Alle lachten über ihn – doch seine letzte Hoffnung lag tief unter der Erde – Part 2
Sie kamen am Freitag mit dem Auto an. Annette war sichtlich erschöpft von der langen Fahrt, während der zwölfjährige Jonas vor Aufregung strahlte, weil er auf der Fahrt gehört hatte, dass sein Großvater ein echtes, funktionierendes Wasserwerk gebaut hatte. Noch bevor er seine Tasche aus der Hand legte, wollte er alles wissen: Er ließ sich den kleinen Verschlag zeigen, bekrabbelte den gusseisernen Widder, bestaunte das goldene Ventil und den mysteriösen Schlüssel, ehe er flitzend den Hang hinunterlief, um dem rhythmischen Schlagen des Berges persönlich zu lauschen.
Georg sah ihm von der Tür aus nach. Er beobachtete, wie sich der Junge vor dem eisernen Gehäuse auf die Knie warf, die flache Hand auf die kalte Metallwand legte und den Kopf genau so schief hielt, wie Georg es jahrzehntelang getan hatte. „Er hat exakt deine Haltung, Papa“, flüsterte Annette leise neben ihm. „Und er hat die unbändige Neugier von Margot.“ Sie lächelte sanft, doch im nächsten Moment wurde ihr Blick ernst. „Also… welcher Teil soll es sein, Papa?“
Georg blickte hinauf zum oberen Rand des Hanges, dorthin, wo hinter dichten Fichten jene kleinen, hochgelegenen Kleecker lagen, die er in all den vierzig Jahren niemals angetastet hatte. Margot hatte dort oben jeden Frühling als Erster die zarten Schlüsselblumen gesucht und stets fest behauptet, dass der Himmel ihrem geliebten Hof dort oben ein Stück näher sei als irgendwo sonst. „Den Acker direkt am Waldrand“, sagte er schließlich mit fester Stimme. Annette schwieg und nickte verständnisvoll. Sie wusste genau, was dieser Boden für ihren Vater bedeutete.
Der eigentliche Verkauf fand an einem kühlen, nebligen Novembermorgen statt. Lukas Pfeiffer kam diesmal ganz allein auf den Hof – kein eleganter Anzug, keine großen Gesten, nur saubere Hände. Er setzte sich an den großen Eichentisch in der Küche und legte ein schlichtes Blatt Papier vor sich hin. Darauf stand eine konkrete, handgeschriebene Summe.
Georg überflog das Dokument. „Lukas… das ist kein fairer Preis“, sagte er ernst. „Das ist zu viel.“ – „Es ist ein absolut guter und fairer Preis“, entgegnete Lukas ruhig. „Du hast mir damals gezeigt, was ich in meinem ganzen Leben vorher nicht begriffen hatte. Ich habe mich in diesem Dorf jahrelang für furchtbar klug gehalten, nur weil ich große Maschinen bedienen kann – und dabei wusste ich nicht einmal, welche uralten Schätze unter meinem eigenen Acker schlummerten.“ Er sah Georg direkt in die Augen. „Du hast mir die Gräben gezeigt, den Widder, die Zusammenhänge… Ich will nicht einfach nur kaltes Land kaufen, Georg. Ich will lernen, wie man es richtig behandelt und pflegt.“
Georg musterte den jungen Mann lange, sehr lange. Dann stand er auf, holte zwei schlichte Gläser aus dem Oberschrank, füllte sie mit frischem Quellwasser und schob Lukas eines hinüber. „Der Widder wartet nicht, bis du gerade Zeit dafür hast, Lukas“, sagte er ernst. „Er klopft jeden einzelnen Tag, unerbittlich. Das ist keine Arbeit, die man mal eben so zwischen Tür und Angel erledigen kann, wenn es einem gerade in den Kram passt.“ – „Ich weiß“, erwiderte Lukas und nahm einen tiefen Schluck. „Dann fang am besten morgen früh damit an.“
Als Lukas gegangen war, saß Georg noch sehr lange völlig allein an dem großen Tisch. Sein Blick wanderte über das Papier, über die Unterschrift am unteren Rand und schließlich auf seinen eigenen Namen. Der Verlust des Ackers schmerzte, er machte sich selbst absolut nichts vor. Doch es war ein völlig anderer Schmerz als damals – kein lähmender, tiefer Frust, sondern das ruhige Gefühl, etwas bewusst losgelassen zu haben, um etwas Wichtigeres zu bewahren.
Der zweite Stuhl am Eichentisch stand nach wie vor leer. Doch seit einigen Tagen fühlte sich dieser Anblick völlig anders an – nicht mehr schmerzhaft nach einem schrecklichen Fehlen, sondern fast wie ein friedliches Warten.
Sechs Jahre vergingen, so wie die Jahre auf dem Land eben unaufhaltsam verheeren: langsam, beständig, durchwebt von heftigem Regen und erbarmungsloser Dürre, von freudenreichen Geburten im Stall und traurigen Beerdigungen auf dem kleinen Friedhof, von kalten Nächten mit Neugeborenem im Stroh und milden Morgen, die Raureif über die Wiesen legten. Georg war inzwischen 74 Jahre alt geworden. Seine Knie machten ihm zunehmend zu schaffen, sein Rücken meldete sich bei jedem Wetterwechsel, und die Kühe kannten und respektierten ihn noch immer an seinen unverkennbaren Schritten.
Der Hang jedoch war nicht mehr derselbe wie einst. Selbst in den heißesten Wochen des Sommers leuchtete er in kräftigem, sattem Grün unter den steilen Kalkfelsen. Jeder Wanderer, der den Weg passierte, blieb unweigerlich stehen, um das grüne Wunder zu bewundern. Aus der nahen Universitätsstadt München pilgerten Studenten herbei, und sogar ein Fernsehteam hatte einmal angefragt. Man nannte den Haberkorn-Hang inzwischen ehrfurchtsvoll ein lebendiges Kulturdenkmal. Georg hatte die Journalisten damals höflich, aber bestimmt vom Hof geschickt – es sei verdammt noch mal ein ganz normaler Hang, kein öffentliches Museum, murmelte er. Aber er hatte letztlich nichts dagegen, wenn die Menschen sahen, wie man im Einklang mit der Natur lebte.
Ottmar Reus war zwei Jahre zuvor im hohen Frühling friedlich eingeschlafen – mit einem sanften, fast glücklichen Lächeln auf den Lippen, wie die alte Brigitte später erzählte. In seiner Werkstatt hatte man kurz darauf bei der Inventur ein zweites, perfekt gearbeitetes Messingventil entdeckt: ein blitzblankes Ersatzteil, sorgsam poliert und in ein vergilbtes Tuch eingeschlagen. Auf dem Tuch lag ein kleiner Zettel mit zittriger, aber klarer Handschrift: „Für den, der es eines Tages braucht.“ Georg hatte das Ersatzteil schweigend direkt neben der Holztür des kleinen Verschlags aufgehängt und dem verstorbenen Freund und Nachbarn im Geiste stumm zugenickt.
Lukas Pfeiffer hatte aus dem umstrittenen Acker oben am Waldrand inzwischen eine artenreiche, blühende Blumenwiese gemacht. Er hatte das nie groß erklärt; doch an manchen lauen Abenden, wenn er glaubte, dass niemand ihn beobachtete, saß er dort ganz allein auf einem großen Stein und betrachtete schweigend das leuchtende Gelb der Frühlings-Schlüsselblumen.
An einem milden Aprilabend, als die tiefe Dämmerung die Luft in ein sanftes, dunkles Blau tauchte, stand der 74-jährige Georg am unteren Ende des Hanges und wartete geduldig. Neben ihm stand Jonas – inzwischen 18 Jahre alt, ein junger Mann von kräftiger Statur, einen halben Kopf größer als sein Großvater, mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen. Er hatte in diesem Jahr seine offizielle Ausbildung zum Landwirt begonnen, ganz gegen den anfänglichen Rat seiner besorgten Mutter, aber mit dem unerschütterlichen, stillen Lächeln seiner Großmortal im Rücken.
Lukas kam den Hang heruntergeschritten, seine Gummistiefel noch feucht vom taufrischen Gras. „Ihr seid heute aber früh dran“, rief er schon von Weitem. „Man ist im Leben immer genau dann früh genug dran, wenn man rechtzeitig lernt zuzuhören“, erwiderte Georg ruhig.
Zu dritt gingen sie den gewohnten Weg in den kleinen Steindurchlass. Es roch dort drinnen wie eh und je nach kühlem Eisen, nassem Stein und feuchtem Moos. Der Wasserwidder stand da wie ein treues, schlafendes Tier: die gusseiserne Birne mit ihrem wunderschönen grünlichen Patinaschimmer und das goldene Messingventil, das im warmen Schein der elektrischen Lampe glänzte.
Georg trat langsam an die felsige Wand heran, legte die handfeste, raue Hand flach auf das kühle Metall und blickte dann zu Jonas hinüber. Der junge Mann nickte verständnisvoll, trat vor, ging tief in die Knie und drückte mit dem Daumen fest auf den schlagbolzen.
Ein dumpfer, satter Schlag. Das Wasser prallte zurück, das eiserne Gehäuse begann kraftvoll zu vibrieren – Tuk!
Und dann, im Bruchteil einer Sekunde, folgte der nächste Schlag: Tuk!
Georg schloss für einen kurzen Augenblick die Seligkeit genießend die Augen. Er stand einfach nur da und lauschte diesem wunderbaren Rhythmus, den er nun schon so viele Jahre kannte, als wäre es die Musik seines eigenen Blutes. Nach einer Weile spürte er den erwartungsvollen Blick seines Enkels und öffnete die Augen wieder. Er griff langsam in seine Jackentasche, zog den schweren Messingschlüsselbund hervor. Doch der alte Messingschlüssel hing längst nicht mehr daran – er hatte ihn in einer langen Winternacht abgَhakt, auf einen eigenen, stabilen Eisenring gezogen und hielt diesen nun in seiner offenen Handfläche. Der Ring war alt, schlicht und von den Händen seiner geliebten Margot über Jahrzehnte hinweg glatt und weich gegriffen.
„Der hier gehört ab heute dir, Jonas“, sagte Georg mit fester Stimme.
Jonas starrte auf den Schlüssel in der Hand seines Großvaters. „Opa… das ist…“ – „Er hat fast vierzig Jahre lang in einem dunklen Nähkasten gelegen und drei Jahrzehnte an einem falschen Bund gehangen. Er hat lange genug darauf gewartet, bis endlich jemand kam, der genau wusste, wohin er gehört.“
Der junge Mann nahm den Schlüssel vorsichtig entgegen. Er hielt ihn in seinen Händen, als könnte er jeden Moment wie Glas zerbrechen. Seine jugendlichen Augen glänzten im Lampenlicht, und Georg erkannte darin schlagartig genau jenen Funken, nach dem er in all den langen Jahren gesucht hatte – in den grünen Wiesen, im goldenen Sonnenlicht, im tiefen Lauf des Wassers.
„Ich werde dir keine großen Versprechungen machen, Opa“, sagte Jonas leise und ernst. „Das musst du auch gar nicht“, erwiderte Georg und lächelte sanft. „Aber ich weiß, dass du dich kümmern wirst.“
Lukas stand ein kleines Stück abseits in der Ecke, die Hände tief in den Taschen vergraben. Er sagte kein einziges Wort, aber er lächelte. Es war ein tiefes, ruhiges, vollkommen wissendes Lächeln, das Georg an ihm früher niemals hätte vermuten können.
Später, als die beiden jungen Männer bereits oben am Hang beim Hauptschieber standen und sich leise, aber lebhaft unterhielten, ging Georg ganz allein nach draußen. Es war inzwischen fast völlig dunkel geworden. Der klare Nachthimmel über dem fränkischen Hang strahlte in voller Pracht, und oben am dunklen Waldrand leuchtete der erste helle Abendstern. Fanny – eine jüngere Hündin, die treue Tochter der alten Fanny – trabte vergnügt an seiner Seite.
Georg blieb mitten auf der großen Wiese stehen, genau an jenem Punkt, an dem er vor sechs langen Jahren in einer bitterkalten, sternenlosen Nacht mit einem Fäustel in der Hand und purer Verzweiflung im Herzen auf den steinernen Boden gekniet hatte.
Das Gras unter seinen Stiefeln fühlte sich weich, dicht und lebendig an – genährt von dem klaren Wasser, das unermüdlich lief, so wie es immer gelaufen war und immer laufen würde. Er bückte sich langsam, mit schmerzenden, knackenden Knien, presste das Ohr direkt auf den nassen Boden und lauschte.
Er hörte es augenblicklich: ganz fern, tief im Schoß des Berges, gleichmäßig, kraftvoll und unerschütterlich.
Tuk… tuk… tuk…
Georg musste schon lange nicht mehr suchen. Er musste einfach nur noch da sein und zuhören. Und tief unten aus der Dunkelheit klopfte die lebendige Erde freundlich zurück.
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