In der Welt der Politik gibt es Zahlen, die man ignorieren kann, und es gibt Zahlen, die das Ende einer politischen Karriere markieren. Was die jüngste Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und NTV über die Beliebtheit von Bundeskanzler Friedrich Merz ans Licht gebracht hat, fällt zweifellos in die zweite Kategorie. Es ist ein politisches Beben, dessen Erschütterungen bis in die hintersten Winkel des Berliner Regierungsviertels zu spüren sind. Mit einem beispiellosen Wert von 83 % Unzufriedenheit steht der Kanzler vor den Trümmern seiner politischen Autorität.

Die Details der Erhebung lesen sich wie ein politischer Nachruf. Auf die Frage, ob man mit der Arbeit des Bundeskanzlers zufrieden sei, antworteten lediglich 15 % der Befragten mit „Ja“. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine überwältigende Mehrheit von acht von zehn Deutschen dem Regierungschef das Vertrauen entzogen hat. Besonders alarmierend für das Kanzleramt: Dieser Wert hat sich im Vergleich zur letzten Umfrage nochmals um drei Prozentpunkte verschlechtert. Es ist kein vorübergehendes Umfragetief, sondern ein konstanter Sinkflug, der Merz mittlerweile zum unbeliebtesten Spitzenpolitiker in Europa macht.

Der Vergleich mit anderen Staatschefs verdeutlicht die Dramatik der Lage. Lange Zeit galt der französische Präsident Emmanuel Macron als das Maß der Dinge in Sachen Unbeliebtheit. Doch selbst Macron, der in seinen schwersten Krisenzeiten oft bei etwa 16 bis 18 % Zustimmung verharrte, wirkt im Vergleich zu den aktuellen Werten von Friedrich Merz fast schon wie ein Sympathieträger. Dass ein deutscher Bundeskanzler sogar noch hinter den ohnehin schon kritischen Werten eines Olaf Scholz zurückbleibt, galt noch vor wenigen Monaten als nahezu undenkbar. Doch die Realität hat die Prognosen überholt.

Doch wie konnte es so weit kommen? Beobachter machen vor allem die Diskrepanz zwischen Wahlversprechen und Regierungshandeln verantwortlich. Merz war mit dem Versprechen angetreten, die Wirtschaft wieder flott zu machen und die Schuldenbremse als heiliges Gut zu verteidigen. In der Praxis jedoch fühlen sich viele Wähler – insbesondere aus dem bürgerlichen Lager – getäuscht. Die wirtschaftliche Stagnation, die anhaltend hohen Lebenshaltungskosten und das Gefühl einer zunehmenden sozialen Spaltung werden direkt mit der Person an der Regierungsspitze verknüpft. Hinzu kommt ein Kommunikationsstil, der von vielen als abgehoben und realitätsfern wahrgenommen wird.

Merz trotz Krise gelassen in der ersten Sommer-Pressekonferenz

Die Reaktion der Opposition ließ nicht lange auf sich warten. Vor allem aus den Reihen der AfD werden die Rufe nach der Vertrauensfrage immer lauter. Man argumentiert, dass eine Regierung, die nur noch 15 % der Bevölkerung hinter sich weiß, keine demokratische Legitimation mehr besitze, weitreichende Entscheidungen für die Zukunft des Landes zu treffen. Die Debatte über einen Rücktritt oder Neuwahlen ist längst aus den Hinterzimmern in die breite Öffentlichkeit getragen worden. In Talkshows und sozialen Medien wird hitzig darüber diskutiert, ob Deutschland sich einen Kanzler im Dauer-Umfragetief noch leisten kann, während das Land vor gewaltigen geopolitischen und ökonomischen Herausforderungen steht.

Innerhalb der CDU wächst derweil die Nervosität. Zwar hält die Parteiführung offiziell noch zu ihrem Kanzler, doch hinter vorgehaltener Hand wird bereits über Alternativen spekuliert. Das Risiko, mit einem derart beschädigten Spitzenkandidaten in künftige Wahlkämpfe zu ziehen, wird von vielen Landesverbänden als existenzbedrohend eingestuft. Die Sorge ist groß, dass die Unbeliebtheit von Merz wie ein Bleigewicht an den Umfragewerten der gesamten Union hängt und den Weg für politische Ränder ebnet.

Souveränes Europa: Merz und Macron für gemeinsame Zukunft - Wirtschaft -  SZ.de

Abschließend stellt sich die Frage der politischen Moral. Kann ein Kanzler, der das Vertrauen von 83 % seiner Bürger verloren hat, das Land noch glaubwürdig nach innen und außen vertreten? Das Urteil scheint klar: Spätestens jetzt muss die Frage nach personellen Konsequenzen gestellt werden. Ob der Kanzler diese Konsequenz zieht oder versucht, die Krise auszusitzen, wird über die politische Stabilität Deutschlands in den kommenden Monaten entscheiden. Eines ist jedoch sicher: Die Glocken haben geschlagen, und die Zeit der Ausreden ist endgültig vorbei. Das Volk hat sein Urteil gefällt, und es ist vernichtend.