Als der amerikanische Farmer versagte – nur der deutsche Gefangene fand das Geheimnis im Brunnen
Kansas Sommer 1944 über den Weizenfeldern von Cloud County flimmert die Luft schon am frühen Morgen und seit Wochen ist kein Tropfen Regen gefallen. Die Erde zwischen den Stoppelfeldern ist aufgerissen. Der Bach, der im Frühjahr noch über die Ufer trat, ist zu einem schmalen braunen Rinsaal geworden.
Auf der Prentisce Farm, ein paar Meilen nördlich von Concordia dreht sich ein stählernes Windrad über einem tiefen Brunnen. Ein Airmotor, wie ihn fast jede Farm in der Gegend besitzt. Ein vielblättriges Rad auf einem hohen Gerüst, das Tag und Nacht das Grundwasser nach oben pumpt, damit das Vieh nicht verdurstet. Ohne dieses Rad gibt es kein Wasser.
Ohne Wasser gibt es kein Vieh. Und ohne Vieh gibt es für Walter Prentis keine Farm mehr, für die es sich zu kämpfen lohnt. Walter ist 50 Jahre alt, sein Rücken gebeugt von 30 Jahren Arbeit auf trockenem Land. Sein Sohn Robert dient irgendwo im Pazifik und die Briefe kommen unregelmäßig, manchmal wochenlang gar nicht.
Die Farm zu halten, bis der Junge zurückkommt, ist für Walter mehr als eine Frage des Einkommens. Es ist ein stilles Versprechen, dass er sich selbst gegeben hat. Nie laut ausgesprochen, aber jeden Morgen erneuert, wenn er als erstes zum Windrad hinaufschaut, bevor er überhaupt Kaffee trinkt. Seine Frau Dorothy führt Buch über jeden Cent, den diese Dürre sie kostet.
Und in diesem Sommer sind es mehr als die Farm sich leisten kann. An einem Dienstagmgen im Juli bleibt das Windrad stehen, obwohl ein trockener Südwind über die Ebene fegt, der es eigentlich zum Rasen bringen müsste. Walter hört es zuerst nicht drehen, dann sieht er es. Die Flügel stehen fast still, nur ein müdes, ruckendes Knarren. Kein Wasser, das aus dem Rohr in den Trog läuft.
Er klettert die Leiter hoch, prüft das Getriebe im Ölbad oben am Mast. So gut er es kann, findet nichts Offensichtliches. Unten im Trog sinkt der Wasserspiegel sichtbar. 30 Rinder trinken an einem heißen Tag mehr, als ein Mensch sich vorstellen kann. Und ohne das Windrad bleibt nur Wasser mit dem Lastwagen aus der Stadt zu holen. Fass für Fass.
Ein Kampf, den Walter nicht lange durchhalten kann. Er ruft Sessel Waxford, den einzigen Mechaniker in der Gegend, der sich mit Windrädern auskennt. Sessel kommt am selben Nachmittag, steigt hinauf, verstellt die Bremse, wechselt das Öl im Getriebe, zieht jede Schraube nach, die er finden kann. Das Rad dreht sich wieder, aber das Wasser, das unten ankommt, ist ein dünnes Rinnsaal, kaum genug für ein einzelnes Tier, geschweige denn für die ganze Herde.
Cessel kratzt sich am Kopf, sagt, das Getriebe sei jetzt in bestem Zustand. Das Problem müsse tiefer liegen, aber tiefer als der Maß reiche sein Werkzeug nicht. Er verspricht es sich noch einmal anzusehen, wenn er Zeit findet und fährt zurück in die Stadt. Ein ganzer Tag ist vergangen. Die Sonne brennt weiter, unbarmherzig über einer Herde, die zu wenig zu trinken hat.
Am nächsten Morgen kommt der Lastwagen aus Lager Concordia, wie jeden Tag in diesem Sommer, um Kriegsgefangene zur Feldarbeit zu bringen. Das Lager, wenige Meilen östlich der Farm, wurde erst ein Jahr zuvor in nur 90 Tagen gebaut und ist inzwischen eines der größten seiner Art im ganzen Land. Mehr als vierend deutsche Soldaten, die meisten davon in Nordafrika unter dem Kommando von Feldmarschall Rommel gefangen genommen.
Jetzt weit weg vom Krieg mitten im amerikanischen Weizengürtel. Sie ernten Mais, Weizen, Kartoffeln, Zuckerrüben, Tomaten, was immer die Pharma der brauchen, denn die einheimischen Arbeiter sind an der Front oder in den Fabriken der Städte. Unter den Männern, die an diesem Morgen von der Ladefläche steigen, ist Hag Bärens, 24 Jahre alt, aus einem Dorf an der ostfriesischen Nordseeküste.
Hark ist kein Bauer. Seine Familie gräbt und pflegt seit drei Generationen Brunnen entlang der Küste, dort, wo das oberflächnah Grundwasser salzig ist und nur tiefe, sorgfältig abgedichtete Brunnen süßes Trinkwasser liefern. Er hat als Junge seinem Vater zugesehen, wie man ein Brunnen von Hand ausschachtet, wie man die Dichtungen prüft, wie man ein Problem, das man nicht sehen kann, allein am Klang und am Widerstand der Kurbel erkennt.
Im Winter 1943 wurde er in Tunesien gefangen genommen. Ein Soldat, der nie zum überzeugten Nationalsozialisten wurde, nur ein junger Mann von der Küste, einberufen wie tausende Andere auch. Seit einem Jahr ist er in Concordia. schreibt Briefe nach Hause, die Monate brauchen, um anzukommen und bekommt Antworten, die genauso lange unterwegs sind.
Sein jüngerer Bruder Ino”, schreibt die Mutter, hilft jetzt allein beim Brunnenbau, weil der Vater seit dem Herbst krank im Bett liegt. Hark kann nichts tun, außer zu warten und dort zu arbeiten, wo man ihn hinschickt. An diesem Tag schickt man ihn zur Apprentice Farm, um beim Aufladen von Wasserfässern zu helfen, denn Walter hat entschieden, das Vieh notdürftig mit dem Lastwagen zu versorgen, bis Sessel zurückkommt.
Hark sieht die durstigen Tiere, sieht das stehende Windrad, hört, wie der Wachposten und der Farmer über die Reparatur reden, die nicht hält. Er sagt zunächst nichts. Ein Gefangener, der ungefragt Ratschläge gibt, macht sich nur verdächtig. Das hat er in einem Jahr in Amerika gelernt. Aber am zweiten Tag, als er wieder Fässer schleppt und das dünne Rinnsaal aus dem Rohr beobachtet, bittet er den Wachposten für ihn zu übersetzen und sagt zu Walter: “Das Problem sitzt nicht oben im Getriebe, es sitzt unten im Brunnen selbst.” Walter starrt ihn an. Ein
Kriegsgefangener, der ihm erklären will, was mit seinem eigenen Brunnen los ist, den seine Familie seit 20 Jahren benutzt. Sessel, der Mechaniker aus der Stadt, hat das Getriebe geprüft und für einwandfrei befunden. Was soll ein deutscher Soldat davon verstehen, der noch vor einem Jahr in der Wüste gekämpft hat? Walter schüttelt den Kopf, sagt dem Wachposten: “Der Mann solle sich um die Fässer kümmern und nicht um Dinge, die ihn nichts angehen.
” Haar nickt und arbeitet weiter, ohne ein Wort der Widerrede. Er hat diese Reaktion erwartet. Drei Tage später wird es ernst. Eine tragende Kuh, die beste Milchkuh der Herde, bricht am Nachmittag in der Hitze zusammen, zu schwach vom Wassermangel, um sich wieder zu erheben. Dorothy [räuspern] weint nicht oft, aber an diesem Abend, als Walter das Tier mit nassen Tüchern kühlt und es trotzdem liegen bleibt, steht sie an der Stalltür und sagt lange kein Wort.
Sessel ist seit zwei Tagen nicht erreichbar, vielleicht bei einer anderen Farm, vielleicht mit dem eigenen Wagen liegen geblieben. Niemand weiß es genau. Walter hat in dieser Nacht keine Zeit mehr für Stolz. Am nächsten Morgen, als der Lastwagen aus Concordia die Männer bringt, geht Walter direkt zu Hark und fragt über den Wachposten, was er meint, wie man ins Innere des Brunnens gelangt.
H erklärt, so gut die Übersetzung es zulässt. Die Pumpstange, die vom Getriebe oben bis zum Zylinder tief unten reicht, muss man ganz herausziehen. Am unteren Ende sitzt ein Kolben mit einer Lederdichtung, die das Wasser bei jedem Hub nach oben presst und ein Fußventil, das es am Zurückfließen hindert.
Wenn das Leder reißt oder porös wird, dreht sich das Rad oben wie immer, aber unten baut sich kein Druck mehr auf und es kommt fast nichts mehr an. Genau das sagt Tag habe er am Geräusch des Rades gehört. Ein Rhythmus, der leer läuft, der nicht mehr greift. Das selbstschmierende Getriebe, das oben am Mast im Ölbad läuft, ist seit gut 30 Jahren der Stolz der amerikanischen Windradbauer.
Eine Erfindung, die aus einem einfachen Bauerngerät eine fast wartungsfreie Maschine gemacht hat. Kaum mehr als ein Ölwechsel im Jahr, hieß es in der Werbung der Hersteller. Aber genau dieser Ruf, sagt Hark leise zu sich selbst, während er das Rinnseil beobachtet, führt jeden, der eine Störung sucht, immer zuerst nach oben, dorthin, wo die Maschine sichtbar und stolz in der Sonne glänzt.
Niemand denkt zuerst an das, was tief unter der Erde liegt, unsichtbar, wo kein Werbeplakat je hinzeigt. Walter ist skeptisch, aber verzweifelt genug, es zuzulassen. Er bittet den Wachposten um Erlaubnis, Hark für den Rest des Tages von der Feldarbeit freizustellen. Die Erlaubnis kommt mit einem zusätzlichen Mann zur Bewachung.
Gemeinsam beginnen sie die Pumpstange herauszuziehen. Meter für Meter. Ein Seil um die Winde am Fuß des Mastes gelegt. Reine Handarbeit in der Nachmittagssonne, die keine Pause kennt. Es dauert Stunden. Der Schweiß läuft allen in die Augen. Die Handflächen werden wund vom groben Seil. Erst als die Sonne untergeht und die Luft endlich kühler wird, erreichen sie den Zylinder am unteren Ende der langen Stange.
Hark hatte recht. Die Lederdichtung ist eingerissen, brüchig und trocken von der langen Trockenheit, die auch dem Leder das letzte bisschen Feuchtigkeit entzogen hat. Eine neue Dichtung dieser Größe gibt es in der Stadt nicht. Der Krieg hat auch hier Vorräte knapp gemacht und was an brauchbarem Leder übrig ist, geht zuerst an die Armee.
Walter sieht das eingerissene Stück in Haks Händen und sagt, dann müssten Sie eben morgen früh nach Salina fahren. Zwei Stunden entfernt, es gäbe keine andere Möglichkeit. Hark schüttelt den Kopf. Er zeigt auf seine eigenen Arbeitsstiefel, dann auf einen alten ausrangierten Lederriemen vom Pferdegeschirr, der an einem Nagel im Stall hängt, brüchig an manchen Stellen, aber dicker und fester als die dünnen Reste am Kolben.
Mit einem Messer schneidet er im Licht der Scheunenlaterne einen Kreis aus dem harten Leder, formt ihn Stück für Stück nach der alten Dichtung, bis er fast passt, weicht ihn kurz in Öl ein, damit er geschmeidig genug wird, um sich sauber in den Zylinder pressen zu lassen. Walter hält die Laterne, Dorothy bringt Kaffee.
Der Wachposten sitzt müde auf einem umgedrehten Fass und sagt nichts mehr über die Uhrzeit. Gegen Mitternacht ist die improvisierte Dichtung eingesetzt, der Kolben wieder zusammengebaut, die Pumpstange Meter für Meter zurück in den Brunnen gelassen und mit dem Getriebe verbunden. Ein letzter gleichmäßiger Wind aus Südwesten fährt in die Flügel des Rades.
Es dreht sich langsam zuerst, dann kräftiger. Für einen Moment hört man nur das Knarren des Metalls über den Feldern. Dann aus dem Rohr ein Gluckern, ein Schwall und Wasser läuft in den Trog. stark und ohne Unterbrechung, so wie es sein soll. Niemand sagt in diesem Moment viel. Walter steht einfach da, die Hand auf dem kühlen Rand des Troks und sieht zu, wie das Wasser steigt und steigt.
Am nächsten Morgen steht die kranke Kuh wieder auf eigenen Beinen. Die Herde drängt sich um den vollen Trog und Dorothy bringt an diesem Tag zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Lächeln zum Frühstückstisch mit. Was danach beginnt, verändert sich nicht mit einem großen Ereignis, sondern in kleinen Schritten. Walter fragt den Wachposten, ob Hark öfter zur Farm kommen könne.
Nicht nur zum Wasserfässer schleppen, sondern für die Arbeiten, die ein technisches Verständnis brauchen, das sonst niemand in der Gegend hat. CC, als er endlich zurückkommt und von der nächtlichen Reparatur hört, ist nicht beleidigt, sondern neugierig. Und die beiden Männer, der amerikanische Mechaniker und der ostfriesische Brunnensohn, verbringen in den folgenden Wochen manchen Nachmittag damit, sich gegenseitig zu zeigen, wie Windräder auf beiden Seiten des Atlantiks gebaut werden.
Die amerikanischen aus Stahl- und Massenproduktion, die europäischen oft noch aus Holz und Handwerk, jede Generation über Jahrzehnte verbessert. Im Kern, sagt Hag einmal, folgen beide demselben einfachen Gesetz. Wind wird zu Bewegung, Bewegung wird zu Druck, Druck wird zu Wasser. Wer dieses Prinzip einmal wirklich verstanden hat, kann fast jede Maschine reparieren, die danach nach diesem Grundsatz gebaut wurde, ganz gleich aus welchem Land sie stammt.
Dorothy beginnt für die Gefangenen, die auf der Farm arbeiten, ein zweites Mittagessen mitzubringen. Mehr als vorgeschrieben ist, still, ohne es an die große Glocke zu hängen. Walter zeigt Hark eines Nachmittags ein Foto von Robert, seinem Sohn im Pazifik. Und Hark erzählt zum ersten Mal ausführlich von seinem Vater, der seit dem Herbst krank im Bett liegt und von Ino, der jetzt allein die Brunnen der Familie instand hält, so gut ein 16-jähriger das eben kann.
Zwei Väter, zwei Söhne, auf verschiedenen Seiten eines Krieges, der keinem von beiden je gehört hat. Im Herbst desselben Jahres, als die Erntezeit beginnt und die Prentis Farm jede verfügbare Hand braucht, fragt Walter beim Lager offiziell an, ob Hark für die gesamte Erntesaison der Farm zugeteilt werden kann, statt jeden Tag neu mit einer wechselnden Gruppe zu kommen.
Die Genehmigung dauert Wochen, geht durch mehrere Schreibtische in Concordia, aber am Ende steht Haks Name auf einer festen Liste zum amerikanischen Erntedankfest im November. stellt Dorothy entgegen den üblichen Regeln für die Verpflegung von Kriegsgefangenen einen Teller mit Trutan und Süßkartoffeln vor die Scheune, in der die Männer nach der Arbeit auf ihren Lastwagen warten.
Der Wachposten sieht es, sagt nichts, nimmt sich selbst ein Stück vom Rand des Tellers. Hark, der noch nie von diesem Fest gehört hat, fragt, wofür man an diesem Tag dankt, und Walter antwortet nur, dass die Farm noch steht und dass niemand mehr allein daran arbeitet. Im Winter, wenn draußen wenig zu tun ist, bringt Walter Hark in der Werkstatt bei, wie man auf Englisch über Maschinen spricht, und Hark bringt ihm im Gegenzug ein paar Worte plattdeutsch bei, die Walter nie richtig aussprechen kann, worüber beide jedes Mal lachen müssen. Sessel kommt
inzwischen regelmäßig vorbei, nicht mehr als bezahlter Mechaniker, sondern als jemand, der von Hark lernen will, wie man ein Problem hört, bevor man es sieht. eine Fähigkeit, die er nirgends in einem Handbuch gelesen hat. Gemeinsam reparieren die beiden im folgenden Frühjahr das Windrad einer Nachbarfarm, die dasselbe Problem hat wie die Prentice Farm im Sommer zuvor.
Und diesmal dauert es nur einen halben Tag, weil Ceel weiß, wonach er als erstes fragen muss. Nicht nach dem Getriebe oben, sondern nach dem Alter der Lederdichtung unten. In der Gegend spricht es sich herum, dass es auf der Prentis Farm einen deutschen Gefangenen gibt, der mehr von Brunnen versteht als jeder Mechaniker im Umkreis von 50 Meilen.
Und mehr als eine Farm schickt in diesem Winter eine Bitte um Hilfe. Im Frühsommer 1945, kurz nach der deutschen Kapitulation, erreicht die Farm die Nachricht, dass Robert Walters Sohn unverletzt aus dem Pazifik nach Hause kommen wird. In seinem letzten Brief vor der Überfahrt schreibt Robert: Sein Vater habe ihm in einem eigenen Brief von einem Deutschen namens Hark erzählt, der ihre Kühe gerettet habe und dass er neugierig sei, diesen Mann kennenzulernen, von dem der Vater inzwischen öfter schreibt als von der Ernte selbst. Die beiden jungen
Männer, der eine gerade aus dem Krieg gegen Japan zurückgekehrt, der andere immer noch Kriegsgefangener auf amerikanischem Boden, verbringen, im 1945 gemeinsam einen Nachmittag damit, das Windrad zu ölen, während Walter vom Zaun aus zusieht und zum ersten Mal seit Jahren wirklich zufrieden wirkt. Im Frühling 1946 wird Hark wie die meisten deutschen Kriegsgefangenen in Kansas nach Europa zurückgebracht.
Am Tag seiner Abreise steht die ganze Familie Prentice am Zaun der Farm, nicht am Lagertor, wo es die Vorschriften eigentlich verlangen würden. Aber der Wachposten, der inzwischen selbst oft an Haks Tisch gegessen hat, schaut in diesem Moment einfach in die andere Richtung. Walter drückt Hark die Hand, länger als es zwischen Fremden üblich wäre und sagt nur: “Die Farm werde nie vergessen, wer sie im Sommer 1944 wirklich gerettet hat.
” Dorothy steckt ihm ein Päckchen mit getrocknetem Rindfleisch zu und einen Brief für seine Mutter in ungelenkem, selbstgelerntem Deutsch geschrieben, Wort für Wort im Wörterbuch nachgeschlagen. Die Briefe zwischen Ostfriesland und Kansas reißen in den folgenden Jahren nicht ab. Hark kehrt in den Brunnenbau seiner Familie zurück.
Sein Vater erholt sich langsam und schon im ersten Winter zu Hause schreibt Tag seiner Mutter, wie seltsam es sei, an der Nordsee wieder Brunnen zu bauen, nachdem er mitten in Amerika gelernt habe, wie viel einziges Windrad für eine ganze Familie bedeuten kann. Auf beiden Seiten des Ozeans gleich. In den 50er Jahren, als die ersten Hilfspakete längst durch eigene bescheidene Weihnachtspakete ersetzt sind, schickt Walter Prentis jedes Jahr im Herbst ein Foto der Farm.
mit dem alten Ermotorwindrad, das immer noch dreht, mit demselben gepflegten Kolben, den Hark in jener Nacht mit einem alten Lederriemen und einem Küchenmesser gebaut hat. Robert übernimmt Ende des Jahrzehnts die Farm von seinem Vater und in einem seiner ersten eigenen Briefe an Hark schreibt er: “Das Windrad stehe inzwischen unter Denkmalschutz der Familie.
Niemand dürfe es je ersetzen, solange es sich noch drehe.” Erst schreibt Walter in einem seiner letzten Briefe, sei die Dichtung endlich ausgetauscht worden. nicht, weil sie gerissen war, sondern weil er das Stück Leder, wie er es nennt, als Andenken für seine Enkel aufbewahren wollte in einer alten Zigarrenkiste, zusammen mit dem Foto von einem jungen Deutschen, der einer amerikanischen Farm einst mitten in der schlimmsten Dürre ihres Lebens das Wasser zurückgab.
Als Hark Anfang der 70er Jahre zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben nach Amerika reist, um Robert und dessen eigene Kinder zu besuchen, ist das erste, was sie ihm zeigen, nicht das Haus, sondern der Trog unter dem Windrad. Immer noch voll, immer noch dasselbe Rauschen aus dem Rohr, das er in jener Nacht 1944 zum ersten Mal wieder hatte fließen hören.