Es ist ein Phänomen unserer Zeit, das bei genauerer Betrachtung zunehmend absurde Züge annimmt. In einer Phase, in der der Wirtschaftsstandort Deutschland unter einer beispiellosen Last aus Rekordinflation, ausufernder Bürokratie, horrenden Energiepreisen und einer massiven Abwanderung von Industriekapital ächzt, scheinen sich die Prioritäten in den Teppichetagen mancher Großkonzerne massiv verschoben zu haben. Anstatt mit vereinten Kräften Alarm zu schlagen und die dringend benötigten wirtschaftspolitischen Reformen von der Bundesregierung einzufordern, flüchten sich immer mehr Top-Manager in die bequeme und risikoarme Nische der politischen Haltungsnoten. Der jüngste Vorstoß in dieser beunruhigenden Entwicklung kommt ausgerechnet aus dem beschaulichen Hannover, aus dem Hause des weltbekannten Keksherstellers Bahlsen.

Alexander Kühnen, der amtierende Chef des Traditionsunternehmens, das Millionen Menschen vor allem durch den berühmten Leibniz-Keks ein Begriff ist, nutzte ein Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa), um sich weitreichend politisch zu positionieren. Er distanzierte sich in aller Deutlichkeit von der AfD und erklärte, dass Positionen wie die sogenannte „Remigration“ mit den Werten seines Unternehmens absolut unvereinbar seien. Kühnen betonte zudem die Notwendigkeit von qualifizierter Zuwanderung, offener internationaler Vernetzung und stabilen Rahmenbedingungen für den europäischen Handel. Auf den ersten Blick mag dies wie ein heldenhaftes Bekenntnis zur viel beschworenen demokratischen Mitte wirken. Doch wer sich die Mühe macht, diese PR-tauglichen Phrasen einer echten inhaltlichen Prüfung zu unterziehen, stößt unweigerlich auf tiefgreifende Widersprüche und eine eklatante Realitätsverweigerung.
Beginnen wir mit dem großen Reizwort der “Remigration”. Dieser Begriff wurde in den letzten Monaten durch eine beispiellose, teils hochgradig fragwürdige mediale Kampagne systematisch dämonisiert – nicht zuletzt befeuert durch das viel diskutierte “Correctiv”-Narrativ, dessen rechtliche und inhaltliche Haltbarkeit vor Gerichten längst massive Risse bekommen hat. Was genau meint der Bahlsen-Chef also, wenn er diesen Begriff als “nicht akzeptabel” ablehnt? Juristisch und politisch betrachtet bedeutet Remigration in erster Linie die konsequente Durchsetzung von geltendem Recht. Wenn Menschen ohne gültigen Asylanspruch, abgelehnte Bewerber oder gar schwer kriminell gewordene Straftäter wieder in ihre Heimatländer zurückgeführt werden sollen – was exakt ist daran verwerflich? Widerspricht die simple Einhaltung deutscher Gesetze nun plötzlich den Unternehmenswerten eines Gebäckherstellers? Die fehlende Differenzierung in solchen Interviews offenbart ein erschreckendes Maß an Oberflächlichkeit. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier ein Manager lediglich den politisch korrekten Zeitgeist bedient und vorgefertigte Mainstream-Parolen nachplappert, ohne sich jemals ernsthaft und ergebnisoffen mit den eigentlichen Inhalten und Forderungen der Opposition auseinandergesetzt zu haben.
Noch absurder wird die Argumentation, wenn Kühnen von den “stabilen Rahmenbedingungen” spricht, die Deutschland angeblich auszeichnen und die es zu verteidigen gelte. Man muss sich ernsthaft fragen, in welchem Paralleluniversum solche Wirtschaftsführer leben. Haben wir aktuell stabile Bedingungen? Die Realität zeichnet ein fundamental anderes, düsteres Bild. Internationale Konzerne verlagern ihre Produktionsstätten in einem noch nie dagewesenen Tempo ins außereuropäische Ausland, primär in die USA und nach Asien, weil Europa und speziell Deutschland als Investitionsstandort schlichtweg unattraktiv, zu teuer und zu überreguliert geworden sind. Das Kapital flieht, doch in den Chefetagen feiert man sich selbst für die moralische Überlegenheit.

Diese eklatante Doppelmoral der Unternehmenswelt zeigt sich jedoch nicht nur bei Bahlsen. Ein Blick in den Profisport liefert ein weiteres, entlarvendes Beispiel für diese opportunistische Form der “Haltung”. Wenn der FC Bayern München in Deutschland den “Pride Month” zelebriert und sein Stadion medienwirksam in Regenbogenfarben erstrahlen lässt, um gegen Homophobie und Ausgrenzung Flagge zu zeigen, erntet der Verein dafür lauten Applaus. Doch wirft man am selben Tag einen Blick auf die arabischen Social-Media-Kanäle des Vereins, herrscht dort gähnende Leere. Keine Regenbögen, keine mutigen Statements für Vielfalt. Warum? Weil man es sich mit den finanzstarken Geldgebern und Märkten im Nahen Osten, wo diese Werte tatsächlich unterdrückt werden und Mut wirklich gefragt wäre, nicht verscherzen will. Am Ende des Tages siegt also nicht die Moral, sondern der schnöde Mammon. Es geht ums reine Geschäft – und genau diese unerträgliche Heuchelei macht die moralischen Belehrungen aus den Konzernzentralen für den normalen Bürger so schwer erträglich.
Wie brutal und existenzbedrohend die Realität in Deutschland abseits dieser elitären Haltungsdebatten wirklich ist, zeigt der tragische Fall des Unternehmens Iliok. Das Thüringer Traditionsunternehmen, ein Spezialist für maßgeschneiderte Industrieöfen und Wärmebehandlungsanlagen, feierte kürzlich noch sein 100-jähriges Bestehen. Vor einiger Zeit ging ein herzzerreißendes Video der Geschäftsführerin viral. Unter Tränen klagte die Unternehmerin über den wahnwitzigen Bürokratismus in Deutschland. Seit fast zwei Jahren hing eine simple Bauvoranfrage fest, die es der Firma ermöglichen sollte, den Standort zu erweitern, moderne Arbeitsplätze zu sichern und in eine innovative Zukunft zu investieren. Stattdessen wurde die Firma durch endlose Vorschriften, Legal Identifier und völlig sinnentleerte Nachweise, die angeblich die nächste globale Finanzkrise verhindern sollen, schleichend stranguliert.
Als das Video der weinenden Chefin durchs Netz ging, ließ die Politik nicht lange auf sich warten. Thüringens CDU-Spitzenkandidat Mario Voigt nutzte die Gunst der Stunde für einen publikumswirksamen Auftritt. Er eilte herbei, lobte das Unternehmen als leuchtendes Beispiel der Thüringer Industriekraft und versprach vollmundig, bürokratische Hürden aus dem Weg zu räumen. “Ermessen auszuüben bedeutet auch ermöglichen”, tönte Voigt in die Mikrofone. Es war das klassische Drehbuch der politischen Krisen-PR: Betroffenheit heucheln, schnelle Lösungen versprechen und sich als Retter des Mittelstandes inszenieren.
Doch die bittere Wahrheit holt solche Inszenierungen gnadenlos ein. Heute, nur wenige Monate nach den großen Versprechungen der Landespolitik, ist die Iliok Industrieofenbau GmbH insolvent. Der Weltmarktführer mit dutzenden hochqualifizierten Mitarbeitern musste die Eigenverwaltung beantragen, die Löhne sind nur noch für wenige Wochen über das Insolvenzgeld gesichert. Ein Sanierungsgeschäftsführer versucht nun verzweifelt zu retten, was kaum noch zu retten ist. Dieser Untergang ist kein tragischer Zufall, sondern das direkte, unvermeidliche Resultat einer toxischen Mischung aus realitätsfremder Wirtschaftspolitik und erdrückender Überregulierung.
Während sich Manager wie Alexander Kühnen also im warmen Licht der medialen Zustimmung sonnen, weil sie brav die vorgegebenen politischen Feindbilder bedienen, stirbt an der Basis das echte Unternehmertum. Der Mittelstand, das viel gepriesene Rückgrat der deutschen Wirtschaft, bricht unter der Last einer völlig aus den Fugen geratenen Politik leise zusammen. Anstatt sich in Kontaktschuld und Ausgrenzung zu üben, wäre es für die Wirtschaftsführer dieses Landes dringend an der Zeit, den echten, harten Dialog zu suchen. Warum wählen immer mehr hart arbeitende Unternehmer und interessanterweise auch immer mehr gut integrierte Menschen mit Migrationshintergrund Parteien abseits des Mainstreams? Sicherlich nicht, weil sie über Nacht zu radikalen Extremisten geworden sind, sondern weil sie den völligen Kontrollverlust, die wirtschaftliche Inkompetenz und die abgehobene Arroganz der etablierten Parteien am eigenen Leib und am eigenen Geldbeutel spüren.
Es reicht längst nicht mehr aus, seine politischen Weltanschauungen nach Feierabend beim bequemen Scrollen durch die Online-Ausgaben einschlägiger Mainstream-Medien zu formen. Wer als Führungskraft in diesem Land heute noch Verantwortung übernehmen will, muss den Mut aufbringen, die Echokammer der politischen Korrektheit zu verlassen. Er muss bereit sein, sich mit den wahren Ursachen der Deindustrialisierung auseinanderzusetzen, anstatt nur die Symptome mit moralischen Pflastern abzukleben. Deutschland braucht keine Keks-Fabrikanten, die uns erklären, wie wir politisch zu denken haben. Deutschland braucht Unternehmer, die knallharte Standortbedingungen einfordern, die Bürokratie-Monster bekämpfen und die wirtschaftliche Vernunft zurück in die Parlamente zwingen. Bis diese Erkenntnis in den Chefetagen und Staatskanzleien ankommt, werden wir leider noch viele bittere Insolvenzen wie die von Iliok miterleben müssen. Es bleibt zu hoffen, dass der Aufwachprozess beginnt, bevor die Schornsteine der deutschen Industrie endgültig kalt bleiben.
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