Alle lachten über ihn – doch seine letzte Hoffnung lag tief unter der Erde
Es war exakt drei Uhr nachts, als Georg Haberkorn mitten auf seiner staubigen, aufgeplatzten Wiese kauerte und mit einem schweren Fäustel behutsam auf eine in den Boden geschlagene Eisenstange schlug. Kein wütender Hieb, sondern ein leises, bedächtiges Klopfen – so wie man an die Tür eines schlafenden Menschen klopft, den man nicht ungestüm wecken möchte. Ein einzelner dumpfer Ton, gefolgt von angstreichendem Schweigen. Georg hielt den Atem an, presste sein Ohr auf das eiskalte Metall und lauschte. Nichts. Kein Echo, kein Widerhall aus der Tiefe. Er zog die Stange aus dem rissigen Erdreich, machte drei Schritte vor und setzte sie erneut an. Es war bereits die vierte Nacht in Folge, dass er diesen einsamen Rytmus wiederholte, während am Himmel ein blasser, dünner Mond über den fränkischen Hang schien.
Über der gesamten Region lag seit Wochen eine erbarmungslose, sengende Dürre. Seit fast fünf Wochen hatte kein einziger Tropfen Regen den Boden benetzt. Die Erde war derart ausgetrocknet und rissig, dass man dicke Daumen in die tiefen Spalten legen konnte, und das spärliche Gras knisterte unter seinen Knien wie vertrocknetes Stroh. Nur wenige Schritte entfernt lag Fanny, seine treue, alte Hündin, den Kopf schwer auf die Pfoten gebettet, und sah ihm mit stoischer Ruhe zu. Sie hatte längst aufgehört, sich über das nächtliche Ritual ihres Herrn zu wundern. Georg war 68 Jahre alt. Seine alternden Knochen schmerzten bei jedem Schlag, und sein Rücken erinnerte ihn schmerzhaft daran, dass er an diesem Tag bereits zwölf harte Stunden schwer auf dem Hof geschuftet hatte. Als Orientierung hatte er in den vergangenen Nächten mehr als sechzig kleine Haselnusszweige neben jeden Einschlag in den Boden gesteckt, die sich nun wie eine schiefe, perlengesäumte Perlenschnur den dunklen Hang hinabzog.
Plötzlich zerschnitt das helle Dröhnen von Scheinwerfern die nächtliche Stille. Auf dem schmalen Feldweg am oberen Rand der Wiese näherte sich ein mächtiger Schlepper, ein moderner Häxler, so gigantisch wie ein Einfamilienhaus. Die Maschine bremste ab, das Fenster glitt surrend nach unten, und eine junge, kräftige Stimme rief über den Lärm des Motors hinweg: „Georg! Lukas Pfeiffer hier. Alles in Ordnung bei dir?“ Georg richtete sich mühsam auf und rief zurück: „Alles in Ordnung, Lukas!“ – „Es ist drei Uhr früh, Georg! Ich weiß genau, wie spät es ist“, schüttelte der 29-jährige Lohnunternehmer den Kopf. Lukas musterte den älteren Nachbarn mit einem Blick, den man eher für ein Tier übrig hat, das in die falsche Richtung bellt. Seine modernen Maschinen kosteten ein Vielfaches von allem, was Georgs kleiner Hof je wert gewesen war. Das Fenster schloss sich, die roten Rücklichter schrumpften in der Dunkelheit, und Georg wusste ganz genau, was am nächsten Morgen im fränkischen Gasthof zur Linde geredet werden würde: Der Haberkorn spinnt, seitdem seine Frau Margot tot ist, klopft er nachts nachts mit dem Hammer seine Wiese ab.
Lass sie reden, dachte er sich und setzte die eiserne Stange an den nächsten Punkt. Schlag, Ohr an das kalte Metall, wieder nichts. Doch die Erinnerung trieg ihn nicht. Als er acht Jahre alt gewesen war, hatte sein Großvater Konrad ihn einst mitten in der Nacht aus dem warmen Bett geholt, ihn barfuß über den knisternden Hof geführt und ihm jene wundersamen Worte gesagt, die er nie vergessen hatte: „Die Erde redet, Bub. Man muss nur still genug sein, damit sie sich traut.“ Damals hatte der kleine Georg gelacht. Heute, mehr als sechs Jahrzehnte später, kniete er hier im Staub und hoffte inständig, dass ein Mann recht behalten hatte, der seit über vierzig Jahren unter der kalten Erde ruhte. Er schlug zum dritterundsechzigsten Mal zu – und diesmal klang es anders. Kein dumpfer, harter Widerstand. Es klang hohl, hohl wie die hölzerne Wand eines großen Fasses. Georg erstarrte. Ein Schritt nach links: dumpf. Ein Schritt nach rechts: wieder das hohle Echo. Anderthalb armlängen tief, direkt unter dieser trockenen, rissigen Wiese, lag etwas, das ganz gewiss keine gewöhnliche Erde war.
Der darauffolgende Morgen begrüsste das fränkische Tal mit einer milchigen, drückenden Schwüle. Bereits um sechs Uhr morgens lag die Hitze wie ein schwerer Atemhauch über dem Hof. Georg stand in der breiten stalltür und blickte auf seine vier verbliebenen Mutterkühe. Sie standen apathisch im kühlen Schatten der alten Hofmauer, die Köpfe tief gesenkt, und musterten ihn mit großen Augen, als wüssten sie um die existenzielle Notlage ihres Herrn besser Bescheid als er selbst. Jedes Tier hatte seinen eigenen, von Margot verliehenen Namen: Die braune Kuh mit dem charakteristischen weißen Fleck über dem linken Auge hieß Resa, und das helle Tier, das stets als Erstes am Gatter stand, nannte sich Lotte. Margot hatte jedem Lebewesen auf dem Hof einen Namen gegeben. Damals hatte Georg oft darüber geschmunzelt, doch nun, da sie nicht mehr da war, tat jeder einzelne Name im Herzen weh.
Er trug den schweren Eimer zur Tränke und ließ ihn kippen. Das Wasser aus dem Fass, das er gestern mühsam aus der Stadt geholt hatte, klatschte hohl und trocken in den Trog. Sein eigener, alter Hausbrunnen, der seit mehr als hundert Jahren selbst in den trockensten Sommern nie versiegt war, gab inzwischen nur noch ein erbärmliches, müdes Rinnsal her. In zwei Tagen würde er endgültig trocken sein. Georg wandte sich ab und ging ins Haus. Jeden Morgen bot sich ihm derselbe traurige Anblick: Der schwere Eichentisch schien viel zu groß für einen einzigen Mann. Zwei Stühle standen an seiner Seite – auf dem einen saß er, der andere stand unberührt da, als wäre seine geliebte Frau Margot gerade erst aufgestanden und jeden Augenblick zurückgekehrt. Margot war zwei Jahre zuvor im März, mitten in der anstrengenden Lammzeit, plötzlich verstorben. Es war alles so schnell gegangen, hieß es damals tröstend von den Nachbarn. Doch Georg hatte diesen vermeintlichen Trost nie verstanden; was sollte daran tröstlich sein, wenn der wichtigste Mensch im Leben von einer Sekunde auf die andere fortgerissen wird?
Neben der Küchentür hing noch immer am verrosteten Wandhaken ihr schwerer Schlüsselbund. Er hatte es nie übers Herz gebracht, ihn wegzunehmen: Haustür, Stalltür, Autotür, Briefkasten – und dazwischen, schwer, fremd und unpassend wie ein Findling aus einer anderen Welt, ein alter, langer Schlüssel aus schwerem Messing. Er war so lang wie eine Männerhand, und sein kunstvoller Bart sah aus, als gehörte er zu einem gewaltigen Schloss aus einem vergangenen Jahrhundert. Georg nahm den Bund vom Haken und ließ den kalten Messingschlüssel zwischen seinen rauhen Fingern gleiten. Er war glatt und abgegriffen, als hätte ihn über Jahrzehnte hinweg jemand ständig bei sich getragen. Doch das Seltsame war: Georg hatte in all den Jahren niemals ein einziges Schloss auf dem gesamten Hof gefunden, zu dem dieser Schlüssel auch nur im Entferntesten passen könnte. Weder im Haus, noch in der alten Scheune oder in den Stallungen. Margot hatte ihn vor fast vierzig Jahren im alten Nähkasten seiner Mutter entdeckt, ganz unten, sorgfältig eingewickelt in ein Leinentuch. Auf ihre Frage, wozu der Schlüssel wohl gut sei, hatte Georg damals nur ratlos mit den Schultern gezuckt. Sie hatte gelächelt und jene prophetischen Worte gesprochen, die ihm nun wieder im Kopf herumschwirrten: „Irgendwann passt er schon.“ Seit jenem Tag hatte sie ihn ununterbrochen bei sich getragen – dreißig Jahre lang, bis zu ihrem letzten Atemzug.
Plötzlich schrillte das Telefon im Flur. Georg wusste bereits, wer am anderen Ende der Leitung war, noch bevor er den Hörer abnahm. „Papa, hast du schon gefrühstückt?“, fragte Annette mit besorgter Stimme. „Ja!“, log er wie gedruckt. Annette seufzte am anderen Ende genauso leise, wie es einst ihre Mutter getan hatte. „Ich habe mit dem Berater von der Bank gesprochen, Papa. Er sagt, wenn du die fällige Kreditzrate zum Erntedankfest nicht begleichen kannst, wird es verdammt eng. Er meint, es gäbe Alternativen. Du musst ja nicht gleich den ganzen Hof aufgeben, aber du könntest doch wenigstens die Tiere verkaufen, solange sie noch einen guten Preis bringen, und die Wiesen verpachten… Die Tiere leiden in dieser extremen Dürre ohnehin und verlieren jeden Tag an Wert.“ – „Aber das Heu kostet ein Vermögen!“, warf Georg ein. „Ich weiß, was das Heu kostet“, entgegnete seine Tochter leise. Annette lebte seit zwanzig Jahren in Nürnberg, arbeitete dort in einer Versicherung und hatte einen zwölfjährigen Sohn namens Jonas, der in den Sommerferien am liebsten jede freie Minute bei den Kühen auf dem Hof verbrachte. Sie liebte diesen Ort auf ihre Weise, doch sie liebte ihren Vater noch viel mehr. „Ich will einfach nicht, dass du da draußen völlig allein untergehst“, flüsterte sie. „Ich gehe nicht unter, Annette. Ich rufe dich am Sonntag an“, sagte Georg kurz und legte den Hörer auf, bevor sie widersprechen konnte.
Draußen schrie ein Bussard scharf in der Mittagshitze. Georg stand lange im Flur, den schweren Messingschlüssel fest in der Hand. Irgendwo unter seiner vertrockneten Wiese lag etwas Hohles, und irgendwo in dieser Gegend musste es ein uraltes Schloss geben, das exakt zu diesem Schlüssel passte. Zum ersten Mal seit zwei Jahren nahm er den Schlüsselbund von der Wand und steckte ihn fest entschlossen in seine Hosentasche.
Am späten Nachmittag führte ihn sein Weg in das alte Dorf Altenreut. Das Nest bestand aus gerade einmal fünf Höfen, einer kleinen Kirche mit schiefem Turm und dem traditionellen Gasthof „Zur Linde“, in dem es sonntags immer herrlich nach deftigem Schweinebraten und mittwochs nach frischem Bier und dörflicher Missstimmung roch – dem berüchtigten Stammtischabend. Georg ging an diesem Mittwoch dorthin, obwohl er die Gesellschaft meid. Doch am Morgen hatte er den schmalen, weißen Brief mit dem Sichtfenster aus dem Kasten gefischt und, ohne ihn zu öffnen, genau gewusst, was darin stand: Eine unerbittliche Erinnerung der Bank an die fällige Rate zum Erntedankwochenende. Noch vierzehn Tage blieben ihm. Zudem hatte sein Hausbrunnen den Dienst versagt, und die bittere Erkenntnis zwang ihn in die Knie, dass ein Mensch manchmal Hilfe braucht, selbst wenn er sie sich niemals eingestehen möchte.
Die „Linde“ war gut gefüllt. Draußen auf der Terrasse saß bei dieser Hitze kein einziger Mensch. Drinnen saßen die Bauern des Dorfes um den großen, runden Stammtisch und klagten unisono über ihre Not. Matthias vom Eichhof berichtete lauthals von seinem dritten Brunnen, der soeben endgültig trocken gelaufen war, während die alte Brigitte vom Schmiedeshof laut vorrechnete, wie viele Ballen Heu ihr noch fehlten und wo auf dem völlig leergefegten Weltmarkt sie überhaupt noch bezahlbares Futter herbekommen sollte. Ottmar Reus saß auf seinem gewohnten Platz am Fenster und schwieg beharrlich. Er war 72 Jahre alt, Georgs Nachbar seit Kindheitstagen, ein wortkarger, kräftiger Mann mit Händen wie Schmiedeschaufeln, der früher als Hufschmied gearbeitet und später den Hof übernommen hatte. Lukas Pfeiffer kam an diesem Abend deutlich später. Er setzte sich ohne Umschweife zu Georg an den Tisch, bestellte ein kühles Weizenbier und lächelte jene Sorte Lächeln, die Menschen aufsetzen, wenn sie ein vermeintlich unwiderstehliches Geschäft unterbreiten wollen. „Georg, ich muss dir was sagen. Wegen deiner Wiesen…“ – „Was ist mit meinen Wiesen, Lukas?“ – „Ich habe einen Interessenten. Genauer gesagt: Ich nehme sie selbst. Ich kaufe dir die Hangwiese und den Acker oben am Waldrand ab, und zwar zu einem absolut fairen Preis. Damit bist du alle Schulden auf einen Schlag los, behältst deinen Hof, den alten Stall und deine vier Kühe. Das ist doch die vernünftigste Lösung für alle!“
Am Tisch wurde es schlagartig still. Georg spürte die neugierigen Blicke der anderen auf sich ruhen. „Die Hangwiese ist nicht zu verkaufen, Lukas“, sagte Georg mit ruhiger, fester Stimme. Lukas beugte sich vor, lächelte nachsichtig und versuchte es im Ton eines verständnisvollen Mentors: „Schau mal, Georg, ich will dir wirklich nichts Böses. Aber du kniest nachts wie ein Verrückter in deiner Wiese rum und klopfst mit dem Hammer in die Erde – das ganze Dorf redet längst über dich! Du kannst doch unmöglich gegen eine solche historische Dürre ankämpfen. Das ist keine Frage von Ehrgeiz oder Fleiß. Da hilft kein Hammer, da hilft einzig und allein Regen – und der wird nicht kommen.“ – „Mein Großvater“, sagte Georg langsam und musterte den jungen Mann scharf, „hat diese Wiesen früher selbst im tiefsten Sommer bewässert. Ohne elektrischen Strom, ohne Dieselaggregate. Er hatte einen Wasserwieder.“
Ein kurzes, ungläubiges Stutzen, dann lachte Lukas laut auf. „Einen Widder? Ein Schaf? Na wunderbar, Georg, das toppt alles!“ Einige Bauern am Tisch kicherten verhalten. Georg schenkte ihnen keine Beachtung. Sein Blick hatte sich auf Ottmar Reus geheftet. Ottmar war im Gesicht plötzlich aschfahle Weiß geworden. Er hatte sein schweres Bierglas so vorsichtig auf dem Holz abgestellt, als bestünde es aus dünnem Glas, das jeden Augenblick zerspringen könnte. Seine massive Hand lag flach auf dem Tisch, und Georg sah deutlich, wie sie heftig zitterte. Ottmar verlor kein einziges Wort. Er stand abrupt auf, warf ein paar Münzen neben sein Glas, griff nach seinem Filzhut und verließ den Raum, ohne auch nur einen einzigen Menschen anzusehen. Die schwere Holztür der „Linde“ fiel hinter ihm ins Schloss. „Was hat denn den auf einmal gebissen?“, murmelte Matthias irritiert. Georg wusste es nicht genau – aber er wusste mit absoluter Sicherheit, dass er in all den vierzig Jahren noch niemals zuvor gesehen hatte, wie Ottmar Reus auch nur ansatzweise die Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Er erhob sich ebenfalls. Lukas griff nach seinem Ärmel: „Denk über das Angebot nach, Georg. Es gilt bis Erntedank – danach nur noch zehn Tage.“ – „Ich habe ohnehin einiges zu tun“, entgegnete Georg kühl und wandte sich ab.
Draußen war die Sommernacht warm, drückend und unnatürlich still. Über den Dächern von Altenreut standen die Sterne so dicht am Firmament, als hätten sie völlig vergessen, dass sie eigentlich Regen ankündigen sollten. Georg blieb einen Moment lang an der Straße stehen und blickte hinüber zu Ottmars Haus. „Ein Widder…“, dachte er bei sich. „Ottmar hat genau gewusst, was das ist.“
Später in dieser Nacht betrat er die alte Werkstatt seines Großvaters. Es roch dort drinnen nach verharztem Öl, trockenem Holz und feinem, jahrzehntealten Staub, der seit dem Tod von Margot von niemandem mehr aufgewirbelt worden war. Ein niedriger, massiver Steinbau direkt neben der Scheune, in dem Generationen der Familie Haberkorn gearbeitet hatten. In der Mitte des Raumes, unter einer dicken, verstaubten Plane versteckt, stand er: der alte Deutz, ein F1L514, Baujahr 1951, ein einzylindriger Dieselmotor mit satten 15 PS. Sein Vater hatte ihn damals neu gekauft und fast dreißig Jahre lang gefahren. Der Traktor war einst feuerrot gewesen, ehe die sengende Sonne ihm die Farbe aus dem Blech gebrannt hatte. Und das Wunderbare war: Er sprang noch immer an, wenn man ihn mit dem richtigen Griff, viel Fingerspitzengefühl und ein wenig gutem Zureden ankurbelte. Als Kind hatte Georg oft auf dem linken Kotflügel gesessen, während sein Vater damit den steilen Hang pflügte, und das rhythmische Tuk-tuk des Motors war eines der allerersten Geräusche gewesen, an die er sich erinnern konnte.
Er zog die Plane herunter und strich mit der flachen Hand über das kühle, raue Blech. Danach begann er zu suchen. Zwei Stunden lang durchwühlte er Schubladen, Holzkisten und alte Regale voll verrosteter Schrauben, stumpfer Zangen und alten Drahts. Margot hätte gewiss geschimpft, dass er hier endlich einmal gründlich aufräumen müsse, und bei der Suche überkam ihn das plötzliche, schmerzhafte Gefühl, als stünde sie jeden Augenblick leise lächelnd hinter ihm. Doch er fand nicht in den Schubladen, was er suchte, sondern an der Hinterwand der Werkbank. Eines der alten Bretter saß spürbar locker. Als er kräftig daran zog, gab das morsche Holz nach. Dahinter, in einen schmalen Spalt geschoben, lag eine zusammengerollte, stark vergilbte Papierzeichnung.
Er breitete sie unter der fahlen Lampe aus. Keine geschriebenen Worte, kein einziger erklärender Satz – sein Großvater Konrad war nie ein Mann großer Worte gewesen und hatte zudem zeitlebens schwer mit der Rechtschreibung gekämpft. Dafür hatte er umso präziser gezeichnet: Mit feinem Bleistift und unglaublicher Akribie war dort der gesamte Hang skizziert, ein kleiner Bachlauf, der sich in zwei Arme teilte, und feine Linien, die sich wie Adern über die Wiesen zogen. Dazu Markierungen für kleine Wehre und, an ganz bestimmten Punkten, kleine Quadrate mit kleinen Kreuzen. Unten am Fuß des Hanges, direkt im dichten Gestrüpp, befand sich eine Abbildung, die aussah wie eine stilisierte Birne, an die zwei massive Röhren angeschlossen waren. Daneben hatte der alte Konrad kleine Striche gemacht: Ein Strich, zwei Striche, immer im selben, mechanischen Rhythmus.
Georg starrte wie gebannt auf das Papier. Tuk, tuk… Er hörte das Geräusch zwar nicht wirklich in der stillen Werkstatt, aber er konnte es in seinem Kopf lebhaft nachempfinden. Als Kind hatte er es an lauen Sommernächten manchmal gehört, wenn der Schlaf nicht kommen wollte – ein ferner, gleichmässiger, beruhigender Herzschlag, der tief aus dem Inneren des Berges zu kommen schien. Er hatte immer gedacht, es sei bloß ein Traum gewesen. Doch das war kein Traum. Er hatte den Hang all die Jahre lang völlig falsch verstanden. Die Hangwiese war niemals nur eine einfache Wiese gewesen – sie war ein meisterhaft konstruiertes Werk, ein ausgeklügeltes Netzwerk aus unterirdischen Gräben und Kanälen, das seine Vorfahren einst angelegt hatten, damit das reine Wasser aus der oberen Quelle gleichmäßig über die trockenen Flächen rieseln konnte. Das alte Frankenland hatte einst unzählige solcher Wässerwiesen gekannt, doch in Altenreut hatte man das Wissen darüber längst vergessen, moderne Leitungen gelegt, tiefe Brunnen gebohrt und teure Pumpen gekauft. Man hatte schlicht aufgehört zu fragen, wie die Alten es früher gemacht hatten.
Und Georgs mühsam gesteckte haselnusszweige? Sie folgten exakt genau einem dieser alten, verschollenen Gräben, die nun seit Jahrzehnten unsichtbar unter einer dicken Grasschicht schlummerten. Das hohle Geräusch unter seinem Fäustel war das gemauerte Gewölbe dieses Kanals gewesen. Es gab ihn also tatsächlich noch! Georg wickelte die alte Zeichnung behutsam zusammen. Seine Hände waren vollkommen ruhig. Zehn Tage blieben ihm bis zum Erntedankfest – entweder würde er bis dahin das Wasser fließen lassen oder alles verlieren.
Am nächsten Morgen rief er Annette bereits im Morgengrauen an. Er erzählte ihr von der Zeichnung, von der Entdeckung und von seinem wagemutigen Plan. Sie schwieg am anderen Ende so lange, dass er fast glaubte, die Verbindung sei abgebrochen. „Papa“, sagte sie schließlich mit bebender Stimme, „du bist 68 Jahre alt. Du kannst doch nicht völlig allein einen ganzen Hang umgraben!“ – „Ich bin nicht allein, ich habe Fanny.“ – „Das ist absolut nicht witzig, Papa!“ – „Ich weiß, Kind. Aber ich muss es versuchen.“ Sie atmete tief aus: „Wenn es scheitert… verkaufst du dann?“ Georg blickte durch das kleine Küchenfenster hinaus auf den Hang, wo seine Haselnusszweige in der aufgehenden Morgensonne wie kleine militärische Fahnen glänzten. „Dann verkaufe ich“, sagte er leise. „Aber erst dann.“
In dem winzigen Dorf verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer. Bis zum Mittag wusste jeder Bauer in Altenreut, was der alte Haberkorn vorhatte: Er wollte die historische Bewässerung mit bloßen Händen wieder ausgraben. Matthias vom Eichhof schüttelte ungläubig den Kopf, die alte Brigitte schlug entsetzt das Kreuz, und Lukas Pfeiffer lachte auf seinem großen Schlepper so laut und höhnisch, dass man es über den gesamten Hang hinweg hören konnte. Doch niemand kam, um ihm zu helfen – und Georg fragte auch niemanden. Er packte eine alte Sense, einen sparten, eine schwere Hacke, eine Axt und eine Thermoskanne voll mit starkem Kaffee ein und stieg den steilen Hang hinab. Die kostbare Zeichnung steckte sicher in seiner Brusttasche.
Am untersten Ende des Hanges, dort wo die Wiese in ein undurchdringliches Dickicht aus wilden Brombeeren, Schlehen und alten Haselsträuchern überging – ein wilder Streifen, den die Einheimischen im Volksmund nur „das Dick“ nannten –, blieb er stehen. Seit seiner frühesten Kindheit war hier niemand mehr gewesen. Der Grund dafür war denkbar einfach: Niemand kämpfte sich freiwillig durch dieses Dornenlabyrinth. Und das auf der Zeichnung eingezeichnete Birnenzeichen musste exakt hinter dieser undurchdringlichen grünen Wand liegen.
Georg nahm die Sense und begann zu mähen. Es dauerte volle zwei Tage, bis er überhaupt die ersten Konturen des Bodens erkennen konnte. Die Brombeerranken waren hart wie Draht, und jeder einzelne Dorn fand magisch einen Weg durch seine dicken Arbeitshandschuhe. Der Schweiß brannte ihm unaufhörlich in den Augen, und am Abend waren seine Unterarme so zerkratzt und blutig, als wäre er in einen erbitterten Kampf mit einem Rudel wilder Katzen geraten. Am ersten Abend hatte er mühsam gerade einmal zwölf Quadratmeter freigeschlagen. Am zweiten Tag ging es etwas leichter, weil er begriff, dass er nicht gegen das Gestrüpp ankämpfen durfte, sondern mit ihm arbeiten musste. Ranke für Ranke zog er heraus und schichtete sie zu großen Haufen auf, während Fanny unermüdlich im Unterholz schnüffelte.
Am Nachmittag des zweiten Tages schlug die Klinge der Sense plötzlich auf harten Stein. Georg ließ das Werkzeug fallen, sank auf die Knie, schob die letzten Äste beiseite undblickte auf eine moosüberwachsene Mauer aus unbehauenen Kalksteinen – trocken gesetzt, tief in den schattigen Hang gesunken und fast vollständig von efeuartigen Schlingpflanzen überwuchert. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. Er riss das dichte Efeu ab, und zum Vorschein kam eine kleine, niedrige Holztür, grau, morschend und rissig, aber noch erstaunlicherweise fest im Rahmen verankert. Es war nur ein kleiner Verschlag, kaum größer als eine herkömmliche Speisekammer. Georg musste sich tief bücken, um hindurchzupressen.
Draußen schien die Sonne, doch drinnen in der Höhle roch es nach feuchter, jahrhundertealter Erde und scharfem Eisenrost. Er schaltete seine Taschenlampe ein, deren kegelförmiges Licht über die feuchten Steinwände tanzte – und dann sah er ihn. Der alte Wasserwidder stand exakt in der Mitte des raumhohen Gewölbes: ein schwerer, gusseiserner Körper geformt wie eine Birne, mit einem dicken Einlassrohr, das direkt aus der Felswand kam, und einem dünneren Steigrohr, das nach oben in den Hang führte. Er war rostrot mit grünlichen Patinaflecken, aber von einer erstaunlichen, mechanischen Eleganz. Seine Oberfläche war so glatt, als hätte ihn erst gestern jemand frisch gestrichen. Georg legte zitternd die Hand auf das Metall; es war eiskalt wie frisch entsprungenes Quellwasser. Dunkel erinnerte er sich an die physikalischen Prinzipien, die sein Großvater ihm einst erklärt hatte: Das Wasser aus der höher gelegenen Quelle strömt durch ein langes Fallrohr nach unten und gewinnt dabei enorme kinetische Energie. Ein schweres Schlagventil schnappt plötzlich zu, wodurch sich das Wasser staut und der gewaltige Druckstoß einen Teil des Wassers durch das schmalere Steigrohr nach oben presst. Danach öffnet sich das Ventil wieder automatisch, und das Spiel beginnt von vorn. Tausendmal am Tag, Tag und Nacht, völlig ohne Strom, ohne teuren Treibstoff und ohne menschliches Zutun. Tuk, tuk… Das war der Herzschlag des Berges gewesen!
Doch als Georg mit der Lampe genauer hinleuchtete, traf ihn der Schlag: Das entscheidende Schlagventil im Inneren der birnenförmigen Kammer fehlte. Das Gehäuse war leer. Der passgenaue Sitz, in dem das Herz der Anlage hätte ruhen müssen, war blank und verlassen. Jemand hatte es einst herausgeschnitten und mitgenommen.
Georg sank auf den kalten Steinboden des Verschlags. Zwölfstündige Knochenarbeit, zwei Tage blutige Dornenschlachten – und das absolut wichtigste Element der gesamten Anlage war schlicht und einfach weg. Ein solches Spezialventil gab es in keinem Baumarkt der Welt zu kaufen; kein Landmaschinenhändler der Region hatte so etwas auf Lager, und seit fast einem halben Jahrhundert baute kein Mensch mehr derartige Apparaturen. Er blieb lange regungslos sitzen, ehe er sich schwerfällig erhob. Es gab noch andere Baustellen zu bewältigen.
Am dritten Tag stieg er weiter den Hang hinauf und untersuchte den alten Hauptgraben. Dort stieß er auf das nächste Desaster: Ein gewaltiger Erdrutsch – vermutlich ausgelöst durch ein schweres Unwetter vor vielen Jahren – hatte den Hauptkanal auf einer Länge von fast fünfzig Metern komplett verschüttet. Georg grub vier unermüdliche Stunden lang mit dem Spaten, bis er an der harten Kante endlich den gemauerten Rand des alten Kanals freilegte. Doch ihm wurde sofort klar, dass er allein für diesen einen Abschnitt mindestens drei volle Tage brauchen würde – und ihm blieben insgesamt nur noch sieben Tage bis zum Ablauf der Frist. Trotzdem machte er weiter. Am fünften Tag setzte der stechende Rückenschmerz ein; am sechsten Tag brannten seine Hände und verweigerten beinahe den Dienst. Er aß im Gehen, schlief nachts auf dem harten Küchenboden in seinen verdreckten Arbeitsstiefeln, und im Traum hämmerte unaufhörlich der Rhythmus des Hammers in seinem Kopf.
Am siebten Tag, kurz vor der Mittagsstunde, stand er oben am quellbecken am Waldrand und merkte sofort, dass etwas Grundlegendes nicht stimmte. Die Quelle selbst – eine wunderschöne, gemauerte Kammer unter alten Fichten – hätte auch in Dürrezeiten zumindest einen kleinen Vorrat haben müssen, doch heute stand nur ein erbärmlicher, dünner Film auf dem kalkigen Grund. Die anhaltende Dürre allein konnte diesen totalen Wassermangel nicht erklären. Doch dann hörte er es: Nicht weit entfernt, verborgen hinter einem dichten Buschstreifen, lief und plätscherte Wasser.
Er folgte dem Geräusch über die Grenze hinweg auf den angrenzenden Acker von Lukas Pfeiffer. Dort, mitten im Feld, entdeckte er einen frisch ausgehobenen, tiefen Drainagegraben, in dem ein dickes, schwarzes Plastikrohr lag. An einer Verbindungsstelle war es undicht, und daraus schoss munter das Wasser hervor. Das Rohr führte steil nach unten, direkt zur großen Silofläche von Lukas Pfeiffer. Die Erklärung war erschreckend einfach: Lukas hatte im Frühjahr seinen eigenen, von Natur aus nassen Acker professionell entwässern lassen – eine saubere Arbeit von einer Fachfirma. Doch bei diesen Erdarbeiten hatten sie unwissentlich das unterirdische Quellwasser der Haberkorns angezapft und komplett in eine andere Richtung umgeleitet. Es gab keinen bösen Willen, keinen finsteren Plan – nur einen ehrgeizigen jungen Mann mit schweren Maschinen, der absolut keine Ahnung gehabt hatte, was für verborgene Schätze unter dem Boden schlummerten.
Georg ließ sich auf einen moosigen Findling sinken. Er hatte noch genau drei Tage Zeit, eine unvollständige Anlage, einen verschütteten Kanal, eine angezapfte Quelle und einen Wasserwidder ohne Herz. Wenn er jetzt aufgab, würde ihm kein Mensch im Dorf einen Vorwurf machen – weder Annette, noch die Bank, nicht einmal Lukas. In diesem Moment kam Fanny herangetrabt, legte ihre feuchte Schnauze auf seinen Oberschenkel und blickte ihn treuherzig an. „Ja, ich weiß, Fanny“, flüsterte er müde. Er stand auf. Er hatte absolut keine Ahnung, wo er ein passendes Ventil herzaubern sollte – aber ihm fiel plötzlich ein einziger Mann im weiten Umkreis ein, den er dazu befragen musste.
Ottmar Reus wohnte am ganz anderen Ende von Altenreut in einem langen, verwitterten Bauernhaus mit einem rotbackigen Anbau, den er einst als Hufschmiede genutzt hatte. Die alte Esse war seit Jahren kalt, doch die Eingangstür stand leicht geöffnet. Georg klopfte zweimal entschlossen an den Holrahmen und trat ein. Ottmar saß auf einem alten Holzhocker vor seiner staubigen Drehbank und tat rein gar nichts. Er saß offenkundig schon seit Stunden so da. Als er den Kopf hob, traf Georg fast der Neid: Der alte Schmied schien in den letzten Tagen optisch um viele Jahre gealtert zu sein. „Ich dachte mir schon fast, dass du irgendwann kommst“, sagte Ottmar mit brüchiger Stimme. „Ich brauche ein Ventil“, sagte Georg geradeheraus. „Ich weiß. Du weißt also genau, wovon ich spreche?“
Ottmar schwieg lange, sehr lange. Dann stand er mühsam auf, ging zu einem hohen Holzregal in der Ecke, zog eine kleine, verstaubte Holzschatulle hervor, öffnete sie und entfaltete ein vergilbtes Stück Stoff. Darin lag – absolut nichts. Ein leeres Tuch. „Das hier“, sagte der alte Schmied heiser, „ist alles, was mir davon geblieben ist.“
Georg trat näher. „Es war im Spätherbst des Jahres 1984. Ich war damals dreißig Jahre alt, frisch verheiratet und pleite bis auf die bone. Die Gemeinde hatte gerade die brandneue zentrale Wasserleitung verlegt, und der damalige Gemeinderat beschloss, den gesamten alten Schrott zu beseitigen – die alten Gräben zuzuschütten, die Wasserwidder zu verschrotten, damit bloß niemand auf die dumme Idee käme, das alte System noch länger zu nutzen. Man gab dem alten Meister Rupp, bei dem ich damals das Schmiedehandwerk gelernt hatte, den offiziellen Auftrag, die Widder im Tal abzubauen. Rupp war damals schon schwer krank und hatte keine Lust mehr. Also schickte er mich.“
„Und du hast…“, setzte Georg an. „Ich bin damals zu deinem Vater Heinrich gegangen“, fuhr Ottmar fort, während sein Blick starr an der kalten Esse hängen blieb. „Heinrich saß genau hier am Tisch, und ich sagte ihm, was die Gemeinde vorhatte. Er sagte erst gar nichts. Dann fragte er mich nur leise, ob ich den Widder wirklich zerstören müsse. Ich antwortete, dass ich ihn abbauen und dem Gemeindeinspektor das Ventil als unwiderlegbaren Beweis vorlegen musste. Dieses Ventil war aus massivem Messing, fast ein Kilo schwer – und ein Kilo Messing war damals verdammt viel Geld für einen jungen Mann.“ Ottmar wandte den Blick ab und starrte ins Leere. „Dein Vater sagte damals zu mir: ‚Lass das eiserne Gehäuse einfach stehen. Das Ding gehört zum Hang.‘ Ich habe also nur das Messingventil ausgebaut, es dem Inspektor gezeigt und es danach heimlich an einen Schrotthändler verkauft. Von diesem Geld konnte ich damals die Anzahlung für unser eigenes Haus leisten… Es war eine unbändige Dummheit, Georg. Ich habe sie in all den Jahren nie wieder gutgemacht. Und ich habe nie wieder ein einziges Wort darüber verloren. Dein Vater hat mich bis zu seinem Tod stets freundlich gegrüßt, als wäre absolut nichts geschehen. Und das war für mich all die Jahre hindurch schlimmer als jede offene Anklage.“
Es war extrem still in der alten Schmiede. Draußen bellte in der Ferne ein Hund. „Vierzig Jahre…“, sagte Georg leise. „Ich habe dieses hämmernde Klopfen seit jener Zeit nie mehr hören können“, flüsterte Ottmar. „Wenn nachts im Haus absolute Stille herrschte, habe ich es oft in meinem eigenen Kopf gehört – und dann wusste ich genau, was ich damals angerichtet hatte.“
Ohne ein weiteres Wort griff Georg in seine Tasche, holte den schweren Messingschlüssel hervor und legte ihn mitten auf die Werkbank, zwischen verrostete Zangen, Feilen und Schleifsteine. Ottmar starrte den Schlüssel an, als hätte er einen Geist gesehen. „Wo… wo hast du den her?“ – „Meine Frau Margot hat ihn vor Jahrzehnten im Nähkasten meiner Mutter gefunden.“ Ottmar nahm den Schlüssel mit zitternden, alten Fingern in die Hand, hob ihn hoch gegen das spärliche Licht und fuhr mit dem Daumennagel über den kunstvollen Bart. „Den hat mein alter Meister Rupp geschmiedet“, flüsterte er atemlos. „Damals exakt für deinen Vater. Er sperrte damit den Hauptschieber oben am Hang ab, damit niemand Wasser unbefugt abzapfen konnte, wenn die Quelle schwach war. Es gab im ganzen Tal nur zwei Exemplare dieses Schlüssels. Ich habe zeitlebens nie gewusst, wo der zweite geblieben ist.“
Georg nahm den Schlüssel wieder an sich. Er blickte Ottmar tief in die Augen – in die Augen eines alten Mannes, der vierzig Jahre lang ein schweres, moralisches Vergehen mit sich herumgeschleppt hatte wie einen Mühlstein im Rucksack. Er dachte an seinen Vater, der geschwiegen hatte, und an Margot, die einst so treffend gesagt hatte: Irgendwann passt er schon.
„Kannst du ein neues Ventil schmieden?“, fragte Georg direkt. Ottmar blinzelte verwirrt: „Georg, ich habe dir doch gerade erzählt…“ – „Ich habe gehört, was du erzählt hast. Kannst du ein neues machen?“ Der alte Schmied blickte auf seine schwieligen Hände, dann auf die schwere Drehbank und schließlich auf die alte, vergilbte Zeichnung, die Georg aus seiner Brusttasche gezogen und auf die Werkbank gelegt hatte. Ein kurzes Zucken ging durch sein Gesicht. „Ich brauche feines Messing“, sagte er langsam. „Ich habe hier noch einen alten Schiffsbeschlag… Und hast du die exakten Maße vom Ventilsitz?“ Georg zog einen kleinen Zettel hervor, auf dem er am Vortag mit bleistift die genauen Millimeterdurchmesser notiert hatte.
Sie arbeiteten die gesamte Nacht hindurch. Ottmar heizte die alte Esse an – zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren. Dunkler, schwerer Rauch wälzte sich durch das löchrige Dach, und helle Funken tanzten wild in der finsteren Werkstatt. Georg reichte Werkzeuge an, kühlte das glühende Metall mit Wasser, hielt fest, was der Alte anordnete. Ottmar sprach kaum ein Wort, murmelte nur ab und zu kurze, präzise Anweisungen: „Zu heiß… Noch etwas heller… Wieder abkühlen…“ Seine Hände schienen ein eigenes, tiefes Gedächtnis zu besitzen, das den Verstand weit übertraf. Das Messing wurde im Feuer weich, biegsam und formbar. Dann kam die Drehbank zum Einsatz, und gegen drei Uhr morgens – in genau jener magischen Stunde, in der Georg sonst immer auf seiner Wiese hämmerte – fiel ein kleiner, schwerer, golden schimmernder Metallteller in Georgs Handfläche: ein brandneues, handgeschmiedetes Schlagventil, so perfekt und glatt, dass es das spärliche Lampenlicht spiegelte.
„Es muss auf den zehntel Millimeter genau passen, Georg“, sagte Ottmar atemlos. „Sonst schlägt das System nicht richtig an.“ – „Es wird passen“, sagte Georg ruhig. Ottmar blickte ihn an, und in den Augen des alten Mannes glänzten Tränen. Er sagte nichts, legte nur seine schwere, schwarz gefleckte Hand kurz auf Georgs geschundene Schulter und zog sie dann hastig wieder zurück.
Es war der neunte Tag. Am nächsten Morgen sollte das Erntedankfest beginnen. Um halb sieben Uhr morgens stand Georg in dem niedrigen, feuchten Steingewölbe am Fuße des Hanges und kniete vor dem metallenen Wasserwidder. Draußen war es noch duster, doch am östlichen Horizont färbte sich der Himmel bereits aschgrau. Georg hatte in den vergangenen zwei Nächten kaum ein Auge zugemacht. Seine Hände waren blutig und voller Blasen, seine Muskeln schmerzten bleischwer. Er hatte in Rekordzeit den verschütteten Kanal freigelegt, Lukas’ unerwünschte Drainage an der tiefsten Stelle mit fettem Lehm und schweren Steinen dicht verschlossen und das Quellbecken so lange ausgekratzt, bis das Wasser wieder in einem sauberen, kräftigen Strahl in die antriebsleitung floss. Das Wasser war zurück!
Draußen saß treu die Hündin Fanny. Neben ihr lehnte Ottmar Reus an der feuchten Steinwand, den Filzhut tief in die Stirn gezogen, und beobachtete jede kleinste Bewegung. Georg setzte das frisch geschmiedete Messingventil vorsichtig in den leeren Sitz ein, schraubte den schweren Metalldeckel fest und drückte mit dem Daumen testweise auf den schlagbolzen. Er ließ los – nichts passierte. Er drückte ein zweites Mal. Ein dumpfes, metallenes Klacken ertönte, und das Ventil blieb arretiert. Draußen in der Hauptleitung rauschte das Wasser, aber der Widder blieb beharrlich stumm.
Eine volle Minute verging. Zwei Minuten. Georg spürte, wie sich sein Magen schmerzhaft zuschnürte. „Das braucht seine Zeit, Georg“, rief Ottmar von draußen herüber, und seine Stimme klang dabei längst nicht mehr so sicher, wie er es gern gehabt hätte. „Es hat vierzig Jahre geschwiegen, da kommt es auf ein paar Minuten mehr oder weniger auch nicht an.“
Georg schloss die Augen. Er dachte an Margot am großen Küchentisch, an ihre Hände beim Teigkneten, an ihr Lachen, wenn er ihr im Scherz einen neuen Namen für die Kühe vorgeschlagen hatte. Er dachte an seinen Vater und seinen Großvater, die vor langer Zeit in exakt diesem muffigen Raum gekniet hatten. Dann holte er tief Luft, ballte die Hand und drückte ein drittes Mal mit aller Kraft auf den Mechanismus.
Mit einem gewaltigen, dumpfen Schlag, den Georg sofort bis tief in seine eigene Brust spürte, sprang das schwere Ventil zu. Das anströmende Wasser prallte mit unbändiger Wucht gegen den Widerstand. Die gusseiserne Birne begann heftig zu vibrieren, und tief drinnen im Bauch des Berges schob sich eine gewaltige Wassersäule nach oben. Tuk!
Das Ventil öffnete sich schlagartig wieder. Das Wasser schoss nach vorn, das Ventil schlug erneut zu – Tuk! Und noch einmal. Und wieder. Gleichmäßig, rhythmisch, kraftvoll und unerbittlich.
Georg konnte in diesem Moment nicht einmal mehr richtig atmen. Er kauerte im Halbdunkel des Gewölbes und lauschte fassungslos, wie das alte, totgeglaubte Herz seines Berges wieder zu schlagen begann. Draußen vor der Tür hatte sich Ottmar Reus auf die kalte Schwelle gesetzt; der alte Schmied weinte still vor sich hin, ohne auch nur ein einziges Geräusch von sich zu geben. Fanny winselte leise vor Freude und legte ihre Schnauze auf Ottmars Stiefel.
„Es schlägt, Ottmar… Es schlägt tatsächlich!“, rief Georg mit tränenerstickter Stimme. „Das tut es, Junge“, flüsterte der alte Schmied. Doch das rhythmische Hämmern allein konnte noch keine vertrocknete Wiese retten. Das Wasser musste zuerst den gesamten Hang hinauf in den großen Sammelbehälter gepumpt werden, und dort oben musste jemand mit dem alten Messingschlüssel den Hauptschieber öffnen.
Georg ließ den Widder im Tal unermüdlich arbeiten, zog den Schlüssel aus der Tasche und begann den steilen Aufstieg. Ottmar folgte ihm langsam, gestützt auf seinen Holzstock. Der Aufstieg dauerte heute länger als gewohnt, denn Georgs Beine zitterten vor Erschöpfung. Als sie oben am obersten Rand des Waldes ankamen, ging gerade die goldene Herbstsonne auf und goss den gesamten Hang in ein atemberaubendes, schräges Licht.
Direkt an der Grenze zum Fichtenwald stand das kleine, gemauerte Quellhaus mit seiner massiven, grün angelaufenen Eisentür. Dahinter lag das runde, steinerne Becken, in dem alle Kanäle zusammenliefen. Jede einzelne Rinne war mit einem separaten eisernen Schieber gesichert – doch der Hauptschieber, der alles beherrschte, besaß ein massives Vorhängeschloss mit einem altertümlichen Schlüsselloch. Georg trat vor, steckte den Messingschlüssel hinein. Er glitt butterweich hinein, als wäre er nie woanders gewesen. Mit einer kräftigen Drehung gab es ein lautes, metallenes Klack. Er zog den schweren Schieber nach oben.
Anfangs passierte nichts. Das Becken war noch leer, die lange Rinne trocken wie Zunder. Georg wartete. Unten im Tal hämmerte der Widder unermüdlich sein Tuk-tuk, doch das Wasser brauchte seine Zeit, um den langen Weg nach oben zu überwinden. Eine Viertelstunde verging. Dann eine halbe Stunde. Die beiden alten Männer standen schweigend nebeneinander vor der steinernen Mauer, und kein Mensch sprach ein Wort.
Plötzlich hörten sie es: Ein leises, gurgelndes Gluckern tief aus dem Inneren des Hauptrohres. Ein kurzes Plätschern, und dann schoss der erste Strahl frischen Wassers direkt in das große Steinbecken – erst braun und trüb von jahrzehntelangem Rost, dann glasklar, eiskalt und herrlich glitzernd. Das Wasser stieg rasch an den steinernen Wänden empor, drängte durch den geöffneten Schieber in die lange Hauptrinne und begann seinen Weg nach unten anzutreten.
Georg rannte los. Das Wasser lief den freigelegten Graben hinab – ein schmaler, glänzender Silberfaden, der an jeder Kante das erste Morgenlicht einfing. Es floss über die Kanäle, die er in tagtäglicher Knochenarbeit mühsam freigeschlagen hatte. Nach hundert Metern gluckerte es fröhlich weiter; nach zweihundert Metern versickerte ein Teil zwar noch in den tiefen Trockenrissen, doch die Hauptmenge drängte unaufhaltsam vorwärts. Ein kleiner, lebendiger Bach, der sich gierig seinen historischen Weg bahnte und die durstige, sterbende Erde Zentimeter für Zentimeter tränkte.
Da sah er sie plötzlich: Menschen, die von allen Seiten den Hang hinaufkamen. Matthias vom Eichhof mit seinen beiden Söhnen, die alte Brigitte, die sich schwer auf ihren Stock stützte, und Nachbarn, die Georg sonst nur flüchtig beim Dreschen sah. Jemand hatte es in der Nacht im Dorf weitererzählt – Ottmar hatte kein Geheimnis daraus gemacht. Sie blieben ehrfürchtig am Rande des frischen Grabens stehen und starrten auf das fließende Wasser, so wie man auf einen lang vermissten Menschen blickt, von dem man nie zu hoffen wagte, ihn je wiederzusehen.
Doch jäh wurde die Freude unterbrochen: Etwa einen Kilometer talwärts, genau dort, wo der alte Graben unter einem befestigten Feldweg hindurchführte – dem sogenannten Düker –, staute sich das Wasser plötzlich massiv. Es trat über die Ränder und versickerte sinnlos im trockenen Gras. Etwas blockierte die unterirdische Röhre. Georg warf sich Geistesgegenwärtig in den Schlamm, griff mit beiden Armen in den dunklen Durchlass und spürte nur harten Stein und verdichteten Lehm. Ein schwerer Betonbrocken – vermutlich eine alte Altlast von früheren Wegebauarbeiten vor Jahrzehnten – saß so fest im Rohr, dass ihn drei starke Männer unmöglich von Hand herausbekommen konnten.
„Wir brauchen schweres Gerät!“, keuchte Matthias außer Atem. „Habe ich nicht auf dem Hof“, rief Georg verzweifelt. „Ich auch nicht… Aber wartet mal!“, schrie plötzlich einer der Nachbarn.
Ein lautes Motorengeräusch dröhnte über den Feldweg herab. Von oben näherte sich ein kleiner, gelber Kettenbagger, huckepack auf einem Tieflader gezogen von einem schweren Schlepper. Am Steuer saß kein Geringerer als Lukas Pfeiffer. Er sprang noch aus dem fahrenden Gefährt, bevor der Motor ganz zum Stillstand gekommen war, lief herbei und blickte fassungslos auf das gestaute Wasser, auf den Düker und auf den schlammüberzogenen Georg.
Lukas musterte den älteren Nachbarn einen langen, bedeutungsvollen Moment lang. „Ich habe heute Nacht noch einmal mein drainagerohr kontrolliert, Georg“, sagte Lukas mit ruhiger, fester Stimme. „Es war völlig verstopft mit Lehm. Jemand hatte es exakt an der tiefsten Stelle dichtgemacht… Ich bin fast ausgerastet vor Wut.“ Er schluckte schwer. „Dann bin ich der Sache nachgegangen, habe nachgesehen, warum das so war – und habe dabei eure alte Quelle entdeckt.“
Georg sagte absolut nichts. Lukas blickte beschämt zu Boden. „Ich habe dir das Wasser unwissentlich abgegraben, Georg. Hast du das gewusst?“ – „Seit Sonntag“, antwortete Georg knapp. „Und du hast mir das im Wirtshaus nicht direkt ins Gesicht geschlagen?“ – „Ich hatte schlicht keine Zeit dafür, Lukas.“
Lukas atmete tief und scharf aus. Dann wandte er sich um, stieg ohne ein weiteres Wort auf seinen Bagger, startete das laute Aggregat und manövrierte die Schaufel zielsicher an den Eingang des dükers. Der hydraulische Baggerarm senkte sich geschmeidig ab, umschloss den tonnenschweren Betonbrocken und hob ihn mit feinem Fingerspitzengefühl heraus wie einen faulen Zahn. Mit einem dumpfen Ruck löste sich der Stein, und das gestaute Wasser schoss augenblicklich mit gurgelnder Gewalt unter dem Weg hindurch.
Ein lauter, befreiender Jubel brandete unter den versammelten Dorfbewohnern auf. Jemand klatschte in die Hände, und Matthias schlug Georg so heftig auf die staubige Schulter, dass er beinahe vornüber in den Schlamm stürzte. Das Wasser floss weiter – und diesmal gab es kein Halten mehr. Es stürzte den Hang hinab in die Wiesen, verzweigte sich in hunderte winzige Rinnen und Furchen, bis es in schimmernden, silbernen Bahnen das gesamte, jahrelang verdorrte Land überzog.
Georg stand mit schlammverkrusteten Knien am Rande des Weges und sah einfach nur zu, wie seine ersehnte Erde trank. Man konnte es mit den Ohren hören: Ein leises, gieriges, zufriedenes Zischen, wie ein tiefer, befreiender Atemzug nach einem viel zu langen Tauchgang. Und tief unten im Tal schlug der alte Widder unaufhaltsam seinen Rhythmus – Tuk, tuk, tuk…
Drei Tage später war der Hang kaum wiederzuerkennen. Noch war er nicht saftig grün, aber die Erde hatte eine dunkle, satte Farbe angenommen, auf der ein erster, zarter Schimmer von neuem Leben lag. Nach acht Tagen sprossen winzige Grashalme hervor, so zart und hell, dass man sie erst beim zweiten Hinsehen bemerkte. Nach zwei vollen Wochen war die legendäre Hangwiese ein dichter, samtartiger Teppich.
Georg bewässerte die Flächen nun im exakten, klugen Wechsel, genau so, wie es die alte vergilbte Zeichnung seiner Ahnen vorschrieb – nie mehr als einen Tag pro Sektor, ehe der Schieber umgestellt wurde. Er hatte den alten Rhythmus wiedergefunden, den sein Großvater einst gelebt hatte. Matthias, Brigitte und die anderen Nachbarn waren bereits am zweiten Tag nach dem Durchbruch gekommen und hatten schüchtern gefragt, ob sie ihre eigenen Wiesen ebenfalls wieder an das System anschließen durften. Georg hatte natürlich genickt; das Wasser reichte für alle, vorausgesetzt, man teilte es gerecht. Es hatte immer gereicht, wenn die Menschen nur gelernt hätten, es zu teilen.
Das sogenannte Grommet, der wichtige zweite Grasschnitt, kam Ende Oktober. Es war mengenmäßig nicht übermäßig viel, doch zusammen mit seinen verbliebenen Futtervorräten reichte es völlig aus, um gut und sicher durch den kommenden Winter zu kommen, ohne auch nur eine einzige seiner wertvollen Kühe verkaufen zu müssen. Als er Matthias davon erzählte, schüttelte der alte Bauer nur anerkennend den Kopf und sagte: „Ich hätte in meinem ganzen Leben nie für möglich gehalten, dass ein einfacher Wasserstrahl so viele verstockte Gesichter im Dorf verändern kann.“
Vollständig gerettet war damit freilich noch nicht alles. Die drängende Kreditzrate für die Erntezeit konnte er nach wie vor nicht bar bezahlen. Sein Bankberater hatte zwar inzwischen echtes Mitverständnis gezeigt und eine weitere, letzte Frist gewährt, doch die Gesamtsumme stand weiterhin bedrohlich im Raum. Georg hatte sich daraufhin zwei lange Wochen lang jeden einzelnen Abend an den großen Küchentisch gesetzt, die Zahlen auf alten Zetteln hin- und hergeschoben und am Ende die bittere Realität begriffen: Allein mit Heu, harter Arbeit und Fleiß würde er es langfristig nicht bis zum nächsten Frühjahr schaffen. Ein Teil musste weichen.
Er rief Annette an. Sie hörte ihm schweigend zu, ohne ihn auch nur einmal zu unterbrechen. Als er geendet hatte, sagte sie leise: „Papa, du musst nicht immer alles völlig allein auf deinen Schultern austragen. Ich komme am kommenden Wochenende mit Jonas vorbei. Dann setzen wir uns hin und finden gemeinsam eine Lösung.“
| Continue reading…. | ||
| Part 1 of 2Part 2 of 2 | Next » | |