Es gibt Momente in der heutigen schnelllebigen, digital vernetzten Welt, in denen man förmlich gezwungen wird, innezuhalten. Man starrt auf den Bildschirm seines Smartphones, aktualisiert die Seite auf der Plattform X wieder und wieder, weil der Verstand sich schlichtweg weigert zu glauben, was die Augen dort erfassen. Genau ein solches Szenario spielt sich in diesen Tagen ab und schlägt hohe Wellen der Empörung, der Fassungslosigkeit und einer tiefen Besorgnis quer durch alle Schichten unserer Gesellschaft. Es ist ein Vorfall, den jeder aufrichtige Demokrat sehen, verstehen und äußerst kritisch hinterfragen muss. Denn was sich hier vor unseren Augen abspielt, ist nicht weniger als ein fundamentales Beben in unserem demokratischen Grundverständnis. Vor Kurzem setzte die Politikerin Heidi Reichinnek einen Beitrag ab, der in seiner politischen Brisanz kaum zu überbieten ist. Ein Post, der ein unmissverständliches Zeichen der Solidarisierung mit dem Bündnis „Widersetzen“ darstellt. Ein Bündnis, das sich zum Ziel gesetzt hat, einen gewaltigen, organisierten und offensichtlich kompromisslosen Widerstand gegen den kommenden Bundesparteitag der AfD in Erfurt zu formieren.

Der Countdown läuft unerbittlich. Es sind nur noch exakt 50 Tage, bis dieser Parteitag in der thüringischen Landeshauptstadt stattfinden soll. 50 Tage, in denen eine Mobilisierungsmaschinerie angeworfen wird, die in ihrer Intensität und Schärfe erschreckende Ausmaße annimmt. Man muss sich diese Situation einmal ganz in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen, um die volle Absurdität und die inhärente gesellschaftliche Gefahr zu begreifen. Da gibt es Gruppierungen und politische Akteure, die sich selbst voller Stolz als die unerschütterlichen Antifaschisten unserer Zeit bezeichnen. Sie heften sich das leuchtende Abzeichen der aufrechten Demokraten an die Brust und proklamieren lautstark, sie seien die Einzigen, die unsere wehrhafte Demokratie in diesen stürmischen Zeiten noch verteidigen würden. Doch ihr Verständnis von demokratischer Verteidigung entpuppt sich bei genauerem Hinsehen allzu oft als ein toxisches Gebräu aus Intoleranz und aggressivem Aktionismus. Sie wollen sich „massiv widersetzen“, sie rufen zu unnachgiebigen Blockaden auf, sie mobilisieren ihre Anhängerschaft quer durch die gesamte Republik, als gäbe es buchstäblich keinen Morgen mehr. Die feine, aber essenzielle Linie zwischen einem legitimen, friedlichen Protest und der gewaltsamen Unterdrückung politischer Gegner wird hier nicht nur leichtfertig überschritten, sie wird geradezu mit Anlauf ignoriert.

Natürlich steht es jedem Menschen in einer freien Gesellschaft bedingungslos zu, zu protestieren. Das Demonstrations- und Versammlungsrecht ist eines der wertvollsten Güter, das unsere Verfassung schützt. Wenn Menschen mit Inhalten oder politischen Ausrichtungen nicht einverstanden sind, ist es ihr verbrieftes Recht, auf die Straße zu gehen, Transparente in die Höhe zu halten und ihren Unmut lautstark kundzutun. Das ist die eine Seite der Medaille, das ist das pulsierende Herz einer lebendigen, funktionierenden Demokratie. Doch was wir hier in der aufheizenden Stimmungsthematik beobachten, hat mit friedlichem Protest längst nichts mehr zu tun. Wir alle wissen nur zu gut, wohin eine derart hochgekochte, emotionalisierte Mobilisierung in der Praxis führen kann. Die Bilder aus der jüngeren Vergangenheit sind uns noch frisch und überaus schmerzhaft im Gedächtnis geblieben. Denken wir nur an die erschreckenden Szenen rund um vergangene Parteitage, wie etwa die massiven Eskalationen, die sich in Orten wie Greding oder Essen abspielten. Dort wurden nicht einfach nur Plakate hochgehalten und friedliche Sprechchöre angestimmt. Nein, dort wurden mutwillig Autos von Parteitagsteilnehmern und unbeteiligten Anwohnern zerschlagen. Es wurde mit massiver physischer Präsenz und offener Gewaltbereitschaft verhindert, dass demokratisch genehmigte Veranstaltungen überhaupt pünktlich beginnen konnten. Menschen wurden auf offener Straße eingeschüchtert, bedroht und aktiv an der Ausübung ihrer grundlegenden Rechte gehindert.

Wenn man all diese Puzzleteile zusammensetzt, drängt sich unweigerlich eine essenzielle und äußerst unangenehme Frage auf: Was bitteschön ist an einem solchen Verhalten noch demokratisch? Die klare und schonungslose Antwort muss lauten: Absolut gar nichts. Für jeden echten Demokraten, der diesen Namen auch verdient, ist ein derartiges Vorgehen zutiefst undemokratisch, ja im Kern geradezu anti-demokratisch. Das unverrückbare Fundament unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung basiert auf der bedingungslosen Akzeptanz politischer Mitbewerber, unabhängig davon, wie stark man deren Positionen ablehnt. Es basiert darauf, den harten, inhaltlichen Diskurs im Parlament, in Talkshows, in Zeitungen und in den sozialen Medien zu führen, aber niemals auf der Straße mit den Mitteln der physischen Blockade, der Sabotage oder der Einschüchterung. Wenn ich durch reine physische Masse, durch aggressive Stimmungsmache oder gar durch rohe Gewalt verhindere, dass jemand anderes seinen legitimierten Parteitag abhält, dann handele ich nicht als edler Schützer der Demokratie, sondern als ihr Totengräber. Und das alles nur, weil der andere eine andere Meinung vertritt? Weil er eine politische Vision formuliert, die diametral zu meiner eigenen Weltsicht steht? Das ist das exakte Gegenteil von echter Toleranz.

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Das Gefährliche an der aktuellen Entwicklung rund um den Post von Heidi Reichinnek und dem wachsenden Bündnis „Widersetzen“ ist die scheinbare gesellschaftliche und politische Legitimation solcher Handlungen. Wenn gewählte Volksvertreter, die eigentlich einen Eid auf die Verfassung und deren demokratische Prinzipien geschworen haben, solche extremen Formen der Auseinandersetzung implizit gutheißen oder durch wohlwollendes Teilen gar aktiv befeuern, verschieben sich die Grenzen des Sagbaren und Machbaren auf eine hochgradig alarmierende Weise. Es sendet ein verheerendes Signal an die radikalisierten Ränder der Gesellschaft: Es suggeriert, dass Gewalt, Blockaden und die Unterdrückung Andersdenkender plötzlich in Ordnung seien, solange sie sich nur gegen den vermeintlich “richtigen” Feind richten. Diese moralische Überheblichkeit, gepaart mit einer erschreckenden Verblendung für die eigenen Methoden, führt unweigerlich in eine gefährliche Spirale der Eskalation. Wer genau definiert in unserer Gesellschaft eigentlich, wer ein Feind der Demokratie ist, der mit allen nur denkbaren Mitteln bekämpft werden darf? Wenn dieser radikale Maßstab heute bei der AfD und ihren Anhängern angesetzt wird, wer ist morgen an der Reihe? Sobald wir den Pfad des friedlichen Diskurses verlassen und die physische Auseinandersetzung zur legitimen politischen Waffe erklären, haben wir das demokratische Spiel im Grunde bereits verloren.

Wir befinden uns zweifellos in einer Zeit, in der die Spaltung unserer Gesellschaft immer tiefere, kaum noch zu überbrückende Gräben reißt. Social-Media-Plattformen wirken dabei wie riesige Brandbeschleuniger in einem ohnehin schon ausgetrockneten Wald. Algorithmen belohnen die lauteste Empörung, die schrillsten Töne und die radikalsten Forderungen, weil sie Klicks und Interaktionen generieren. Ein kurzer, provokanter Post, ein geteiltes Bild mit einem unmissverständlichen Aufruf zum Widerstand – und schon setzen sich Tausende in Bewegung, aufgeputscht von einer einseitigen digitalen Filterblase, in der kritische Reflexion und Selbstzweifel keinen Platz mehr finden. Die feinen Nuancen, die Kompromisse, das Aushalten von Ambiguität und die sachliche, oft anstrengende Auseinandersetzung, die den wahren Kern einer gesunden Demokratie ausmachen, bleiben dabei unweigerlich auf der Strecke. Was bleibt, ist ein tribalistisches “Wir gegen Die”, ein primitiver politischer Stammeskrieg, der am Ende keine Gewinner kennen wird. Die Ereignisse, die uns in 50 Tagen in Erfurt bevorstehen, werfen bereits jetzt einen dunklen, bedrohlichen Schatten voraus. Sie sind ein massiver Stresstest für die Thüringer Polizei, für die Sicherheitsbehörden vor Ort und letztlich für den Rechtsstaat an sich.

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Aber vor allem sind sie ein ultimativer Stresstest für jeden Einzelnen von uns. Es ist allerhöchste Zeit, dass die schweigende, vernünftige Mitte in diesem Land aufwacht, sich zu Wort meldet und klare, unmissverständliche Grenzen zieht. Wir dürfen unter gar keinen Umständen zulassen, dass der heilige Begriff der Demokratie von jenen Kräften gekapert und sinnentleert wird, die selbst nicht bereit sind, sich an ihre grundlegendsten und wichtigsten Spielregeln zu halten. Wahre Demokratie bedeutet eben gerade, die mitunter schmerzhafte Realität zu ertragen, dass es in einem Land mit über 80 Millionen Einwohnern Menschen gibt, die völlig andere, womöglich abstoßende Ansichten haben als man selbst. Demokratie bedeutet, diese Ansichten an der Wahlurne, mit messerscharfen Argumenten, mit Aufklärung und mit besseren, überzeugenderen politischen Konzepten zu bekämpfen – und nicht durch das Demolieren von fremdem Eigentum, das Blockieren von öffentlichen Zufahrtsstraßen oder die unverhohlene physische Bedrohung politischer Gegner.

Die kommenden Wochen bis zu jenem viel diskutierten Parteitag in Erfurt werden schonungslos aufzeigen, wie stabil, widerstandsfähig und stark unser gesellschaftliches Fundament wirklich noch ist. Wir müssen den Anfängen wehren, wir müssen laut, deutlich und ohne falsche Scheu aussprechen: Toleranz gegenüber der Intoleranz darf es auf beiden Seiten des politischen Spektrums nicht geben, auch und gerade dann nicht, wenn sie sich geschickt hinter der glänzenden Maske der vermeintlich Gerechten und Aufrechten versteckt. Es liegt an uns allen, die wahre, die echte Demokratie jeden Tag aufs Neue zu verteidigen – mit kraftvollen Worten, mit scharfem Verstand und mit einem unerschütterlichen, tief verwurzelten Respekt vor dem demokratischen Prozess selbst. Wer die Demokratie retten will, indem er sie zerstört, hat nicht verstanden, was Freiheit bedeutet.