Es sind oft die schnellen, unbedachten Veröffentlichungen in den sozialen Netzwerken, die die tiefsten Gräben innerhalb unserer Gesellschaft schonungslos offenlegen. Ein solcher Vorfall erschüttert derzeit die politische Landschaft in Bayern und strahlt weit über die Grenzen des Freistaates hinaus. Im Zentrum eines beispiellosen digitalen Sturms der Entrüstung steht Martin Huber, der Generalsekretär der Christlich-Sozialen Union (CSU). Mit einem offensiven Beitrag wollte er einen harten politischen Treffer gegen die Alternative für Deutschland (AfD) landen. Huber zitierte und kommentierte Pläne der Oppositionspartei, die Schulpflicht in ihrer jetzigen Form abzuschaffen oder tiefgreifend zu reformieren. Seine Wortwahl war dabei alles andere als zurückhaltend: Er bezeichnete dieses Vorhaben als eine “bildungspolitische Bankrotterklärung” und warf der Konkurrenz vor, sie würde damit wörtlich “die Axt an unsere freiheitlich demokratische Grundordnung” legen. Was als rhetorischer Befreiungsschlag gedacht war, entpuppte sich jedoch binnen kürzester Zeit als ein massiver Bumerang, der eine elementare und längst überfällige Debatte über den wahren Zustand unseres Bildungssystems entfachte.

Für viele Bürger, Eltern und vor allem für Schüler und ehemalige Schüler klangen die dramatischen Warnungen des CSU-Generalsekretärs wie blanker Hohn. Wer das System Schule in Deutschland und insbesondere in Bayern aus eigener, aktueller Anschauung kennt, für den wirken Hubers Worte wie ein bizarres Ablenkungsmanöver von den eigentlichen, hausgemachten Katastrophen. Die Empörung im Netz richtet sich nicht primär gegen die Verteidigung der Schulpflicht an sich, sondern gegen die immense Heuchelei, die aus diesen Zeilen spricht. Wenn ein hochrangiger Vertreter der Partei, die in Bayern seit Jahrzehnten ununterbrochen das Kultusministerium führt und somit die alleinige politische Verantwortung für das Bildungswesen trägt, von einer “Bankrotterklärung” spricht, mutet das für unzählige Betroffene wie Realsatire an. Denn der eigentliche Bankrott, so die einhellige Meinung der Kritiker, findet bereits tagtäglich in den deutschen Klassenzimmern statt.

Um die Wucht dieses Shitstorms zu verstehen, muss man die Lebensrealität der jungen Menschen an unseren Bildungseinrichtungen betrachten. Ein eindringlicher Erfahrungsbericht eines jungen Mannes, der kürzlich ein bayerisches Gymnasium besuchte, bringt das systematische Versagen drastisch auf den Punkt. Schulen, so der historische und demokratische Konsens in Deutschland, sollen neutrale Orte des Lernens, der freien Entfaltung und der unvoreingenommenen Debatte sein. Der sogenannte Beutelsbacher Konsens verbietet es Lehrkräften ausdrücklich, Schüler mit ihrer eigenen politischen Meinung zu überwältigen. Doch die Praxis zeichnet ein düsteres, beängstigendes Bild. Der Betroffene berichtet von offenen verbalen Angriffen und massiver Ausgrenzung durch das Lehrpersonal, schlichtweg aufgrund seiner konservativen oder abweichenden politischen Positionierung. Anstatt Meinungspluralismus zu fördern und einen respektvollen Diskurs zu leiten, machen sich Pädagogen offenbar zunehmend zu ideologischen Richtern über ihre Schutzbefohlenen.

Dieser Druck von oben wird flankiert durch ein toxisches Klima innerhalb der Schülerschaft. Wer nicht dem gesellschaftlich vorgegebenen, oft links-grün geprägten Mainstream entspricht, wird mit schwersten Beleidigungen und bösartigen Zuschreibungen überhäuft. Ein Schüler, der sich abseits der schulischen Pfade politisch oder gesellschaftlich engagiert und dabei nicht dem gewünschten Narrativ folgt, wird regelrecht an den Pranger gestellt. Es ist eine Atmosphäre der Intoleranz und der intellektuellen Einschüchterung, die dort herrscht, wo eigentlich die Grundfesten unserer Demokratie vermittelt werden sollten. Wenn Lehrer ihre Machtposition missbrauchen, um politisch unliebsame Schüler zu sanktionieren oder bloßzustellen, dann ist nicht die theoretische Debatte über die Schulpflicht die Axt an der demokratischen Grundordnung, sondern dieses tiefgreifende Versagen der staatlichen Institution Schule selbst.

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Noch alarmierender wird das Bild, wenn man auf das Verhältnis der heutigen Jugend zu ihrem eigenen Land blickt. In den Pausenhöfen und Klassenzimmern fallen mittlerweile Sätze, die jeden aufrichtigen Demokraten erschüttern müssten. Mitmenschen treten offen auf ihre Mitschüler zu und erklären ohne jeden Anflug von Bedauern, dass sie “mit Deutschland überhaupt nichts mehr anfangen können”. Diese völlige Entfremdung vom eigenen Staat, der mangelnde Bezug zur eigenen Kultur, Geschichte und Identität ist das direkte Resultat einer Bildungspolitik, die ihre Kernaufgaben völlig aus den Augen verloren hat. Wenn das Bildungssystem es nicht mehr schafft, jungen Menschen ein gesundes Selbstverständnis und eine Bindung an die freiheitlich-demokratische Gesellschaft zu vermitteln, dann steht dieses System tatsächlich vor dem absoluten Ruin.

Angesichts dieser verheerenden Zustände wirkt der Social-Media-Beitrag von Martin Huber wie der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es grenzt an politische Arroganz, die Oppositionsparteien für ihre Konzepte verbal zu attackieren, während das eigene Fundament in Trümmern liegt. Über Jahrzehnte hinweg wurde das Bildungssystem systematisch kaputtgespart und ideologisch aufgeladen. Die Folgen sind heute unübersehbar: Wir erleben einen historisch beispiellosen Lehrermangel, marode Schulgebäude, in denen es durch die Dächer regnet, und eine digitale Infrastruktur, die im internationalen Vergleich höchstens noch Mitleid erregt. Vor allem aber erleben wir einen dramatischen Absturz des allgemeinen Bildungsniveaus. Die jüngsten PISA-Studien und Bildungsberichte belegen schwarz auf weiß, dass immer mehr Schüler die grundlegendsten Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Mathematik nicht mehr beherrschen. Das ist die eigentliche Tragödie unserer Zeit.

Generalsekretär Martin Huber in der „Welt“ – CSU

Die Empörung der Bürger richtet sich genau gegen diesen eklatanten blinden Fleck der etablierten Politik. Man fordert eine Diskussion über das große Ganze, über ein tragfähiges Gesamtkonzept, das unsere Kinder wieder befähigt, frei, kritisch und fundiert zu denken. Es bedarf einer schonungslosen Analyse darüber, warum das Leistungsprinzip an unseren Schulen immer weiter aufgeweicht wird und warum Ideologie zunehmend den Platz der objektiven Wissensvermittlung einnimmt. Anstatt sich auf Plattformen wie Facebook oder Twitter in Empörungsspiralen über vermeintliche Zerstörer der Demokratie zu ergehen, sollten Politiker wie Martin Huber ihre Energie darauf verwenden, den katastrophalen Ist-Zustand an den Schulen ihres eigenen Bundeslandes zu beheben.

Die Gesellschaft ist nicht länger gewillt, sich mit billigen Parolen und Ablenkungsmanövern abspeisen zu lassen. Die Reaktionen auf diesen Vorfall zeigen deutlich: Die Menschen haben den intellektuellen Stillstand und die politische Heuchelei satt. Eine wirkliche bildungspolitische Bankrotterklärung ist es nicht, über neue Modelle der Beschulung nachzudenken. Die wahre Bankrotterklärung ist ein Schulsystem, das seine Schüler ideologisch drangsaliert, sie inhaltlich verarmen lässt und sie am Ende ohne Bindung an unsere Gesellschaft in die Welt entlässt. Es ist höchste Zeit für einen echten bildungspolitischen Neustart, der die Ideologie aus den Klassenzimmern verbannt und die qualitativ hochwertige, neutrale und leistungsorientierte Bildung wieder in den Mittelpunkt stellt. Alles andere ist nichts weiter als parteipolitisches Theater auf dem Rücken unserer Kinder.