Es gibt diese Momente im deutschen Fernsehen, in denen die sorgsam einstudierte politische Rhetorik wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt und den Blick auf die nackte, ungeschönte Realität freigibt. Ein solcher Moment spielte sich unlängst im Studio von Markus Lanz ab. Im Zentrum des Geschehens: Die SPD-Spitzenpolitikerin Katarina Barley, die sich einem wahren Kreuzverhör ausgesetzt sah. Was als normale politische Diskussion begann, entwickelte sich rasch zu einer beispiellosen Demontage einer Regierungspartei, die offensichtlich den Draht zu jenen Menschen verloren hat, die sie eigentlich vertreten sollte. Die bittere Erkenntnis dieses Abends: Die einstige stolze Arbeiterpartei befindet sich nicht nur in einer tiefen Krise, sondern scheint die Bodenhaftung in einer Zeit der multiplen Krisen völlig eingebüßt zu haben.

Schon der Einstieg in die Sendung glich einem Paukenschlag. Lanz konfrontierte Katarina Barley, die seit 1994 Parteimitglied ist und zu den prägenden Gesichtern der Sozialdemokraten gehört, mit einer ebenso schlichten wie schmerzhaften Frage: Wie es sich anfühlt, den Untergang der eigenen Partei mit ansehen zu müssen. Es war der Auftakt zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme, die kein gutes Haar an der aktuellen Regierungspolitik ließ. Niederlage reiht sich an Niederlage, Strukturbrüche ziehen sich durch das ganze Land. In weiten Teilen Deutschlands, so die vernichtende Diagnose in der Runde, existiere die SPD als echte politische Kraft faktisch gar nicht mehr. Besonders dramatisch zeigt sich dies in einstigen Hochburgen: Wenn in einem wirtschaftsstarken Bundesland wie Baden-Württemberg nur noch magere vier Prozent der Arbeiter ihr Kreuz bei den Sozialdemokraten machen, müssen bei den Verantwortlichen eigentlich alle Alarmglocken schrillen.

Doch statt Demut erlebten die Zuschauer eine Politikerin, die sichtlich bemüht war, die Erfolge der Vergangenheit zu beschwören. Barley verwies auf ihren Heimatverband Rheinland-Pfalz, der einst aus einem „Land der Reben und Rüben“ zu einem Standort für Hochtechnologie geformt worden sei. Sie verteidigte die Politik der letzten Jahrzehnte vehement. Doch genau hier entlarvte Lanz den fatalen blinden Fleck: Trotz dieser angeblichen Erfolgsgeschichte verlor die SPD bei den jüngsten Wahlen massiv an Boden. Eine Lücke von fünf Prozentpunkten auf den letzten Metern und ein dramatischer Absturz bei den Wählerstimmen sprechen eine eigene, unmissverständliche Sprache. Barley gab offen zu, dass sie das persönlich tief treffe und „angefasst“ sei. Lanz nannte das Kind beim Namen: Es sei eine spürbare „Sprachlosigkeit“ vorhanden – nicht mangels rhetorischem Talent, sondern schlichtweg, weil die politischen Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit fehlen.

Und diese Fragen sind gewaltig. Der Moderator legte den Finger tief in die offene Wunde der Deindustrialisierung. Die nackten Zahlen sind erschütternd und zeichnen das Bild eines schleichenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Jeden einzelnen Monat verliert Deutschland rund 10.000 Industriejobs. Zehntausende Arbeitsplätze – das sind genau jene gut bezahlten Facharbeiterjobs, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und traditionell die Kernwählerschaft der SPD bildeten. Diese Menschen stehen nun vor dem Nichts oder fürchten um ihre Existenz. Lanz rechnete schonungslos vor: Seit dem Jahr 2020 hat Deutschland schätzungsweise eine Billion Euro an Wirtschaftskraft verloren. Das ist kein abstraktes Problem für Konzerne, sondern ein realer Wohlstandsverlust, der direkt bei den Bürgern im Portemonnaie ankommt.

Zu diesem wirtschaftlichen Niedergang gesellt sich ein massives Versagen auf dem Wohnungsmarkt. Kanzler Olaf Scholz hatte einst ein Mantra ausgegeben: „Bauen, bauen, bauen.“ Doch die Realität sieht vollkommen anders aus. Deutschland fehlen aktuell rund 1,4 Millionen Wohnungen. Anstatt der versprochenen und dringend benötigten 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr wurden zuletzt nicht einmal 200.000 fertiggestellt. Für junge Familien, Studenten und Normalverdiener bedeutet das horrende Mieten und die verzweifelte, oft aussichtslose Suche nach bezahlbarem Wohnraum in den Ballungsgebieten.

Doch es kommt noch dicker. Die soziale Ungerechtigkeit, eigentlich das Kernthema der Sozialdemokratie, hat eine neue, explosive Dimension erreicht. Ein Drittel der Langzeitarbeitslosen in Deutschland besitzt keinen deutschen Pass. Beim Bürgergeld sieht die Statistik noch gravierender aus: Jeder Zweite, der diese staatliche Unterstützung bezieht, hat keinen deutschen Hintergrund. Lanz brachte auf den Punkt, was in vielen Wohnzimmern des Landes gedacht wird: Das macht etwas mit den Menschen, die jeden Morgen früh aufstehen, hart arbeiten und pünktlich ihre Steuern zahlen. Selbst gut integrierte Einwanderer, so die Argumentation in der Sendung, ärgern sich maßlos darüber. Sie fragen sich, warum der Staat ständig Menschen alimentiert, die eigentlich in der Lage wären, einen eigenen Beitrag zum Gelingen der Gesellschaft zu leisten. Die hart arbeitende Mitte, für die die SPD stets vorgab, Politik zu machen, fühlt sich zunehmend ausgebeutet und im Stich gelassen.

Besonders emotional und erschreckend geriet die Diskussion, als das Thema Bildung in den Fokus rückte. Der Bildungsmonitor zeigt auch hier einen dramatischen Absturz: Rheinland-Pfalz fiel von Platz 12 auf Platz 16 zurück. Lanz erzählte von einer Grundschullehrerin der Gräfenauschule in Ludwigshafen, die in der Sendung Alarm schlug. Die Zahlen lassen einem den Atem stocken: Von 457 Schülern haben dort etwa 448 bis 449 einen Migrationshintergrund. Lanz betonte ausdrücklich, dass dies keine bösen oder dümmeren Kinder seien. Doch er stellte klar, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Unter solchen extremen Bedingungen ist eine vernünftige Integrations- und Bildungsleistung schlichtweg nicht mehr zu erbringen. Lehrer sind völlig überlastet, bringen verzweifelt eigenes Unterrichtsmaterial mit und kämpfen gegen Windmühlen. Der Staat ist scheinbar nicht einmal mehr fähig, die fundamentalsten Dinge zu regeln – Lanz fasste es in dem drastischen Bild zusammen, dass der Staat „die Spinnweben nicht mehr wegbekommt“, die in den Klassenzimmern hängen. Ausgerechnet die Kinder, die 2015, 2016 und 2017 in das Land kamen, gehören laut Expertenmeinungen wie jener von Professor Köller vom Leibniz-Institut heute zu den großen Bildungsverlierern. Ein komplettes Systemversagen, für das die Bürger am Wahltag die Quittung präsentieren.

Die logische Konsequenz dieses gigantischen Frusts: Die Wähler laufen davon. Bemerkenswerte 21 Prozent der Arbeiter in Rheinland-Pfalz haben der SPD den Rücken gekehrt und ihr Kreuz stattdessen bei der AfD gemacht. Wenn Arbeiter in Scharen zu einer Rechtspartei überlaufen, ist das eine historische tektonische Verschiebung. Die Menschen sehen, dass ihre Steuergelder in ineffiziente Systeme fließen, dass Schulen zerfallen und die Industrie abwandert. Und was ist die politische Antwort, die sie erhalten? Oftmals höre man aus Reihen der Politik nur den Reflex, Steuern und Sozialabgaben noch weiter erhöhen zu wollen – bis diese fast wie eine zweite Steuer wirken.

Den absoluten Tiefpunkt des Abends und das perfekte Sinnbild für die Entfremdung der politischen Klasse bildete jedoch ein eingespielter Videoclip des SPD-Politikers Carsten Schneider. Konfrontiert mit der berechtigten Frage eines Abgeordneten, ob man angesichts der massiv steigenden Benzinpreise die CO2-Steuer nicht vorübergehend aussetzen müsse, um die hart arbeitende Bevölkerung zu entlasten, lieferte Schneider eine Antwort, die an Arroganz kaum zu überbieten war. Sein Ratschlag an die Bürger, die sich die Fahrt zur Arbeit kaum noch leisten können: „Am besten Sie fahren ein batterieelektrisches Auto, dann sind Sie nicht davon abhängig, wie der Benzinpreis ist.“ Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, fügte er gönnerhaft hinzu, dass der Fragesteller bei seinem Einkommen zwar nicht für Fördermittel antragsberechtigt sei, er den Kauf eines E-Autos aber dennoch sehr empfehlen könne.

Lanz fasste das Entsetzen über diese Szene passend zusammen: So redet man nicht, wenn man die Sorgen und Nöte der hart arbeitenden Mitte auch nur ansatzweise verstanden hat. Wer einer alleinerziehenden Krankenschwester oder einem Pendler aus dem ländlichen Raum, die unter explodierenden Lebenshaltungskosten stöhnen, empfiehlt, sich einfach ein teures Elektroauto zu kaufen, der hat den Kontakt zur Basis endgültig verloren.

Katarina Barley – A soft-spoken woman at the top • Table.Briefings

Katarina Barley versuchte am Ende noch zu retten, was kaum noch zu retten war. Sie verwies auf den Mindestlohn, auf Tariftreuegesetze und den Kampf gegen explodierende Mieten – alles klassische sozialdemokratische Themen, für die ihre Partei gegen enormen Lobbydruck kämpfe. Doch die tragische Pointe, die Markus Lanz messerscharf herausarbeitete, bleibt bestehen: Selbst wenn die SPD all diese Maßnahmen ergreift, die Adressaten glauben ihr nicht mehr. Die Menschen fühlen sich in ihrem von Unsicherheit geprägten Alltag von dieser Politik nicht mehr abgeholt. Wenn die Arbeiterpartei die Arbeiter nicht mehr erreicht, verliert sie ihre Existenzberechtigung.

Dieser denkwürdige TV-Auftritt war somit weit mehr als nur ein unangenehmes Interview für eine Spitzenpolitikerin. Es war die öffentliche Sektion eines politischen Versagens. Es hat schonungslos offengelegt, warum populistische Kräfte wie die AfD immer stärker werden und das Vertrauen in die etablierten Parteien massiv erodiert. Solange Entscheidungsträger die tiefen Risse in der Gesellschaft – in der Industrie, auf dem Wohnungsmarkt und an den Schulen – mit arroganten Floskeln oder Verweisen auf längst verblasste Erfolge aus der Vergangenheit zu übertünchen versuchen, wird sich dieser dramatische Trend nicht umkehren lassen. Die Bürger verlangen keine PR-Sprüche mehr, sie verlangen spürbare Lösungen für eine Realität, die ihnen zunehmend über den Kopf wächst. Wenn die Politik das nicht rasch begreift, wird das nächste Wahldesaster nur eine Frage der Zeit sein.