Die politische Landschaft in Deutschland gleicht zunehmend einem Pulverfass, in dem der zivilisierte Diskurs mehr und mehr radikalen Aktionen weicht. Ein aktueller Vorgang rund um den geplanten Bundesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) am 4. Juli in Erfurt sorgt derzeit für massives Aufsehen und wirft fundamentale Fragen über den Zustand unserer demokratischen Grundordnung auf. Im Zentrum der Kontroverse steht nicht nur ein linksgerichtetes Bündnis, das mit physischen Blockaden die Durchführung des Parteitags verhindern will, sondern insbesondere die prominente Unterstützung aus den Reihen des Deutschen Bundestages. Die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek, die als eine der bekanntesten Figuren ihrer Partei gilt, hat sich öffentlich auf die Seite der Blockierer gestellt. Dieser beispiellose Vorgang zwingt uns dazu, einen sehr genauen Blick auf die rechtlichen, moralischen und politischen Dimensionen dieser Eskalation zu werfen. Wenn gewählte Volksvertreter dazu aufrufen, demokratische Prozesse anderer Parteien zu sabotieren, steht nichts Geringeres als die Verfassung selbst auf dem Prüfstand.

Um die Tragweite dieses Skandals zu verstehen, muss man zunächst die Ausgangslage betrachten. Am ersten Juliwochenende plant die AfD, in Erfurt zusammenzukommen, um unter anderem einen neuen Bundesvorstand zu wählen. Ein solcher Parteitag ist keine private Kaffeefahrt und auch kein unverbindliches Treffen, das man nach Belieben absagen oder verschieben könnte. Die Durchführung von Parteitagen ist im deutschen Grundgesetz und im Parteiengesetz tief verankert. Artikel 21 des Grundgesetzes regelt unmissverständlich, dass Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken und ihre innere Ordnung demokratischen Grundsätzen entsprechen muss. Wie aber stellt eine Partei sicher, dass ihre innere Ordnung demokratisch bleibt? Die Antwort liefert Paragraph 9 des Parteiengesetzes: Parteitage beziehungsweise Mitgliederversammlungen müssen mindestens in jedem zweiten Kalenderjahr stattfinden. Auf diesen Versammlungen werden Vorstände gewählt, Programme debattiert und Rechenschaftsberichte abgenommen. Kurzum: Die AfD ist gesetzlich strikt dazu verpflichtet, diesen Parteitag in Erfurt abzuhalten. Es ist eine rechtliche Notwendigkeit, keine bloße Option.

Genau hier offenbart sich die massive Brisanz der aktuellen Protestkampagnen. Unter dem Banner „Widersetzen“ hat sich ein breites Spektrum linksgerichteter und teils linksextremer Gruppierungen formiert, deren erklärtes Ziel es ist, den Parteitag nicht etwa nur kritisch zu begleiten, sondern ihn physisch zu „verhindern“. Auf Plattformen wie GoFundMe werden eifrig Spendengelder gesammelt – das erklärte Ziel sind zehntausende Euros. Mit diesen Geldern sollen unter anderem Reisebusse aus dem ganzen Bundesgebiet finanziert werden, um Aktivisten nach Thüringen zu karren. Dort sollen Zufahrtsstraßen, Autobahnabfahrten und Zugänge zur Veranstaltungshalle gezielt blockiert werden. Wer jedoch eine Partei mit physischer Gewalt oder Nötigung daran hindert, ihre gesetzlich vorgeschriebenen Versammlungen abzuhalten, zwingt diese Partei im Umkehrschluss dazu, gegen geltendes Recht zu verstoßen. Es ist ein offener Angriff auf die demokratische Infrastruktur der Bundesrepublik.

Dass außerparlamentarische Gruppierungen zu solchen Mitteln greifen, ist an sich schon besorgniserregend und weckt unangenehme Erinnerungen an gewalttätige Ausschreitungen der Vergangenheit, wie sie beispielsweise bei Parteitagen in Gießen oder Stuttgart zu beobachten waren. Dass nun aber eine amtierende Bundestagsabgeordnete, die auf die Verfassung geschworen hat, sich als „Supporterin“ dieser antidemokratischen Verhinderungstaktik outet, hebt den Skandal auf eine völlig neue Ebene. Heidi Reichinnek, die auf Instagram über eine enorme Reichweite von fast einer Million Followern verfügt, nutzt ihre mediale Macht gezielt, um für das Bündnis „Widersetzen“ zu mobilisieren. In ihren Instagram-Storys teilt sie Aufrufe, die explizit das Ziel verfolgen, den Parteitag zu blockieren. Vorbereitungstreffen, Vernetzungsrunden und Busfahrkarten werden von ihr munter beworben. Ein Mandatsträger, der indirekt dazu aufruft, geltendes Recht auszuhebeln und politische Gegner durch Nötigung mundtot zu machen – ein Vorgang, der in einer funktionierenden Demokratie sofortige Konsequenzen nach sich ziehen müsste.

Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, zur neuen  Grundsicherung

Man darf in diesem Zusammenhang durchaus die Frage stellen, wo eigentlich der gesellschaftliche Aufschrei bleibt. Wenn Spenden in Höhe von Tausenden Euro gesammelt werden, nur um Autobahnen zu blockieren und Chaos zu stiften, fragt sich der gesunde Menschenverstand unweigerlich, ob dieses Geld nicht anderswo dringender benötigt würde. In einem Land, in dem Kinderarmut wächst, Tafeln überlaufen und der Tierschutz chronisch unterfinanziert ist, wirkt es geradezu zynisch, gewaltige Summen für die bloße Verhinderung politischer Zusammenkünfte zu verpulvern. Statt den politischen Diskurs in der inhaltlichen Debatte zu suchen, verlagert man den Kampf auf die Straße und setzt auf Einschüchterung und Blockade. Es ist eine intellektuelle Bankrotterklärung derjenigen, die glauben, Demokratie retten zu können, indem sie demokratische Prozesse mit Füßen treten.

Gleichzeitig wirft dieses Vorgehen ein bezeichnendes Licht auf die Rolle der staatlichen Sicherheitsbehörden. Wo bleibt der Verfassungsschutz, wenn offenkundig verfassungsfeindliche Aktionen im großen Stil geplant, finanziert und sogar von Bundestagsabgeordneten unterstützt werden? Die Verhinderung einer demokratischen Wahl innerhalb einer zugelassenen Partei ist ein direkter Eingriff in den Kernbereich der Verfassung. Doch anstatt hier klare Kante zu zeigen und den Rechtsstaat gegen seine Feinde zu verteidigen, scheint oftmals ein gefährliches Wegschauen an der Tagesordnung zu sein, solange die Aktionen aus einer bestimmten politischen Richtung kommen. Diese Doppelmoral gefährdet das Vertrauen der Bürger in die Neutralität staatlicher Institutionen massiv. Wenn die linke Szene im Internet offen damit prahlt, wie sie durch Podiumsdiskussionen und Strategietreffen die Sabotage eines Parteitags plant, müssten bei den Sicherheitsbehörden eigentlich längst alle Alarmglocken schrillen.

Die Situation ist inzwischen derart skurril, dass kritische Beobachter bereits ironisch vorschlagen, die AfD-Delegierten sollten sich einfach mit Hubschraubern einfliegen lassen, um den Blockaden der selbsternannten „Widerstandskämpfer“ zu entgehen. So absurd dieser Gedanke klingen mag, er illustriert doch treffend die Hilflosigkeit eines Rechtsstaates, der es zulässt, dass Straßen von ideologisch verblendeten Aktivisten als rechtsfreier Raum betrachtet werden. Die Organisatoren von Parteitagen werden gezwungen, horrende Summen für Sicherheitsmaßnahmen auszugeben, während der Staat scheinbar tatenlos dabei zusieht, wie extremistische Gruppierungen das Gewaltmonopol herausfordern. Wenn das Parteiengesetz sogar vorschreibt, dass Parteitage als Präsenzveranstaltungen oder in streng geregelten Ausnahmefällen hybrid stattfinden müssen, dann hat der Staat verdammt noch mal auch die Pflicht, die sichere und störungsfreie Durchführung dieser Präsenzveranstaltungen zu gewährleisten.

Heidi Reichinnek: Die Linke setzt auf Popkultur und Politik - 20 Minuten

Der Fall Heidi Reichinnek und das Bündnis „Widersetzen“ zeigen überdeutlich, an welchem kritischen Punkt unsere Gesellschaft angelangt ist. Der Grat zwischen legitimen Protest und antidemokratischer Sabotage wird mutwillig überschritten. Wer meint, die Demokratie schützen zu müssen, indem er die Grundrechte politischer Gegner abschafft, erweist sich selbst als der wahre Extremist. Es ist an der Zeit, dass alle demokratischen Kräfte – unabhängig von ihrer parteipolitischen Ausrichtung – erkennen, dass Spielregeln für alle gelten müssen. Wenn heute die AfD mit Blockaden an ihrem Parteitag gehindert wird und Abgeordnete dies bejubeln, wer ist dann morgen das Ziel? Die schleichende Aushöhlung des Rechtsstaates beginnt genau dort, wo wir anfangen, demokratische Rechte nur noch denjenigen zuzugestehen, deren Meinung wir teilen.

Am 4. und 5. Juli werden viele Augen auf Erfurt gerichtet sein. Nicht nur politische Delegierte, sondern auch unabhängige Journalisten und Content-Creator haben bereits angekündigt, vor Ort zu sein, um sich ein ungefiltertes Bild der Lage zu machen. Es wird sich zeigen, ob der Staat in der Lage ist, das im Grundgesetz verankerte Recht auf Versammlungs- und Parteienfreiheit durchzusetzen, oder ob der Mob auf der Straße – angefeuert aus den bequemen Sesseln des Bundestages – das letzte Wort behält. Eines ist jedenfalls sicher: Der Ausgang dieses Wochenendes in Erfurt wird ein entscheidender Gradmesser dafür sein, wie widerstandsfähig unsere Demokratie gegenüber jenen wirklich ist, die vorgeben, sie verteidigen zu wollen, während sie insgeheim an ihren Grundfesten sägen.