Schatten hinter dem Rampenlicht: Evgeny Vinokurov über seinen Kampf mit Depressionen T
Schatten hinter dem Rampenlicht: Evgeny Vinokurov über seinen Kampf mit Depressionen
In der glitzernden Welt des Tanzsports und des Fernsehens scheint alles perfekt: Scheinwerferlicht, Applaus, jubelnde Fans und strahlende Siege. Evgeny Vinokurov, ein gefeierter Profitänzer, kennt diese Welt in- und auswendig. Mit seinem Triumph bei der Tanzshow „Let’s Dance“ im Mai 2026 erreichte er einen weiteren Höhepunkt in seiner beeindruckenden Karriere. Doch für den 35-Jährigen ist dieses Leben keineswegs nur ein einziger glanzvoller Tanz. Hinter der strahlenden Fassade verbirgt sich ein Mensch, der seit Jahren mit einer dunklen Seite kämpft: den Depressionen.
In einem tiefgreifenden und emotionalen Interview bricht Vinokurov nun sein Schweigen. Er spricht offen über die psychischen Herausforderungen, die ihn begleiten, selbst in den Momenten, in denen die Welt ihn als strahlenden Sieger sieht. Sein Geständnis ist mutig, ein notwendiges Licht auf ein Thema, das in der glatten Medienwelt oft im Schatten bleibt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der gelernt hat, dass echter Erfolg mehr bedeutet als nur eine perfekte Performance auf dem Tanzparkett.
Der Anfang dieser schwierigen Phase liegt Jahre zurück. Nach der Trennung von seiner damaligen Partnerin Christina Luft im Jahr 2018 begann für Vinokurov eine Abwärtsspirale. Was als persönliche Krise begann, entwickelte sich ab 2019 zu einem ernsthaften gesundheitlichen Problem. „Die Depressionen verschwinden nicht einfach“, erklärt der Tänzer nachdenklich. „Vielmehr muss man lernen, mit ihnen zu leben.“ Es ist eine Aussage, die von tiefer Reflexion und Akzeptanz zeugt – zwei Qualitäten, die er sich hart erarbeitet hat.
Die Therapie, die er im Januar 2020 begann und Ende 2022 erfolgreich abschloss, wurde zu einem Rettungsanker in seinem Leben. Sie half ihm nicht nur dabei, die dunklen Gedanken zu kanalisieren, sondern veränderte grundlegend seinen Blick auf sich selbst. Vinokurov betont immer wieder, wie wichtig professionelle Unterstützung in diesem Prozess war. „Heute kenne ich mich selbst deutlich besser“, sagt er. Er akzeptiert sich nun zu 100 Prozent und ist zu einer reflektierteren Persönlichkeit herangewachsen.
Dass es während der besonders belastenden Zeiten auch suizidale Gedanken gab, macht die Schwere seiner Erkrankung erst richtig deutlich. Solche Geständnisse sind im öffentlichen Diskurs selten und zeugen von einer enormen Stärke. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Erfahrungen ihn nicht definieren, aber sie haben ihn geprägt. Sie machen ihn menschlich und nahbar.
Doch die Wurzeln seiner Herausforderungen reichen noch weiter zurück. Mit gerade einmal 14 Jahren traf Vinokurov eine lebensverändernde Entscheidung: Er verließ seine Heimat Russland, um sich ganz dem Tanzsport in Deutschland zu widmen. Er ließ seine Familie zurück, ein Opfer, das er damals vielleicht nicht vollständig ermessen konnte. Erst Jahre später wurde ihm die volle Tragweite dieser Entscheidung bewusst, als er begriff, wie schmerzhaft es ist, die eigenen Angehörigen nur noch selten sehen zu können. Diese Einsamkeit und das frühe Erwachsenwerden in einem fremden Land legten vermutlich den Grundstein für die späteren Schwierigkeiten.

Trotz dieser dunklen Vergangenheit gibt es heute viel Grund zur Freude. Vinokurov ist mittlerweile dreifacher Vater, ein Glück, das ihn sichtlich erfüllt. Nach der Freitagsshow in Köln machte er sich am Samstag auf den Weg nach Bremen, wo seine Tochter am Sonntagmorgen um 4:21 Uhr zur Welt kam. Es sind diese Momente der puren menschlichen Verbindung, die ihm Kraft geben. Dass er kaum Zeit hatte, sich auszuruhen, bevor er am Montag schon wieder im Training in Köln stand, unterstreicht seine Disziplin und Leidenschaft für den Sport.
Die Frage, ob die Familie in Zukunft noch größer werden soll, lässt er offen. Seine Frau könne sich durchaus ein viertes Kind vorstellen, sagt er mit einem Lächeln. Er selbst legt sich bei diesem Thema nicht fest und betont lediglich, wie sehr er Kinder liebt. Es ist ein schönes Zeichen, dass er trotz der Herausforderungen den Blick nach vorne richtet und die Liebe zu seiner Familie in den Mittelpunkt stellt.
Vinokurov zeigt uns, dass man ein erfolgreicher Star sein und dennoch gegen inneren Dämonen kämpfen kann. Seine Geschichte ist keine bloße Sensationsmeldung, sondern ein Appell an Menschlichkeit und Verständnis. Sie erinnert uns daran, hinter die Kulissen zu schauen und anzuerkennen, dass hinter jedem Lächeln im Fernsehen ein Mensch mit einer eigenen, oft komplizierten Geschichte steckt. Seine Offenheit ist ein wichtiger Beitrag zur Enttabuisierung psychischer Krankheiten. Er lehrt uns, dass es in Ordnung ist, nicht immer in Ordnung zu sein, und dass der Weg zur Heilung oft steinig, aber lohnenswert ist.
Letztlich ist das Leben von Evgeny Vinokurov ein Zeugnis dafür, dass wir alle unsere Schattenseiten haben und dass die Fähigkeit, über diese zu sprechen, der erste Schritt zu einer echten, authentischen Lebensfreude ist. Sein Weg zeigt uns, dass man die Schatten akzeptieren und lernen kann, mit ihnen zu leben, während man weiter tanzt. Er hat bewiesen, dass der Sieg auf dem Tanzparkett nur eine Seite der Medaille ist – der wichtigere Sieg ist der, den man über sich selbst erringt. Und für diesen Sieg ist er ein wahrer Champion.
