Es sind Bilder, die in den sozialen Netzwerken derzeit für erheblichen Wirbel sorgen und tiefe Einblicke in die politische Kommunikation unserer Zeit gewähren. Ein Video, aufgenommen hoch über den Wolken im deutschen Regierungsflieger, zeigt den SPD-Parteivorsitzenden Lars Klingbeil. Auf dem Rückflug von Kanada nach Deutschland möchte er offenbar eine nahbare, beinahe intime Botschaft an die Bürgerinnen und Bürger senden. Ein Statement, das authentisch wirken soll, eine Art scheinbar ungescholtener Moment für die digitale Öffentlichkeit. Doch was als moderner PR-Schachzug gedacht war, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein kommunikatives Desaster, das die tiefe Kluft zwischen der politischen Führungsebene und der alltäglichen Lebensrealität der arbeitenden Bevölkerung schonungslos offenlegt.

In einer Zeit, in der das Land vor massiven wirtschaftlichen Herausforderungen steht, in der die anhaltend hohe Inflation die Ersparnisse der Mittelschicht auffrisst und mittelständische Unternehmen unter einer erdrückenden Steuer- und Abgabenlast ächzen, wirkt ein solches Video aus dem privilegierten Umfeld eines Regierungsflugzeugs beinahe zynisch. Es ist nicht nur die Kulisse, die den Betrachter irritiert, sondern vor allem die inhaltliche Botschaft, die Klingbeil im Gepäck hat. Er feiert die eigene Regierungskoalition. Er lobt die immense Produktivität der Ministerien. Doch die drängende Frage, die sich Millionen von Menschen vor den heimischen Bildschirmen stellen, lautet: Was haben wir eigentlich konkret davon?

Das zentrale Argument, mit dem Klingbeil die Arbeit der aktuellen Bundesregierung verteidigt, ist rein quantitativer Natur. Er verweist voller Stolz darauf, dass allein aus seinem Ministeriumsumfeld im ersten Jahr über zwanzig neue Gesetze auf den Weg gebracht worden seien. Zwanzig Gesetze. Das klingt im ersten Moment nach enormem Tatendrang, nach fleißigen Beamten und einer Regierung, die die Ärmel hochkrempelt. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein grundlegender, geradezu tragischer Denkfehler, der symptomatisch für die aktuelle politische Kultur in der Hauptstadt zu sein scheint. Wenn das viel beschworene und allgegenwärtige politische Ziel der Bürokratieabbau ist, wie kann dann die Produktion von immer neuen, hochkomplexen Gesetzeswerken ein ernsthafter Indikator für politischen Erfolg sein? Jedes neue Gesetz bringt unweigerlich neue Verordnungen, neue Dokumentationspflichten, neue Ausnahmeregelungen und letztendlich neue Hürden für Bürger und Unternehmen mit sich. Es ist ein bürokratischer Teufelskreis, der den Wirtschaftsstandort lähmt.

Um die tatsächliche Wirksamkeit dieser legislativen Flutwelle zu überprüfen, reicht ein einfacher analytischer Test: Welches dieser zwanzig angepriesenen Gesetze hat breiten Teilen der Bevölkerung einen echten, nachhaltigen und spürbaren Vorteil in ihrem Lebensalltag gebracht? Die ernüchternde Antwort, die selbst moderne Analysetools und künstliche Intelligenzen schonungslos ausgeben, lautet: Kein einziges. Weder hat sich die finanzielle Situation der Mittelschicht merklich entspannt, noch wurden bürokratische Prozesse so verschlankt, dass ein kleiner Handwerksbetrieb oder ein Start-up endlich wieder frei atmen könnte. Stattdessen wird die Komplexität des Alltags künstlich weiter in die Höhe getrieben. Die politische Kaste brüstet sich mit dem reinen Akt des Regierens und Verordnens, verliert dabei aber die messbaren Resultate für die hart arbeitenden Menschen im Land völlig aus den Augen.

Wenn die Politik heute vollmundig von finanziellen Entlastungen spricht, lohnt es sich für jeden Bürger, das sprichwörtliche Kleingedruckte sehr genau zu studieren. Ein überaus anschauliches Beispiel, das in der aktuellen Debatte immer wieder als großer Wurf angeführt wird, ist der sogenannte “Wachstumsbooster” oder die degressive Abschreibung für Wirtschaftsgüter. Auf dem geduldigen Papier klingt das nach einer massiven und dringend benötigten Förderung für das Unternehmertum. Es wird suggeriert, dass notwendige Investitionen nun steuerlich deutlich besser abgesetzt werden können. Doch was bedeutet dieses Gesetz in der knallharten unternehmerischen Praxis? Um überhaupt Steuern sparen zu dürfen, muss der Unternehmer zunächst massiv eigenes Kapital binden und ausgeben. Er muss einhundert Prozent der Summe investieren, um im ersten Jahr lediglich einen Bruchteil davon steuerlich geltend machen zu können. Rechnet man diesen Betrag dann auf den individuellen Steuersatz herunter, schmilzt der angebliche Profit auf ein Minimum zusammen. Das ist keine echte Entlastung. Es handelt sich vielmehr um ein staatliches Lenkungsinstrument, das den Bürgern von oben herab vorschreibt, wann und wie sie ihr Geld auszugeben haben, um nicht vom Finanzamt massiv zur Kasse gebeten zu werden.

Noch weitaus drastischer und direkter spürbar zeigt sich dieses unaufrichtige Muster bei den direkten und indirekten staatlichen Abgaben. Während man medienwirksam winzige Erleichterungen präsentiert, plant und vollzieht die Regierung im Hintergrund weitreichende Reformen, die den Bürgern direkt in die Tasche greifen. Plötzlich stehen in der gesetzlichen Krankenversicherung Errungenschaften zur Disposition, die jahrzehntelang als unantastbar galten, wie etwa die automatische Familienmitversicherung ab dem sechsten Lebensjahr. Gleichzeitig schielt der Staat immer hungriger und ungenierter auf private Kapitalvermögen, plant härtere Besteuerungen von modernen Anlageformen wie Kryptowährungen und diskutiert munter und scheinbar ohne rote Linien über die Einführung neuer Verbrauchssteuern – sei es auf Zucker, auf Alkohol oder andere alltägliche Güter. Es gleicht einem klassischen, perfiden Hütchenspielertrick zulasten der Bevölkerung: Vorne wird dem gutgläubigen Wähler mit extremem PR-Aufwand eine kleine Steuererleichterung oder eine gezielte Förderung (beispielsweise für Elektro-Mobilität) als großer Wurf präsentiert, während hintenrum die Gebühren, Sozialbeiträge und versteckten Steuern drastisch und kontinuierlich angezogen werden. Die bittere Konsequenz am Ende des Monats: Der Nettosteuerzahler hat trotz aller Versprechungen spürbar weniger Kaufkraft in seinem Portemonnaie, während der Staat Jahr für Jahr neue historische Rekordeinnahmen verbucht.

Wenn die objektiven Ergebnisse der eigenen Politik derart desaströs ausfallen, braucht es ein funktionierendes Narrativ, um die brodelnde Unzufriedenheit in der Bevölkerung irgendwie zu erklären und abzufedern. Hört man den Reden und Statements führender Regierungspolitiker, allen voran Lars Klingbeil, einmal wirklich präzise zu, lässt sich ein konstanter roter Faden erkennen, der sich durch fast alle Erklärungsversuche der aktuellen Krisen zieht: Die Schuld liegt grundsätzlich, immer und ausnahmslos woanders. Würde man diese politische Grundhaltung auf ein persönliches Lebensmotto reduzieren, es hieße schlicht und ergreifend: “Die anderen sind schuld.”

Dieses systematische Muster der Verantwortungsabwehr ist für eine Industrienation fatal. Egal, ob die Wirtschaftsleistung schrumpft, die Deindustrialisierung voranschreitet oder die Unzufriedenheit auf den Straßen greifbar wird – stets werden externe und oft unbeeinflussbare Faktoren als Hauptursache herangezogen. Mal ist es der Angriffskrieg von Wladimir Putin, mal sind es globale Verwerfungen, mal die Entscheidungen längst vergangener Regierungen oder unberechenbare internationale Handelspartner wie Donald Trump. Wenn alle Stricke reißen und keine politischen Akteure mehr als Sündenböcke taugen, müssen abstrakte Konstrukte herhalten. Überspitzt, aber im Kern wahrheitsgemäß formuliert: Wenn es nicht die Opposition war, dann war es eben die unglückliche Sonneneinstrahlung oder das Gras, das in diesem Jahr zu schnell gewachsen ist. Diese stoische Weigerung, die vollen Konsequenzen des eigenen politischen Handelns und der eigenen ideologischen Weichenstellungen zu übernehmen, untergräbt das Vertrauen der Menschen in die demokratischen Institutionen zutiefst. Wer politische Führung in der schwersten wirtschaftlichen Krise seit Jahrzehnten beansprucht, der muss auch dann lückenlos Verantwortung übernehmen, wenn die eigenen hochgelobten Konzepte krachend scheitern. Die ständige, fast schon reflexartige Projektion von Fehlern auf Dritte wirkt nicht nur führungsschwach, sie verhindert auch aktiv eine ehrliche Situationsanalyse und die dringend benötigte Kurskorrektur.

Zu dieser bequemen Strategie der Schuldzuweisung gesellt sich ein weiteres, höchst gefährliches und toxisches Element: Die zunehmend aggressive, spaltende Rhetorik gegen genau diejenigen Menschen, die den Wohlstand dieses Landes jeden Tag aufs Neue erwirtschaften. Wenn namhafte Vertreter der Regierungsparteien sich auf offener Bühne hinstellen und die legitimen Forderungen von Wirtschaftsvertretern oder der politischen Opposition pauschal als “menschenverachtend” diffamieren, dann verlassen wir endgültig den festen Boden des sachlichen, demokratischen Diskurses. Es ist der bewusste, strategische Versuch, einen ideologischen Klassenkampf von oben herab zu inszenieren.

Wir erleben derzeit eine politische Kultur, in der gezielt Feindbilder aufgebaut und bewirtschaftet werden. Arbeitgeber, erfolgreiche mittelständische Unternehmer, international agierende Investoren oder einfach nur ganz normale Bürger, die sich durch jahrzehntelange harte Arbeit ein gewisses finanzielles Polster aufgebaut haben, werden unterschwellig zu den Hauptverantwortlichen für gesellschaftliche Schieflagen deklariert. Anstatt stabile Brücken zu bauen und gemeinsam mit den Leistungsträgern der Gesellschaft nach pragmatischen Wegen aus der Krise zu suchen, wird unerbittlich gespalten. Diese gefährliche Rhetorik vergiftet nachhaltig das gesellschaftliche Klima in Deutschland. Sie suggeriert den Menschen fälschlicherweise, dass der finanzielle Erfolg des einen automatisch die Ursache für die finanzielle Not des anderen sei – ein zutiefst sozialistischer und ökonomisch längst widerlegter Irrglaube, der die essenzielle Grundlage unserer sozialen Marktwirtschaft massiv aushöhlt. Wer als Regierung permanent gegen freie Investitionen und für immer drastischere staatliche Umverteilung wettert, der darf sich am Ende des Tages nicht ernsthaft wundern, wenn Traditionsunternehmen ins Ausland abwandern und hochqualifizierte Fachkräfte dem Standort Deutschland den Rücken kehren.

All diese besorgniserregenden Beobachtungen führen unweigerlich zu einer äußerst unangenehmen, aber absolut essenziellen Kernfrage: Für wen genau wird diese Art von Politik eigentlich noch gemacht? Wenn der hart arbeitende Nettosteuerzahler am Ende des Jahres trotz Dutzender sogenannter “Entlastungspakete” signifikant weniger Kaufkraft besitzt und wenn mittelständische Unternehmer unter einer Lawine aus Formularen und Bürokratie ersticken, wen bedient die aktuelle Regierungskoalition dann überhaupt noch?

Die bittere und unausweichliche Erkenntnis aus den fundierten Analysen der jüngsten Gesetzgebungen ist, dass ein absolut dominierender Teil der politischen Energie in den bedingungslosen Erhalt und den stetigen Ausbau eines ausufernden Systems der Umverteilung fließt. Die primäre politische Klientel, die von dieser Art der Politik tatsächlich profitiert, sind jene gesellschaftlichen Gruppen, die von staatlichen Transferleistungen direkt oder indirekt abhängig sind. Das Spektrum reicht hierbei von Empfängern staatlicher Grundsicherungen über ideologisch genehme, aber am Markt nicht überlebensfähige Projekte bis hin zu einem massiv wachsenden Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, die dauerhaft am goldenen Tropf der Staatsfinanzierung hängen.

Es drängt sich der fatale, kaum noch von der Hand zu weisende Eindruck auf, dass bestimmte Regierungsparteien ihr eigenes politisches Überleben untrennbar an jene binden, die primär finanzielle Mittel aus dem System entnehmen, anstatt sich auf diejenigen zu konzentrieren, die dieses Geld durch ihre tägliche, harte Arbeit überhaupt erst erwirtschaften. Für diese Art von Politik scheint der Bürger, der durch Subventionen und staatliche Hilfen dauerhaft vom Wohlwollen der Politik abhängig gemacht wird, weitaus wertvoller zu sein als der freie, unabhängige Bürger, der keine staatlichen Almosen benötigt, sondern lediglich faire, verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen und eine moderate, leistungsgerechte Steuerlast fordert. Wenn der Staat bei explodierenden Energie- und Spritpreisen im Hintergrund heimlich jubelt, weil sich dadurch die eigenen Einnahmen aus der prozentualen Umsatzsteuer massiv erhöhen, dann offenbart sich ein zutiefst zynisches, fast schon feindseliges Verhältnis zum eigenen Bürger. Der Staat betrachtet den arbeitenden Steuerzahler in diesem System zunehmend als unerschöpfliche, rechtlose Ressource und nicht mehr als den eigentlichen Souverän, dem er laut Grundgesetz zu dienen hat.

Wie Lars Klingbeil im Video andeutet, spürt auch er – hoch oben im Regierungsflieger – scheinbar die massive, fast schon greifbare Unzufriedenheit im Land. Er spricht wolkig davon, dass man nun wieder in einen “anderen Modus” schalten müsse, dass das “Miteinander” endlich wieder im Vordergrund stehen müsse, um gemeinsam die “großen Dinge” anzugehen. Doch was genau sind diese ominösen großen Dinge? Auf derart durchschaubare Worthülsen und hohle PR-Phrasen müssen jetzt endlich handfeste, spürbare Taten folgen.

Ein echtes politisches Miteinander würde bedeuten, die astronomische Abgabenbelastung des Einzelnen sofort und messbar zu reduzieren. Es würde bedeuten, dass ein ganz normaler Arbeitnehmer nicht nur auf dem theoretischen Papier des Finanzministeriums, sondern ganz real am Ende des Monats spürbar mehr Netto von seinem hart erarbeiteten Bruttogehalt auf dem Konto hat. Es würde bedeuten, anstatt beinahe wöchentlich über neue, kreative Steuern auf alltägliche Konsumgüter zu philosophieren, die eigenen Staatsausgaben extrem kritisch zu durchleuchten und den aufgeblähten Verwaltungsapparat endlich effizienter und schlanker zu gestalten. Wirkliche politische Größe und echte Führungsstärke zeigen sich eben nicht darin, aus der sicheren, abgehobenen Kabine eines Regierungsfliegers heraus die eigene vermeintliche Fehlerlosigkeit in die Kamera zu predigen und die Verantwortung für das drohende wirtschaftliche Desaster an “die anderen” zu delegieren. Größe zeigt sich einzig und allein in der intellektuellen Fähigkeit zur echten Selbstreflexion, in der schonungslosen, ehrlichen Analyse der eigenen konzeptionellen Defizite und in dem unbedingten Mut, sofort einen radikalen Kurswechsel einzuleiten, der nicht länger nur der Absicherung der eigenen Wählerklientel dient, sondern dem langfristigen Wohl und dem Wohlstand des gesamten Landes verpflichtet ist.

Solange Spitzenpolitiker jedoch ernsthaft glauben, dass zwanzig nutzlose, bürokratische Gesetze ein triftiger Grund zum Feiern sind, und solange der hart arbeitende Nettosteuerzahler von der eigenen Regierung lediglich als melkbare Kuh der Nation betrachtet wird, wird sich die gefährliche Spirale aus wirtschaftlichem Abschwung, Deindustrialisierung und massiver gesellschaftlicher Frustration unaufhaltsam weiterdrehen. Es ist allerhöchste Zeit, dass die verantwortliche Politik die ideologischen Wolkenkuckucksheime endgültig verlässt – und sei es nur symbolisch in Form eines abgehobenen Regierungsfliegers – und sich der harten, ungeschminkten ökonomischen Realität auf dem Boden stellt. Die Bürger haben ein absolutes Recht auf ehrliche Antworten, die über platte, durchschaubare Schuldzuweisungen hinausgehen, und sie verdienen eine Politik, die Leistung, Innovation und harte Arbeit endlich wieder belohnt, anstatt sie fortlaufend zu bestrafen.