Alle lachten über seinen 620-Mark-Bulli – bis er unter dem Lack ein rotes Kreuz fand
Als der Auktionator den Hammer hob, lachte Dieter Kranz so laut, dass Männer am anderen Ende des Hofes sich umdrehten. Vor ihm stand ein verrosteter VWT1 Pulli, stumpf grün überstrichen mit aufgequollenen Türen und einem Ladeboden aus Brettern. 620 Mark. Friedrich Müller nahm die Hand herunter.
Er hatte nicht wegen des Motors geboten. Er hatte vier Befestigungspunkte im Boden gesehen, sauber gesetzt und symmetrisch. Später würde unter der grünen Farbe ein rotes Kreuz auftauchen und hinter einer Seitenwand eine Karte mit einem Datum. 17. Februar 1962. Noch aber sah der Bullli aus wie Schrott.
620 Mark! Rief Dieter Friedrich, dafür hättest du wenigstens einen kaufen können, der noch ein Dach hat. Ein paar Männer lachten. Friedrich nicht. Er war siebz und hatte Jahre in einer Volkswagenwerkstatt gearbeitet. Er öffnete die Schiebetür, beugte sich hinein und strich über den Rand des Bodens. Die Bretter waren später eingesetzt worden, darunter lag Metall.
“Was suchst du?”, fragte Dieter. Friedrich zeigte auf vier kleine Vertiefungen. Zwei links, zwei rechts. “Da war mal irgendeine Bank festgeschraubt. Vielleicht.” Die Löcher waren nicht ausgefranzt. Sie saßen in geprägten Verstärkungen, paarweise angeordnet, exakt auf einer Linie. Dann bemerkte Friedrich oben an der Dachkante zwei runde Stellen, verschlossen und überlackiert.
Dieter zuckte mit den Schultern. In 30 Jahren boht jeder irgendwo ein Loch rein. Friedrich antwortete nicht. Diese Löcher waren nicht irgendwo. Am Nachmittag stand der Bullli unter dem Vordach hinter seinem Haus in Winsen. Seine Frau Hanna kam mit Kaffee aus der Küche und blieb an der offenen Tür stehen. Das ist also dein Schatz noch nicht.
Friedrich zog die erste Sperrholzplatte hoch. Darunter lag ein grauer Blechboden. Zwei Schrauben brachen, eine mußte er ausbohren. Unter der nächsten Platte lagen wieder dieselben Verstärkungen. Hanna stellte die Tasse ab und ging in die Hocke. Zeig noch mal die Punkte. Friedrich leuchtete hinein. Hanna hatte bis zur Rente als Krankenschwester gearbeitet und kannte alte Rettungsfahrzeuge aus ihren ersten Berufsjahren.
Die Abstände kommen mir bekannt vor. Wofür? Für Tragenhalterung. Vielleicht Friedrich löste eine schmale Leiste an der linken Seitenwand. Dahinter lagen zwei abgesägte Schienen. Eine endete genau über einem der Befestigungspunkte. Hannah legte die Hand darauf. Wenn das eine Trage war, lief sie hier entlang.
Aber ein alter Transporter mit solchen Haltern war noch kein Geheimnis. Viele Bullli waren irgendwann umgebaut worden. Post, Feuerwehr, Werkverkehr, Krankenwagen. Ohne weitere Spuren bewies das nichts. An der Innenseite der hinteren Tür war der grüne Lack abgeplatzt. Darunter lag kein grauer Grund, sondern ein heller, cremeweißer Farbton. Er nahm feines Schleifpapier.
“Nicht zu viel”, sagte Hanna, “Nur so viel, dass ich sehe, ob es alt ist.” Der helle Lack zog sich weiter unter das Grün. Keine kleine Reparaturstelle. Die ganze Tür war früher weiß gewesen. Friedrich ging zur Seitenwand und prüfte eine zweite Stelle. Wieder grün, darunter weiß. Komplett umlackiert, sagte er.
Hanna wischte hinten Schmutz vom Blech. Friedrich er hörte an ihrer Stimme, dass sie etwas gefunden hatte. Zwischen zwei Rostblasen lag ein dünner roter Strich. Grundierung: Friedrich beugte sich näher. Zu rot. Er legte nur wenige Zentimeter frei. Der rote Strich wurde breiter und lief nach oben. Eine zweite rote Fläche erschien und traf die erste im rechten Winkel.
Friedrich hielt inne. Unter der stumpfgrünen Farbe lag weißer Karosserielack, darauf zwei rote Balken sauber übereinander. Hanna sah zur offenen Schiebetür, dann wieder auf die abgesägten Schienen im Inneren. “Friedrich”, sagte sie leise, “das war kein Lieferwagen.” Er wischte den Schleifstaub mit dem Daumen weg. Vom Zeichen war erst ein Teil sichtbar, aber beide wussten bereits, was unter dem Grün verborgen lag.
Am nächsten Morgen lag der Bullli halb geöffnet in der Werkstatt. Friedrich hatte die Nacht kaum geschlafen. Eine Frage ließ ihn nicht los. Warum hatte jemand einen Krankenwagen so gründlich umgebaut? Er begann mit den Befestigungen. Hanna brachte alte Fotos aus ihrer Zeit im Krankenhaus. Auf einem alten Bild stand ein Transporter.
Im Inneren verlief eine Schiene entlang der Seitenwand, darunter zwei Halterungen im Boden. Hanna legte das Foto neben den Bullli. “Nicht identisch”, sagte Friedrich, aber ähnlich genug. Er maß die Abstände und die Höhe der abgesägten Schiene. Alles passte zu einem einfachen Tragensystem. An der Trennwand fand er zusätzlich zwei kleine Gewindebuchsen.
Dort konnte einmal eine Halterung für eine Sauerstoffflasche gesessen haben. Drei Spuren passten zusammen. Am frühen Nachmittag stand Dieter wieder auf dem Hof. Ich habe gehört, ihr habt etwas gefunden. Wer redet denn so schnell? Jeder. Dieter trat näher. Das Lächeln verschwand, als er das rote Stück sah. Ist das echt? Sieht so aus.
Er ging einmal um den Wagen. Ich gebe dir 15hund. Hanna hob die Augenbraun. Friedrich sagte nur, vor drei Tagen war er noch Schrott. Ist er auch nur interessanter Schrott? Dann lass ihn interessant bleiben. Dieter verzog das Gesicht und fuhr. Wenn Ihnen solche Geschichten gefallen, in denen eine kleine Spur plötzlich eine ganze Vergangenheit öffnet, bleiben sie dabei.
Denn hinter der nächsten Verkleidung wartete etwas, das die Suche erneut veränderte. Am Abend entfernte Friedrich die linke Innenwand. Dahinter lagen Dämmmaterial, Staub und eine schmale Hohlkammer. Hanna leuchtete hinein. Da steckt etwas. Friedrich griff hinein und zog eine flache Aluminiumkassette heraus.
Sie war kaum größer als ein Schulheft, an den Kanten oxidiert, aber geschlossen. Er öffnete sie vorsichtig. Oben lag ein gefaltetes Formular, darunter zwei dünne Karten und ein Stück Bleistift. Vieles war noch lesbar. Friedrich glättete das Blatt auf der Werkbank. Oben stand Einsatzkarte, darunter spalten für Datum, Uhrzeit, Fahrzeug, Einsatzort und Bemerkung.
Die ersten Zahlen waren unspektakulär. Bereitschaft, Tankmenge, zwei Fahrten innerhalb Hamburgs. Dann kam eine andere Zeile. 17. Februar 1962. Hanna sah das Datum zuerst. Sie sagte nichts. Friedrich blickte zu ihr. “Was?” Sie tippte auf die Karte. Das war ja die Sturmflut. Rechts neben dem Datum stand ein Ort. Wilhelmsburg.
Daneben eine Straße und eine Hausnummer. Die Tinte war blass. Unter Bemerkung standen mehrere Abkürzungen. Hanna kannte einige davon noch. “Hier”, sagte sie. “Evakuierung. Von wem?” Sie las weiter. “Frau, zwei Kinder, darunter eine zweite Notiz.” Ein Kind stark unterkühlt. Friedrich sah auf die Kassette und dann auf den Bully.
Bis jetzt hatten sie nur herausgefunden, was der Wagen einmal gewesen war. Jetzt wussten sie zum ersten Mal, wo er gewesen sein könnte. Doch etwas störte ihn. Auf der Karte stand keine vollständige Fahrgestellnummer, nur eine kurze Fahrzeugkennung. Sie konnte zu diesem Bullli gehören oder zu einem anderen. Friedrich legte die Karte unter die Lampe.
Wenn sie wirklich seit 1962 in dieser Seitenwand gesteckt hatte, musste sich am Wagen noch etwas finden lassen, das ihre Geschichte bestätigte. Hanna las die Adresse erneut. Friedrich. Er drehte sich um. Wenn das dieser Wagen war, dann hatte er in dieser Nacht nicht nur Kranke gefahren. Was meinst du? Sie zeigte auf die Uhrzeit, zwei Uhr, da stand Wilhelmsburg schon unter Wasser.
Friedrich blickte durch die offene Werkstattür auf den stumpfgrünen Bullli. Zum ersten Mal sah er keinen alten Volkswagen mehr. Er sah eine Maschine, die vielleicht mitten durch eine Nacht gefahren war, in der ganze Straßen verschwanden. Aber solange die Karte nicht eindeutig zu diesem Wagen gehörte, blieb alles nur eine Möglichkeit.
Und genau dieser Beweis musste irgendwo am Bullli selbst noch vorhanden sein. Am rechten Hecktürblatt begann Friedrich nicht mit Schleifpapier, sondern mit einem kleinen Magneten. An drei Stellen hielt er sauber, in der Mitte plötzlich kaum noch. Spachte, sagte er. Er erwärnte die Fläche leicht und löste vorsichtig eine dünne Schicht ab.
Darunter kam kein Rostloch zum Vorschein, sondern eine alte Reparatur. Das Blech war nach innen gedrückt, später grob herausgezogen und mit Spachtel geglättet worden. Die Form war ungewöhnlich, eine halbkreisförmige Delle etwa auf Kniehöhe. Friedrich fotografierte sie, bevor er irgendetwas weiter anfasße.
Zwei Tage später saßen er und Hanna im Hamburger Staatsarchiv vor mehreren Kartons mit Aufnahmen aus dem Februar 1962. Überschwemmte Straßen, Menschen auf Dächern, Boote zwischen Häusern, Feuerwehrfahrzeuge bis zu den Achsen im Wasser. Auf den ersten Bildern war kein Bulli zu erkennen. Dann schob Hanna ein Foto zu ihm.
Am Rand einer überfluteten Straße stand ein heller T1 mit einem roten Kreuz auf der Seite. Zwei Männer trugen eine Frau zur Schiebetür. “Das könnte jeder Krankenwagen sein”, sagte Friedrich. Hanna nickte. Genau deshalb suchten sie weiter. Auf einer zweiten Aufnahme war derselbe Fahrzeugtyp von hinten zu sehen. Das Kennzeichen war durch Wasser und Körnung kaum lesbar.
Friederich nahm seine Lupe. Die rechte Hecktür zeigte einen dunklen Fleck. Nicht rechteckig. nicht zufällig, halbkreisförmig. Er sagte trotzdem nichts. Er wollte keinen Beweis sehen, nur weil er einen brauchte. Die entscheidende Spur kam von einem ehemaligen Fahrer namens Walter Thomson.
Ein Archivmitarbeiter kannte ihn noch aus einer früheren Befragung. Thomson war inzwischen 78 und lebte in Haburg. Als Friedrich ihn die Einsatzkarte zeigte, setzte der alte Mann seine Brille auf. Die Kennung kenne ich vom Fahrzeug, von der Wache. Er erklärte, dass in jener Nacht alles verwendet worden war, was fahren konnte. Krankenwagen transportierten nicht nur Verletzte.
Sie holten Menschen aus Straßen, die innerhalb von Minuten zu Kanälen geworden waren. Thomson las die Zeile mit Wilhelmsburg. 2:41 Uhr murmelte er, da war dort unten die Hölle los. Er deutete auf die Bemerkung: “Frau, zwei Kinder, einer unterkühlt.” Hanna sah Friedrich an. Der Eintrag war plötzlich kein Verwaltungstext mehr. Irgendwo hinter diesen vier Worten standen drei Menschen, die in dieser Nacht in den Bulli gestiegen waren.
Aber Friedrich wollte noch immer wissen, ob es wirklich ihr Bulli gewesen war. Thomson konnte sich an einzelne Fahrzeuge nicht erinnern. Zu viele Einsätze, zu viele Jahre. Doch als Friedrich ihm das Foto der beschädigten Tür zeigte, blieb er hängen. Diese Delle sagt Ihnen etwas? Nicht sicher, aber solche Schäden gab es in der Nacht überall. Treibgut, Türen, Balten.
Keine Bestätigung, doch genug, um weiterzusuchen. Zurück in der Werkstatt entfernte Friedrich innen die Verkleidung der rechten Hecktür. Hinter der Reparatur fand er einen alten Knick im Verstärkungsblech. Das bedeutete, die Beschädigung war nicht Jahre später oberflächlich entstanden. Der Schlag war stark genug gewesen, die innere Struktur zu treffen.
Er legte das Archivfoto daneben. Höhe identisch, form identisch, Position identisch. Dann fand Hanna eine zweite Aufnahme. Der Bullli stand schräg vor einem Haus. Das rote Kreuz lag ungewöhnlich dicht hinter dem Türgriff. Bei ihrem Wagen war unter dem grünen Lack genau dort dieselbe Markierung erhalten. Jetzt hatten sie zwei unabhängige Merkmale.
Friedrich legte die Hände auf die Werkbank. Das reicht mir noch nicht für 100%, aber für 90, er sah sie an. Mehr. Am nächsten Vormittag kam Dieter Kranz. Diesmal lachte er nicht einmal zur Begrüßung. Er ging direkt zur freigelegten Seite, sah das rote Kreuz und die Fotos auf dem Tisch. 4000 Friedrich hob den Kopf. Mark.
Ich weiß, wie Geld funktioniert. 4000 so wie er steht. Friedrich fragte und dann komplett machen. Lack runter, weiß, Kreuz drauf, chromsauber. Ein Sammler in Bremen sucht frühe Sonderfahrzeuge. Also neu, natürlich neu. So verkauft man so etwas. Friedrich blickte auf die halbfreigelegte grüne Seitenwand. Gerade die schlechte grüne Farbe hatte den alten Lack geschützt.
Die Spachtelmasse hatte die Delle konserviert. Jede Schicht, die Dieter entfernen wollte, war in Zwischenil des Beweises. Nein, Dieter schüttelte den Kopf. Du bist verrückt. Kann sein. Am Abend brachte Hanna einen Ausdruck aus dem Archiv mit. Zum ersten Mal stand dort nicht nur eine Adresse. Es war eine Liste der Bewohner des Hauses aus der Einsatzkarte.
Familie Petersen, Mutter Ingrid Petersen, Tochter Malis, 12 Jahre, Sohn Jürgen 8 Jahre. Neben Jürgens Namen befand sich eine handschriftliche Ergänzung, Unterkühlung, Weitertransport. Friedrich las die Zahile zweimal. Bis zu diesem Moment hatten sie eine Maschine verfolgt. Jetzt hatte die Maschine einen Namen zurückgegeben, Jürgen Petersen.
Und wenn er noch lebte, war er 19917 Jahre alt. Drei Tage später stand Friedrich vor einem Reihenhaus in Lüneburg und hielt die Einsatzkarte unter dem Arm. Jürgen Petersen öffnete selbst. 37 Skeptischer Blick. Als Friedrich sagte, worum es ging, sah er auf den Bullli draußen und dann wieder auf den alten Mann.
Sie glauben, ich bin in diesem Wagen gefahren? Ich glaube gar nichts, bevor ich es beweisen kann. Das gefiel Jürgen offenbar. Er ließ Friedrich und Hanna herein. Auf dem Wohnzimmertisch lagen bald die Adresse aus Wilhelmsburg, eine Kopie aus dem Melderegister und Jürgens alte Krankenunterlagen. Das Datum und der Wohnort stimmten.
In einer Karteikarte stand: Unterkühlung, 8 Jahre, männlich, Aufnahme nach Evakuierung aus Wilhelmsburg. “Meine Mutter hat darüber nie gern gesprochen”, sagte Jürgen. “Erinnern Sie sich an die Fahrt?”, fragte Hanna. Er schüttelte den Kopf, dann zögerte er. an Wasser, an sehr kalte Hände und an etwas Rotes, vielleicht ein Licht.
Ich weiß nicht, ob das Erinnerung ist oder etwas, dass ich mir später zusammengesetzt habe. Friedrich fragte nicht weiter. Er wollte ihm nichts einreden, nur damit es zur Maschine passte. Jürgen holte eine Pappschachtel. Seine Mutter hatte Fotos und Dokumente aufgehoben, dann kamen Bilder der Flut, Schlammen in den Straßen, nasse Möbel, Matratzen an Zäunen.
Auf einem Foto stand Ingrid Petersen vor einer Notunterkunft. Neben ihr Mariss. Jürgen saß in eine Decke gewickelt auf einer Bank. Im Hintergrund war ein weißer VW zu erkennen. Zu klein. Das Kennzeichen war nicht lesbar. Vom roten Kreuz sah man nur einen Teil. Das beweist noch nichts. Sie ließen das Negativ vergrößern. Am nächsten Nachmittag lag der Abzug auf Friedrichs Werkbank.
Der Bullli war nun deutlich zu sehen. Friedrich sah die rechte Hecktür. Dort unten im Blech saß eine dunkle halbreisförmige Verformung. Er holte das Archivfoto und sein eigenes Foto daneben. Drei Bilder, dieselbe Delle, dieselbe Lage des Kreuzes und dieselbe kleine Unregelmäßigkeit an der unteren Türkante. Friedrich ging zum Bullli und legte die Hand an genau diese Stelle.
Jetzt war die Kette geschlossen. Am selben Abend kam Dieter zurück. Diesmal brachte er einen Sammler aus Bremen mit. Der Mann ging langsam um den Wagen und nannte nach zehn Minuten eine Summe. Zwölf Mark Dieter grinste. “Na, jetzt wird der Schrott doch interessant.” Friedrich fragte den Sammler: “Was würden Sie damit machen?” Komplett restaurieren, alles runter bis aufs Blech.
Originalfarbe, neue Kreuze, Innenraum rekonstruieren und die grüne Farbe weg. Die Delle hinten natürlich richten. Genau diese hässliche Stelle hatte geholfen, den Wagen auf alten Bildern wiederzuerkennen. Nicht zu verkaufen. Dieter starrte ihn an. 12000 für einen Wagen, für den du 620 bezahlt hast. Dann ist er für dich ja ein gutes Geschäft. Für dich auch.
Friedrich deutete auf die Hecktür. Wenn ich die glatt ziehe, verschwindet der Beweis. Der Sammner nickte und ging. Dieter folgte. In den folgenden Monaten reparierte Friedrich nur was den Bullli weiter zerstört hätte. Rost wurde gestoppt, Bremsen und Leitungen wurden erneuert, der Motor bekam das Nötigste, aber die Karosserie blieb lesbar.
Ein Stück Grün blieb stehen, daneben weiß, darunter der freigelegte Teil des roten Kreuzes und an der Hecktür blieb die Delle. Jürgen kam noch zweimal vorbei. Beim zweiten Besuch brachte er das vergrößerte Foto seiner Mutter mit. Später gelangte der Bullly in eine kleine regionale Ausstellung zur Hamburger Nachkriegsgeschichte.
Friedrich bestand nur auf einer Bedingung. Niemand durfte ihn fertig restaurieren. Es blieb nur eine letzte Frage. Im Frühjahr 2019 erhielt die Ausstellung einen Brief. Absender Jürgen Petersen. Er war inzwischen 65. Beim Auflösen des Hauses seiner verstorbenen Tante hatte er ein weiteres Foto gefunden und dieses Bild schrieb er zeigte etwas am Bullli, das Friedrich noch nie gesehen hatte.
Im Februar 2019 stand Jürgen Petersen wieder vor dem Bullli. 28 Jahre waren seit seinem ersten Besuch vergangen. Friedrich war inzwischen fast 100 und lebte nicht mehr allein zu Hause, aber für diesen Tag hatte seine Tochter ihn zur Ausstellung gebracht. Er saß auf einem Stuhl neben dem Wagen, dünner geworden, die Hände ruhig im Schoß.
Jürgen trug eine flache Pappmappe unter dem Arm. “Das hier kannte ich damals nicht”, sagte er. Er legte das Foto auf einen Tisch. Es war am Morgen nach der Flut aufgenommen worden. Ingrid Petersen stand vor einer provisorischen Unterkunft. Das Haar nass, der Mantel zu groß. Mal hielt eine Tasse. Der achtjährige Jürgen saß in eine Wolldecke gewickelt auf einer Bank.
Hinter ihn stand ein weißer Bulli mit rotem Kreuz. Diesmal war die rechte Hecktür vollständig zu sehen. Friedrich ließ sich das Bild nie erreichen. Unten in der Tür saß dieselbe halbkreisförmige Delle. Nicht nur ungefähr an derselben Stelle. Auch der kleine Knick am unteren Rand war sichtbar, dort, wo das Blech beim Schlag nach innen gezogen worden war. Jügen ging zum Wagen.
Er legte zwei Finger auf die Delle. Meine Mutter hat immer gesagt, der Wagen hätte uns aus dem Wasser geholt. Friedrich sah ihn an. Sie wußte nie, wer gefahren ist. Nein, sie sagte nur, es sei ein Mann gewesen, der immer wieder zurückgefahren ist. Auf der anderen Seite des Raumes bereitete Archivmitarbeiter alte Unterlagen für die Ausstellung vor.
Hannah hatte schon 1991 eine Sache nicht erklären können. Auf der Einsatzkarte stand neben 2:41 Uhr ein Kürzel aus zwei Buchstaben HB. Damals hatte niemand gewusst, wofür es stand. Der Archivar hörte das Gespräch, nahm die Kopie der Karte und verschwand für fast 20 Minuten. Als er zurückkam, hielt er eine Personalübersicht der Hamburger Rettungsdienste von 1962 in der Hand.
Ich glaube, wir haben ihren Fahrer. Er zeigt auf eine Zeile. Heinz Bärm, Jahrgang 1929, Fahrer, Sanitätsdienst Süd, eingeteilt am 16. und 17. Februar 1962. Daneben stand dieselbe interne Kennung wie auf der Einsatzkarte HB. Jürgen las den Namen laut. Zum ersten Mal seit sieß Jahren hatte der Mann, der seine Familie durch die überfluteten Straßen gefahren hatte, wieder einen Namen.
Bärmann war 1998 gestorben. Es gab keine Begegnung mehr, keinen Händedruck und keine späte Dankesrede. Nur eine Karte, zwei Buchstaben und ein alter Volkswagen. Später an diesem Nachmittag kamen mehr Besucher. Einer von ihnen blieb auffällig lange vor dem Bulli stehen. Dieter Kranz. Er war älter geworden, der Rücken leicht gekrümmt, die Stimme leiser als früher.
Er erkannte Friedrich sofort, dann sah er auf die grüne Farbe, das freigelegte Weiß und den Teil des roten Kreuzes. Das ist er also. Friedrich nickte. Dieter ging zur Hecktür und betrachtete die Delle. Die hast du wirklich nie gemacht? Nein. Dieter schwieg. 1991 hatte er geglaubt, eine perfekte Restaurierung würde den Wert erhöhen.
Jetzt hing hinter dem Wagen genau das Foto, das nur deshalb Beweiskraft hatte, weil Friedrich eine hässliche Beschädigung nicht beseitigt hatte. Dieter sagte nichts mehr über Geld. Jürgen stand noch immer neben der Tür. Er strich einmal mit dem Daumen über den alten Knick im Blech und sah dann zu dem Foto seiner Mutter.
In einer Ecke der Ausstellung lag eine Kopie der Einsatzkarte. Darauf standen Datum, Uhrzeit, Adresse und vier Worte über drei Menschen, die in jener Nacht aus Wilhemsburg herausgebracht worden waren. Mehr hatte die Maschine nicht bewahrt, aber es reichte. 1991 hatten Männer auf einem Auktionshof auf denselben rostigen Bullli gezeigt und über 620 Mark gelacht.
Friedrich hatte nur vier ungewöhnliche Befestigungen gesehen. Jahre später legte Jürgen Petersen die Hand auf die Delle, die Friedrich absichtlich nie repariert hatte, und las zum ersten Mal den Namen des Mannes, der ihn aus dem Wasser gefahren hatte und schwieg lange. Ah.