Es gibt Momente in der politischen Kommunikation, in denen man sich als normaler Bürger verwundert die Augen reibt und sich ernsthaft fragt: In welcher Realität leben unsere Politiker eigentlich? Ein solcher Moment ereignete sich kürzlich in den sozialen Netzwerken und sorgt seitdem für ungläubiges Kopfschütteln, hitzige Diskussionen und handfeste Empörung. Im Zentrum des Sturms steht ein Social-Media-Post von Markus Söder, der eigentlich Stärke, Entschlossenheit und politische Erfolge demonstrieren sollte. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese digitale Inszenierung als ein kommunikatives Desaster, das die tiefen Risse zwischen politischer PR und der gelebten Realität der Menschen in diesem Land schonungslos offenlegt. Es ist ein Lehrstück darüber, wie Politiker versuchen, mit großen Worten von echten Problemen abzulenken – und wie schnell dieses Kartenhaus in sich zusammenfällt, wenn man auch nur ein wenig an der Oberfläche kratzt.

Was genau ist passiert? Der bayerische Ministerpräsident postete ein Bild, das mit starken Botschaften garniert war. „Die Migrationswende ist im vollem Gang und wir werden sie kraftvoll fortsetzen“, prangt dort in selbstbewussten Lettern. Daneben wird sogar die „Begrenzung der illegalen Zuwanderung“ als „eine große Leistung der Bundesregierung“ betitelt – eine Formulierung, die an sich schon für enorme Verwirrung sorgt und tief blicken lässt. Für den flüchtigen Betrachter mag das auf den ersten Blick nach einem durchschlagenden Erfolg klingen. Man könnte fast meinen, die gewaltigen Herausforderungen der letzten Jahre seien wie durch Zauberhand gelöst worden. Doch wer die politische Landschaft mit wachen Augen verfolgt, erkennt sofort den gewaltigen Knackpunkt an dieser Darstellung.
Der erste fundamentale Fehler dieses Posts ist die geradezu absurde Diskrepanz zwischen der behaupteten “Wende” und der faktischen Realität in unseren Städten und Gemeinden. In welcher Welt, so muss man sich ernsthaft fragen, ist die Migrationskrise gelöst? Söder spricht von einem kraftvollen Fortsetzen einer Wende, verzichtet aber bequemerweise gänzlich darauf, diese kühne Behauptung mit belastbaren Zahlen zu untermauern. Warum nennt er keine konkreten Statistiken in seinem Beitrag? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil die tatsächlichen Zahlen das schöne PR-Bild sofort zerstören würden. Ein einzelner Blick auf die Realität genügt, um die Illusion platzen zu lassen. Allein im vergangenen Jahr kamen über 100.000 Menschen einzig und allein über den Weg des Familiennachzugs nach Deutschland. Einhunderttausend Menschen – das entspricht der Einwohnerzahl einer deutschen Großstadt. Nur über den Familiennachzug. Diese massive Zahl zeigt überdeutlich, dass von einem Stopp oder einer echten Entlastung der Kommunen, die händeringend nach Wohnraum, Kitaplätzen und Lehrern suchen, überhaupt keine Rede sein kann. Wenn das die Definition einer “Migrationswende” sein soll, dann haben die Verantwortlichen offenbar völlig den Bezug zur Lebenswirklichkeit der Bürger verloren.
Doch der eigentliche, viel tiefer gehende Skandal verbirgt sich in der Formulierung, die Söder zur illegalen Zuwanderung wählt. Es heißt dort, die Begrenzung dieser illegalen Zuwanderung sei eine große Leistung. Lassen Sie uns diesen Satz einmal auf der Zunge zergehen: Die „Begrenzung“ von etwas Illegalem. Aus rechtsstaatlicher und logischer Sicht ist diese Wortwahl nicht nur unglücklich, sie ist fatal. Illegale Zuwanderung ist, wie das Wort bereits unmissverständlich sagt, ein Bruch geltenden Rechts. Und seit wann ist es das erklärte Ziel eines funktionierenden Rechtsstaates, illegale Handlungen lediglich zu “begrenzen”?

Stellen Sie sich vor, die Politik würde den Erfolg bei der Bekämpfung von Banküberfällen damit feiern, dass man die Zahl der Überfälle “begrenzt” habe. Das wäre ein Aufschrei sondergleichen. Illegales Verhalten darf nicht begrenzt, es muss konsequent abgeschafft und bestraft werden. Das Ziel muss immer die absolute Null sein. Wenn sich die illegale Einreise in unser Land um zehn oder hundert Fälle reduziert, mag das statistisch eine Begrenzung sein – aber es bleibt weiterhin ein ungelöstes Problem und ein anhaltender Rechtsbruch. Zu behaupten, man habe hier eine “große Leistung” vollbracht, grenzt an Zynismus gegenüber all jenen Bürgern, die sich jeden Tag strikt an die Gesetze dieses Landes halten müssen und erwarten dürfen, dass der Staat seine eigenen Grenzen und Regeln mit derselben Härte verteidigt.
Diese rhetorische Feinheit offenbart eine zutiefst beunruhigende Haltung. Sie zeigt, dass man sich auf politischer Ebene offenbar längst damit abgefunden hat, dass geltendes Recht millionenfach ignoriert wird. Anstatt die volle Härte des Gesetzes anzuwenden und illegale Migration konsequent zu stoppen, gibt man sich mit minimalen Reduktionen zufrieden und verkauft diese den Wählern als historischen Triumph. Es ist ein perfides Spiel mit Worten. Die Bürger lassen sich jedoch nicht mehr so leicht für dumm verkaufen. Sie merken, dass Begriffe wie “Begrenzung” nur weiche Nebelkerzen sind, um das eigentliche Versagen zu kaschieren.

Genau hier versagt die Politik komplett. Es reicht nicht aus, in schicken Anzügen vor Kameras zu treten und Erfolgsmeldungen in die sozialen Netzwerke zu tippen, während die Bürgermeister vor Ort nicht mehr wissen, wo sie die Menschen unterbringen sollen. Es reicht nicht, von einer Wende zu fantasieren, während die Zuwanderungszahlen durch den Familiennachzug weiterhin auf Rekordniveau verharren. Und es reicht schon gar nicht, die Akzeptanz von Illegalität als politische Großtat zu zelebrieren.
Dieser Vorfall ist weit mehr als nur ein verunglückter Post auf Social Media. Er ist ein Symptom einer viel größeren Krankheit in unserem politischen System. Es ist die chronische Unfähigkeit, Probleme schonungslos beim Namen zu nennen, gepaart mit dem ständigen Drang, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken, egal wie düster die Realität tatsächlich aussieht. Die Menschen in diesem Land sind es müde, mit PR-Floskeln abgespeist zu werden. Sie fordern Ehrlichkeit. Sie fordern, dass illegale Migration nicht „begrenzt“, sondern beendet wird. Sie fordern, dass Politiker wie Söder aufhören, Fehler hinter schönen Worten zu verstecken, und anfangen, echte, spürbare Lösungen zu liefern. Solange das nicht geschieht, bleibt die viel beschworene “Migrationswende” das, was sie im Moment ist: eine riesengroße Illusion, an die bald niemand mehr glaubt.
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