Regierungsbündnisses erinnert frappierend an die dunkelsten und chaotischsten Phasen der alten Ampel-Koalition. Profilierungssucht, offene Sabotage und dramatische Machtkämpfe dominieren das Tagesgeschäft, während die drängenden Sorgen der hart arbeitenden Bevölkerung zunehmend in den Hintergrund gedrängt werden. Der jüngste Eklat rund um Finanzminister Lars Klingbeil, Wirtschaftsministerin Reiche und Bundeskanzler Friedrich Merz offenbart schonungslos, wie zerrüttet das Binnenverhältnis der Koalitionspartner tatsächlich ist.

Der Stein des Anstoßes, der diese beispiellose politische Kettenreaktion in Gang setzte, fand im Bundesfinanzministerium statt. Dort berief Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil einen hochkarätigen Sondergipfel ein. Geladen waren Arbeitgeberverbände und hochrangige Arbeitnehmervertreter. Das offizielle und überaus brisante Thema dieser Zusammenkunft: Die gravierenden wirtschaftlichen und finanzpolitischen Auswirkungen des andauernden Iran-Konflikts. In Zeiten explodierender Spritpreise und massiver globaler Unsicherheiten zweifellos ein Thema von höchster nationaler Tragweite. Doch es war weniger die Agenda, die für fassungslose Gesichter sorgte, sondern vielmehr die bemerkenswerte Gästeliste – beziehungsweise die Liste derer, die ganz bewusst nicht eingeladen wurden.

Anstatt die fachlich originär zuständige Wirtschaftsministerin in diesen zentralen Dialog einzubinden, entschied sich Klingbeil für einen dreisten politischen Affront. Aus dem Wirtschaftsministerium wurde lediglich ein einfacher Abteilungsleiter, ein gewisser Herr Ludmann, zu diesem richtungsweisenden Gipfel zitiert. Die Ministerin selbst wurde schlichtweg übergangen. Dieser demonstrative Akt der Ausgrenzung war kein administratives Versehen, sondern eine gezielte Machtdemonstration des Finanzministers. Es ist längst ein offenes Geheimnis im politischen Berlin, dass Klingbeil die aktuelle Krise nutzen möchte, um die höchstumstrittene Übergewinnsteuer durchzuboxen. Eine Steuer, die darauf abzielt, die vermeintlich übermäßigen Gewinne von Unternehmen in Krisenzeiten direkt in die klammen Staatskassen umzuleiten – Kassen, die paradoxerweise durch die krisenbedingt hohen Steuereinnahmen auf Benzin und Diesel ohnehin schon prall gefüllt sind.

Die Reaktion auf diesen beispiellosen Affront ließ nicht lange auf sich warten und hatte die Sprengkraft einer politischen Bombe. Wirtschaftsministerin Reiche, sichtlich brüskiert und in ihrer fachlichen Autorität untergraben, ging in die direkte Gegenoffensive. In einer eilig und spontan einberufenen Pressekonferenz rechnete sie schonungslos mit den Plänen ihres Kabinettskollegen ab. Es war ihre persönliche und öffentlichkeitswirksame Rache für die Demütigung des Gipfels. Mit scharfen, unmissverständlichen Worten zerriss sie das Konzept der Übergewinnsteuer in der Luft. Sie bezeichnete die Vorschläge als teuer, in ihrer eigentlichen Absicht absolut wirkungsschwach und darüber hinaus als verfassungsrechtlich höchst fragwürdig und bedenklich. Eine solche Steuer, so argumentierte sie vehement, stifte in der Wirtschaft lediglich massive Verwirrung, schade dem ohnehin angeschlagenen Investitionsklima und helfe am Ende des Tages dem normalen Verbraucher an der Zapfsäule rein gar nicht. Im Kern ließ sich ihre Botschaft in einem einzigen, unausgesprochenen Wort zusammenfassen: Bullshit. Mit der klaren und unmissverständlichen Aussage „Ich erteile der Übergewinnsteuer eine klare Absage“ markierte sie eine rote Linie, die den tiefen Riss innerhalb der Regierungskoalition für alle Welt sichtbar machte.

Lars Klingbeil im RND-Interview: SPD-Chef fordert Ende des Haushaltsstreits

Doch der eigentliche, zutiefst erschütternde Höhepunkt dieses wochenendlichen Politik-Dramas folgte erst noch. Anstatt sich vor seine eigene Ministerin zu stellen, die fachlich und inhaltlich genau jene bürgerlichen und wirtschaftsfreundlichen Positionen vertrat, für die seine Partei eigentlich angetreten war, schaltete sich Bundeskanzler Friedrich Merz ein – und zwar auf der völlig falschen Seite. Zur absoluten Fassungslosigkeit seiner eigenen Parteibasis hielt Merz der Wirtschaftsministerin eine harsche Standpauke. Aus dem Umfeld des Kanzlers wurde in den Medien lanciert, Merz sei „befremdet über den öffentlichen Schlagabtausch“ und mahne Ministerin Reiche zur sofortigen Zurückhaltung. Er berief sich auf angebliche interne Verabredungen, zielgenaue Vorschläge ausschließlich einvernehmlich zu erarbeiten.

Dieser Vorgang ist an politischer Brisanz und innerparteilichem Verrat kaum zu überbieten. Das Perfide an dieser Situation ist die offensichtliche inhaltliche Doppelmoral: Friedrich Merz selbst hatte sich in der Vergangenheit mehrfach öffentlich und sehr deutlich gegen die Einführung einer Übergewinnsteuer ausgesprochen. Eigentlich lag Wirtschaftsministerin Reiche also exakt auf seiner inhaltlichen Linie. Doch warum opfert ein Kanzler seine eigene Ministerin und seine eigenen Überzeugungen so bereitwillig auf dem Altar des Koalitionsfriedens? Die Antwort darauf ist ebenso simpel wie beunruhigend: Nackte Angst um den Erhalt der Macht.

Die aktuellen Dynamiken lassen Beobachter immer öfter zu dem Schluss kommen, dass Friedrich Merz zwar das Amt des Kanzlers bekleidet, die tatsächlichen politischen Fäden jedoch von Lars Klingbeil gezogen werden. Klingbeil inszeniert sich geschickt und rücksichtslos als der eigentliche starke Mann der Regierung, der die Kernpositionen der SPD gegen eine schwache und kompromissbereite CDU gnadenlos durchdrückt. Merz scheint in einer fatalen Abhängigkeit gefangen zu sein. Seine Kanzlerschaft hängt sprichwörtlich am seidenen Faden der Umfragewerte und des Wohlwollens seines Koalitionspartners. Um diesen fragilen Frieden nicht zu gefährden, greift er zu jenen fatalen Mechanismen, die schon die Ära Merkel prägten: Jeder in den eigenen Reihen, der mit klaren Profilen oder abweichenden, wenn auch sinnvollen Vorschlägen auffällt, wird rigoros zurückgepfiffen und mundtot gemacht. Die eigentlich proklamierte Richtlinienkompetenz, die Merz einst vollmundig nutzen wollte, um klare Verhältnisse zu schaffen, verkommt zur reinen Makulatur.

Friedrich Merz cuts a good figure abroad but is struggling at home

Was bleibt, ist das Bild einer zutiefst gespaltenen und maroden Koalition. Auf der obersten Managementebene betreiben Merz und Klingbeil eine verzweifelte Schaufensterpolitik. Nach außen hin wird krampfhaft versucht, Risse mit billigem politischem Brandmauer-Kitt zu überdecken und Handlungsfähigkeit zu simulieren. Doch auf den Ebenen darunter, in den Ministerien und den Fraktionen, wimmelt, rumort und kracht es gewaltig. Die Frustration über desaströse Umfragewerte und katastrophale politische Ergebnisse entlädt sich in offener Feindseligkeit. Das Regierungsbündnis gleicht einem aktiven Vulkan, der nur noch mühsam unter einem dünnen Deckel gehalten wird. Die Bürger, die unter den horrenden Lebenshaltungskosten und der grassierenden wirtschaftlichen Unsicherheit leiden, sind die eigentlichen Leidtragenden dieser egozentrischen Machtspiele. Es ist keine Frage mehr, ob dieser Vulkan ausbrechen wird, sondern nur noch, wann die Lava aus rot-schwarzem Regierungschaos endgültig überkochen und diese Koalition in die Geschichte eingehen lassen wird.