Die endlose Tradition des europäischen Scheiterns
Es ist ein alljährliches Ritual, das für Fernsehzuschauer in Deutschland mittlerweile mehr Züge einer masochistischen Selbstgeißelung trägt als die eines freudigen, internationalen Musikfestes. Der Eurovision Song Contest (ESC), einst angetreten, um die Nationen Europas durch die universelle Sprache der Musik zu vereinen, hat sich für die Bundesrepublik zu einer Bühne der chronischen Demütigung entwickelt. Wieder einmal verliert Deutschland haushoch beim größten Musikwettbewerb der Welt. Wieder einmal finden wir uns am absolut bitteren Ende der Punktetabelle wieder. Die schockierenden Bilder der Punktevergabe, bei der die deutsche Delegation mit eingefrorenem Lächeln tapfer versucht, die eiskalte Zurückweisung des restlichen Kontinents zu überspielen, haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Fernsehnation eingebrannt. Doch dieses erneute Fiasko wirft drängende, weit über die Musik hinausgehende Fragen auf, die nicht länger mit dem Verweis auf vermeintlich “schlechte Songauswahl” oder “unglückliche Performances” abgetan werden können. Es geht um viel mehr. Es geht um finanzielle Verantwortung, um das politische Image unseres Landes und um die Frage, warum wir uns diese systematische Zurschaustellung der europäischen Abneigung überhaupt noch antun.
Wenn wir einen ehrlichen und schonungslosen Blick auf die Resultate der vergangenen Jahre werfen, gleicht die deutsche ESC-Historie einem dramatischen Absturz ohne absehbares Ende. Platz 25 von 26, Platz 25 von 25, der vorletzte oder allerletzte Rang – die Platzierungen lesen sich wie das Zeugnis eines Schülers, der längst aufgegeben hat. Auch in der jüngsten Ausgabe des Wettbewerbs landete Deutschland auf einem lächerlich schlechten 23. Platz von insgesamt 25 Teilnehmern im großen Finale. Ein kurzer Lichtblick im Mittelfeld in der Vergangenheit ändert absolut nichts an dem grundlegenden, strukturellen Problem: Deutschland ist beim Eurovision Song Contest nicht willkommen. Die Zuschauer strafen die deutschen Beiträge mit einer Konsequenz ab, die längst nicht mehr mit musikalischem Geschmack zu erklären ist.

Die Schmach der Null Punkte: Wenn das Publikum ein politisches Urteil fällt
Besonders schmerzhaft und entlarvend ist beim ESC stets das detaillierte Voting-Verfahren, das sich aus den Stimmen der sogenannten Fachjurys und dem Votum des Publikums an den Bildschirmen zusammensetzt. Während die nationalen Jurys, die oft aus Musikproduzenten und Künstlern bestehen, noch versuchen, einen gewissen professionellen Schein zu wahren und hin und wieder einige mickrige Trostpunkte verteilen, spricht das europäische Publikum eine schonungslose, brutale Sprache. Null Punkte. Null Punkte von den Zuschauern für den deutschen Beitrag. Das ist kein Zufall und auch kein Versehen. Es ist ein vernichtendes Statement. In einem Wettbewerb, der von Emotionen, Sympathien und nationalen Befindlichkeiten lebt, ist ein solches Ergebnis ein knallharter Faustschlag ins Gesicht der deutschen Delegation.
Die Kommentatoren und Analysten im Netz, darunter reichweitenstarke Stimmen, bringen das Problem schonungslos auf den Punkt. Sie hinterfragen, ob die entsendeten Künstler eigentlich keine Ahnung von der geopolitischen und gesellschaftlichen Situation haben, in die sie sich dort begeben. Es muss den Verantwortlichen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern doch längst klar sein, dass dieser Wettbewerb extrem stark politisiert ist. Deutschland gilt in weiten Teilen Europas derzeit nicht als der beliebte, charmante Nachbar. Vielmehr wird die Bundesrepublik oftmals als gönnerhaft, moralisierend und extrem lehrerhaft wahrgenommen – Eigenschaften, die auf einer von schriller Popmusik und purem Entertainment geprägten Party alles andere als Sympathiepunkte einbringen. Wer als Nation auf der politischen Weltbühne ständig mit dem erhobenen Zeigefinger auftritt und anderen Ländern vorschreiben möchte, wie sie zu leben, zu wirtschaften oder sich moralisch zu verhalten haben, der darf sich nicht wundern, wenn er bei der ersten sich bietenden, gefahrlosen Gelegenheit – einer anonymen Telefonabstimmung – die Quittung dafür kassiert.
Ein politisches Tribunal im Gewand der Popkultur
Der ESC hat seine politische Unschuld, falls er sie jemals besaß, längst vollständig verloren. Die Illusion, dass es hier an einem Samstagabend im Mai ausschließlich um Melodien, Choreografien und stimmliche Meisterleistungen geht, ist eine naive Mär, an der nur noch die krampfhaftesten Optimisten festhalten. Die Veranstaltung ist zu einer Art geopolitischem Thermometer geworden, das die aktuellen Allianzen, Feindschaften und Sympathien auf dem Kontinent exakt widerspiegelt. Wenn man sich detailliert ansieht, von welchen Ländern Deutschland überhaupt noch Punkte erhält – und vor allem, von welchen nicht –, wird das Ausmaß der politischen Dimension erschreckend deutlich.
Ein besonders markantes und von Kritikern oft zitiertes Beispiel ist das Voting-Verhalten der Ukraine in der jüngeren Vergangenheit. Obwohl Deutschland politisch, finanziell und militärisch enorme Anstrengungen unternimmt, um das von Krisen geschüttelte Land zu unterstützen, gab es von dort beim ESC für Deutschland oftmals schlichtweg null Punkte. Solche Vorfälle belegen eindrucksvoll, dass Dankbarkeit in der internationalen Politik und bei Unterhaltungsveranstaltungen zwei völlig verschiedene Welten sind. Es sind ganz klare Zeichen. Jeder, der jetzt noch behauptet, das habe doch alles nichts mit Politik zu tun, verweigert sich schlichtweg der Realität. Wenn Länder aufgrund politischer Situationen ausgeschlossen werden oder Proteste das Stadtbild der Austragungsorte prägen, wie es in der Vergangenheit oftmals der Fall war, dann ist der Song Contest de facto ein hochpolitisches Event. Deutschland fungiert in diesem Gefüge tragischerweise oft als der nützliche Idiot, der zwar dringend gebraucht wird, um die Rechnungen zu bezahlen, den man aber gleichzeitig genüsslich vor einem Millionenpublikum demontieren darf.

Das finanzielle Groschengrab: Der unverschämte Preis der Teilnahme
Die chronische Erfolglosigkeit wäre vielleicht noch halbwegs als verschrobene nationale Eigenheit zu ertragen, wenn die Teilnahme an diesem Spektakel für den Steuerzahler und den Beitragszahler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht so astronomisch teuer wäre. Wir sprechen hier nicht von ein paar tausend Euro für ein Flugticket und ein Hotelzimmer. Wir sprechen von einem gigantischen “Groschengrab”, das völlig aus den Fugen geraten ist. Deutschland gehört zu den sogenannten “Big Five” der European Broadcasting Union (EBU). Gemeinsam mit Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien gehört Deutschland zu den größten finanziellen Beitragszahlern des gesamten Konstrukts. Dieses finanzielle Engagement sichert den deutschen Beiträgen zwar automatisch einen Platz im großen Finale – man erkauft sich also das Privileg, nicht schon in den Halbfinals demütigend ausscheiden zu müssen –, doch dieser “Erfolg” hat einen exorbitanten, fast schon obszönen Preis.
Wenn wir uns die reinen Zahlen ansehen, bleibt einem förmlich die Spucke weg. Für den ESC, der in Basel ausgetragen wird, meldete der Norddeutsche Rundfunk (NDR) eine reine Teilnahmegebühr von unfassbaren 472.000 Euro. Für eine Folgeveranstaltung, beispielsweise in Wien, liegen die projizierten Gesamtkosten laut aktuellen Berechnungen renommierter Tageszeitungen inflationsbereinigt bei knapp 620.000 Euro. Über eine halbe Million Euro! Und dabei handelt es sich oft nur um die nackten Überweisungen an die EBU. Dazu kommen noch die massiven Produktionskosten, die Reisespesen für eine völlig aufgeblähte Delegation, die aufwendige Vorberichterstattung, die Livestreams mit Heerscharen von Kommentatoren und die unzähligen Rahmenprogramme, die von unseren Zwangsabgaben, dem Rundfunkbeitrag, finanziert werden.
Der naive Zahlmeister Europas
Besonders brisant wird diese Kostendiskussion, wenn man die Ausgaben Deutschlands in Relation zu den Teilnahmegebühren anderer, oft weitaus erfolgreicherer Nationen setzt. Länder wie Nordmazedonien zahlten in der Vergangenheit beispielsweise rund 39.000 Euro. Die Schweiz lag bei etwa 63.500 Euro. Wie lässt sich diese gewaltige Diskrepanz den deutschen Beitragszahlern noch rational erklären? Das System funktioniert hinten und vorne nicht mehr. Es bewahrheitet sich auf schmerzhafte Weise ein altes Vorurteil: “Der Deutsche zahlt, die anderen feiern.” Deutschland fungiert in diesem System als der klassische “Zahlmann”, der ungeliebte DEP (Depp), der tief in die Tasche greift, das Fest sponsert und am Ende des Abends alleine und verlacht in der Ecke steht.
Wer an dieser Stelle argumentiert, dass diese Beträge im gigantischen Milliardenbudget der öffentlich-rechtlichen Sender doch nur “Peanuts” seien, macht einen gewaltigen argumentativen Fehler. Wenn wir anfangen, Beträge von weit über einer halben Million Euro für einen einzigen Fernsehabend und ein wenig Geplänkel im Vorfeld als unbedeutend abzutun, haben wir jeglichen Bezug zur Realität und zur Wertschöpfung der hart arbeitenden Bevölkerung verloren. Es steht in absolut keinerlei Relation mehr zu dem erbrachten Gegenwert. Es handelt sich um eine Zwangsabgabe, die für ein Format verschwendet wird, das dem Image der Nation nachweislich massiv schadet.

Die Zerstörung musikalischer Hoffnungen
Ein weiterer, oftmals völlig unterschätzter Aspekt ist die fatale psychologische und karrieretechnische Wirkung auf die Künstler, die wir Jahr für Jahr in diese Arena schicken. Ob es nun Castingshow-Gewinner vergangener Jahre sind oder völlig unbekannte Newcomer, die sich voller naiver Hoffnung auf diese riesige Bühne wagen – sie alle werden in einem System verheizt, das sie nicht kontrollieren können. Warum tut sich ein Künstler das überhaupt noch an? Die Enttäuschung, wenn man vor zweihundert Millionen Zuschauern weltweit als absoluter Verlierer abgestempelt wird, muss traumatisch sein. Die Gesangsleistungen und die Performances mögen subjektiv bewertbar sein, doch die Last, die Ablehnung eines ganzen Kontinents auf den eigenen Schultern tragen zu müssen, ist immens.
Ein Künstler, der beim ESC auf dem letzten Platz landet, hat in Deutschland oft den sofortigen Karrieretod zu befürchten. Er wird zur medialen Zielscheibe für Spott und Häme. Anstatt Talente zu fördern, dient der deutsche Vorentscheid de facto als Rekrutierungsbüro für musikalische Himmelfahrtskommandos. Man versucht verzweifelt, sich mit vermeintlichen “Modernitäten” und politisch korrekten Botschaften bei den Fachjurys und der europäischen Presse anzubiedern, doch all diese Anstrengungen verpuffen wirkungslos, sobald das Telefon-Voting der normalen Bürger beginnt. Wenn es tatsächlich um eine objektive Gesangsleistung und eine rein musikalische Performance gehen würde, dann müsste der Wettbewerb anonymisiert ablaufen. Die Zuschauer dürften nicht wissen, welches Land gerade auf der Bühne steht. Ein solches Konzept ist natürlich fernsehtechnisch schwer bis gar nicht umzusetzen, würde dem Ganzen aber zumindest wieder einen Hauch von musikalischer Ernsthaftigkeit verleihen. Da dies jedoch utopisch ist, bleibt nur die bittere Realität der ständigen Abstrafung.
Zeit für den radikalen Schnitt: Der unumgängliche Boykott
Die logische und einzig vernünftige Konsequenz aus diesem fortlaufenden Desaster kann nur lauten: Deutschland muss die Reißleine ziehen und aus diesem unwürdigen Spektakel aussteigen. Es ist an der Zeit, dieses Konzept radikal zu streichen. Warum kündigen wir nicht unsere Mitgliedschaft bei den “Big Five”? Warum drohen wir nicht mit dem vollständigen Entzug unserer massiven finanziellen Mittel? Es ist die klassische Situation auf dem Schulhof: Wer sich immer nur duckt, zahlt und sich jede Beleidigung klaglos gefallen lässt, der wird auch weiterhin unerbittlich getreten.
Deutschland muss aufhören, der naive Bückling der europäischen Unterhaltungsindustrie zu sein. Es wäre ein starkes, machtvolles Signal an die Organisatoren der EBU, wenn der größte Geldgeber plötzlich den Stecker zieht. Erst dann würde man in den noblen Büros in Genf vielleicht begreifen, dass man seinen wichtigsten Sponsor nicht endlos öffentlich vorführen darf, ohne dass dies irgendwann Konsequenzen nach sich zieht. Wir könnten diese Hunderte von Tausenden Euro, die wir derzeit in Europa für null Punkte verbrennen, sinnvoller investieren. Zum Beispiel in die echte, nationale Nachwuchsförderung von Musikern in Deutschland, die abseits von politisierten Zirkusveranstaltungen echte Kunst erschaffen wollen.
Zusammenfassend lässt sich mit absoluter Klarheit sagen: Die deutsche Teilnahme am Eurovision Song Contest ist schlichtweg lächerlich geworden. Es ist ein Akt der nationalen Selbsterniedrigung, subventioniert durch staatlich eingetriebene Rundfunkgebühren. Die Null Punkte der Zuschauer sind keine Kritik an der Melodie, sie sind eine Kritik an der Nation, die diese Melodie entsendet. Bis sich das politische und gesellschaftliche Klima in Europa nicht fundamental gewandelt hat, sollten wir unsere Würde behalten, den Geldhahn zudrehen und das teure, europäische Schauspiel künftig ausschließlich vom Spielfeldrand aus betrachten – oder besser noch: den Fernseher einfach komplett ausschalten.
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