Vierzig Millionen. Das ist eine Zahl, die selbst in der heutigen, global vernetzten Musikindustrie Ehrfurcht gebietet. Vierzig Millionen verkaufte Schallplatten, vierzig Goldene Schallplatten und eine Auszeichnung in Platin. Und all das erreichte ein kleiner, elfjähriger Junge aus einer einfachen Bergarbeitersiedlung in den Niederlanden in nur vier Jahren. Sein Name war Heintje, und er sang sich in den späten 1960er Jahren mit seinem Überhit „Mama“ in die Herzen von Millionen. Doch hinter dem weißen Hemd, dem perfekten Scheitel und der glasklaren Engelsstimme verbarg sich eine herzzerreißende Realität. Der Junge, der das Publikum zu Tränen rührte, war selbst kein glückliches Kind. Er war ein Junge, der arbeiten musste, weil sein Vater es nicht mehr konnte. Er hatte niemals eine Wahl.

Um die wahre Geschichte von Hendrik Nikolaas Theodoor Simons – so sein bürgerlicher Name – zu verstehen, müssen wir in das Limburg der frühen 60er Jahre reisen. Er wuchs in Kerkrade-Bleijerheide auf, einer Siedlung, in der der Kohlenstaub auf den Fensterbänken lag und die Grube das Leben diktierte. Sein Vater Hendrik war Bergmann, ein stolzer Mann, der jeden Tag tief unter Tage fuhr, um seine Familie zu ernähren. Doch die Zeche forderte einen grausamen Tribut. Der Vater erkrankte an Silikose, der gefürchteten Staublunge. Zentimeter für Zentimeter nahm ihm die Krankheit die Luft zum Atmen. Er wurde in die Frührente geschickt, und die Familie stürzte in bittere Armut. Um zu überleben, eröffnete die Mutter Johanna das kleine Café „Honey“.
Genau dort, in der Ecke des verrauchten Lokals neben der Jukebox, begann das unvorstellbare Märchen. Der neunjährige Hendrik sang zu den Liedern von Robertino. Er sang nicht für Ruhm oder Applaus. Er sang, während sein kranker Vater mit schweren Atemzügen am Tisch saß und die Hände, die einst Kohle geschlagen hatten, nutzlos auf der Tischplatte ruhten. Die Stimme des Jungen, die bald als „Nachtigall von Bleijerheide“ bekannt wurde, war ein verzweifelter Versuch, Licht in das Dunkel seiner Familie zu bringen. Bei einem Talentwettbewerb 1966 stand er plötzlich auf der großen Bühne. Er gewann den ersten Platz, und der niederländische Sänger Willy Alberti empfahl ihn dem Musikproduzenten Addy Kleijngeld. Kleijngeld reiste zum Café „Honey“, hörte den Jungen singen, der gerade vom Fußballspielen mit dreckigen Knien hereingerufen wurde, und machte ihn zu Heintje.
Kleijngeld wurde zu seinem Manager, Produzenten, Beschützer und schließlich zu seinem zweiten Vater. Er wachte über den Jungen, während der echte Vater um jeden Atemzug kämpfte. Der Erfolg war gigantisch. „Mama“ wurde 1968 zur meistverkauften Single in Deutschland. Heintje drehte Filme, jettete durch Europa und wurde in jede Wohnstube gesendet. Doch während das Bankkonto wuchs, schwand seine Kindheit unwiederbringlich. Backstage saß er oft allein zwischen Schminktischen und kaltem Kaffee. Der Ruhm raubte ihm das Recht, ein normaler Junge zu sein. Er wurde in ein goldverziertes Gefängnis gesperrt. Doch Kleingeld sorgte vor: Er richtete ein Sperrkonto ein, auf das der Junge keinen Zugriff hatte, um ihn vor der Ausbeutung der Branche zu schützen.
Dann, um 1971, passierte das Unvermeidliche. Die glasklare Stimme brach. Der Kinderstar war kein Kind mehr, und die Industrie wandte sich so schnell ab, wie sie ihn einst in den Himmel gehoben hatte. Die Plattenfirmen verschwanden, die Filmrollen blieben aus. Und als wäre dieser Absturz nicht hart genug, erlitt Addy Kleijngeld 1977 auf einer Zugfahrt einen tödlichen Herzstillstand. Heintje, gerade einmal 22 Jahre alt, verlor den Mann, der ihn beschützt hatte. Mit dem Geld vom Sperrkonto kaufte er sich Gut Schimper, einen riesigen Reiterhof in Belgien, als Zufluchtsort vor einer Welt, die ihn verstoßen hatte.

Auf diesem Hof versuchte er, das Leben nachzuholen, das er nie gehabt hatte. 1981 heiratete er Doris Uhl. Sie wurde sein Anker. Gemeinsam bekamen sie drei Kinder, und für 33 Jahre schien es, als hätte der gebrochene Kinderstar endlich seinen Frieden gefunden. Doch das Trauma der Kindheit saß tief. Ein Mann, der mit 14 Jahren Heiratsanträge von fremden Frauen bekam und seine Jugend in Hotelzimmern verbrachte, hatte nie gelernt, was eine normale Beziehung bedeutet. In einem späteren Interview gab er sich selbst die Schuld am Scheitern der Ehe. Er habe Frauen nicht immer mit dem nötigen Respekt behandelt und Doris nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdiente. 2014 verließ sie ihn für einen anderen Mann. Hein Simons stand wieder allein da.
Die Jahre danach waren geprägt von unbarmherzigen Schicksalsschlägen. Sein ältester Sohn Pascal rutschte tief in die Drogensucht ab. Der Vater, der als Kind die Familie gerettet hatte, stand weinend und hilflos vor seinem erwachsenen Sohn, unfähig einzugreifen. Erst nach einem langen, schmerzhaften Weg der Therapie besiegte Pascal die Sucht. Doch das Leben hielt den nächsten grausamen Schlag bereit. Im November 2020 lag seine Mutter Johanna, die Frau, für die er einst „Mama“ gesungen hatte, sterbend im Krankenhaus. Aufgrund der strengen Corona-Maßnahmen durfte er in ihren letzten Stunden nicht einmal richtig ihre Hand halten, weil die Schutzhandschuhe zu dick waren.
Als ob der seelische Schmerz nicht genug wäre, meldete sich auch sein Körper. Wie bei seinem Vater begann auch bei ihm der gesundheitliche Verfall. Herzinsuffizienz, eine Lungenembolie und schließlich schwarzer Hautkrebs forderten ihren Tribut. Doch die grausamste Ironie des Schicksals sollte noch kommen: Sein Gehör versagte. Links blieben ihm 70 Prozent, rechts nur noch katastrophale 30 Prozent Hörvermögen. Er hörte die feinen Frequenzen der Musik nicht mehr, konnte die Töne nicht mehr halten. Die Stimme, die die Welt bewegt hatte, wurde durch die Stille zum Schweigen gebracht. Alle Konzerte mussten endgültig abgesagt werden.
Heute lebt Hein Simons, der im August 2025 seinen 70. Geburtstag feierte, allein auf seinem großen Gutshof in Belgien, umgeben von 50 Pferden. Die Bühnenlichter sind längst erloschen. Doch an Weihnachten kommt die ganze Familie zusammen, sogar seine Ex-Frau Doris, und für einen kurzen Moment füllt sich die drückende Stille mit dem Lachen seiner Enkelkinder. 2017 nahm er ein Duett mit sich selbst auf – der gealterte Mann sang mit der Aufnahme des kleinen Jungen, der er einmal war. Es ist das Vermächtnis eines Kindes, das nie eine echte Wahl im Leben hatte, das die Last der Welt auf seinen kleinen Schultern trug, aber dennoch niemals aufgehört hat zu singen.
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