Baden-Württemberg, einst das unangefochtene wirtschaftliche Kraftzentrum Deutschlands, das stolze Land der Tüftler, Denker und Weltmarktführer, steht an einem historischen und überaus gefährlichen Scheideweg. Die Zeiten, in denen das “Ländle” fast wie von selbst florierte, sind längst vorbei. Heute blicken wir auf eine Region, die massiv unter Deindustrialisierung, explodierenden Energiekosten, überbordender Bürokratie und einem schleichenden Vertrauensverlust in die politische Führung leidet. In dieser ohnehin schon extrem angespannten Gemengelage schlägt nun eine aktuelle Äußerung von Cem Özdemir in den Stuttgarter Nachrichten ein wie ein politischer Blitz. Es ist ein Satz, der das gesamte Dilemma der kommenden Regierungsjahre schonungslos entlarvt und die tiefe Frustration der Bürger auf einen neuen Höhepunkt treibt.

Özdemir erklärte im Interview wörtlich: “Wir müssen ab dem ersten Tag so arbeiten, dass die AfD schwächer wird.” Lassen Sie sich diesen Satz einmal in aller Ruhe auf der Zunge zergehen. Inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten, in einer Zeit, in der Traditionsunternehmen reihenweise Insolvenz anmelden, der Mittelstand unter der Last der Auflagen ächzt und zigtausende Arbeitnehmer tagtäglich um ihre berufliche Existenz bangen, formuliert ein Spitzenpolitiker der Grünen das oberste Regierungsziel. Und dieses Ziel lautet nicht etwa: “Wir müssen ab dem ersten Tag so arbeiten, dass die Wirtschaft wieder wächst”, oder “dass die Energiepreise sinken”, oder “dass wir jeden Arbeitsplatz retten”. Nein, das oberste und alles überstrahlende Primärziel scheint es zu sein, einen politischen Konkurrenten zu bekämpfen.

Diese Aussage ist nicht nur eine unfassbare Fehlkalkulation, sie ist in Wahrheit ein politischer Offenbarungseid. Sie beweist auf erschreckende Weise, dass wir von einer echten politischen und wirtschaftlichen Wende in Baden-Württemberg exakt null Prozent erwarten dürfen. Wer seine Regierungsarbeit in erster Linie destruktiv (gegen einen Gegner) und nicht konstruktiv (für das eigene Land) definiert, hat den Bezug zu den wirklichen, brennenden Problemen der Menschen vor Ort komplett verloren. Wie will man das Vertrauen von frustrierten Wählern zurückgewinnen? Ganz sicher nicht durch strategische Parteispiele, sondern einzig und allein durch exzellente Sachpolitik, die den Bürgern wieder Wohlstand, Sicherheit und Perspektiven bietet. Doch genau diese Perspektive sucht man derzeit in Stuttgart vergebens.

Der Frust der Wählerschaft ist dabei absolut greifbar und verständlich. Erinnern wir uns nur wenige Wochen zurück an den hitzigen Wahlkampf. Damals tönte es von allen Seiten, dass nun radikale Veränderungen anstünden. Insbesondere die CDU unter Manuel Hagel inszenierte sich als die starke Kraft der wirtschaftlichen Vernunft. Es hagelte große Versprechungen: Man werde um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen, die Belange der Industrie wieder in den Mittelpunkt rücken und eine spürbare Kehrtwende einleiten. Die Bürger haben diesen Worten geglaubt und ihre Kreuzchen in der Hoffnung auf Veränderung gemacht. Und was passiert jetzt? Die Realität holt die Wähler auf die denkbar brutalste Weise ein.

Cem Özdemir ist die letzte Hoffnung für die Grünen | Staatsanzeiger BW

Seit Wochen quält man sich in Stuttgart durch zähe, langwierige Sondierungsgespräche, die fast schon den Charakter einer politischen Hängepartie angenommen haben. Das Land braucht Führung und Entscheidungen, doch was am Ende dieser wochenlangen Verhandlungen auf dem Tisch liegt, ist an Enttäuschung kaum zu überbieten. Werfen wir einen Blick in das sogenannte Sondierungspapier, jenes Dokument, das die Leitplanken für die kommenden Koalitionsverhandlungen und die nächsten fünf Jahre Regierungspraxis festlegt. Wer hier auf den großen Befreiungsschlag gehofft hatte, reibt sich ungläubig die Augen.

In zentralen Bereichen wie der Klimapolitik und der Wirtschaftspolitik wird das Drehbuch der vergangenen fünf Jahre nahezu eins zu eins fortgeschrieben. Es ist ein eiskaltes “Weiter so”, das in wohlklingende politische Phrasen verpackt wurde. Die massiven Belastungen für die Schlüsselindustrien des Landes – allen voran die Automobilbranche mit ihren zahlreichen Zulieferbetrieben – bleiben bestehen. Die bürokratischen Fesseln, die den mittelständischen Unternehmen die Luft zum Atmen nehmen, werden nicht etwa mutig durchschnitten, sondern lediglich neu arrangiert. Wo ist die versprochene Entlastung? Wo ist das klare Bekenntnis zum Industriestandort? All das wurde offenbar im Verhandlungszimmer dem grünen Koalitionspartner auf dem Silbertablett geopfert, nur um schnellstmöglich wieder an die Macht zu gelangen.

Die CDU, die im Wahlkampf noch als Heilsbringer der schwäbischen Wirtschaft auftrat, scheint vollkommen eingeknickt zu sein. Es bewahrheitet sich das schlimmste Befürchten der Kritiker: Die Christdemokraten machen sich zum willfährigen Erfüllungsgehilfen einer ideologisch getriebenen Politik, die den Wohlstand in Baden-Württemberg systematisch aufs Spiel setzt. Die Aussage von Cem Özdemir ist dabei das fehlende Puzzleteil, das das Gesamtbild komplett macht. Wenn die oberste Priorität der Regierungsarbeit in der strategischen Schwächung einer Oppositionspartei liegt, bleibt schlichtweg keine Energie und kein politischer Wille mehr übrig, um die gigantischen strukturellen Herausforderungen des Bundeslandes anzugehen.

Baden-Württemberg steht vor einem existenziellen Umbruch. Der Wandel in der Mobilität, die Digitalisierung und der massive internationale Wettbewerbsdruck aus Asien und den USA dulden keinen Aufschub und vor allem keinen politischen Stillstand. Bosch, Mercedes-Benz, Porsche, Mahle – aber eben auch der unbesungene Mittelständler auf der Schwäbischen Alb – sie alle brauchen jetzt Rahmenbedingungen, die Investitionen fördern und nicht durch immer neue Auflagen bestrafen. Sie brauchen verlässliche und bezahlbare Energie, anstatt ideologischer Luftschlösser. Doch die designierte Landesregierung scheint blind in ihr Verderben zu steuern, gefangen in einer Blase aus Selbstgefälligkeit und parteitaktischen Manövern.

Manuel Hagel: Weiter keine Zusammenarbeit mit der Linken | Staatsanzeiger BW

Der Wähler spürt diesen Verrat instinktiv. Die Menschen merken sehr genau, ob Politik für sie gemacht wird oder ob sie nur Spielball im Kampf um Posten und ideologische Deutungshoheiten sind. Wenn ein Politiker fordert, ab dem ersten Tag gegen die AfD zu arbeiten, ignoriert er völlig, warum so viele Menschen überhaupt erst ihr Kreuz bei dieser Partei gemacht haben. Es ist nicht die plötzliche Liebe zu extremen Rändern, es ist die schiere Verzweiflung über eine Politik der Mitte, die keine Lösungen mehr liefert. Eine Regierung, die den Bürger und seine Sorgen – die explodierende Miete, der teure Einkauf im Supermarkt, die Angst vor dem Jobverlust – nicht mehr ernst nimmt, sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt.

Es ist eine Tragödie für das “Ländle”. Statt einer mutigen Wende erleben wir ein politisches Trauerspiel in mehreren Akten. Der Verrat an den Wahlversprechen ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Viel dramatischer ist der langfristige Schaden, der angerichtet wird, wenn die Wirtschaftskraft Baden-Württembergs weiter erodiert. Ohne eine starke Wirtschaft gibt es keinen funktionierenden Sozialstaat, keine modernen Schulen und keine intakte Infrastruktur. Das neue Regierungsbündnis mag sich auf dem Papier gefunden haben, doch in den Herzen und Köpfen der hart arbeitenden Bevölkerung haben sie ihren Kredit bereits jetzt massiv verspielt. Wenn sich die Prioritäten in Stuttgart nicht radikal hin zu einer Politik der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vernunft verschieben, dann müssen sich nicht nur die Politiker, sondern vor allem die Bürger von Baden-Württemberg in den kommenden fünf Jahren verdammt warm anziehen.