Der Brunnen war trocken – doch tief im Wald lief eine Maschine, die seit 1931 schwieg

Um dre Uhr nachts, mitten im August, stieß der Sparten auf etwas, das keine Erde war. Heiner Mertes hielt inne. Er hatte in seinem Leben tausend mal in diesen Boden gestochen, der Boden hatte ihm immer gleich geantwortet, dumpf, weich, ein wenig nachgebend. Diesmal kam ein heller, harter Ton zurück. Metall auf Metall. In der Stille des Erlenbruchs trug er weiter, als ihm lieb war. Er blieb stehen und lauschte. Hinter ihm, oben auf der Anhöhe. lag der Hof im Dunkeln, kein Licht im Haus. Nur aus dem Stall drang ab und zu ein
tiefes, unruhiges Brüllen herüber. Und jedesmal zuckte Heiner zusammen, als hätte man ihn bei etwas Verbotenem erwischt. Dabei grub er auf seinem eigenen Land, aber er grub nachts mit abgedunkelter Lampe, und er hatte keinem Menschen davon erzählt. Nicht seinem Sohn, nicht dem Bürgermeister, nicht einmal Willy, seinem ältesten Freund. Das Hemd klebte ihm am Rücken. Die Nacht war kaum kühler als der Tag, 24° um 3 Uhr früh, und der Boden unter seinen Stiefeln war hart wie gebrannter Ton. Seit Mitte Juni hatte es in der
Vulkaneifel nicht mehr richtig geregnet. Die Wiesen waren gelb, die Mare lagen tief und die Bäche, die sonst durch den Erlenbruch rannten, waren nur noch Ren aus Kieselsteinen. Der Brunnen neben der Scheune, den sein Vater vor 38 Jahren hatte bohren lassen, gab seit vier Tagen nur noch ein trockenes Husten von sich. Heiner kniete sich hin und wischte mit den Händen die Erde beiseite. Zuerst kam ein Rand zum Vorschein, dann eine Wölbung, dann Zeichen, kaum noch lesbar, rostig, aber eingegossen und deshalb
nicht tot zu kriegen. Eine Zahl 1931. Er blieb lange so hocken, die Hand auf dem kalten Eisen. Du musst wissen, wie dieser Tag für ihn gewesen war. Dann verstehst du, warum ein Mann von 66 Jahren mitten in der Nacht auf den Knien liegt und mit bloßen Händen Dreck von einem Deckel kratzt. Am Nachmittag hatten sie vor dem Trock gestanden, alle 38 Mutterkü, dazu die Kber und der Bulle, eine Wand aus braunen und gescheckten Leibern, die Köpfe gesenkt, die Nüstern über dem leeren Beton. An so einem Tag säuft eine Kuh 100 l und mehr.
Gut, 6000 l brauchte der Hof jeden Tag. Heiner hatte versucht, es ihnen zu erklären, so wie man es mit Tieren eben macht, mit leiser Stimme und einer Hand am Hals. Es hatte nichts genützt. Sie rochen das Wasser, das nicht da war. Dann war Sabine mit dem Tankwagen gekommen, die junge Frau vom Lohnunternehmen aus Down, die ihn seit einer Woche versorgte. Sie war immer freundlich gewesen, aber an diesem Nachmittag lud sie nicht gleich ab. Sie stieg aus, hielt den Schlauch in der Hand und sagte: “Heiner, ich muss dir
was sagen. In neun Tagen braucht der Zweckverband meinen Wagen. Danach kann ich dich nicht mehr beliefern.” Neun Tage und dazu der Preis, den sie ihm genannt hatte, fast 5000 € im Monat, wenn es so weiterging. Mehr als der Hof in diesem Sommer überhaupt abwarf. Und jetzt kniete er hier im Dunkeln und unter seiner Hand lag ein Eisendeckel, den seit vielen Jahren niemand angefasst hatte. Heiner setzte den Sparten als Hebel an. Der Deckel gab mit einem Seufzen nach. Der Rost knirschte und aus
dem Loch darunter schlug ihm kühle, feuchte Luft entgegen. Kühl in dieser Nacht. Er beugte sich vor und leuchtete hinein. Schwarze Tiefe, glatte Wände aus altem Mauerwerk. Dann hörte er es. ein leises Rinnen. Das Geräusch von Wasser, das irgendwo unter ihm seinen Weg suchte, mitten in einem Sommer, in dem im ganzen Dorf kein Tropfen mehr kam. Heiners Herz schlug schneller. Er kannte dieses Geräusch irgendwoher, aus einer Zeit, in der er noch klein gewesen war. Und er wusste, dass zu diesem Rinnen
etwas gehörte. Etwas, das hier einmal gearbeitet hatte, Tag und Nacht, und das jemand zum Schweigen gebracht hatte. Wer deckt Wasser zu, wenn es so viel wert ist? Und warum hatte sein Vater nie ein einziges Wort darüber verloren? Der Morgen kam grau und schon warm. Heiner hatte keine zwei Stunden geschlafen und als er in die Küche trat, saß die Müdigkeit ihm wie ein nasser Mantel auf den Schultern. Die Küche war still. Seit drei Jahren war sie das. Gertas Stuhl stand am Fenster dort, wo sie jeden
Morgen gesessen hatte, mit der Tasse in beiden Händen und dem Block für die Einkaufsliste. Er hatte den Stuhl nie weggestellt und er hatte nie gelernt, die Ordner im Regal zu lesen. Ger hatte die Bücher geführt, 40 Jahre lang. Sie hatte gewusst, welche Rechnung wann fällig war, welcher Zuschuss wann kam, welcher Händler schlecht zahlte. Heiner hatte gewusst, wie man eine Kuh kalben lässt und einen Zaun spannt. Das hatte zu zweit gut gepasst. Allein pasßte es nicht mehr. Er machte sich Kaffee und
trank ihn im Stehen. Draußen auf dem Hof rührte sich der Tag. Die Kühe warteten. Dahinter jenseits der Weide fiel das Gelände zum Erlenbruch hinab. Dunkelgrün und still. Heiner sah hinüber und wie jedes Mal, wenn er in dieser Richtung schaute, war es plötzlich wieder da. Nicht das Bild. Der Klang. Er war 10 Jahre alt gewesen, im Sommer 1962. Sein Großvater Matthias hatte ihn an der Hand genommen, ein hagerer Mann mit einer Pfeife, die nie brannte, und war mit ihm hinunter zum Bach gegangen. Es war ein heißer Nachmittag gewesen, unter
den Erlen war es kühl und feucht. Dort hatten sie gesessen, auf einem umgestürzten Stamm und der Großvater hatte nichts gesagt, er hatte nur gelauscht und dann hatte der Junge es auch gehört. Ein gleichmäßiges helles Klack Klack irgendwo unter den Wurzeln wie ein Specht, der nie müde, Klack, klack, klack. Ruhig und stetig, ohne Eile, ohne Pause. Was ist das, Opa? Matthias hatte die kalte Pfeife aus dem Mund genommen und gelächelt. Das Wasser will nur runter, Heiner”, hatte er gesagt. “Aber wenn man ihm zuhört, nimmt
es einen Teil von sich mit nach oben.” “Mhr hatte er nicht verraten.” “Das erzähle ich dir, wenn du alt genug bist”, hatte er gesagt. Vier Jahre später war er gestorben und Heiner war nie alt genug gewesen. Einmal als junger Mann hatte er seinen Vater gefragt. Josef Mertes hatte vom Tisch aufgesehen lange und dann gesagt, da war nie was. Er hatte es ruhig gesagt, aber seine Hände hatten die Tischkante gepackt. Josef Mertes war ein Mann, der nicht log. Das war der Grund, warum der Satz
so weh tat. Heine hatte nie wieder gefragt. Das Telefon klingelte. Auf dem Display stand Markus. Papa, bist du schon wach? Ich wollte nur hören, wie es läuft. Was macht der Brunnen? Der macht, was Brunnen im August eben machen. Papa sein Sohn seufzte. In Köln, in dem Büro mit der Klimaanlage saß er jetzt bestimmt vor einer Tabelle. Ich habe die Zahlen durchgerechnet. Das Wasser allein kostet dich ein Vermögen. Und du bist 66. Du schleppst Schläuche, du schläfst nicht und Mama? Lass Mama aus dem Spiel. Stille. Dann im
Hintergrund eine helle Kinderstimme. Papa, frag den Opa, ob die Kühe noch Durst haben. Heiner schloss die Augen. Lea, 8 Jahre alt, die jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam, jede Kuh beim Namen rief. Sag ihr, es geht allen gut, sagte er. Sag ihr, ich sorge dafür. Nachdem er aufgelegt hatte, stand er noch lange am Fenster. Von der Nacht hatte er nichts gesagt, nichts vom Deckel, nichts vom Rinnen. Was hätte er auch sagen sollen, dass er ein Geräusch aus seiner Kindheit suchte? Er wusste nur, dass er es finden
musste und dass niemand vor ihm hatte finden wollen, was sein Vater so sorgsam vergraben hatte. Der Bürgermeister kam am Nachmittag in einem sauberen Hemd und mit dem Gesicht eines Mannes, der schlechte Nachrichten höflich verpacken will. Dier Lenz kannte Heiner seit Schulzeiten. Sie hatten zusammen Fußball gespielt auf derselben Wiese, die jetzt aussah wie ein Stück Wüste. “Heiner, ich will ehrlich sein”, sagte er und setzte sich auf die Bank vor dem Haus. “Der Zweckverband rationiert ab sofort alles,
was nicht Trinkwasser für Haushalte ist. Für die Landwirtschaft heißt das nichts mehr aus dem Netz. Ich kann da nichts machen. Das habe ich gemerkt. Dann gibt es noch was. Lensz kratzte sich am Ohr. Es gibt jemanden, einen Vermittler. Der kümmert sich um geordneten Herdenabbau. Gute Preise, wenn man jetzt verkauft, bevor alle anderen auch verkaufen. Im Herbst kriegst du für Kühe nichts mehr. Heiner sah ihn lange an. Geordneter Herdenabbau sagte er langsam. Das sagt ihr jetzt dazu. Es sagt sich leichter
als aufgeben. Ich habe noch nie aufgegeben, Dieter. Ich weiß, genau deshalb sitze ich hier. Lensz stand auf. An der Tür blieb er stehen. Hubert Bcker hat dich gesehen gestern im Bruch. Du hast gegraben. Er sagt, du suchst einen Schatz. Das war der Moment, in dem Heiner begriff, dass er das ganze Dorf zum Lachen gebracht hatte. Am Abend ging er trotzdem ins Wirtshaus, zum ersten Mal seit Wochen. Er brauchte ein Bier und er wollte nicht, dass man dachte, er verstecke sich. Als er eintrat, wurde es
leise. Dann sagte jemand von der Theke: “Na, Heiner, schon was gefunden? Gold oder Öl?” Ein paar lachten, nicht böse, aber auch nicht freundlich. Es war dieses Lachen, mit dem Menschen sich vor unbequemem schützen. Heiner trank sein Bier aus, legte das Geld auf den Tisch und sagte nichts. Nur an der Tür drehte er sich um. “Mein Großvater hat hier mal was gebaut”, sagte er. “Wenn ich es finde, lä.” Dann ging er heim. In der Küche stand er lange vor dem Sideboard, in dem Gerder
die Papiere aufbewahrt hatte. Er suchte die Versicherungsunterlagen für den Steuerberater, aber unter dem Stapel Briefumschläge stieß er auf etwas anderes. Eine alte Keksdose aus Blech, rot, mit Rostflecken am Rand. Er öffnete sie. Darin lag ein Heft, ein Wachstuchheft blau, abgegriffen an den Kanten, schwer von Alter. Auf dem Deckel stand mit Tinte in einer Schrift, die er sofort erkannte. Matthias Mertes. 1931. Seine Hände zitterten, als er es aufschlug. Es waren Skizzen. Sorgfältige Skizzen, mit Bleistift gezogen, mit
Maßen und Pfeilen. Ein Hang, ein Rohr, das den Hang hinunterlief. Ein gedrungener Körper aus Eisen, der unten im Bruch saß wie ein Kürbis und daneben Notizen in Süterlin. Heiner musste sie Wort für Wort entziffern. Quellstube oberhalb der Grenzeiche. Fall 4,20 m Treibrohr 2 Zoll Gusseisen. Das Wasser läuft von selbst. Es braucht nur ein Ventil, das schlägt. Nie mit Gewalt einstellen. Wenn der Schlag zu hart ist, ein Zehner drauf. Auf der Seite lag mit rotem Siegel festgeklebt ein Zehnpfennigstück. Und zwischen den
Seiten steckte ein Zettel in Gertas ordentlicher Handschrift. Er l ihn einmal, zweimal, dreimal. Heiner, dein Vater gab mir das Heft vor seinem Tod. Er sagte: “Gib es ihm, wenn er danach fragt.” Du hast nie gefragt. Ich wollte nicht fragen für dich. Verzeih mir. Geh. Er musste sich setzen, wenn er danach fragt. Das war es. Sein Vater hatte nicht geschwiegen, weil er nichts sagen wollte. Er hatte gewartet, dass sein Sohn fragte. Und der Sohn hatte nie gefragt, weil der Vater so hart auf die
Tischkante gepackt hatte. Dann sah er noch einmal auf die Zeile mit der Quelle oberhalb der Grenzeiche. Die Grenzeiche. Er kannte sie. Jeder in der Gegend kannte sie, diese riesige schiefe Eiche am Hang, die seit 100 Jahren die Gemarkung teilte. Nur dass sie nicht mehr auf seiner Seite stand. Sie stand auf dem Land der Kessels. Alois Kessel, dem Nachbarn. Dem Mann, mit dem die Familie Mertes seit 1979 kein Wort mehr gesprochen hatte. Er wußte noch genau, wie es angefangen hatte. Er war 27 gewesen und sein Vater war an einem
Herbstabend vom Feld hereingekommen, weiß im Gesicht, und hatte gesagt: “Mit denen reden wir nicht mehr.” Mehr nicht, weder damals noch später. Er hatte seitdem keinen Kessel mehr gegrüßt. Bei Beerdigungen standen sie auf verschiedenen Seiten des Grabs. Heiner hatte sich daran gewöhnt, wie man sich an einen Stein im Schuh gewöhnt. Und jetzt lag die einzige Schau auf Wasser auf ihrem Grund. Wie klopft man nach 39 Jahren Schweigen an Tür? Am nächsten Morgen fuhr Heiner nach Down zum Amtsgericht. Eine freundliche Frau am
Schalter mit Brille an einer Kette fragte, ob er Eigentümer sei, und ließ ihn dann ohne viele Worte einen Auszug einsehen. Heiner hatte nie in seinem Leben ein Grundbuch gelesen. Er brauchte lange. Dann fand er die Zeile und seine Knie wurden weich. Abteilung 2. Eingetragen am 12. Mai 1931. Wasserentnahmercht und Leitungsrecht zugunsten des jeweiligen Eigentümers des Hofes Märtes an der Quelle auf dem Flurstück Hang aufwärts, einschließlich des Rechts, die Anlage zu unterhalten. Er las den Satz dreimal. Dann sah er die
Frau an. Ist das noch gültig? Das steht im Grundbuch, sagte sie. Solange es nicht gelöscht ist, gilt es. Und es ist nicht gelöscht. Sie lächelte. Das passiert öfter als man denkt. Alte Rechte. die keiner mehr kennt. Das Recht stand auf dem Papier, aber das Recht allein grub keinen Graben. Er konnte nicht auf fremdem Land arbeiten, ohne dass der Nachbar es sah, und er wollte es auch nicht heimlich tun. Also ging er. Der Hof der Kessels lag eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Er ging zu Fuß mit dem Hut in der Hand, wie man
zu einer Beerdigung geht. Alois Kessel stand im Hof und baute an einem Anhänger. Er war 56 Jahre alt. breit wortk mit grauen Strähnen im Bad. Als er heiner sah, legte er langsam den Schraubenschlüssel hin. Alois Kessel sagte nichts. Ich will nicht lange stören. Ich brauche Wasser für meine Tiere. Die Quelle oberhalb der Grenzeiche, die Quellstube. Mein Großvater hat sie gebaut. Im Grundbuch steht ein Recht für meinen Hof. Ich will sie wieder in Gang bringen. Kessels Gesicht blieb völlig ruhig, nur der
Kiefer arbeitete. “Dein Vater hat in meinem Haus nichts mehr zu suchen”, sagte er schließlich. “Und auch nicht.” “Ich bin nicht gekommen, um zu fragen, was ich darf”, sagte Heiner. Seine Stimme war fester, als er gedacht hatte. “Ich bin gekommen, damit du es von mir hörst und nicht von der Straße. Ich werde graben auf dem Recht, das auf dem Papier steht. Mehr nehme ich nicht, aber ich wollte nicht, dass du es aus der Zeitung erfährst. Es dauerte lange, irgendwo bellte ein Hund. Dann sagte
Kessel sehr leise: “Dann ist das deine Gefahr.” Er nahm den Schraubenschlüssel wieder auf und kehrte ihm den Rücken zu. Heiner stand noch einen Moment da. Dann setzte er den Hut auf und ging. Auf halbem Weg merkte er, dass seine Hände zitterten und er blieb stehen, bis es aufhörte. Will schlicht arbeitete mitzig immer noch in der alten Schmiede am Dorfrand, auch wenn er nur noch Zäune und Tore für Freunde machte. Er sah Heiner kommen und legte den Hammer weg. “Ich habe mich schon gefragt, wann du
kommst”, sagte er. Hubert hat dich im Bruch gesehen. “Ich habe gesagt, der Heiner hat was gefunden, sonst würde er nicht nachts graben.” Heiner zeigte ihm das Heft. Willy laß schweigend, die Brille auf die Stirn geschoben, den Finger auf den Zeilen. Dann klappte er das Heft langsam zu. “Das ist ein Widder”, sagte er. “Ein hydraulischer Widder. Mein Vater hat damals die Pflanche für den Windkessel gedreht. Ich war nicht geboren, aber er hat es oft erzählt. Die Dinger laufen ohne Strom,
ohne Diesel, ohne alles. Das Wasser fällt vom Hang herunter, schlägt gegen ein Ventil, das Ventil schlägt zu und der Stoß drückt einen Teil des Wassers hinauf, höher als die Quelle selbst liegt. Höher als die Quelle. Das Wasser fällt runter und nimmt ein bisschen von sich mit nach oben. Willly lächelte. Klingt wie Zauberei, ist aber nur Physik. Heiner lief es kalt über den Rücken. Das Wasser will nur runter, Heiner. Aber wenn man ihm zuhört, nimmt es einen Teil von sich mit nach oben. “Kannst du helfen?”, fragte er, wenn
“Wenn du mich lässt.” Auf dem Rückweg rief Markus an. Heiner ging nicht dran. Dann rief er noch einmal an und er ging doch ran. “Papa, Dieter hat mir erzählt, du gräbst im Bruch nach einem Schatz. Du bist 66. Dein Urgroßvater war 36. Als er das gebaut hat, sagte Heiner: “Ich habe nur länger gebraucht, um zu fragen.” Was gebaut? Aber Heiner hatte schon aufgelegt, weil er in diesem Moment keine Antwort hatte, die ein Ingenieur aus Köln gelten ließe. Er hatte nur den Deckel, das Heft, das Recht und einen
Verdacht, den Willi ausgesprochen hatte, ohne es zu wollen. Wenn das Ding 40 Jahre im Boden gelegen hat, Heiner, läuft es dann überhaupt noch? Sie fingen am Samstag an bei Sonnenaufgang. Die Quellstube lag hinter Brombeeren versteckt, ein kleines Betonhäuschen, halb im Hang vergraben, mit einem schweren Deckel. Heiner und Willly brauchten eine Stunde, um ihn mit Brechstange und Keilen zu heben, und dann sahen sie hinein. Das Wasser stand klar wie Glas. Es war ein Becken, nicht größer als eine Badewanne, und aus der
Rückwand ques nach, still, stetig, ohne Eile. Heiner tauchte die Hand hinein und spürte die Kälte bis zum Ellenbogen. “9°”, schätzte er, “In diesem Sommer. “Sie lebt”, sagte er. “Natürlich lebt sie”, brummte Wille. Quellen sterben nicht, wenn man sie in Ruhe lässt. Nur die Menschen vergessen sie. Über ihnen, am Rand des Hanges stand die Grenzeiche. In Kesselhof, zwischen den Zweigen, bewegte sich einmal der Vorhang. Heiner sah es und tat, als sehe er es nicht.
Sie legten das Treibrohr frei, das von der Quellstube hinunter zum Bruch lief, ein gusseisernes Rohr von 2 Zoll, das der Großvater in den Hang gebettet hatte, wie eine Ader. Es dauerte drei Tage. Die Wurzeln der Erlen hatten sich um das Rohr geschlungen, hatten es an drei Stellen gedrückt und gebrochen. Willis schweiße Stücke ein, die er in seiner Werkstatt vorbereitet hatte und Heiner schaufelte, bis seine Schultern brannten. Sie sprachen kaum. Der Hang roch nach Staub, nach Eisen, nach heißem
Metall. Manchmal sagte Willly nur: “Reich mir den Zehner Schlüssel!” Und Heiner reichte ihn. Unten im Bruch legten sie den Schacht frei. Das Gehäuse des Widers saß da, wie in dem alten Bild, ein gedrungener Eisenkörper, schwarz vom Rost. Sie fanden das Steigventil, die Lederklappe darin vermodert, aber der Sitz noch heil. Den Windkessel, den Luftbehälter, der den Druck puffern sollte, hatte der Rost durchlöchert. Willy hängte stattdessen einen alten Druckluftbehälter an, den er aus seiner Werkstatt gerollt hatte und
schraubte die Steigleitung an, ein Rohr, das den Hang hinauf zum Hof führte, 300 m durch das Gras. Es fehlte nur noch eines. Das Stoßventil, das Herzstück, das Ventil, das schlägt. Im Gehäuse klaffte dort, wo es hätte sitzen müssen, ein leerer Sitz. Wer immer es herausgenommen hatte, hatte es sauber getan. Mit dem richtigen Werkzeug. Mit Absicht, das kann ich nachbauen, sagte Willly am vierten Abend. Er hielt die Zeichnung aus dem Heft ins Licht. Messing, ein Gummisitz, eine Feder. Ich drehe dir was zusammen. Am fünften Tag
stand das Provisorium im Gehäuse, ein Messingteil, das nach Werkstatt roch, nicht nach alter Arbeit. Heiner öffnete den Schieber an der Quelle. Das Wasser rauschte durch das Rohr hinunter und dem Bruch begann etwas zu schlagen. Klick, klick. Klick, klick. Es klang hektisch, flach, nervös. Kein Specht, ein aufgeregtes Insekt. Die Steigleitung spuckte ein paar Tropfen, mehr nicht. Zu schnell, murmelte Heiner. Das ist nicht das Geräusch. Ein Zehner drauf, sagte Wille, steht im Heft. Sie versuchten es
mit einem Zehner, mit zwei. Der Rhythmus änderte sich, wurde langsamer, stotterte, setzte aus. Am sechsten Tag, als Willly das Gewicht erhöhte und Heiner den Schieber ganz öffnete, geschah es. Mit einem hellen Knall sprang eine Rohrverbindung auseinander und ein Strahl eiskalten Wassers schoss quer durch den Schacht. Heiner stand bis zum Gürtel im Nassen. Er fluchte und dann lachte er, ein rauhes, überraschtes Lachen, dass er seit Gertas Tod nicht mehr in sich gehabt hatte. Willly lachte mit, bis ihm die Tränen kamen. Am
siebten Tag kam das Gewitter. Es zog gegen Abend von Westen auf, zuerst als gelbe Wand über dem Ma, dann mit einem Wind, der die Erlen peitschte. Heiner und Willly rannten zum Hang. Der erste Regen seit Wochen prasselte auf den ausgedörten Boden, der ihn nicht aufnehmen konnte. Das Wasser rann in dünnen Bächen den Hang hinab und riss Erde mit. Der Graben, den sie am Treibrohr ausgehoben hatten, begann zu rutschen. Die Böschung, schrie Wille. Sie geht ab. Sie schleppten Bretter, Steine, Säcke, alles was sie hatten.
Zwei Stunden lang stemmten sie sich gegen den nassen Hang und als es vorbei war, standen beide schwarz von Schlamm im Dunkeln, keuchend mit zerschundenen Händen. Aber das Rohr hielt und der Regen, der nicht mehr als 20 Minuten gedauert hatte, hatte auf dem trockenen Land kaum Spuren hinterlassen. In dieser Nacht saß Heine am Küchentisch und starrte auf die Zeichnung, nicht auf das Gehäuse, auf die Lücke, wo das Ventil hätte sein sollen. Und plötzlich erinnerte er sich an etwas, dass er vergessen hatte. Das Sterbebett. 2004.
Sein Vater, 79 mit eingefallenen Wangen, das Gesicht schon halbwo letzten Abend hatte er die Augen aufgeschlagen und etwas gesagt, das Heiner damals für Fieber warn gehalten hatte. Das Ventil, Heiner, es ist nicht verloren, es ist nur nicht hier. Heiner stand auf. Er suchte in dieser Nacht die ganze Scheune ab. Die Werkstatt, den Heuboden, den Keller, die Mauernischen, jede Kiste, jedes Fach in der alten Werkbank. Er drehte den Hof um und fand Schrauben, Haken, Hufnägel, einen Zahn von Gert Askam. Er fand kein Ventil. Als
der Morgen kam, setzte er sich auf die Bank vor dem Haus und sah zu, wie die Sonne über dem Bruch aufging. Es war Donnerstag. Morgen kam Sabine zum letzten Mal. Der letzte Abend war windstill und schwül. Willly war nach Hause gegangen, müde und grau im Gesicht. Wenn es nicht klappt, Heiner, dann hast du es wenigstens versucht”, hatte er gesagt. Heiner hatte genickt, ohne etwas zu antworten. Ihm war nicht danach, über das Aufgeben zu reden. Er ging in der Dunkelheit allein hinunter in den Bruch. Das Provisorium schlug im
Gehäuse klick klick klick, ohne dass es etwas brachte. Er hatte den Schieber leicht geöffnet und wollte nur lauschen. Er setzte sich auf den Rand des Schachts, die Taschenlampe ausgeschaltet und er hörte, wie falsch es klang. Nicht nur falsch, es klang wie das Geräusch einer Maschine, die nicht weiß, was sie ist. Dann hörte er Schritte. Sie kamen den Hang herunter, langsam, schwer. Ein Licht schwankte zwischen den Erlen, eine Stallaterne. Heiner stand auf. Der Mann, der aus dem Dunkel trat, war breit in
Arbeitshose und offenem Hemd. Alois Kessel. Sie sahen einander an. Zwischen ihnen lag das leise Klicken des falschen Ventils. “Das schlägt zu schnell”, sagte Kessel. Heiner blieb stumm. “Ich höre das seit Tagen. Von meinem Fenster aus. Ich kenne den Klang. Mein Vater hat mich als Kind einmal mit hierher genommen, da war ich vielleicht sieben. Das Ding hat damals anders geklungen, ruhiger wie ein Herz. Er stellte die Laterne ab, dann griff er in die Tasche seiner Hose und zog etwas hervor in ein Stück Leinen
gewickelt. Er wickelte es langsam aus. Es war ein Stück Messing, kaum größer als eine Faust, blank poliert, als hätte es nie im Dunkeln gelegen. Ein runder Teller an einer kurzen Stange, ein eingeschliffener Rand, eine Kerbe für das Gewicht. Heiner starrte darauf. Er hatte die Zeichnung 100t mal betrachtet. Er erkannte jede Linie. Das ist das Stoßventil. Dein Vater hat es mir gegeben sagte Kessel. Seine Stimme war rau. 1979. Ich habe es nie zurückgebracht. Er hielt es hin. Heiner nahm es. Es war
schwer und kühl und es lag in seiner Hand, als gehörte es dorthin. Hinter seiner Stirn hämmerten tausend Fragen, aber keine kam heraus. Er kniete sich an den Schacht und zog das Provisorium heraus. Das Messing glitt in den Sitz, als wäre es nie weg gewesen. Er suchte das Heft in seiner Jackentasche, schlug es auf, löste vorsichtig das Siegelackstück ab und nahm den Zähner. Er legte ihn auf die Kerbe. “Nie mit Gewalt”, sagte Kessel hinter ihm, so leise, dass Heiner nicht wusste, ob er es zu ihm sagte oder zu sich selbst.
Heiner öffnete den Schieber. “Zuerst klackte nichts. Das Wasser rauschte durch das Rohr, drückte gegen das Ventil und das Ventil rührte sich nicht. Dann stieß es einmal: Ein stolpernder Schlag, ein zweiter, ein dritter, zu früh, zu schwach.” Die Maschine stotterte, hustete. Heiner schloss die Augen und dann fand sie ihren Rhythmus. Klack, klack, klack, klack. Ruhig, tief, gleichmäßig, ohne Eile, ohne Pause, kein Insekt, ein Herzschlag. Heiner legte die Hand auf das Gehäuse. Er spürte den Puls
im Eisen, durch die Handfläche bis in die Brust. Er war zehn Jahre alt und neben ihm saß sein Großvater mit der kalten Pfeife und lauschte. Neben ihm stand Alois Kessel. Er hatte die Mütze abgenommen und dann von oben vom Hof her in der Stille der Nacht kam ein Geräusch, das Heiner 40 Jahre lang nicht gehört hatte. Ein Pletschern Wasser, das in einen leeren Trog läuft. Sie gingen den Hang hinauf, zwei Männer, die einander seit 39 Jahren nicht angesehen hatten, schweigend nebeneinander. Als sie oben ankamen, standen die Kühe schon
Schulter an Schulter. Aus dem Rohr floss dünn, aber stetig ein silberner Strahl in den Beton. Die Tiere drängten und stießen, sie tranken und das Schlürfen klang lauter als alles andere. Heiner stand da und konnte nicht sprechen. Kessel sah auf die trinkenden Tiere. Dann sah er Heiner an. Warum hatte er das Ventil nie hergegeben? Und warum brachte er es ausgerechnet jetzt? Sie saßen am nächsten Morgen in der Küche zum ersten Mal seit 39 Jahren zwei Männer aus zwei Häusern an einem Tisch. Heiner hatte Kaffee gemacht. Kessel
hielt die Tasse mit beiden Händen, genauso wie Gerda es getan hatte und sah nicht auf. Ich war 17, sagte er im Herbst 1979. Heiner wartete. Das Dorf legte damals die Wasserleitung. Alle sollten angeschlossen werden. Dein Vater hat den Wider abgestellt, weil er dachte, er brauche ihn nicht mehr. Mein Vater Anton hatte gehört, dass der Zweckverband Quellen kaufen wollte. Gutes Geld, wenn eine Quelle ergiebig war. Und die Quelle oberhalb der Grenzeiche war ergiebig. Er hielt inne. Mein Vater hat nachts den
Grenzstein versetzt. einen Meter, vielleicht anderthalb, gerade so viel, dass die Quellstube auf unserem Grund lag. Heiner stellte die Tasse ab. “Dein Vater ist an dem Abend gekommen, um das Ventil auszubauen”, fuhr Kessel fort. Er wollte den Wider für immer stilllegen und dabei hat er den Stein gesehen. Er hat es sofort gewusst. Das ganze Land hier kannte er mit geschlossenen Augen. Und er ist zu uns heruntergekommen mit dem Ventil in der Hand. Ich stand in der Stalltür und habe alles gesehen. Er ging
zu meinem Vater, der am Hoftor stand. Er hat nichts gesagt. Er hat das Ventil auf den Pfosten gelegt. Und dann hat er gesagt, dann gehört dir auch das, damit du weißt, was du da genommen hast. Kessel schluckte. Er ist gegangen. Er hat nie ein Wort mehr gesagt. Er hat auch nicht geklagt. Er hätte das Recht gehabt. Es steht ja im Grundbuch. Aber er war zu stolz. Und dein Vater? Mein Vater hat sich geschämt. Kessel lächelte bitter. Aber schämen kann man sich still und wenn man das lange genug tut, wird es zu einer
Mauer. Er konnte weder den Stein zurücksetzen noch das Ventil zurückbringen. Er hat es in die Schublade gelegt. Er ist 1998 gestorben, ohne es getan zu haben. Und ich habe es geerbt zusammen mit der Mauer. Heiner sah den Mann an, der ihm gegenüber saß. Er sah nicht den Nachbarn mit dem harten Gesicht. Er sah einen Jungen, 17 Jahre alt in einer Stalltür, der etwas gesehen hatte, was er nie jemandem erklären konnte. “Jedes Jahr habe ich mir vorgenommen, es zurückzubringen”, sagte Kessel. “Jedes
Jahr wurde es schwerer. Je länger man wartet, desto mehr wiegt so ein Stück Messing.” “Dan habe ich gehört, wie dein Provisorium schlug. Falsch. Und ich dachte, wenn der Mann das Richtige nicht bekommt, dann habe ich nichts, wofür ich noch stehen kann. Es war lange still. Draußen auf dem Hof gluckerte der Trock. Das Wasser lief seit der Nacht, Tag und Nacht, ohne Pause. “Mein Vater hat gesagt, ich soll fragen”, sagte Heiner schließlich. “Habe ich nie getan. Meiner hätte sagen müssen, dass es ihm leid
tut.” Sie sahen einander an, dann streckte Kessel die Hand über den Tisch und Heiner nahm sie. Das Dorf erfuhr es schneller, als Heiner hätte gucken können. Schon am Samstag fuhren die ersten Nachbarn mit Kanistern und Wagen auf den Hof. Hubert Bcker, der ihn Schatzsucher genannt hatte, stand lange vor dem Trog und sagte nur: “Ich habe nicht gewusst, dass es sowas gibt.” Heiner füllte ihm den Kanister und sagte nichts dazu. Er hatte keine Lust auf Genugtung. Dazu war er zu müde. Am
Montag kam dann eine Frau von der unteren Wasserbehörde der Kreisverwaltung. Sie hieß Brand, trug einen Helm und eine Mappe unterm Arm, und sie sagte ihm schon an der Tür, dass jede Wasserentnahme aus einer Quelle der Anzeige bedürfe und dass sie die Anlage im Zweifel stilllegen müsse. Heiner legte ihr den Grundbuchauszug auf den Tisch. Die Frau lass ihn zweimal, rief dann in ihrem Büro an und ließ in den alten Büchern nachsehen. Nach einer Stunde kam der Rückruf. Im Wasserbuch stand ein Eintrag aus dem Jahr 1931.
Altes Recht, wie man das nannte, nicht erloschen. Sie brauchen eine Wasseruntersuchung und wir legen eine Mindestmenge fest, die in der Quelle bleiben muss, sagte Frau Brand. Aber das Recht ist da. Sie klappte die Mappe zu und sah zum Bruch hinunter, wo es gleichmäßig schlug. Wissen Sie, dass es in Rheinland falls noch drei oder vier solcher Wider gibt und dass wir keinen davon in Betrieb haben? Jetzt haben sie einen. Sie lächelte, ohne es zu wollen. Jetzt haben wir einen. Dita Lenz stand am Garten Zaun,
als sie ging, die Hände in den Taschen. Ich werde das prüfen lassen sagte er verlegen. Ob die Gemeinde nicht? Ach, Heiner, es tut mir leid. Wegen des Vermittlers, wegen allem. Am Samstag darauf gegen Abend fuhr ein schwarzer Wagen mit Kölner Kennzeichen auf den Hof. Markus stieg aus in Hemd und Anzughose, mit Autoschlüssel in der Hand und diesem müden Gesicht, dass er seit der Beerdigung seiner Mutter trug. Er hatte seine Tochter nicht mitgebracht. Er hatte sich vorgenommen, mit seinem Vater zu reden und Heiner sah ihm an, dass er
sich eine ganze Rede zurecht gelegt hatte. Dann blieb Markus stehen. Vor ihm am Trog standen die Kühe. Dahinter aus dem Rohr floss ein strahl klares kaltes Wasser. Ohne Pumpe, ohne Motor, ohne Strom. Er sagte nichts. Er stand nur da, ein Ingenieur mit offenem Mund, und sah zu, wie die Tiere tranken. Dann horchte er. Von unten aus dem Bruch drang ein tiefes, gleichmäßiges Klack herauf. Markus ging langsam den Hang hinunter. Heiner folgte ihm nicht. Er sah ihm nach, bis er zwischen den Erlen verschwand, und er wußte nicht, ob sein
Sohn gerade den Hof aufgab oder ihn zum ersten Mal sah. Im Frühjahr 2019 kam Markus an einem Freitagabend, wie jede Woche seit dem Herbst. Er parkte den Wagen neben der Scheune, zog die Anzugschuhe aus und die Gummistiefel an. Heiner hatte nicht darum gebeten. Es war einfach so geworden. Ich habe was ausgerechnet, hatte er im Oktober gesagt am Küchentisch mit einem Notizblock voller Zahlen. Der Wider liefert gut 7000 l am Tag. Das reicht für den Hof und wenn es noch mehr solcher Quellen am Hang gibt, die keiner kennt. Er hatte
sich im Winter in alte Karten vertieft, in Flurbücher, in Archive der Kreisverwaltung. Er hatte sieben Hangquellen im Umkreis von zwei Kilometern kartiert, drei davon mit alten Fassungen. “Ich bin jedes Wochenende da”, sagte er. “Ich bleib in Köln, die Firma lass ich nicht, aber ich will das hier nicht verlieren.” Heiner hatte genickt. Er hatte nichts gesagt, weil er nicht wusste, wie man sich bei seinem eigenen Sohn bedankt. An einem milden Aprilsamstag standen sie zu viert
am Erlenbruch. Heiner, Markus, Willly und Alois Kessel. Zwei Männer hatten gemeinsam einen Fahl in den Boden getrieben, dort wo die alte Grenze verlief. Der Stein, den Anton Kessel vor 40 Jahren versetzt hatte, lag auf einem Anhänger. Alois hatte ihn selbst ausgegraben. “Das hätte ich längst tun sollen”, sagte er. “Du hast es getan”, sagte Heiner. Sie setzten den Stein zusammen an seinen alten Platz. Es dauerte eine Stunde, weil er schwer war und weil keiner von ihnen es eilig
hatte. Als er stand, schlug Willi mit der Faust darauf und sagte: “Held!” Dann bauten sie gemeinsam eine Bank aus Eichenholz, genau dort, wo man das Klacken am besten hörte. Heiner und Kessel zimmerten sie in zwei Nachmittagen, ohne viele Worte. Sie war kein Kunstwerk, aber sie war stabil. Die Gemeinde nahm die alten Anlagen in ihre Karten auf. Zwei andere Höfe im Nachbarort kamen zu Willi und fragten nach den Zeichnungen. Ein Reporter aus Trier schrieb einen langen Artikel, den Heiner nicht las. Er schnitt ihn nur aus
und legte ihn in die Keksdose zu Gert Aszette. An einem Abend im Mai saß Heiner allein in der Küche. Auf dem Tisch lag das blaue Heft. Er blätterte bis zur letzten beschriebenen Seite in der Handschrift seines Großvaters und darunter war eine freie Zeile. Er nahm den Bleistift und schrieb vier Wörter hinein. Dann klappte er das Heft zu. Der Sommer 2023 war einer von der guten Sorte mit Regen im Juni und Sonne im Juli. Der Hof lief gut. Markus hatte vor einem Jahr seine Stelle in Köln auf drei Tage die Woche reduziert und die anderen
vier auf dem Hof verbracht mit Plänen im Kopf und Rohren im Kofferraum. Ein dritter Widder lief inzwischen im Nachbardorf. Heiner saß auf der Bank am Erlenbruch an einem warmen Abend mit den Händen auf den Knien. Er war 71. Neben ihm lag eine Thermoskanne und neben der Kanne stand eine zweite Tasse. Kessel war am Nachmittag da gewesen, wie jeden Donnerstag und nach einem Kaffee und einem Wort über das Wetter wiedergegangen. So hatten sie sich das angewöhnt. Man musste nicht viel sagen, wenn man sich einmal alles gesagt hatte.
Hinter ihm knackte ein Zweig. Opa. Lea stand da, acht Jahre alt, mit nackten Füßen und aufgeschirrften Knien, in der Hand einen Marmeladenbecher mit einem toten Käfer drin. Sie setzte sich neben ihn, ohne zu fragen: “Was ist das für ein Geräusch?” Heiner antwortete nicht gleich. Er lauschte. Unter den Erlen, im Schatten hörte er es ruhig und gleichmäßig. Klack, klack, klack. Dasselbe Geräusch wie 1962. Das ist Wasser, sagte er, das nach oben will. Wasser fließt doch runter. Das hat dein Urgroßvater auch gesagt. Er hat
gesagt, das Wasser will nur runter, aber wenn man ihm zuhört, nimmt es einen Teil von sich mit nach oben. Lea runzelte die Stirn. Sie dachte lange nach, so wie Kinder nachdenken, wenn sie etwas ernst nehmen. Und warum hat es dann so lange nicht geklappt? Weil ein kleines Stück gefehlt hat. Ein Teil von der Maschine. Ein Teil von der Maschine, sagte Heiner und ein Teil von uns. Der war schwerer zu finden. Sie sah ihn an. Dann kletterte sie auf seinen Schoß wie früher, als sie noch kleiner war. Er legte die Arme um sie.
In der Tasche seiner Jacke lag das Heft abgegriffen, mit dem Wachstuch an den Ecken schon weiß. Er holte es heraus und schlug die letzte Seite auf. Dort stand unter der Handschrift des Großvaters in seiner eigenen Schrift im Mai 2019 mit Bleistift geschrieben. Ventil zurück. Nachbar auch. Lea lass es leise vor mit dem Finger auf den Wörtern. Sie fragte nicht was es bedeutete. Das würde sie eines Tages von selbst fragen und er würde es ihr dann erzählen. Nicht zu spät. Die Sonne ging hinter dem Mar
unter. Auf dem Hof oben leuchtete Licht in der Küche und aus dem Stall kam ein zufriedenes tiefes Brummen. Irgendwo am Hang schloss jemand ein Tor und unter den Ehrlen schlug es weiter, so wie es schon vor einem Jahrhundert geschlagen hatte. Ruhig und ohne Eile, Tag und Nacht. Klack, klack, klack. M.