Es gab einmal eine Zeit, in der Expertenräte und Gremien von sogenannten „Wirtschaftsweisen“ als unerschütterliche Instanzen der Vernunft galten. Ihre Aufgabe war es, der Politik als unabhängiges, scharfes Korrektiv zu dienen, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und mit kühlem, analytischem Verstand Lösungswege für die komplexen Probleme einer modernen Volkswirtschaft aufzuzeigen. Doch was passiert, wenn eben diese Berater den Kontakt zur Lebensrealität der hart arbeitenden Bevölkerung derart fundamental verlieren, dass ihre Ratschläge nicht mehr wie durchdachte Strategien klingen, sondern wie Realsatire aus dem Elfenbeinturm? Ein jüngster Auftritt und die dazugehörigen Äußerungen der amtierenden Chefin der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, liefern auf diese brennende Frage eine ebenso erschreckende wie entlarvende Antwort. Wir erleben derzeit die Entfremdung einer akademischen und politischen Elite von jenen Menschen, die den wirtschaftlichen Motor dieses Landes eigentlich am Laufen halten.

Das absolute Epizentrum dieses realitätsfernen Bebens ist ein Ratschlag, der so absurd klingt, dass man ihn unweigerlich für einen schlechten Scherz halten möchte. Angesichts explodierender Lebenshaltungskosten, horrender Spritpreise und einer drückenden Inflation philosophierte Frau Schnitzer über Mobilität und Sparmaßnahmen. Ihr genialer Einfall: Man benötige doch eigentlich gar kein eigenes Auto mehr. Für den wöchentlichen Großeinkauf, so die vollmundige Empfehlung der Chef-Ökonomin, könne man doch schlichtweg ein Taxi nehmen. Das sei in der Gesamtrechnung – in kluger Kombination mit der U-Bahn – wesentlich günstiger, als ein eigenes Kfz zu unterhalten. Diese Lebensweisheit speist sich offenbar aus ihren persönlichen Erfahrungen während eines akademischen Auslandsjahres in den Vereinigten Staaten.

Was in der Theorie eines privilegierten Lebens in einer urbanen Metropole vielleicht wie ein charmanter Lifehack klingen mag, ist für die breite Masse der deutschen Bevölkerung ein Schlag ins Gesicht. Wer morgens in der Provinz oder in den Randgebieten der Städte seine Kinder bei Regen zur Schule bringen muss, wer im Schichtdienst arbeitet oder auf dem Land auf das Auto angewiesen ist, um überhaupt einen Supermarkt zu erreichen, für den ist der Vorschlag, mal eben ein Taxi für den Transport der Wasserkästen zu rufen, schlichtweg grotesk. Es offenbart eine erschütternde Blase, in der sich akademische Berater bewegen. Wer die Lebenswelt jenseits der luxuriösen Innenstadt-Apartments und der gut ausgebauten U-Bahn-Netze völlig ignoriert, degradiert sich selbst vom objektiven Ratgeber zum arroganten Prediger einer weltfremden Ideologie.

Doch die Ratschläge der Wirtschaftsweisen beschränken sich keineswegs nur auf die urbane Mobilität. Schon in der jüngeren Vergangenheit sorgte Schnitzer für massive Irritationen, als sie vorschlug, die Bürger sollten im Angesicht der wirtschaftlichen Krise doch einfach ein paar Tage weniger in den Urlaub fahren oder den Kauf des einen oder anderen Pullovers schlichtweg unterlassen. Dieser Duktus des permanenten Verzichts wird nun auf die nächste Eskalationsstufe gehoben. Der neueste Ansatz lautet: Wenn das Kerosin teurer wird und Flugreisen kaum noch bezahlbar sind, dann muss man eben seine Urlaubspläne komplett ändern. Warum nicht einfach mal in einem Frankfurter Hotel einchecken, sich auf den Balkon setzen und die Aussicht genießen? Der sprichwörtliche „Urlaub auf Balkonien“ wird hier nicht als sympathische Alternative für Naturliebhaber verkauft, sondern als zynische Konsequenz einer verfehlten Wirtschaftspolitik, die den hart erarbeiteten Ausbruch aus dem Alltag für Normalverdiener zunehmend unerschwinglich macht.

Monika Schnitzer: "Die Regierung hat den Ernst der Lage nicht erkannt" |  DIE ZEIT

Dabei wird ein absolut entscheidender Faktor in dieser Diskussion von offizieller Seite systematisch ausgeblendet oder bewusst verschwiegen: Die künstliche Verteuerung des Lebens. Wenn Fluglinien-Chefs wie der CEO von Ryanair öffentlich die „deutsche Arroganz“ anprangern und darauf verweisen, dass die extremen, teils dreimal so hohen Steuern und Abgaben in Deutschland die Ticketpreise ruinieren, spricht das Bände. Eine Senkung dieser staatlichen Gebühren würde das Flugangebot drastisch erhöhen und die Preise für den Endverbraucher massiv senken. Doch eine solche Entlastung ist politisch offensichtlich überhaupt nicht gewollt. Der Flugverkehr soll gezielt teuer bleiben. Und anstatt diese ideologische Lenkungswirkung kritisch zu hinterfragen, fungiert die Chef-Ökonomin als eifrige Verteidigerin dieser Maßnahmen und rät den Bürgern, sich doch bitte in den verordneten Verzicht zu fügen. Die bittere Botschaft lautet: Euer Wohlstand ist ein Auslaufmodell, gewöhnt euch gefälligst daran.

Ein weiteres, bezeichnendes Beispiel für den herablassenden Umgang mit den finanziellen Nöten der Bürger ist der Hinweis auf den sogenannten Notgroschen. Die Wirtschaftsweise betonte nach einem Fernsehauftritt stolz die positiven Rückmeldungen zu ihrer These, dass der Staat in einer Krise das Geld nicht permanent mit der Gießkanne verteilen dürfe. Die Menschen müssten lernen, selbst vorzusorgen. Ihr konkreter Richtwert: Man sollte doch 200 bis 300 Euro auf der hohen Kante haben, falls beispielsweise einmal die Waschmaschine kaputtgehe. Diese Summe wirkt angesichts der realen Preissteigerungen bei Handwerkern und Elektrogeräten nicht nur völlig aus der Zeit gefallen, sie wirkt fast schon wie eine bewusste Demütigung. Für Familien, deren gesamtes monatliches Budget bereits durch absurd hohe Energiekosten, explodierende Lebensmittelpreise und steigende Mieten restlos aufgefressen wird, ist selbst das Sparen dieser 300 Euro ein unmöglicher Kraftakt.

Die Aussage, der Staat solle keine „Gießkanne“ bemühen, grenzt an Hohn, wenn man sich die reale Struktur der Abgabenlast vor Augen führt. Es geht hier mitnichten um großzügige staatliche Geschenke oder Almosen. Der deutsche Staat greift bei Produkten des täglichen Bedarfs, bei Energie und Mobilität durch Steuern und Abgaben in einem Ausmaß zu, das oftmals die 50-Prozent-Marke sprengt. Der hohe Preis an der Zapfsäule ist eben nicht ausschließlich auf internationale Konflikte wie im Iran zurückzuführen, sondern zu einem massiven Anteil auf die unersättliche Gier des heimischen Fiskus. Wenn die Bürger nun den „Preissignal“ spüren und gefälligst langsamer fahren sollen, ist das nichts anderes als ein staatlich orchestriertes Umerziehungsprogramm, das von den eigenen Beratern beklatscht wird. Wenn man aufhört, den Bürgern das Geld massenhaft aus der Tasche zu ziehen, muss man später auch keine staatliche „Hilfe“ mit der viel zitierten Gießkanne verteilen.

Diese gesamte Dynamik wirft unweigerlich die essenzielle Frage nach der wahren Funktion solcher Expertengremien auf. Sind die Wirtschaftsweisen tatsächlich noch die objektiven, unabhängigen und kritischen Mahner, die sie laut ihrer eigenen Satzung sein sollten? Oder sind sie längst zu hochbezahlten Regierungssprechern mutiert, deren vornehmliche Aufgabe darin besteht, das kollektive Verarmen der Mittelschicht akademisch zu legitimieren? Wenn Frau Schnitzer die aktuelle Regierung für vermeintlich „substanzielle Pakete“ zur Stabilisierung der Krankenkassen lobt, während gleichzeitig der Mittelstand untergeht und fundamentale Strukturreformen vollkommen ausbleiben, dann drängt sich der Verdacht der politischen Gefälligkeit geradezu auf. Eine echte Reform, die bürokratische Fesseln löst, die Abgabenlast radikal senkt und die Leistungsbereitschaft belohnt, ist mit der derzeitigen politischen Konstellation schlichtweg eine absolute Illusion.

Wir stehen an einem extrem kritischen Punkt unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Wenn die elitären Ratschläge an eine ächzende Bevölkerung sich darin erschöpfen, das Auto abzuschaffen, mit dem Taxi zum Discounter zu fahren, den Urlaub auf dem Balkon zu verbringen und sich über mickrige 300 Euro Erspartes zu freuen, dann haben die Institutionen dieses Landes einen toxischen Grad der Entfremdung erreicht. Die Menschen benötigen keine gönnerhaften Tipps zum Verzicht von Experten, deren Lebensrealität absolut nichts mit dem Existenzkampf des Mittelstandes gemein hat. Was Deutschland jetzt dringend braucht, ist eine Politik, die Entlastung schafft, Eigenverantwortung ermöglicht und den hart erarbeiteten Wohlstand schützt, anstatt ihn mit zynischen Floskeln systematisch abzuwickeln. Es ist höchste Zeit, dass die wirkliche wirtschaftliche Realität wieder Einzug in die elitären Beraterzirkel Berlins hält – notfalls auch, indem sie ganz pragmatisch mit der U-Bahn dorthin fährt.