Es gibt diese bestimmten Momente in der Politik, in denen man als aufmerksamer Beobachter eigentlich nur noch ungläubig den Kopf schütteln kann. Momente, in denen die Diskrepanz zwischen politischem Handeln der Vergangenheit und wohlklingender Rhetorik der Gegenwart so unfassbar groß wird, dass man sich unweigerlich fragt: Werden wir eigentlich alle nur noch für dumm verkauft? Ein exakt solches Szenario spielt sich derzeit auf der ganz großen europäischen Bühne ab. Im Zentrum der allgemeinen Fassungslosigkeit steht ein Mann, der zu den einflussreichsten Politikern des Kontinents gehört: Manfred Weber, der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament. Mit einem einzigen, scheinbar harmlosen Post in den sozialen Netzwerken hat er einen Sturm der Entrüstung und des Spottes ausgelöst, der tief in die Wunden der hart arbeitenden Bevölkerung und der europäischen Wirtschaft trifft.

Die globale geopolitische Lage ist derzeit zum Zerreißen gespannt. Konflikte an strategisch entscheidenden Nadelöhren des Welthandels, wie der Straße von Hormus oder dem Roten Meer, führen uns drastisch vor Augen, wie fragil unsere Lieferketten in Wahrheit sind. In dieser hochbrisanten Situation werden die europäischen Häfen – von Hamburg über Rotterdam bis nach Antwerpen – immer mehr zu den absoluten Lebensadern unseres Wohlstands. Wenn hier die Abläufe stocken, steht kurze Zeit später die Produktion im heimischen Mittelstand still, und die Regale in den Supermärkten leeren sich. Genau auf diese dramatische Zuspitzung nahm Manfred Weber Bezug, als er kürzlich eine Nachricht auf Englisch veröffentlichte, die man sich in ihrer vollen Tragweite auf der Zunge zergehen lassen muss.

Weber schrieb: „Europäische Häfen sind in der heutigen volatilen Welt von entscheidender Bedeutung. Wir müssen die Hafensicherheit durch Kooperation, Informationsaustausch und Unterstützung durch Behörden stärken. Wir brauchen kluge Investitionen ohne Überregulierung und starke öffentliche-private Partnerschaften. Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gehen Hand in Hand.“

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Auf den ersten Blick klingen diese Sätze wie die vernünftige und pragmatische Analyse eines besonnenen Staatsmannes. “Kluge Investitionen ohne Überregulierung” – wer könnte da schon widersprechen? Jeder Spediteur, jeder Hafenarbeiter und jeder mittelständische Unternehmer würde diesen Forderungen sofort applaudieren. Doch der massive Haken an dieser Geschichte, der Zynismus, der den Bürgern regelrecht den Atem raubt, liegt in der Person des Absenders und der politischen Realität der letzten Jahre.

Manfred Weber ist nicht irgendein unbeteiligter Beobachter oder ein neu gewählter Oppositionspolitiker, der plötzlich die Missstände des Systems aufdeckt. Er ist der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei, der stärksten politischen Kraft im EU-Parlament. Er und seine politischen Weggefährten, allen voran auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, sind die maßgeblichen Architekten genau jenes Systems, das sie nun plötzlich wortreich kritisieren. Die Europäische Union hat in den vergangenen zehn Jahren eine bürokratische Maschinerie aufgebaut, die weltweit ihresgleichen sucht. Mit unzähligen Richtlinien, ausufernden ESG-Berichtspflichten, starren Lieferkettengesetzen und einer absurden Detailversessenheit hat man der europäischen Wirtschaft ein Korsett angelegt, das ihr systematisch die Luft zum Atmen nimmt.

Die “Überregulierung”, vor der Herr Weber nun so medienwirksam warnt, ist nicht wie ein Naturereignis über Europa hereingebrochen. Sie wurde in den Ausschüssen und Hinterzimmern in Brüssel und Straßburg ganz bewusst erschaffen, debattiert, abgestimmt und den Mitgliedsstaaten brutal aufgedrückt. Es ist ein System der Misstrauenskultur gegenüber dem Unternehmertum. Wenn nun ausgerechnet einer der ranghöchsten Vertreter dieses Systems beklagt, dass die Wettbewerbsfähigkeit unter der Bürokratie leidet, grenzt das an eine Verhöhnung der hart arbeitenden Mitte.

Es ist, als würde ein Architekt ein Haus ohne Türen und Fenster bauen und sich hinterher lautstark darüber beschweren, dass es im Inneren zu dunkel ist und man nicht nach draußen kommt. Oder, um es mit den treffenden Worten kritischer Beobachter aus dem Netz zu sagen: Es ist amüsant bis erschreckend zu sehen, wie die Politik in die exakt gleiche Falle tappt, die sie zuvor selbst in jahrelanger Feinarbeit konstruiert hat.

Die Wut der Bürger und Unternehmer ist daher absolut verständlich und gerechtfertigt. An den europäischen Häfen kämpfen die Betreiber tagtäglich mit einem Tsunami an Formularen und Nachweispflichten. Die digitale und physische Infrastruktur könnte längst viel weiter sein, wenn Investitionen nicht durch jahrelange Genehmigungsverfahren und absurde Umweltauflagen blockiert würden. Während man in Asien oder Amerika Häfen der Zukunft baut, ersticken europäische Projekte in Aktenordnern. Dass dies die Sicherheit und die logistische Effizienz schwächt, ist ein offenes Geheimnis. Und nun stellt sich der Mitverursacher dieser Misere vor die Mikrofone und tut so, als hätte er gerade die Lösung für ein Problem gefunden, das er selbst mitverursacht hat.

Man muss sich unweigerlich die entscheidenden Fragen stellen: Warum wurden diese Überregulierungen überhaupt erst eingeführt, wenn man doch angeblich weiß, dass sie schädlich sind? Warum hat die EVP-Fraktion in all den Jahren nicht konsequent gegen diesen bürokratischen Wahnsinn gestimmt? Und vor allem: Wenn die Erkenntnis nun da ist, warum folgen dann keine sofortigen, drastischen Gesetzesänderungen? Die Antwort liegt für viele enttäuschte Wähler auf der Hand. Es riecht stark nach politischem Kalkül und dem Versuch, im Vorfeld anstehender Wahlen plötzlich wieder das Image der wirtschaftsfreundlichen Kraft aufzubauen. Man bedient sich konservativer, bürgerlicher Vokabeln, um jene Wählergruppen zu beruhigen, die man durch die eigene Politik längst an den Rand der Verzweiflung getrieben hat.

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Doch die Menschen lassen sich nicht mehr so leicht mit hohlen Phrasen abspeisen. Wer jahrelang zusieht oder gar aktiv daran mitwirkt, wie die europäische Wirtschaft durch grüne Ideologie und Kontrollwahn in die Knie gezwungen wird, der kann sich die Absolution nicht mit einem einfachen Social-Media-Post erteilen. Die Glaubwürdigkeit der etablierten EU-Politik befindet sich an einem historischen Tiefpunkt.

Es bedarf jetzt keiner schönen Worte mehr, sondern einer radikalen Kehrtwende. Wenn Herr Weber und seine Fraktion es wirklich ernst meinen mit dem Abbau von Überregulierung, dann müssen sie in der nächsten Plenarsitzung Anträge stellen, um die bürokratischen Monstergesetze der letzten Jahre ersatzlos zu streichen. Sie müssten das absurde Lieferkettengesetz kippen, die völlig überzogenen Reporting-Pflichten für mittelständische Unternehmen abschaffen und den Hafenbetreibern endlich wieder die Freiheit geben, unternehmerisch und effizient zu handeln. Solange dies nicht geschieht, bleibt ein solcher Post nichts weiter als ein zynisches Manöver.

Die Bürger dieses Landes – die Hafenarbeiter, die Logistiker, die Steuerzahler – haben ein Recht auf ehrliche Politik. Sie haben es satt, die Versuchskaninchen für bürokratische Experimente zu sein, nur damit sich Politiker am Ende als die Retter in der Not inszenieren können. Europa steht am Scheideweg. Entweder befreien wir uns von den Fesseln der selbstgeschaffenen Regulierung, oder wir werden in einer zunehmend volatilen und rauen Weltordnung unweigerlich den Anschluss und unseren Wohlstand verlieren. Die Zeit für billige PR-Stunts ist endgültig abgelaufen. Jetzt müssen endlich Taten folgen, die den Schaden beheben, den diese Art von Politik überhaupt erst angerichtet hat.