Es braut sich ein politischer Sturm ungeahnten Ausmaßes über dem südlichen Freistaat zusammen, der das Potenzial hat, die gewohnten Machtstrukturen in Deutschland nachhaltig zu verändern. Die Christlich-Soziale Union (CSU), einst der unangefochtene und stolze politische Hegemon in Bayern, wirkt zunehmend wie ein angeschlagener Riese, der im dichten Nebel der aktuellen Krisen verzweifelt nach Orientierung sucht. Wer geglaubt hätte, die tiefen Risse innerhalb der Partei ließen sich durch nach außen demonstrierte bayerische Gemütlichkeit oder die medienwirksamen Bierzeltauftritte von Parteichef Markus Söder kitten, wird in diesen Tagen eines dramatischen Besseren belehrt. Es brodelt gewaltig hinter den verschlossenen Türen der Parteizentrale. Ein beispielloser, offener Machtkampf bahnt sich an, und die rhetorischen Messer sind längst gewetzt. Im absoluten Zentrum dieser eskalierenden Auseinandersetzung steht ein Dokument, das in Berlin und München derzeit für ungläubiges Kopfschütteln und hitzige Debatten sorgt: Ein hochbrisanter Brandbrief aus der Feder von Manfred Weber, dem mächtigen Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei (EVP) und einem der einflussreichsten Spitzenpolitiker der CSU.

Was Weber in diesem Schreiben formuliert hat, ist nicht weniger als ein politisches Erdbeben. Es ist der Versuch, den massiven und für die etablierten Parteien höchst schmerzhaften Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) soziologisch und philosophisch zu erklären. Doch anstatt in den Spiegel zu blicken und die eigene Regierungsverantwortung der letzten Jahrzehnte kritisch zu hinterfragen, wählt Weber einen Ansatz, der den normalen Bürger schlichtweg fassungslos zurücklässt. Er brandmarkt laut übereinstimmenden Medienberichten einen „überbordenden Freiheitsbegriff“ als eine der Hauptursachen für den Erfolg der AfD. Man muss sich diese Formulierung wirklich in aller Ruhe auf der Zunge zergehen lassen. Ein führender Politiker einer konservativen Traditionspartei, die eigentlich den Schutz der individuellen Freiheit, des Eigentums und der Eigenverantwortung auf ihre historischen Fahnen geschrieben hat, warnt vor zu viel Freiheit.

Was genau soll dieser „überbordende Freiheitsbegriff“ in der Praxis bedeuten? Ist es das tiefe, innere Bedürfnis der Bürger, nach den massiven und tiefgreifenden Einschränkungen der vergangenen Krisenjahre endlich wieder selbstbestimmt über ihr Leben, ihr Heizsystem, ihr Auto oder ihre Sprache entscheiden zu wollen? Ist es der Wunsch, von einer übergriffigen, bürokratischen Staatsmaschinerie, die bis in die kleinsten Verästelungen des Alltags hineinregiert, in Ruhe gelassen zu werden? Wenn das Streben nach persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit in den Augen der europäischen Eliten plötzlich als Gefahr oder als bloßer Treibstoff für den politischen Gegner umgedeutet wird, dann offenbart das eine erschreckende, tiefe Entfremdung zwischen den Regierenden und dem souveränen Volk. Es wirkt fast so, als wolle man den Bürger dafür maßregeln, dass er sich nicht widerstandslos den immer enger werdenden moralischen und regulatorischen Korsetten anpasst, die in Brüssel und Berlin maßgeschneidert werden.

Doch der Brandbrief von Manfred Weber birgt noch weitere, höchst explosive Passagen, die den internen Konflikt mit Parteichef Markus Söder schonungslos offenlegen. Weber beklagt in seinem Schreiben, dass sich ganze gesellschaftliche Gruppen in Deutschland nicht mehr gehört fühlen. Er nennt hierbei explizit Muslime, Christen, die junge Generation und die Alten. Das ist eine absolut vernichtende und schonungslose Zustandsbeschreibung unseres Landes. Es ist die Beschreibung einer Gesellschaft, die in ihre Einzelteile zerfällt, in der der Kitt des gegenseitigen Vertrauens porös geworden ist und in der tiefe Frustration den politischen Alltag bestimmt. Doch die entscheidende, geradezu zynische Frage, die Weber in seinem Brief geflissentlich umschifft, lautet: Wer trägt denn die politische Hauptverantwortung für diese tiefe, gesellschaftliche Entfremdung?

EPP's Weber leaves door open to more votes with far right in European  Parliament – POLITICO

Die CSU saß in den entscheidenden letzten Jahrzehnten nahezu ununterbrochen mit am Kabinettstisch in Berlin. Sie hat das Land maßgeblich mitgeprägt, Gesetze formuliert, Grenzen geöffnet, die Energiewende mitgetragen und tief in das soziale Gefüge eingegriffen. Wenn sich heute Rentner – die Alten, die Weber anspricht – Sorgen machen, ob sie am Ende des Monats trotz eines langen Arbeitslebens noch ihre explodierenden Strom- und Lebensmittelrechnungen bezahlen können, dann ist das ein direktes Resultat dieser Politik. Wenn junge Menschen verzweifelt auf einen überhitzten Wohnungsmarkt blicken und angesichts ausufernder Staatsschulden und einer schwindenden Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie Zukunftsängste entwickeln, dann ist das keine Laune der Natur, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und wenn religiöse Gruppen, egal ob Christen oder Muslime, das Gefühl haben, dass traditionelle Werte in einem rasanten, ideologisch getriebenen Zeitgeist unter die Räder kommen, dann fragen sie sich völlig zu Recht, wo die schützende Hand der Politik geblieben ist. All diese Probleme wurden von den etablierten Parteien, inklusive der CSU, entweder selbst durch fatale Fehlentscheidungen geschaffen oder durch jahrelanges, tatenloses Wegschauen massiv vergrößert.

Dass Manfred Weber nun ausgerechnet in dieser von der CSU mitverursachten gesellschaftlichen Krise einen übermäßigen Freiheitsdrang der Bürger als Sündenbock für das Erstarken der AfD präsentiert, zeugt von einem massiven politischen Realitätsverlust. Die bittere, ungeschminkte Wahrheit, die an den Stammtischen, in den Betrieben und auf den Straßen längst offen ausgesprochen wird, ist viel simpler und unbequemer: Die AfD erfährt diesen beispiellosen, historischen Höhenflug in den Umfragen, weil sie die drängenden, existenziellen Probleme der Menschen unverblümt beim Namen nennt und Lösungsansätze anbietet, während die alteingesessenen Parteien oft nur in ideologischen Floskeln antworten. Die Bürger sehnen sich nicht nach akademischen Diskussionen über soziologische Freiheitsbegriffe. Sie sehnen sich nach sicheren Grenzen, nach bezahlbarer Energie, nach einer funktionierenden, entbürokratisierten Wirtschaft, nach innerer Sicherheit auf den Straßen und nach Respekt vor ihrer harten, täglichen Lebensleistung.

Dieser interne Frontalangriff durch den Brandbrief ist daher weitaus mehr als nur eine philosophische Abhandlung eines EU-Politikers. Es ist eine unmissverständliche Kampfansage an den amtierenden Parteichef Markus Söder. Die CSU steht vor einer Zerreißprobe zwischen zwei völlig konträren strategischen Ansätzen. Söder, der machtbewusste Pragmatiker in München, versucht oft durch populistische Manöver und das kurzfristige Übernehmen von rechten Rhetoriken, die konservativen Wähler wieder an die CSU zu binden. Weber hingegen, fest verankert in den Eliten der Europäischen Union, favorisiert offenbar einen weicheren, moralisierenden Kurs, der die Ursachen der Krisen eher in den Köpfen der Wähler als im eigenen politischen Versagen sucht. Zwei Kapitäne, die das bayerische Staatsschiff in völlig unterschiedliche Richtungen steuern wollen, während das Wasser bereits bis zum Hals steht.

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Dieser völlig eskalierende Machtkampf wird durch das Erstarken alternativer und freier Medien in Deutschland zusätzlich massiv befeuert. Das Informationsmonopol der Vergangenheit ist endgültig gebrochen. Die Bürger lassen sich heute nicht mehr so leicht mit leeren Phrasen abspeisen. Sie informieren sich unabhängig, sie vernetzen sich, sie durchschauen die politischen Ränkespiele und sie strafen politische Arroganz an der Wahlurne gnadenlos ab. Dass ein solcher Brandbrief überhaupt an die breite Öffentlichkeit gelangt und dort sofort in seine argumentativen Einzelteile zerlegt wird, zeigt, wie transparent und unbarmherzig der moderne politische Diskurs geworden ist.

Die CSU steht an einem historischen, vielleicht entscheidenden Scheideweg ihrer langen Parteigeschichte. Wenn sie das Vertrauen ihrer traditionellen Stammwählerschaft jemals wieder zurückgewinnen will, muss sie einen fundamentalen, schonungslosen Kurswechsel vollziehen. Es reicht nicht aus, das Erstarken der politischen Konkurrenz mit elitären Belehrungen über angebliche philosophische Fehlentwicklungen in der Bevölkerung zu erklären. Die Politik muss zurück auf den Boden der harten, realen Tatsachen. Sie muss die Lebenswirklichkeit der fleißigen Menschen in diesem Land wieder ernst nehmen und endlich aufhören, den völlig berechtigten Wunsch nach individueller und wirtschaftlicher Freiheit als Gefahr zu stigmatisieren. Denn eines ist so sicher wie das Amen in der bayerischen Dorfkirche: Eine Partei, die aus blanker Panik vor dem eigenen Machtverlust anfängt, gegen die Freiheit ihrer eigenen Wähler zu argumentieren, hat die wichtigste politische Schlacht bereits im Vorfeld unwiderruflich verloren. Der Machtkampf in der CSU hat gerade erst begonnen, und die Zeche für diesen internen Krieg wird am Ende des Tages – wie so oft – der enttäuschte Wähler an der Urne präsentieren.