Energie ist das unsichtbare Blut in den Adern einer jeden modernen Industrienation. Ohne einen verlässlichen, bezahlbaren und jederzeit verfügbaren Stromfluss bleiben die Fließbänder stehen, die Hochöfen erkalten und die Lichter in den Werkhallen erlöschen. In Deutschland, einem Land, das seinen globalen Wohlstand und seinen exzellenten Ruf jahrzehntelang auf dem starken Fundament einer mächtigen, produzierenden Schwerindustrie aufgebaut hat, entbrennt derzeit eine Diskussion von historischer Tragweite. Es geht nicht mehr nur um ein paar Cent mehr oder weniger auf der Stromrechnung der Bürger, sondern um die nackte Überlebensfrage des gesamten Wirtschaftsstandorts. Im Epizentrum dieses politischen und ökonomischen Bebens steht die Bundesnetzagentur unter der Führung von Klaus Müller. Die jüngsten Pläne der Behörde zur Reform der Netzentgeltsystematik schlagen in der deutschen Unternehmenslandschaft ein wie eine Bombe und werfen eine provokante, aber überaus legitime Frage auf: Befindet sich Deutschland auf einem staatlich verordneten Rückzug ins vorindustrielle Zeitalter?

Um die gigantische Dimension dieser Frage zu verstehen, lohnt sich ein kurzer, philosophischer Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Seit Anbeginn unserer Existenz war es das höchste und instinktivste Bestreben des Menschen, sich aus der absoluten Abhängigkeit von den Launen der unberechenbaren Natur zu befreien. Als unsere Vorfahren begannen, das Feuer nicht nur zu nutzen, wenn rein zufällig ein Blitz in einen Baum einschlug, sondern es selbst nach Belieben zu entfachen, war der erste gewaltige Schritt in Richtung Zivilisation getan. Der Mensch gestaltete seine Umwelt so, dass Ressourcen – sei es Wärme, Licht oder später eben elektrische Energie – stets dann zur Verfügung standen, wenn sie dringend benötigt wurden. Genau dieses elementare Prinzip der ständigen Verfügbarkeit wird nun in Deutschland fundamental auf den Kopf gestellt. Die neue Maxime, die derzeit aus den Fluren des Wirtschaftsministeriums und der ihm unterstellten Bundesnetzagentur hallt, gleicht einer historischen Kehrtwende: Wir sollen nicht mehr die Energieproduktion an unseren industriellen Bedarf anpassen, sondern unser industrieller Bedarf soll sich dem Wetter unterwerfen.
Das Kernproblem dieser brisanten Entwicklung liegt in der physikalischen Realität des sogenannten „Flatterstroms“. Durch den politisch gewollten und rasant vorangetriebenen Ausbau von Wind- und Sonnenenergie ist die deutsche Stromproduktion extrem schwankungsanfällig geworden. Wenn im stürmischen Herbst der Wind über die Nordsee peitscht oder an wolkenlosen Sommertagen die Sonne brennt, gibt es Energie im Überfluss. Doch wenn die berühmte “Dunkelflaute” eintritt – Tage oder gar Wochen ohne nennenswerten Wind und Sonnenschein –, klafft eine gewaltige Lücke im System. Die historisch gewachsenen deutschen Stromnetze sind für dieses erratische Auf und Ab schlichtweg nicht konzipiert. Sie wurden für eine konstante Grundlast gebaut, die früher verlässlich von Kernkraftwerken, Kohle- und Gaskraftwerken geliefert wurde – jenen Energiequellen also, die Deutschland nun schrittweise und unwiderruflich abschaltet. Die Folgen dieses drastischen Umbaus sind bereits heute für jeden sichtbar und spürbar: Die Kosten für das sogenannte Engpassmanagement, den „Redispatch“, bei dem Netzbetreiber ständig Kraftwerke hoch- und runterfahren müssen, um das Netz vor dem völligen Kollaps zu bewahren, verschlingen Milliarden. Diese astronomischen Kosten spiegeln sich direkt in den Netzentgelten wider und machen den Strom in Deutschland schon heute zum teuersten der Welt.
Doch anstatt die physikalischen Grenzen dieser Strategie anzuerkennen, geht die Bundesnetzagentur nun den nächsten, höchst umstrittenen Schritt. Die jüngst vorgestellten Überlegungen zur neuen Netzentgeltsystematik zielen darauf ab, die Kosten genau dort anzuschlagen, wo „knappe Kapazitäten“ entstehen. In einfachen Worten ausgedrückt: Das System soll künftig jene Unternehmen finanziell massiv belohnen, die ihren gigantischen Stromverbrauch völlig flexibel an die tagesaktuelle Wetterlage anpassen können. Wer hingegen auf einen konstanten, ununterbrochenen Stromfluss angewiesen ist, soll durch höhere Preise für knappe Kapazitäten empfindlich bestraft werden. Dies wird als Versuch verkauft, die Kosteneffizienz zu stärken und den teuren Netzausbau zu dämpfen. Für unzählige kritische Beobachter und vor allem für die betroffenen Unternehmer selbst klingt dies jedoch wie der blanke Hohn und gleicht einem ökonomischen Todesurteil.

Die Realität in den Werkhallen der Schwerindustrie lässt sich nämlich nicht mit einem simplen Schalter am Schreibtisch einer Behörde an- und ausschalten. Nehmen wir als anschauliches Beispiel die energieintensive Aluminium- oder Stahlproduktion. Diese hochkomplexen Anlagen operieren in einem extrem feinen, thermischen Gleichgewicht. Die Schmelzöfen müssen bei gigantischen Temperaturen rund um die Uhr am Laufen gehalten werden. Man kann einen Aluminiumproduzenten nicht einfach anrufen und verlangen, er möge seine Produktion für die nächsten drei Tage auf 20 Prozent drosseln, nur weil gerade ein Hochdruckgebiet über Deutschland liegt und der Wind stillsteht. Es ist völlig illusorisch und geradezu absurd zu erwarten, dass solche Unternehmen in der Zwischenzeit einfach auf die Produktion anderer, weniger energieintensiver Güter umsteigen könnten. Die Lieferketten sind global getaktet, die Kunden fordern absolute Verlässlichkeit. Wer diese Verlässlichkeit aufgrund staatlicher Wetter-Vorgaben nicht mehr garantieren kann, verliert gnadenlos seine Marktanteile an die internationale Konkurrenz aus Asien oder den USA, wo Energie im Überfluss und zu einem Bruchteil der deutschen Kosten zur Verfügung steht.
Für die deutsche Großindustrie bedeutet dieser Paradigmenwechsel einen frontalen Angriff auf ihre ohnehin schon schrumpfenden Gewinnmargen. Diese Unternehmen arbeiten auf globalisierten Märkten, auf denen jeder Cent in der Produktionskette über Sieg oder Niederlage entscheidet. Wenn die Energiekosten durch wetterbedingte Strafzahlungen weiter in die Höhe schnellen oder die Produktion notgedrungen unregelmäßig wird, rutschen diese Betriebe zwangsläufig in die Verlustzone. Volkswirtschaftlich gesehen bedeutet ein Verlust, dass bei einem Produktionsprozess mehr wertvolles Kapital, mehr Arbeit und mehr Ressourcen vernichtet werden, als am Ende an Wert herauskommt. Das ist der direkte Weg in den Ruin. Wenn Großunternehmen erst einmal rote Zahlen schreiben, schrumpfen die dringend notwendigen Investitionen in die Zukunft auf null. Die bittere und logische Konsequenz ist die Flucht ins Ausland.

Genau an diesem Punkt gewinnt die scharfe These einer “geplanten Deindustrialisierung” an beängstigender Plausibilität. Kritiker verweisen immer wieder auf Vertreter einer radikalen Klima-Ideologie, wie etwa die Verfechterin des sogenannten „grünen Schrumpfens“, Ulrike Herrmann, oder Aussagen aus dem Umfeld der Agora Energiewende. Wenn hochrangige Regierungsberater bereits öffentlich zugeben, dass die Schwerindustrie Deutschland wohl unweigerlich verlassen wird, stellt sich die existenzielle Frage, was danach kommt. Die bittere Wahrheit ist: Wir haben keinen gigantischen Ersatz. Deutschland ist weder die Heimat von global dominierenden Tech-Giganten aus dem Silicon Valley, noch verfügen wir über unerschöpfliche, nutzbare Rohstoffreserven, die unseren Wohlstand sichern könnten. Der legendäre deutsche Wohlstand basierte immer auf der phänomenalen Innovationskraft unserer Automobil-, Maschinenbau- und Chemieindustrie. Fällt dieses Herzstück weg, bricht das Rückgrat unserer gesamten Volkswirtschaft.
Es bedarf nun dringend einer kraftvollen und vernunftbasierten Gegenreaktion. Wenn die Politik weiterhin versucht, physikalische und ökonomische Grundgesetze durch ideologische Verordnungen außer Kraft zu setzen, treibt sie das Land sehenden Auges in eine Mangelwirtschaft. Es ist höchste Zeit für mutige Stimmen aus der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft – Stimmen, die dieser politischen Netzüberspannung entgegentreten und eine Rückkehr zum Pragmatismus fordern. Die Aufgabe einer Regierung und ihrer Behörden muss es sein, die besten Rahmenbedingungen für den Erfolg zu schaffen, anstatt den Mangel und den Rückschritt bürokratisch zu verwalten. Andernfalls riskieren wir nicht weniger als den industriellen und wirtschaftlichen Suizid eines Landes, das einst stolz als der Exportweltmeister und Wachstumsmotor Europas gefeiert wurde. Der Strom-Poker läuft, und die Einsätze könnten für uns alle nicht höher sein.
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