Es ist ein ungewohntes Bild: Harald Lesch, der beliebte Astrophysiker, Naturphilosoph und Moderator von Sendungen wie “Terra X”, der uns sonst in ruhigem, sachlichem Ton das Universum und die Welt erklärt, steht auf einer Bühne in München. Es ist keine Universität, es ist kein Fernsehstudio. Es ist eine Demonstration, organisiert von Bündnissen wie Fridays for Future, und Lesch wirkt alles andere als ruhig. “Die Lage ist so kacke, das kann doch nicht wahr sein!”, ruft er der Menge zu. Es ist das erste Mal, dass der renommierte Wissenschaftler auf einer Demo spricht – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Frustration über die aktuelle politische Lage einen kritischen Punkt erreicht hat. Sein Auftritt ist ein Frontalangriff auf die aktuelle Energiepolitik und eine leidenschaftliche Verteidigung der erneuerbaren Energien.

Der Anlass für die Proteste, an denen zehntausende Menschen in ganz Deutschland teilnahmen, ist ein fundamentaler Kurswechsel der Bundesregierung. Während die Ölpreise durch globale Krisen und das agieren von Politikern wie Donald Trump weltweit steigen und die Verbraucher belasten, plant Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) einen massiven Einschnitt: Die Förderung für erneuerbare Energien soll drastisch gekürzt werden. Ein Vorhaben, das für Wissenschaftler wie Lesch nicht nur unlogisch, sondern schlichtweg absurd ist. Er vergleicht den geplanten Rückschritt mit einer absurden Szenerie: “Das, was man jetzt momentan vorhat, ist ungefähr so, als wenn jemand zu euch nach Hause kommt und sagt: Den Induktionsherd, der muss raus, jetzt wird wieder auf offenem Feuer gekocht! Die LEDs, die müssen auch raus, wir erleuchten unsere Räume wieder mit Fackeln! Zurück in die Steinzeit!”

Diese drastischen Worte spiegeln das tiefe Unverständnis wider, das viele in der Wissenschafts- und Umwelt-Community derzeit empfinden. Die Faktenlage ist erdrückend klar: Der Klimawandel ist real, menschengemacht und gefährlich. Gleichzeitig sind Verbrennungsprozesse, wie Lesch ausführt, physikalisch gesehen ineffizient und veraltet. Die Zukunft, da sind sich Experten einig, liegt in Photovoltaik, Windkraft, Batterietechnologie und Biogas. “Erneuerbare Energien [sind] das Beste, was wir haben, also sollten wir es auch tun!”, fordert Lesch vehement.

Doch warum agiert die Politik wider besseres Wissen? Hier bringen Redner wie Luigi Pantisano (Die Linke), der ebenfalls auf der Veranstaltung sprach, harte Vorwürfe ins Spiel. Er wirft der Wirtschaftsministerin vor, Politik nicht für die Bürger, sondern für Großkonzerne und Superreiche zu machen. Pantisano kritisiert Reiches Nähe zur fossilen Lobby und bezeichnet Zusammenkünfte der Branche, wie die CERAWeek in Texas, als Treffpunkte, “wo die ganzen Energiekonzerne, die unseren Planeten anzünden, sich versammeln”. Der Vorwurf lautet, die Regierung würde sich ihre Strategiepapiere direkt von Unternehmen wie E.ON und RWE diktieren lassen. Eine Politik, die den Status quo bewahrt, um die Gewinne weniger zu maximieren, während die Gesellschaft die Kosten trägt.

Die Brisanz dieses Themas geht weit über den reinen Umweltschutz hinaus. Es ist auch eine Frage der nationalen und europäischen Unabhängigkeit. Wer weiterhin auf fossile Brennstoffe setzt, der macht sich zwangsläufig abhängig von den Ländern, die diese Ressourcen fördern – Länder, die oft autokratisch regiert werden. Der YouTuber und Social-Media-Berater “DerDara”, der Leschs Rede auf seinem Kanal analysierte, pointierte dies treffend: Echte Patrioten müssten eigentlich ein massives Interesse an heimischem Strom aus Wind und Sonne haben, anstatt sich von ausländischen Machthabern abhängig zu machen. Auch die Atomkraft sei hier keine Lösung, da das benötigte Uran importiert werden müsse.

Die Debatte um die erneuerbaren Energien zeigt auch, wie stark der öffentliche Diskurs durch gezielte Desinformation beeinflusst wird. Der YouTuber verweist auf Medienkampagnen, die Politiker, die sich für den Ausbau der Erneuerbaren stark machen, diskreditieren, während Vertreter der fossilen Lobby hofiert werden. Er warnt vor einer regelrechten “Verschwörung”, in der finanzstarke Akteure der Öl- und Gasindustrie versuchen, ihre Pfründe durch Einflussnahme auf Medien und Politik zu sichern. Wären die sozialen Medien in den 1950er Jahren so einflussreich gewesen wie heute, so das Gedankenexperiment, hätten Kampagnen vielleicht sogar die Einführung einer flächendeckenden Stromversorgung verhindert, indem sie Ängste in der Bevölkerung geschürt hätten.

Was also tun? Neben dem Protest auf der Straße, der laut “DerDara” nur dann wirklich wirkungsvoll ist, wenn er massiv in den sozialen Netzwerken geteilt und verbreitet wird, gibt es auch handfeste wirtschaftliche Alternativen. Energiegenossenschaften bieten Bürgern die Möglichkeit, ihren Strom aus erneuerbaren Quellen zu beziehen und gleichzeitig demokratisch an der Strukturierung der Preise und Gewinne teilzuhaben. Anstatt Profite an wenige Großaktionäre abzuführen, reinvestieren diese Genossenschaften in den Ausbau sauberer Energien oder erstatten Überschüsse direkt an ihre Mitglieder zurück – eine direkte Gegenbewegung zur Macht der großen Energiekonzerne.

Harald Leschs Auftritt ist ein Weckruf. Er zeigt, dass die Zeit des reinen Erklärens vorbei ist. Wenn die Politik die physikalischen Realitäten ignoriert und sich wirtschaftlichen Partikularinteressen beugt, dann müssen auch Wissenschaftler aufstehen und Klartext reden. “Keine Pipi-Langstrumpf-Politik mehr nach dem Motto ‘Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt'”, fordert Lesch abschließend. Die Wirklichkeit hat sich längst für die erneuerbaren Energien entschieden. Es wird höchste Zeit, dass die Politik diesen Fakt nicht länger ignoriert – oder wie Harald Lesch es ausdrücken würde: “Wie bescheuert sind wir denn eigentlich?”