19 Mal strahlte sein Gesicht vom Cover der Jugendzeitschrift Bravo. In Hollywood und in ganz Europa feierte man ihn als den „deutschen James Dean“. Rund 30 Millionen Deutsche kannten das breite, unverschämte Lächeln des rebellischen Jungen, der in „Die Halbstarken“ oder dem Western-Epos „Die glorreichen Sieben“ über die Kinoleinwände flimmerte. Horst Buchholz war ein absoluter Superstar, ein Idol einer ganzen Generation. Doch der Mann, der in seinen späten Jahren einsam auf einer kleinen Couch in einer spartanisch eingerichteten Wohnung am Berliner Kurfürstendamm saß, wollte von all dem nichts mehr wissen. Er wollte nicht reden. Er hatte nie Memoiren geschrieben, sich nie erklärt. Keine Bekenntnisse, nicht einmal gegenüber seinen engsten Freunden. Bis sein Sohn Christopher eine Kamera aufstellte und den Vater zwang, sich den Fragen zu stellen, die vier Jahrzehnte lang ungesagt im Raum hingen.

Was verbarg sich hinter der makellosen Fassade des gefeierten Weltstars? Warum blieben er und seine französische Ehefrau Myriam Bru 44 Jahre lang verheiratet, obwohl er ein offensichtliches Doppelleben führte und sie zutiefst demütigte? Die Antworten auf diese Fragen liegen nicht in den glitzernden Studios von Hollywood oder in den Villen am Mittelmeer. Sie liegen in den rauchenden Trümmern des Berlins der Nachkriegszeit.
Die tragische Geschichte des Horst Buchholz beginnt 1933. Seine Mutter, Maria Hasenkamp, war jung, unverheiratet und verzweifelt schwanger. Aus Scham vor der Gesellschaft unternahm sie kurz vor der Geburt einen Verzweiflungsschritt, den sie und das Kind nur knapp überlebten. Am 3. Dezember 1933 wurde Horst in Neukölln geboren. Da die Mutter sich außerstande sah, ihn zu versorgen, kam er sofort zu Pflegeeltern, den Nowaks in der Bornsdorfer Straße. Erst Jahre später holte ihn seine leibliche Mutter zu sich, nachdem sie den Schuhmacher Hugo Buchholz geheiratet hatte. Horst wuchs im Prenzlauer Berg auf, wurde durch die Kinderlandverschickung evakuiert und schlug sich im zerbombten Nachkriegs-Berlin als gewiefter Dieb und Schwarzmarkthändler durch.
Den ultimativen seelischen Zusammenbruch erlebte der Teenager, als die Mutter ihm endlich die Wahrheit über seine Herkunft beichtete: Hugo Buchholz war nicht sein leiblicher Vater. Sein wahrer Vater hieß Werner Albert Rode – und dieser war 1945 in einem Kriegsgefangenen-Lazarett verstorben, noch bevor Horst überhaupt von seiner Existenz erfahren hatte. Dieser Schock prägte sein Leben für immer. Der Junge fühlte sich heimatlos, verstoßen und betrogen. Er lernte früh eine fatale Lektion: Schweigen ist sicherer als Reden. Er stürzte sich in die Schauspielerei, um jemand anders zu sein. „I don’t really like to talk“, sagte er später oft. Es war sein eiserner Schutzschild gegen den Schmerz.
1958 lernte er bei Dreharbeiten in München die französische Schauspielerin Myriam Bru kennen. Sie war bildschön, Miss Côte d’Azur, und hatte bereits eine beachtliche Karriere hingelegt. Doch Myriam trug ein eigenes, tiefes Trauma in sich: Sie war eine jüdische Französin, deren Vater und Onkel im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von Deutschen ermordet worden waren. Dass sie ausgerechnet einen Deutschen heiratete, war ein massiver emotionaler Schritt. Nach der Hochzeit im Dezember 1958 zwang Horst sie, ihre eigene, vielversprechende Karriere aufzugeben. Sie willigte ein. Es war der Beginn einer Ehe, die von einer absurden Mischung aus tiefster Zärtlichkeit und grausamen Demütigungen geprägt war. Auf eine Diamantbrosche, die er ihr schenkte, ließ er in Edelsteinen nur ein einziges Wort eingravieren: „Luder“.

Was fast niemand wusste und Myriam Bru doch stillschweigend duldete: Horst Buchholz führte ein Doppelleben. Schon in den 50er Jahren hatte er eine Liebesbeziehung zu dem Produzenten Wenzel Lüdecke. Er war bisexuell, in einer Zeit, in der Homosexualität in Deutschland durch den berüchtigten Paragraf 175 unter Strafe stand. „Ich war immer seine Königin“, sagte Myriam später, „aber nebenher gab es noch ein paar.“ Er betrog sie mit Männern und mit Frauen. 1969 wollte er sie sogar für eine französische Kollegin verlassen. Doch Myriam kämpfte nicht. Sie harrte aus. Warum? Vielleicht, weil sie als junge Frau bereits ihre Familie an den Holocaust und später ihre Karriere an Horst verloren hatte. Einen weiteren brutalen Verlust wollte sie nicht riskieren.
Die Eheleute lebten jahrzehntelang getrennt. Er in Berlin am Ku’damm, sie in Paris. Keine Scheidung, nur ein unausgesprochenes, stummes Arrangement. Er nannte sie seine Königin, verhielt sich aber oft wie ein „heiliges Ungeheuer“. Während Myriam sich als Künstleragentin etablierte und Therapien aufsuchte, lehnte Horst jegliche psychologische Hilfe strikt ab. Er behauptete, sein Talent bestehe gerade darin, das Innere nur beim Drehen herauszulassen.
Als sein Sohn Christopher 2001 begann, seinen Vater zu filmen, sah er keinen gefeierten Star mehr, sondern einen Mann, der sich selbst längst aufgegeben hatte. In seiner kargen Wohnung goss sich Buchholz Wodka ein, rauchte 40 Zigaretten am Tag, wog nur noch 60 Kilo und schaute stundenlang stumm auf den Balkon. „Wenn ich nicht drehe, lebe ich so vor mich hin, und sonst macht man sich das Herz kaputt“, murmelte er einmal in die Linse. Der einstige Schwarm von Millionen war eine verblasste Hülle seiner selbst geworden. Christopher fragte hartnäckig nach der Vergangenheit, nach dem toten leiblichen Vater, nach den Lügen. Doch Horst wich aus. Wenn es zu intim wurde, stand er auf und behauptete, er müsse essen.
Die traurige Wahrheit ist: Horst Buchholz zerbrach an seinem lebenslangen Versteckspiel. Er konnte und wollte die Dämonen seiner Vergangenheit nicht ans Licht zerren. Sein Körper gab im Alter rasant nach. Nach einem schweren Sturz und einer Lungenentzündung verstarb er am 3. März 2003 in der Berliner Charité. Er wurde 69 Jahre alt. Die Familie, die so oft nur auf Distanz funktionierte, kam zu seiner Beerdigung zusammen.
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Jahre später vollendete sein Sohn das, wovor der Vater immer geflohen war. Durch den fertigen Dokumentarfilm „Horst Buchholz … mein Papa“ trat plötzlich Werner Rode in Christophers Leben – der Halbbruder von Horst Buchholz. Die beiden Männer, die denselben Vater hatten, aber sich nie begegnet waren, standen 2014 zum ersten Mal vor dem alten Haus im Prenzlauer Berg, in dem Horst einst gespielt hatte. Christopher hatte die Tür aufgestoßen, die sein Vater ein Leben lang verzweifelt zugehalten hatte.
Am Ende bleibt die faszinierende und tragische Geschichte einer Frau, die alles für die Liebe opferte, und eines Mannes, der alles besaß, aber sich selbst nie finden konnte. Myriam Bru blieb 44 Jahre bei einem Mann, der ihr Herz wieder und wieder brach. Und Horst Buchholz blieb zeitlebens der verletzte Junge aus den Ruinen Berlins, der die Welt eroberte, aber die Liebe zu sich selbst nie lernte.
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