Das Universum hatte einen eigenartigen Sinn für Timing. Gerade dann, wenn Menschen glaubten, ihr Leben endlich unter Kontrolle zu haben, stellte es ihnen etwas in den Weg, manchmal wortwörtlich auf einer regennassen Straße. Leon Berger trommelte nervös mit den Fingern auf das abgegriffene Lenkrad seines alten Pickups. Die Scheibenwischer arbeiteten auf höchster Stufe, doch gegen den plötzlichen Platzregen hatten sie kaum eine Chance. Das digitale Display auf dem Armaturenbrett zeigte 18:42 Uhr.

Noch 18 Minuten bis zum Restaurant, noch weniger Geduld für das, was ihn dort erwartete. Leon hasste es, zu spät zu kommen, er hasste blindets noch mehr. Mit seinen Jahren, ersten Lachfalten um die Augen und vereinzelten grauen Strähnen im Dunkeln Haar, hatte er sich längst mit dem Gedanken arrangiert, alleinstehender Vater zu sein. Seit seine Frau ihn vor 5 Jahren verlassen hatte, ohne große Erklärungen, ohne Zurückblicken, war Deting zu einem Randthema geworden. Etwas, das gut gemeinte Verwandte immer wieder
vorschlugen, obwohl Leon jedes Mal abwinkte. Papa, du hast Tante Miriam versprochen, dass du hingehst, hatte seine zwölfjährige Tochter Lena ihn an diesem Morgen erinnert. Mit dieser ruhigen, fast beunruhigenden Klarheit, die Kinder manchmal haben. Und du sagst doch immer, dass Versprechen wichtig sind. Leon hatte gelächelt, weil sie recht hatte, wie fast immer. Seine Schwester Miriam versuchte seit Monaten, ihn mit einer Kollegin zu verkuppeln. Perfekt für dich”, hatte sie gesagt. Warmherzig, klug, bodenständig. Leon
hatte sich bis zum heutigen Tag erfolgreich gewährt, bis er schließlich nachgegeben hatte und den ganzen Tag damit verbracht hatte, Ausreden zu erfinden, um doch noch abzusagen. Der Regen prasselte lauter, dann sah er sie. Warn Blinker etwa 100 m voraus. Ein dunkelblauer Kleinwagen stand halb auf dem Seitenstreifen, Dampfquall trotz des Regens unter der Motorhaube hervor. Daneben eine Gestalt im Regenmantel, die Schultern schwer herabgesunken, ein Bild pur Resignation. Leon warf einen Blick auf die Uhr. 18:45 Uhr. Er fluchte
leise. Er konnte weiterfahren. Er sollte weiterfahren. Wenn er pünktlich sein wollte, blieb ihm eigentlich keine Wahl. Doch das war nie seine Art gewesen. Er setzte den Blinker, zog hinter dem Wagen an den Rand und griff nach dem Regenschirm auf dem Beifahrersitz. Als er näher kam, erkannte er, daß es eine Frau war. Honigblonde Haarsträhnen lugten unter der Kapuze hervor, während sie hektisch in ihr Handy sprach. Ja, ich verstehe. Nein, ich weiß, wegen des Unwetters. Zwei Stunden. In Ordnung. Sie
stockte, als sie Leon bemerkte. Erleichterung huschte über ihr Gesicht. “Moment, jemand ist gerade angehalten”, sagte sie hastig und legte auf. Dann schenkte sie ihm ein dankbares Lächeln, das ihm unerwartet den Atem nahm. “Autopanne”, fragte Leon und hielt den Schirm über sie beide. “Der Motor ist einfach ausgegangen und jetzt das.” Sie deutete hilflos auf den dampfenden Wagen. Ich war auf dem Weg zu einem Treffen. Jetzt komme ich garantiert viel zu spät. Leon zögerte nicht. “Darf ich
mal schauen?” “Ich bin Mechaniker.” Ihre Augen weiteten sich. “Im Ernst, das wäre unglaublich.” Er öffnete die Motorhaube und der Fehler sprang ihm sofort ins Auge. Der Kühlerschlauch ist gerissen. Sie verlieren Kühlflüssigkeit. Er sah erneut auf die Uhr. 18:50 Uhr. Sein D würde ihn definitiv für versetzt halten. Ist es schlimm? Fragte die Frau besorgt. Nicht dauerhaft reparierbar, aber ich kann es provisorisch abdichten. Damit kommen Sie noch ans Ziel. Morgen sollte der Schlauch aber ersetzt werden.
Er ging zu seinem Track und holte Werkzeug und Reparaturset. “Ich bin übrigens Kara”, sagte sie, während er arbeitete. “Kaara Nen und sie retten mir gerade den Abend.” “Leon Berger”, antwortete er, und das ist selbstverständlich. Niemand bleibt bei so einem Wetter liegen. Sie bemerkte seine Blicke zur Uhr. “Sind Sie in Eile?” Leon zögerte. Blindd um 7. Oh nein”, sagte Klara ehrlich betroffen. “Ich will nicht, daß Sie deswegen zu spät kommen.” Er schüttelte den Kopf
fast fertig. “Außerdem vielleicht ist es ein Zeichen.” “Ein Zeichen, dass mir ein peinlicher Abend erspart bleibt.” Sie lachte warm, ehrlich. “Kein Fan von Blinddetz. Meine Schwester hält sich für eine begnadete Kupplerin.” Er lächelte schief. “Und sie?” Wichtiges Treffen. Klara biss auf die Lippe. Auch ein Blinddet. Meine Kollegin will mich seit Monaten mit ihrem Bruder verkuppeln. Leons Hände erstarrten. Ihr Bruder? Fragte er langsam. Ah ja, alleinerziehender Vater. Eigene
Werkstatt. Leon richtete sich auf. Die Kollegin heißt nicht zufällig Miriam Berger. Klaras Augen wurden groß. Sie sind Leon, Miriams Bruder. Einen Moment lang starrten sie sich an, dann brachen beide in Gelächter aus. Ich hatte den ganzen Tag Angst vor diesem Date, gab Leon zu. Ich auch, sagte Kara. Und jetzt stehen wir hier im Regen. Er schloss die Motorhaube. Das hält bis morgen. Klara lächelte nachdenklich. Wir sind geschniegeld, hungrig und wollten beide ins gleiche Restaurant. Sie sah ihn an.
Wollen wir trotzdem hingehen? Ohne Druck, ohne Erwartungen. Leon wusste nicht, wann er zuletzt so leicht genickt hatte. Ja, sagte er, “Das würde ich gern.” Der Regen hatte sich inzwischen in ein sanftes Nieseln verwandelt, als sie den Parkplatz des kleinen italienischen Restaurants erreichten. Die Straßen glänzten im Licht der Laternen, als hätten sie etwas zu verbergen. Leon folgte Klaras Wagen mit aufmerksamem Blick, bereit jederzeit anzuhalten, falls der Motor erneut streiken sollte. Doch er hielt durch.
Als sie ausstiegen, bemerkte Leon, dass Klara leicht früstelte. Ohne ein Wort zog er seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. “Danke”, sagte sie leise. “Nicht nur für die Jacke, das war beiden klar.” Drinnen runzelte die Kellnerin kurz die Stirn, als sie keinen Reservierungsnamen nannten. “Wir sind das Blindde”, erklärte Leon. “Nur etwas früher als geplant.” Klara lachte leise und damit war das Eis endgültig gebrochen. Beim Essen vergaß Leon erstaunlich schnell seine Nervosität.
Klara erzählte von ihrer Arbeit als Kinderkrankenschwester von langen Schichten kleinen Patienten mit großer Tapferkeit und davon, wie sie nach einer schmerzhaften Trennung vor dre Jahren in diese Stadt gezogen war, um neu anzufangen. “Ich habe mich in die Arbeit gestürzt”, sagte sie, sicherer als Gefühle. Leon verstand das nur zu gut. Er erzählte von seiner Werkstatt, von Öl unter den Fingernägeln, von Kunden, die mehr Vertrauen als Geld mitbrachten und natürlich von Lena. Sie ist alles”,
sagte er ohne zu zögern. “Mein Mittelpunkt, mein Kompass.” Klaras Blick wurde weich. Mirjam zeigt mir ständig Fotos. “Sie ist unglaublich und sie hält mich für zu vorsichtig”, seufzte Leon. “Heute morgen meinte sie, ich würde das Leben vermeiden, nicht leben.” Klara hob die Augenbrauen und er sah sie an. “Wirklich an? Die kleinen Goldsprenkel in ihren braunen Augen, das ruhige Lächeln. Vielleicht hat sie recht.” Der Abend verging schneller, als Leon lieb war. Als sie schließlich die Rechnung
verlangten, war das Restaurant fast leer. “Ich muss Lena noch bei meiner Schwester abholen”, sagte er bedauernd. “Natürlich”, nickte Kara. “ich habe Frühdienst.” Draußen hatte der Regen aufgehört. Die Stadt atmete auf. Neben ihrem Auto blieb Kara stehen. Also wegen des Wagens. Leon grinste. Morgen um 8 Uhr öffnet die Werkstatt. Für mich 7:30 Uhr. Sie lächelte. Dann bringe ich Kaffee. Ein kurzer Moment der Unsicherheit. Dann stellte sich Kara auf die Zehnspitzen und küsste seine Wange.
Danke, Leon Berger, für heute. Danke dir, antwortete er ehrlich, dass du nicht abgesagt hast. Als er ihr nachsah, wusste er, etwas hatte sich verschoben. Am nächsten Morgen war Leon bereits um 7 Uhr in der Werkstatt. Der Kaffee war frisch, der Boden unnötig sauber. Lena hatte ihn am Vorabend durchschaut. Also hat Miriams Plan funktioniert, hatte sie festgestellt. “Wir haben nur gegessen”, hatte Leon protestiert. Fürs erste hatte sie trocken geantwortet. Punkt 7:30 Uhr fuhr Klaras Wagen auf den Hof. Jeans,
helle Bluse, offene Haare. Leon spürte ein unerwartetes Ziehen in der Brust. “Guten Morgen”, sagte sie und hielt eine Donutschachtel hoch. “Ich wusste nicht, was du magst.” “Perfekt”, sagte Leon. Lena wird begeistert sein. Während er den Schlauch austauschte, saß Klara auf einem Hocker und stellte Fragen. Es fühlte sich leicht an. “Was schulde ich dir?”, fragte sie schließlich. Leon schüttelte den Kopf. “Wie wäre es mit einem Spaziergang im Riversidepark?”
“Samstag. Lena und ich sind fast immer dort.” Klara zögerte kurz. “Bist du sicher?” “Es war ihre Idee”, gab er zu. Da lächelte sie wirklich dann gern. Der Samstagmorgen war klar und kühl, die ideale Mischung für einen langen Spaziergang im Grünen. Der Himmel war wolkenlos, als ob er eine Ausnahme machen wollte, extra für diesen Tag. Leon war ungewöhnlich nervös. Papa, hör auf zu zappeln, seufzte Lena, während sie ihren Rucksack fester zog. Du benimmst dich komisch. Ich zappel nicht,
widersprach Leon und warf im selben Moment einen Blick auf seine Uhr. Schon zum dritten Mal in 5 Minuten. Lena verdrehte die Augen. Du magst sie, oder? Bevor Leon etwas erwidern konnte, bog Klaras Auto in den Parkplatz ein. Plötzlich wirkte auch Lena ein kleines bisschen nervös. Klara stieg aus. Bequeme Schuhe, leichte Jacke, strahlendes Lächeln. “Hi”, rief sie, während sie näher kam. “Hoffe, ich bin pünktlich.” “Genau richtig”, antwortete Leon. “Kara, das ist meine Tochter
Lena.” Hallo Lena”, sagte Kara mit Wärme in der Stimme. “Dein Vater und deine Tante erzählen oft von dir.” Lena musterte sie kurz, dann grinste sie. “Hat er dir auch erzählt, dass er seit wir hier sind, alle 30 Sekunden auf die Uhr schaut?” “Il”, stöhnte Leon. Klara lachte. “Nein, aber gut zu wissen. Ich gestehe, ich habe auch auf die Uhr geschaut, öfter als ich zugeben möchte.” Lena grinste. “Ich mag sie jetzt schon, Papa.” Der Spaziergang war ein voller
Erfolg. Zuerst war Lena wie üblich zurückhaltend, aber als Klara erzählte, dass sie Fantasy Romane liebte, dieselben wie Lena und sogar deren Lieblingsautorin mal persönlich bei einer Signierstunde getroffen hatte, taute das Eis schlagartig. Bald liefen die beiden vorn, vertieft in Gespräche über Magiesysteme, Buchcharaktere und Drachen. Leon folgte in einigem Abstand, seine Hände in den Jackentaschen, ein Lächeln auf dem Gesicht. Oben am Aussichtspunkt, wo man das Tal unter sich sehen konnte, lief Lena voraus, um
eine kleine Höhle zu untersuchen. Klara trat neben Leon. “Sie ist unglaublich”, sagte sie leise, clever, witzig, neugierig. “Du hast das großartig gemacht.” Leon nickte, die Augen noch auf Lena gerichtet. Sie ist mein Herz und sie mochte dich. Das passiert nicht oft. Nicht seit ihre Mutter weg ist. Klaras Mine wurde ernst. Das muss hart gewesen sein für euch beide. Es war brutal. Ich war nur damit beschäftigt, dass Lena klar kommt. An mich selbst habe ich kaum gedacht. Deting schien
egoistisch. Ist es nicht, sagte Klara sanft. Kinder brauchen Eltern, die auch glücklich sind. Dann wandte sie den Blick ab. Und bei dir? Miriam hat gesagt, dein Ex, aber mehr nicht. Klara atmete tief durch. Ganz klassisch. Zusammen durch die Pflegeausbildung alles schien stabil. Aber als ich über Kinder Familie sprach, bekam er Panik. Einen Monat später war er mit einer Chirurgien zusammen. Leon hob eine Braue. Sein Verlust. Klara lachte leise. Sag ich mir auch. Die nächsten Wochen verliefen wie im Traum,
aber einem, der sich stabil anfühlte. Klara kam regelmäßig zu Filmabenden oder zum Branch am Sonntag. Leon fand plötzlich häufiger Gründe, in die Krankenhausfeteria zufällig reinzuschneien. Sie schrieben sich tagsüber Nachrichten, manchmal Witze, manchmal Geschichten aus dem Alltag und manchmal einfach Dinge, die sie aneinander denken ließen. An einem Abend, nachdem Lena schon im Bett war, saßen Leon und Kara auf der Holzschaukel vor dem Haus. Die Sommerluft warm, Glühwürmchen schwebten durch den Garten,
als würde jemand Magie über sie streuen. Klara schwieg eine Weile, dann sagte sie: “Ich muss dir etwas gestehen.” Leon drehte sich zu ihr. “Was denn?” An dem Abend, als wir uns trafen. Ich wollte eigentlich absagen. Leon blinzelte. Echt? Warum? Ich war nervös. Miriam hat so von dir geschwärmt und ich hatte Angst, dass du mich nicht mögen würdest oder dass ich dich nicht mag und dann jeden Tag mit Miriam arbeiten muss. Sie lachte leise. Leon lächelte. Ich hatte auch eine Ausrede parat. Irgendwas mit
Lena und Bauchweh. Kara kicherte und dann der kaputte Kühlerschlauch. Beste Autopanne meines Lebens”, sagte Leon und nahm ihre Hand. Klara erwiderte die Berührung. Ihre Finger passten perfekt in seine. “Glaubst du an sowas, Schicksal?”, fragte sie. Leon sah in den Sternen Himmel. Früher nicht, aber nachdem, was zwischen uns passiert ist, vielleicht doch. Kara sah ihn an. “Ich auch.” Und dann küsste er sie. Zart, fragend, dann fester, als ihre Hand seine Wange berührte. Als sie sich
schließlich lösten, blieb ihr Lächeln bestehen, während sie flüsterte. “Ich wollte das schon tun, seit du mir im Regen den Schirm über den Kopf gehalten hast.” “Und ich, seit du gelacht hast, als wir gemerkt haben, dass wir das Blinddiet sind”, erwiderte Leon. Der Sommer schlich sich langsam durch jeden Winkel von Leons Haus, durch offene Fenster, duftende Küchenschwaden und das helle Lachen dreier Stimmen beim Abendessen. Klara war inzwischen ein fester Teil in Leons und Lenas Alltag
geworden. Sie half bei Lenas Schulprojekten, brachte neue Rezeptideen mit und schien genau zu spüren, wann sie sich einbringen und wann sie sich zurücknehmen musste. Es war als wäre sie immer schon da gewesen. Doch nicht alles war einfach. Das erste Mal, als Lena einen schlechten Tag hatte und ihre Wut an Klara ausließ, war Leon wie erstarrt. Er hatte sich auf einen Rückzug, ein beleidigt Schweigen oder schlimmeres vorbereitet. Doch Kara war ruhig geblieben. Sie hatte sich zu Lena gesetzt, ihr Raum gelassen und erst
gesprochen, als Lena selbst die Tür öffnete. “Du bist nicht meine Mutter”, hatte Lena gebrüllt. “Und wirst es auch nie sein.” Klaras Antwort war still, fest und ehrlich gewesen. Das weiß ich. und ich würde niemals versuchen, sie zu ersetzen, aber ich bin da, wenn du mich brauchst und wenn nicht, auch okay. Ein paar Tage später hatte Lena beim Filmabend aus dem Nichts Klarers Hand genommen. Ohne ein Wort, doch mit mehr Bedeutung als jedes “Ich habe dich gern” es ausdrücken könnte. Sechs Monate waren
vergangen seit dem Abend im Regen. Leon stand im Wohnzimmer vor dem Spiegel, nervös am Kragen seines Hemds zupfend. Lena saß auf der Couch, die Arme verschränkt und schüttelte den Kopf. Papa, ehrlich. Sie wird nicht wegrennen, nur weil deine Krawatte schief sitzt. Ich will, dass alles perfekt ist, murmelte Leon und tastete zum hundert Mal nach dem kleinen samtbezogenen Kästchen in seiner Jackentasche. Heute war der Jahrestag ihres Kennenlernens und Leon hatte etwas vor. Kara kam zur Tür herein in einem grünen Kleid, das
ihre Augen leuchten ließ. “Was ist denn hier los?”, fragte sie mit leichtem Ark wohn, als sie Leon im Anzug und Lena im Lieblingskleid sah. “Kann man nicht einfach mal die erstaunlichste Frau der Welt ausführen?”, fragte Leon unschuldig zwinkernd. “Er hat den Satz vorhin schon dreimal geübt”, murmelte Lena mit einem Grinsen. Klara lachte. “Ich bin gespannt. Das Restaurant war dasselbe wie beim allerersten Date. Der Kellner erkannte sie sofort und brachte sie an
denselben Tisch. Danach ging es in den Stadtpark, mittlerweile in warme Lichter gehüllt, Lichterketten in den Bäumen, die wie flüsternde Erinnerungen wirkten. Irgendwann verabschiedete sich Lena mit der Ausrede, sie wolle eine Freundin treffen. Leon wusste natürlich, dass sie nur Raum geben wollte. Raum für das, was gleich kam. Er führte Klara zu einer Bank mit Blick auf den kleinen See. “Ich habe was für dich”, sagte er und reichte ihr ein kleines liebevoll eingepacktes Geschenk. Klara öffnete es und lachte
laut. Es war ein silberner Schlüsselanhänger in Form eines winzigen detaillierten Kühlerschlauchs. “Zur Erinnerung an den schönsten Motorschaden meines Lebens”, sagte Leon mit einem Lächeln, dann wurde er ernst. Langsam ging er vor ihr auf die Knie. Kara, seit dem Moment, als du in meinem Leben aufgetaucht bist, so nass und wütend und witzig, hast du etwas in mir verändert. Du hast unser Haus mit Lachen gefüllt. Du hast Lena gezeigt, dass man vertrauen kann, ohne zu ersetzen und mir, dass
Liebe neu wachsen kann. Er zog das Kästchen aus seiner Jacke, darin ein schlichter, eleganter Ring. Ich will keine einzige Sekunde mehr verschwenden, in der ich dich nicht fragen darf. Willst du mich heiraten? Tränen liefen über Kas Gesicht. Tausendmal ja, flüsterte sie. In diesem Moment ertönte Applaus. Sie drehten sich um und sahen Lena mit Tante Miriam am Weckrand stehen, beide mit glänzenden Augen. “Du wusstest davon?”, rief Klara lachend. “Ich habe beim Ring ausgesucht”, sagte
Lena stolz und lief zu ihnen: “Du machst Papa glücklich und mich auch.” Als sie später zu dritt im Auto nach Hause fuhren, die Nacht warm und still um sie herum, dachte Leon daran, wie knapp er an all dem vorbeigeschrammt war. Wenn er damals einfach weitergefahren wäre, wenn er gekniffen hätte. Ein Kühler Defekt hatte zwei Herzen repariert. Die Hochzeit war klein, aber perfekt. Ein spätsommerlicher Vormittag im botanischen Garten, wo Leon vor Jahren die neue Besucherplattform konstruiert
hatte. Klara trug ein schlichtes elfenbeinfarbenes Kleid mit Spitznärmeln, ihre Haare zu lockeren Wellen gesteckt, ein Zweiglavendel darin. Lena in einem violetten Blumenmädchenkleid war der heimliche Star der Zeremonie. Sie verteilte die Blütenblätter mit einer Ernsthaftigkeit, die alle Gäste zum Lächeln brachte. “Weißt du noch, wie du damals aussahst? In der Werkstatt voller Motoröl und mit Schirm in der Hand?” flüsterte Kara beim Hochzeitswalzer. Leon grinste. “Und, Klatschnass? wütend, schön wie ein Blitz
im Sturm. Später bei der kleinen Feier unter freiem Himmel stand Lena plötzlich auf einem Stuhl. Miram reichte ihr das Mikrofon. “Als ich Kara zum ersten Mal getroffen habe, hat sie mir einen Stoffkater geschenkt”, begann sie mit fester Stimme. Jetzt flechtet sie mir die Haare, hilft bei meinen Hausaufgaben und macht die besten Pfannkuchen der Welt. Ein paar Lacher, aber auch erste Tränen. “Meine Mama ist im Himmel”, fuhr Lena fort. “Aber Papa sagt, man kann genug Liebe im Herzen haben für mehr als
nur eine.” Und Klara sagt: “Familie ist nicht nur mit wem man geboren wird, sondern wer bleibt.” Stille, dann ein donnernder Applaus. Leon hatte die Hand auf Klaras Rücken gelegt, als müsste er sie daran erinnern, dass das alles wirklich passierte. Ein paar Jahre später ein Park, die gleiche Bank, auf der Leon Clara den Ring geschenkt hatte. Jetzt saß sie dort mit einem kleinen Jungen auf dem Schoß Leons und ihr gemeinsamer Sohn Jonas. 3 Jahre alt, frech, laut und mit Schokoeis am Kinn.
Lena, inzwischen elf schlug neben ihnen Räder auf dem Rasen und rief: “Amama, hast du mein Rad gesehen?” Ohne zu wackeln. Klara lachte. Perfekt, mein Schatz. Das Wort Mama klang immer noch wie ein Geschenk, das sie nie erwartet hatte und jeden Tag neu auspackte. Lena hatte es von sich aus zu benutzen begonnen, Monate nach der Hochzeit. Ganz langsam, ganz selbstverständlich. Klara hatte nie gefragt, nie gedrängt und Lena hatte nie zurückgenommen, was sie einmal gegeben hatte. Leon kam mit zwei Kaffees
vom Kiosk zurück, setzte sich neben Klara und reichte ihr einen Becher. Jonas plapperte über Enten über einen Käfer mit blauen Punkten und dass er später Feuerwehrmann werden wollte. Klara lehnte sich zurück, sah ihrer Familie zu. Ihre Familie nicht perfekt, manchmal chaotisch, manchmal übermüdet, voller Pflichten und Pläne und Frühstückskrümel auf frisch gewischten Böden, aber sie würde nichts daran ändern. Später, als die Kinder vorauseilten, sah Leon sie an. Weißt du noch? Der Regen, der Motorschaden, die
Notfallreparatur. Klara lächelte. Die beste Katastrophe meines Lebens. Leon nahm ihre Hand und ich dachte damals: “Bleds sind das Schlimmste, was es gibt.” Tja, sagte Klara, manchmal schickt das Universum dir genau das, wovor du dich am meisten drückst, nur eben in Geschenkpapier, dass du nicht erkennst. Sie standen auf. gingen ihren Kindern hinterher und irgendwo in einer Werkstatt hing noch immer dieser kleine Kühleranhänger am Schlüsselbund. Ein stilles Symbol dafür, dass Liebe manchmal genau dann kommt,
wenn der Motor qualmt und die Straße unpassierbar scheint. M.
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