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Als der Farmer die Bienen aufgeben wollte – der deutsche Gefangene rettete die Mandelblüte

Auf der Hollis Ranch bei Madeira mitten im Central Valley von Californien steht bis heute einziger alter Bienenstock am Rand des Mandelheins. Die Familie, die die Ranch seit drei Generationen bewirtschaftet, nennt ihn nie beim Namen des Herstellers, nie bei einer Nummer. Sie nennen ihn Wilside.

 Niemand auf der Ranch war je in Wilsidde. Es ist ein Dorf mitten in der Lüneburger Heide, tausende Kilometer entfernt, das die wenigsten Amerikaner je auf einer Karte finden würden. Und doch trägt dieser eine Bienenstock seinen Namen seit dem Frühjahr 1945. Um zu verstehen, warum muss man zu einem Zug zurückgehen, der im Oktober 1944 in einem kalifornischen Bahnhof hielt und zu 200 Männern, die aus den Wagons stiegen, in Uniformen mit riesigen weißen Buchstaben auf dem Rücken, PW Kriegsgefangene.

Einer von ihnen hieß Dietrich Suer, 29 Jahre alt, aus Wilsde, jenem Heidedorf, dessen Name heute auf einem Bienenstock in Kalifornien steht. Gefangen genommen worden war er im Oktober 1944 bei Achen während des Rückzugs an der Westfront, als die erste deutsche Großstadt in alliierte Hände fiel. Er sprach darüber nie viel, nicht im Lager, später auch nicht zu Hause.

 Was er dagegen gerne erzählte, wenn ihn im Lager jemand fragte, war etwas ganz anderes. Von seinem Vater, der Imker war, wie schon dessen Vater vor ihm und von einem Dorf, das kaum größer war als eine einzige Straße zwischen blühendem Heideraut. Wils lag und liegt bis heute mitten im Herzen der Lüneburger Heide, ohne Bahnanschluss, ohne befestigte Straße, erreichbar nur zu Fuß.

 oder mit dem Pferdewagen. Genau das hatte über Jahrhunderte jene besondere Lebensform hervorgebracht, die man dort Heidia nannte. Seit dem 16. Jahrhundert luden diese Wanderimker ihre Bienenkörbe aus geflochtenem Stroh, sogenannte Stülper, auf Wagen und zogen mit ihnen dorthin, wo die Heide gerade in voller Blüte stand.

 Oft tagelange Fahrrten über sandige Wege. Celle war seit dem 16. Jahrhundert der Handelsplatz für den würzigen dunklen Heidehonig. der auf keinem anderen Boden der Welt entstand. Fast jeder Hof in der Gegend hielt einen eigenen Bienenzaun und viele beschäftigten eigens einen Imkerknecht dafür. Dietrichs Vater war so einer gewesen und Dietrich selbst war mit den Körben aufgewachsen, lange bevor er lesen konnte.

 Er hatte gelernt, das Gewicht eines Volkes durch bloßes Anheben der Kiste zu schätzen, den Zustand einer Königin am Klang eines Stockes zu erkennen, noch bevor er ihn geöffnet hatte. und vor allem eines, daß man ein fremdes Bienenvolk nie aus Angst behandelt, sondern aus Geduld. Diese Fähigkeit war es, die im Februar 1945 über eine ganze Ernte entscheiden sollte.

 Campook, die große Kriegsgefangenenbasis an der kalifornischen Küste, unterhielt sechseh Außenlager in sechs Bezirken des Staates, weil den Farmann durch den Krieg die Arbeitskräfte fehlten. Eines dieser Außenlager lag auf der Pohress Ranch, wenige Kilometer westlich von Madeira. Von dort aus wurden die Gefangenen tag für Tag auf umliegende Farmen gebracht, um zu pflücken, zu pflügen, zu ernten.

 Earl Hollis, Besitzer eines kleinen Mandelheins am Rand der Stadt, meldete im Februar 1945 Bedarf an zwei Arbeitskräften an. Er hatte keine Ahnung, dass einer der Männer, die man ihm schickte, sein Leben retten würde, das seines Hofes jedenfalls. Holes war kein unfreundlicher Mann, aber ein Misstrauscher.

 Er hatte gehört, was man sich in der Stadt über die deutschen Gefangenen erzählte, und er war nicht bereit, ihnen mehr zuzutrauen als das Nötigste. “Zeig mir, wo die Leiter steht”, sagte er zu diedrich am ersten Morgen. “Mhr nicht.” In den ersten Tagen sprach er kaum ein Wort mit ihm, das über Anweisungen hinausging. Und wenn er doch etwas sagte, tat er es in kurzen, knappen Sätzen, als spare er sich jede Silbe, die er einem Gefangenen nicht schuldete.

 Die Mandelbäume standen bereits in voller Blüte, ein Meer aus zartem Weiß und Rosa, das sich über die Reihen zog, so früh und so kurz, dass jeder Tag zählte. Ohne Bestäubung keine Mandeln, ohne Mandeln kein Einkommen für das Jahr. Und Holl die meisten kleinen Farmer seiner Zeit verließ sich dafür nicht auf gemietete, herangekarte Bienenvölker, wie es Jahrzehnte später üblich werden sollte, als ganze Lastwagenladungen voller Bienenstöcke quer durch das Land zu den Mandelheinen Kaliforniens gefahren wurden.

 1945 war davon nichts zu sehen. Jeder Farmer verließ sich auf das, was er selbst am Rand seines Grundstücks hielt, dazu auf Wildbienen aus dem Umland. Hollte seine eigenen Stöcke, ein halbes Dutzend Kisten am Rand des Grundstücks, die er im Laufe der Jahre selbst aufgebaut hatte, mit den eigenen Händen gezimmert, jeder einzelne.

 In der Nacht vor Dietrichs zweitem Arbeitstag fiel die Temperatur weiter, als es die Jahreszeit eigentlich zuließ. Ein Kaltluftstrom aus dem Norden ungewöhnlich spät drückte über das Tal. Als Holis am Morgen zu seinen Stöcken ging, um nach ihnen zu sehen, fand er Stille. Keine Bewegung an den Fluglöchern, kein Summen, kein einziges Tier, das sich in der Kälte hinauswagte.

 Er klopfte gegen das Holz, nichts rührte sich. Er öffnete den Deckel eines Stockes und sah nur eine dichte reglose Masse von Bienen, zusammengeballt wie ein grauer Stein im Innern der Kiste. Für Holles war die Sache klar, die Völker waren tot oder krank, jedenfalls verloren. Er ging bereits zum Schuppen, um Werkzeug zu holen, die Kisten zu lehren und zu verbrennen, bevor sich eine mögliche Säuche auf die restlichen Stöcke ausbreiten konnte.

 Es war das, was man ihm beigebracht hatte. Im Zweifel lieber verbrennen als riskieren. Dietrich, der mit einer Astschere zwischen den Bäumen arbeitete, sah, wie Holles mit einem Kanister aus dem Schuppen kam und legte alles hin. “Warten Sie”, sagte er in seinem noch immer holprigen Englisch und lief über die feuchte Erde zwischen den Baum rein, schneller als es einem Gefangenen eigentlich zustand.

 Hol drehte sich um, wenig geduldig, den Kanister noch in der Hand. Was ein deutscher Gefangener über amerikanische Bienen zu sagen hätte, interessierte ihn in diesem Moment herzlich wenig. Er hatte in den vergangenen Jahren schon einmal ein Volk auf genau diese Weise verloren, unvorsichtig geöffnet, und er war nicht gewillt, dasselbe noch einmal mit anzusehen, ohne zu handeln.

 Aber etwas in der Ruhe, mit der der Mann näher trat, ließ ihn innerhalten. Dietrich kniete sich neben geöffnete Kiste, legte das Ohr beinahe an das Holz, lauschte lange, viel länger als Holles erwartet hatte. Dann hob er die Kiste testweise ein Stück an, spürte das Gewicht, nickte leise vor sich hin, wie jemand, der eine vertraute Antwort bekommt.

 “Sie sind nicht tot”, sagte er schließlich. Sie frieren. Wenn Sie sie jetzt öffnen und auseinanderreißen, dann sterben sie genau dadurch, nicht durch die Kälte allein. Holchte kurz, ohne Freude. Sie kennen sich mit texanischen Kühen genauso gut aus wie mit meinen Bienen, nehme ich an, aber Dietrich ließ sich nicht beirren.

 Er erklärte, so gut es seine Sprache zuließ, was er als Junge hundertfach gesehen hatte, dass ein Bienenvolk sich im Kälteeinbruch zu einer traubenförmigen Kugel zusammenzieht. die Königin im Zentrum, die Arbeiterinnen außen, alle gemeinsam erzeugen sie durch Muskelzittern Wärme, die den Kern des Nestes am Leben hält. Solange dieser Klaster geschlossen bleibt, überlebt das Volk auch Temperaturen, bei denen einzelne Bienen längst erfroren wären.

 Reißt man ihn jedoch auseinander, indem man die Kiste öffnet, die Waben herauszieht, kalte Luft eindringen lässt, dann bricht die Wärmekammer zusammen und die äußeren Bienen erfrieren binnen Minuten. Die Heidia, sagte er, kannten das genau. Sie transportierten ihre Körbe oft bei kaltem Frühlingswetter zur Heide und ein Korb, der zu früh geöffnet wurde, war ein verlorener Korb.

 Holl hörte zu mit verschränkten Armen, aber er hörte zu und selbst wenn ich ihnen glaube, sagte er schließlich, was soll ich tun? Die Blüte hält nicht ewig. Wenn die Bienen bis in einer Woche nicht fliegen, ist die Bestäubung vorbei und meine Ernte mit ihr. Dietrich nickte. Genau darum, sagte er, dürfen wir sie jetzt nicht stören.

 Wir müssen füttern ohne zu öffnen. Zuckerwasser, warm von außen durch eine kleine Öffnung, damit der Klaster genug Energie hat, seine eigene Wärme zu halten, bis die Sonne wieder mithilft und dann warten, nicht eingreifen. Nur warten und beobachten. Es war kein Ratschlag, der Holles leicht fiel. Er war ein Mann, der es gewohnt war, Probleme mit den eigenen Händen zu lösen.

 Sofort sichtbar, mit Werkzeug oder mit Feuer. Nicht mit abwarten. Nichts tun. Während die Uhr gegen ihn lief, kam ihm vor wie Unfähigkeit, verkleidet als Geduld. Er sah zum Himmel, grau und kalt, dann zu den Bäumen, deren Blüten schon jetzt an den Rändern zu welken begannen, dann wieder zu dem deutschen Gefangenen, der ruhig neben der Kiste kniete, als gäbe es überhaupt keinen Grund zur Eile.

 Aber er hatte auch keinen besseren Plan, und der Kanister stand noch immer neben ihm im Gras, kalt und ungenutzt. Also ließ er sich widerwillig mit zusammengebissenen Zähnen auf den Vorschlag des Gefangenen ein. In den folgenden Tagen kochte Dietrich jeden Morgen, bevor die Arbeit auf dem Feld begann, ein einfaches Zuckerwasser in der Küche des Vorarbeiters und trug es in einer alten Kanne zu den Stöcken.

 Er öffnete nie den Deckel ganz, nur einen schmalen Spalt, gerade genug, um das Futter in kleine Rinnen zu gießen, die er aus Holzresten gebaut hatte. Er sprach dabei kaum, arbeitete konzentriert, fast andächtig wie jemand, der etwas zerbrechliches trägt. Hol beobachtete ihn zunächst aus der Distanz, mißstrauisch.

 Dann nach dem dritten Tag kam er näher und half beim Kochen des Wassers, ohne dass es jemand ausgesprochen hätte. Am fünften Tag stieg die Temperatur endlich über die entscheidende Marke. Gegen Mittag, als die Sonne den Rand des Stockes erwärmte, hörte Dietrich das erste leise summen. Er winkte Holles heran, der von den Bäumen herüberkam, ohne die Astschere abzulegen.

 Gemeinsam standen sie vor der Kiste und sahen, wie sich eine Biene, dann zwei, dann ein ganzes zögerliches Häufchen aus dem Flugloch schob in die Februar Sonne hinein und Kurs auf die nächste weiße Blüte nahm. Innerhalb einer Stunde war die Luft über dem Mandelhein erfüllt, von jenem leisen, gleichmäßigen Summen, dass jeder Farmer im Central Valley als das kostbarste Geräusch des Jahres kennt.

 Hol sagte an diesem Tag kein großes Wort. Er nickte nur einmal. in Dietrichs Richtung und ging zurück an die Arbeit. Aber am Abend, als die Männer aus dem Lager abgeholt wurden, drückte er ihm wortlos eine zusätzliche Ration Tabak in die Hand, mehr als es die Vorschrift verlangte. Es war keine große Geste, aber es war die erste.

 In den Wochen danach, während die Mandelblüte abklang und die kleinen grünen Früchte an den Zweigen erschienen, veränderte sich etwas zwischen den beiden Männern langsam, ohne dass einer von ihnen es benannt hätte. Holl begann dirig fra Fragen zu stellen, nicht mehr nur über Bienen, sondern über Wilsidde, über die Heide, über seinen Vater, über das Leben, das er vor dem Krieg gehabt hatte.

 Anfangs waren es einzelne Sätze hingeworfen zwischen zwei Arbeitsgängen. Dann wurden es ganze Unterhaltungen in einem Gemisch aus gebrochenem Englisch und noch gebrochenerem Deutsch, das beide irgendwie verstanden. Dietrich wiederum lernte, wie man einen kalifornischen Traktor wartete, wie man die Bewässerungsgräben zwischen den Baumreihen richtig führte, welche Vögel im Tal überwinterten und welche erst im März zurückkehrten.

 Holl begann sogar ihm eigene Fragen über die Bienenkiste zu stellen. Wollte wissen, wie man eine Königin erkennt, wann man einen zu vollen Stock teilt, was zu tun ist, wenn ein Volk zu schwärmen beginnt. Er schrieb sich manches davon auf ein zerknittertes Blatt Papier, das er in seiner Hemdtasche aufbewahrte. Sie aßen mittags oft zusammen im Schatten derselben Eiche, auch wenn es das Reglement des Lagers eigentlich nicht vorsah, und wenn der Vorarbeiter des Lagers auf Kontrollfahrt vorbeikam, sah er meist rechtzeitig weg. Einmal brachte

Holys Frau Margaret ein Glas selbstgemachte Marmelade für die beiden Gefangenen mit, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Und niemand auf der Ranch fand daran mehr etwas ungewöhnliches. Im Herbst desselben Jahres, kurz nach der ersten wirklich guten Mandelernte, die Hollys seit Jahren eingefahren hatte, endete der Krieg in Europa längst und die Räumung der Lager begann.

 Dietrich wurde im Frühjahr 1946 nach Europa zurückgebracht. wie tausende andere deutsche Gefangene über England mit monatelangem Aufenthalt, bevor er schließlich wieder Wilsidde erreichte. Sein Vaterhaus stand noch, die Bienenkörbe auch, wenn auch verwildert nach Jahren ohne Pflege. Er nahm die Arbeit seines Vaters wieder auf, so gut es die Nachkriegsjahre zuließen.

 Was ihn von den meisten anderen Heimkehrern unterschied, war ein Brief, der ihn im Sommer desselben Jahres erreichte, abgestempelt in Madeira, Kalifornien. Earl Holis hatte seine Adresse über das rote Kreuz ausfindig gemacht, was zu jener Zeit nicht selbstverständlich war und einige Monate an Wartezeit und Formularen gekostet hatte.

 Der Brief war kurz in einfachem Englisch, dass Dietrich sich mühsam mit einem alten Wörterbuch seines Vaters übersetzte, Wort für Wort, am Küchentisch in Wilse. Die Bäume tragen gut, stand darin, die Bienen auch. Ich habe angefangen, selbst mehr über Sie zu lernen, wie Sie es mir gezeigt haben. Ich denke oft an jenen Morgen im Februar.

 Es folgte eine zweite, dann eine dritte Nachricht im nächsten und im übernächsten Jahr mit Fotos vom Hein im Frühling, mit Fragen zu Krankheiten, mit kleinen Neuigkeiten über die Familie, über eine neue Scheune, über einen besonders strengen Winter, die Dietrich so gut es ging, aus der Ferne beantwortete, oft mit Skizzen, weil ihm die englischen Fachwörter fehlten.

 Der Briefwechsel riss über Jahrzehnte nicht ab, wurde seltener mit der Zeit, wie es bei solchen Verbindungen oft geschieht, hörte aber nie ganz auf, selbst als beide Männer längst Großväter geworden waren. 1968, mehr als 20 Jahre nach jenem kalten Februar, bestieg Dietrich Suzwischen selbst ein Mann mit grauem Haar und eigenen Enkeln, zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben ein Flugzeug in Richtung Vereinigte Staaten.

 Es war Earl Hollis gewesen, der in einem seiner Briefe darauf bestanden hatte, dass er endlich einmal die Bäume mit eigenen Augen sehen müsse, die er einst gerettet hatte und der ihm sogar angeboten hatte, für die Überfahrt aufzukommen. Ein Angebot, das Dietrich nach langem Zögern schließlich annahm. Earl Hollis holte ihn am Flughafen von Fresno ab in einem Pickup, der beinahe so alt war wie ihre Freundschaft.

 Beide Männer erkannten sich sofort, trotz der Jahre, trotz des grauen Haars, das keiner von beiden 1945 gehabt hatte, trotz der Falten und der Brillen, die beide inzwischen trugen. Sie standen sich eine Weile schweigend gegenüber, bevor Holles die Hand ausstreckte und sie kaum losließ, den ganzen Weg bis zum Wagen. Auf der Ranch stand der Mandelhein, nun in seiner vollen Größe, mehr als doppelt so groß wie damals, mit langen geraden Reihen, die sich bis zum Horizont zu ziehen schienen, und Dietrich blieb mehrmals stehen, nur um die Blüten zu betrachten,

dieselben Blüten wegen der er vor mehr als 20 Jahren an einem kalten Morgen neben einer Kiste gekniet hatte. Am Rand des Feldes, dort wo einst jene sechs Kisten gestanden hatten, stand jetzt ein einzelner sorgsam gepflegter Bienenstock, den Holles, wie er erzählte, nach jenem kalten Frühjahr nie wieder aufgegeben hatte, ganz gleich, wie viele andere er im Laufe der Jahre hinzugefügt, verloren oder ersetzt hatte.

 Diesen einen, den ersten, hatte er all die Jahrzehnte über am Leben gehalten. Generation um Generation von Königinnen, jede Nachfolgerin der vorigen. Und als Dietrich fragte, warum ausgerechnet dieser eine Stock all die Jahre überdauert hatte, während andere ersetzt worden waren, antwortete Holles nur, er habe ihm einen Namen gegeben an dem Tag, als die ersten Bienen wieder ausflogen und dass man einem Freund mit Namen nicht einfach den Rücken kehrt.

 Er zeigte auf die kleine verwitterte Tafel, die er selbst in das Holz geschnitzt hatte, Buchstabe für Buchstabe mit einem Taschenmesser in jenem Februar vor über 20 Jahren. Wilseder Earl Hollis starb 1979, Dietrich Suur 1994, beide in hohem Alter, beide, wie es in ihren jeweiligen Familien noch heute erzählt wird, mit dem Namen des jeweils anderen unter den letzten Dingen, die sie ihren Kindern mitgaben.

 Die Holis Ranch gehört heute dem Enkel von Earl Holis, der die Geschichte von seinem Großvater kennt. jedes Detail bis hin zum genauen Wortlaut jenes ersten Satzes, den ein deutscher Kriegsgefangener im Februar 1945 zu einem misstrauischen kalifornischen Farmer sagte: “Warten Sie, Sie sind nicht tot, sie frieren nur.

 Der Bienenstock mit der Tafel steht noch immer amselben Platz. Ein neues Volk in jeder Generation, derselbe Name auf demselben verwitterten Holz, das der Enkel von Earl Hollis jedes Jahr sorgfältig nachstreicht, damit die Schrift nicht verblasst. Er erzählt die Geschichte an manchen Abenden Besuchern der Ranch, oft mit demselben Satz, mit dem sein Großvater sie ihm einst erzählt hatte, daß ein Mann, den man für einen Feind gehalten hatte, an einem kalten Morgen im Februar 1945 recht behielt und das eine ganze Ernte

und mehr als das an einem Satz hing, den fast niemand hatte hören wollen. Wenn im Februar die Mandelbäume von Madeira erneut in jenem kurzen unwiderstehlichen Weis aufblühen und die Bienen aus ihren Kisten fliegen in die kühle Morgenluft hinein, dann geschieht das jedes einzelne Jahr auch wegen einer Lektion, die ein Junge aus der Lüneburger Heide vor mehr als 80 Jahren von seinem Vater gelernt hatte, an einem Ort, der von jedem Bienenkorb, den er je gesehen hatte, tausende Kilometer entfernt lag und die er an einem kalten Morgen in

Kalifornien an einen Mann weitergab, der ihm zunächst nicht einmal zuhören wollte. Zwei Männer, ein Krieg zwischen ihren Ländern und am Ende nichts als eine Kiste voller frierender Bienen, die beide jeder auf seine Weise retten wollten.

 

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