Marika Röck und das Diktat des Lächelns: Der steile Weg vom Kindestar im Varieté zum Staatsstar der UFA

Die Welt des Films, des glanzvollen Entertainments und der großen Leinwände vermittelt nach außen hin nur allzu oft das Bild einer unbeschwerten Traumwelt, in der Applaus, Musik und ständiges Lächeln den Alltag der Künstler bestimmen. Doch hinter den glänzenden Kulissen, den aufwendigen Filmproduktionen und dem grellen Scheinwerferlicht verbergen sich oftmals menschliche Schicksale, die von extremem Leistungsdruck, früh erzwungener Reife, politischen Verstrickungen und hochemotionalen Konflikten geprägt sind. Ein besonders berührendes, vielschichtiges und historisch bedeutsames Beispiel hierfür ist das Leben und Wirken von Marika Röck, einer der unverkennbaren Ikonen des deutschen Unterhaltungsfilms. Mit ihrer unvergleichlichen Leichtigkeit, rasanten Steppnummern und ihrem strahlenden Lächeln begeisterte sie über Jahrzehnte hinweg Millionen von Menschen. Doch je genauer man ihre Biografie und die Umstände ihres Aufstiegs betrachtet, desto mehr drängt sich die Frage auf, was es eigentlich kostet, ein ganzes Leben lang fröhlich zu sein, während um einen herum die Welt in Trümmer fällt.
Geboren im November 1913 in Kairo als Tochter ungarischer Eltern, verbrachte Marika ihre frühen Jahre in Budapest und schien zunächst in behüteten Verhältnissen aufzuwachsen. Doch als ihr Vater, ein Architekt und Bauunternehmer, sein Vermögen verlor, veränderte sich das Leben des jungen Mädchens über Nacht radikal. Aus dem sorglosen Kind wurde plötzlich eine Verdienerin. Im Jahr 1924 zog die Familie nach Paris, und bereits mit elf Jahren stand Marika bei den legendären Hoffman Girls auf der Bühne des berüchtigten Varietés Moulin Rouge. Elf Jahre alt – ein Kind mitten unter erwachsenen Tänzerinnen, die um die Gunst eines zahlenden Publikums warben. Ein sogenanntes „wildes Bretterkind“, das nicht aus purer Lebensfreude tanzte, sondern weil zu Hause das Geld fehlte. Von diesem Moment an gehörte ihr junger Körper der harten Arbeit. In den folgenden Jahren reiste sie mit großen Revuen von den Bühnen des New Yorker Broadway bis zu den Spielsorten von Monte Carlo. Sie lernte früh eine fundamentale Lektion: Das Lächeln ist ein Werkzeug, das man aufsetzt, wenn die Musik beginnt, und das man erst wieder abnimmt, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Ein Mensch, der im Kindesalter verinnerlicht, dass Freude eine abzuliefernde Leistung ist, verlernt diesen Reflex zeitlebens nicht mehr. Hinzu kam, dass ihr Vater ihr Talent früh entdeckte und mit eiserner Hand lenkte; er bestimmte, wann sie auftrat, welche Schritte sie einübte und welche Kleider sie trug. Er war der erste Mann, der die Regie über ihr Leben übernahm, und er sollte gewiss nicht der letzte bleiben.
Der entscheidende Wendepunkt in ihrer Karriere ereignete sich im Jahr 1934, als sie mit einer Revue auf Tournee war und Vertreter der UFA – des damals größten und einflussreichsten deutschen Filmstudios – auf sie aufmerksam wurden. Die UFA suchte händeringend nach einer europäischen Antwort auf die großen Hollywood-Stars wie Eleanor Powell, Ginger Rogers oder Rita Hayworth. Marika Röck bot das ideale Material: Sie konnte tanzen wie keine zweite, singen, schauspielern und war es gewohnt, absolut bedingungslos zu funktionieren. Ab 1935 drehte die UFA einen Film nach dem anderen mit ihr, maßgeschneidert für ihr ungarisches Temperament, begleitet von den besten Komponisten des Landes. Über den meisten dieser erfolgreichen Streifen stand der Name von Georg Jakobi. Im Jahr 1940 heiratete Marika den Regisseur, der 31 Jahre älter war als sie. Jakobi inszenierte fast alle ihre großen Filme, er bestimmte, wie sie sich bewegte, wie die Kamera sie einfing und wann sie zu lächeln hatte. Nach ihrem Vater führte nun ihr eigener Ehemann die restriktive Regie über ihr Leben und ihre Karriere. Arbeit und privates Dasein waren längst untrennbar miteinander verschmolzen.
Mit dem Beginn der 1940er Jahre und dem fortschreitenden Krieg veränderte sich auch die Funktion des Kinos im Deutschen Reich grundlegend. Propagandaminister Joseph Göbbels erkannte schnell, dass die Bevölkerung nicht nur Durchhalteparolen benötigte, sondern vor allem wirksame Ablenkung von den grausamen Realitäten an den Fronten und den verheerenden Luftangriffen auf die Heimat. Im Jahr 1941 erhielt Marika Röck die Hauptrolle in „Frauen sind doch bessere Diplomaten“, dem ersten deutschen Farbfilm. Das Reich investierte enorme Summen, neueste Technik und großen nationalen Stolz in dieses Projekt. Farbe war teuer, aber Farbe war vor allem auch ein mächtiges Propagandainstrument, das zeigen sollte, zu welchen kulturellen Höchstleistungen Deutschland trotz des Krieges fähig war. Marika Röck war längst kein einfaches Varieté-Mädchen mehr; sie war zu einer staatlich behüteten Institution aufgestiegen.
Ihr unbestrittener Höhepunkt als UFA-Superstar folgte im Jahr 1944. Hochpregnant – im April kam ihre Tochter Gabriele zur Welt – stand sie für den Film vor der Kamera, der bis heute untrennbar mit ihrem Namen verbunden ist: „Die Frau meiner Träume“. Die Premiere fand am 25. August 1944 im Berliner Marmorhaus statt. Es war der teuerste europäische Farbfilm jener Epoche. Man muss sich diesen Abend bildlich vor Augen führen: Draußen lag Deutschland im vierten Kriegsjahr, Städte sanken in Schutt und Asche, und Nacht für Nacht heulten die Sirenen der Fliegeralarme. Drinnen im Kinosaal tanzte eine strahlende, unbeschwerte Frau durch eine makellose Winterlandschaft, umgeben von gleißenden Farben und beschwingter Musik. Die Menschen, die tagsüber unter Einsatz ihres Lebens Trümmer geräumt hatten, saßen im dunklen Kinosaal und blickten in eine völlig andere Welt – eine Welt ohne Krieg, voller Schnee, Melodien und jenem perfekten Lächeln. Für zwei Stunden durften sie all den Schrecken vergessen, und genau das war der politische Zweck dieses Films. Historiker haben später vielfach dokumentiert, dass solche Streifen als gezielte „Durchhaltefilme“ konzipiert waren. Gute Laune wurde vom Propagandaministerium offiziell zur kriegswichtigen Waffe erklärt, und Marika Röck lieferte diese geforderte Heiterkeit wie keine andere. Sie sang unvergessliche Lieder wie „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“ und den Schlager „Mach dir nichts draus, mach dir nichts draus“, dessen Titel wie ein bitterer Befehl über jenen dunklen Jahren schwebte.
Dennoch war selbst das Verhältnis der Nationalsozialisten zu ihrem gefeierten Star von einem permanenten, spannungsreichen Widerspruch begleitet. Zwar wurde sie im September 1944 auf die sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ gesetzt, was sie als unentbehrliche Künstlerin vom Kriegsdienst befreite, doch trauten die Machhaber der leichten Kunst insgeheim nie ganz. Für „Die Frau meiner Träume“ galt beispielsweise ein strenges Jugendverbot, und in einer geheimen Presseanweisung verfügte das Propagandaministerium sogar, dass sich der Film nicht für öffentliche, tiefgehende Besprechungen eigne – man brauchte zwar die dringend benötigte gute Laune des Volkes, misstraute ihr aber gleichzeitig zutiefst.
Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus im Jahr 1945 folgte für Marika Röck zunächst die harte Konsequenz: Sie wurde mit einem vorläufigen Auftrittsverbot belegt und stand unter dem Verdacht der Nähe zum Regime. In dieser schwierigen Übergangszeit arrangierte sie sich jedoch geschickt und organisierte Unterhaltungsabende für die amerikanischen Besatzungstruppen – ihr Lächeln fand schlicht ein neues Publikum. Im Jahr 1947 folgte schließlich die offizielle Rehabilitierung durch ein Ehrengericht des österreichischen Schauspielerverbands und einen Untersuchungsausschuss, die sie für politisch unbelastet erklärten. Die Begründung lautete, ihre Filme seien im Grunde völlig apolitisch und reine, harmlose Unterhaltung gewesen. Dies war die klassische Ära der sogenannten „Persilscheine“, mit denen sich zahlreiche Mitläufer im Nachkriegsdeutschland in Windeseile eine weiße Weste ausstellten. Marika Röck übernahm diese bequeme Erzählung im Wesentlichen als ihre eigene Lebenswahrheit und betonte zeitlebens, sie sei stets „total unpolitisch“ gewesen. Dennoch zeichnen historische Dokumente aus Archiven ein differenzierteres und durchaus ambivalentes Bild, das belegt, dass sie durchaus Petitionen oder Huldigungen verfasst hatte. Sie war mit diesem inneren Widerspruch allerdings keineswegs allein; ein ganzes Land erklärte sich nach 1945 für unpolitisch, getreu dem Motto, man habe ja schließlich nur seine Arbeit getan und niemanden geschadet.
Trotz der historischen Brüche und der wechselhaften politischen Epochen hörte Marika Röck niemals auf, auf der Bühne zu stehen und ihr Publikum zu verzaubern. Bereits 1948 gehörte sie zu den ersten stolzen Trägern des neu geschaffenen Bambi-Preises, und 1981 folgte das Filmband in Gold für ihr herausragendes Lebenswerk. Nach dem Tod ihres ersten Ehemanns Georg Jakobi im Jahr 1964 heiratete sie 1968 ihren Manager Fred Raul, der fortan ihre großen Operetteninszenierungen betreute. Bis ins hohe Alter von über 80 Jahren stand sie unermüdlich auf den Theater- und Operettenbühnen. Am 16. Mai 2004 verstarb Marika Röck schließlich im Alter von 90 Jahren in Baden bei Wien. In ihrem Nachlass fanden sich hunderte sorgfältig aufbewahrte Erinnerungsstücke, Kostüme und Fotografien – ein ganzes Leben akribisch dokumentiert. Zurück bleibt bis heute das faszinierende und zugleich melancholische Bild einer Ausnahmekünstlerin, deren Lächeln als Broterwerb eines armen Kindes begann, in dunklen Kriegsjahren zur perfekten Illusion für ein leidendes Volk wurde und am Ende vielleicht zu einer Maske geriet, hinter der selbst sie selbst den Ursprung ihres wahren, unbeschwerten Ichs nicht mehr eindeutig erkennen konnte.