Seit 31 Jahren spurlos verschwunden | Der Fall Rut...

Seit 31 Jahren spurlos verschwunden | Der Fall Ruth Wilson T

Seit 31 Jahren spurlos verschwunden | Der Fall Ruth Wilson

Es ist der Morgen des 27. November 1995, ein Montag. Nach einem beschaulichen Wochenende beginnt im Englischen Dawking eine neue Arbeitswoche. Kinder und Jugendliche steigen in ihre Schulbusse. Mütter und Väter bereiten Pausenbrote vor und machen sich auf den Weg zu ihren Jobs. Der Morgen ist bei dem Taxiunternehmen der Gegend wahrscheinlich immer die ruhigste Zeit.

So früh möchte kaum jemand irgendwohin. Ein bisschen was zu tun gibt es aber natürlich immer. Unter anderem geht ein Anruf von einer Jugendlichen ein. Sie möchte in die Innenstadt gebracht werden. Von dort wird sie später ein weiteres Taxi nehmen, dass sie zum Box Hill bringen soll. Dort wird sie aus dem Wagen steigen.

  Der Taxifahrer wird sich noch bis heute daran erinnern, wie das Mädchen dort steht mit ihrem roten Pullover und ihrer Stofftasche voller Kassetten mitten auf dem Weg. Als er in den Rückspiegel schaut, hat sie sich kein Stück bewegt. Sie steht einfach nur da. Der Taxifahrer ist der letzte, der dieses Mädchen sehen wird. Im Kleendorf Bedchworth, unweit vom Dawking liegt ein gemütliches englisches Cottage.

 Es ist über und über mit Büchern vollgestopft und sieht aus wie direkt aus einem Füll. In diesem Cottage wohnt die Familie Wilson, eine typische Mittelklassfilie. Mr. und Mes Wilson arbeiten beide als Lehrkräfte. Sie sind seit Jahren glücklich verheiratet und haben zwei Töchter. Die 13 Jahre alte Jenny und die 16 Jahre alte Ruth.

 Die beiden Schwestern teilen sich ein Zimmer und sind ein Herz und eine Seele. Die 16-jährige Ruth steckt gerade mitten in den Vorbereitung für ihre Abschlussprüfung. Sie hat eine Gruppe guter Freundinnen. Sie sind nicht unbedingt die coolsten in der Schule, wie diese Freundinnen später sagen, aber sie haben einander und das ist das Wichtigste.

 Ruth ist nicht nur bei ihren Freunden beliebt, sondern auch bei ihren Lehrern. Alle an der Ashcom School können nur positives über die Teenagerin berichten. Sie träumt davon nach ihrem Abschluss Archäologie zu studieren, obwohl Träum hier fast das falsche Wort sein dürfte. Die 16-jährige arbeitet mit ihren guten Noten eindeutig zielstrebig darauf hin.

Um Ruth etwas besser kennenzulernen, schauen wir uns am besten einmal das letzte Novemberwochenende 1995 an, denn kaum etwas deutet an diesem Wochenende darauf hin, dass Ruth schon am Montag auf rätselhafte Art verschwinden wird. Im Gegenteil, das letzte November Wochenende 95 ist absolut typisch für Ruth.

 Am Samstag arbeitet sie für ein paar Stunden in ihrem Aushilfsjob. Neben der Schule verdient sie sich in einem Musikgeschäft in Dawking etwas dazu. Nach der Arbeit trifft sie sich mit ihrem besten Freund William. Ruth und William waren sogar mal ein paar, haben aber bemerkt, dass es zwischen den beiden auf freundschaftlicher Basis einfach besser passt.

 Die beiden sind sich immer noch sehr nah, nur eben auf platonischer Ebene. Als Ruth im Musikgeschäft Feierabend hat, sind sie noch zum Essen verabredet. Auch ein gemeinsamer Freund der beiden namens Neil ist dabei. Am Ende des gemeinsamen Essens übernimmt Ruth großzügig die Rechnung. Sie macht eine beiläufige Bemerkung, dass die Jungs so etwas hätten, womit sie sich an sie zurückerinnern könnten.

Dieser Satz wird später noch ein zentraler Teil des Rätsels um Ruth werden. Doch zunächst verläuft das Wochenende weiterhin ganz gewöhnlich. Am Sonntag macht sich Ruth auf den Weg zur Kirche, um zur Probe zu gehen. Sie spielt nämlich die Handglocke und das ist nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt.

 Zumindest nicht, wenn es am Ende gut klingen soll. Ruth ist insgesamt sehr musikalisch. Sie spielt auch E-Gitarre und Klavier. In der Kirche hilft sie ab und an an der Orgel aus und ist Mitglied im Chor. Nach ihrer Probe besucht Ruth einen Jugendclub in Dorking. Am Abend trifft sie sich noch mal mit William. Dieses Mal bei ihm zu Hause.

Zum Abend ist mit seiner Familie. Denn auch zu Williams Eltern ist das Verhältnis nach wie vor herzlich. An diesem Abend hat Williams Mutter sogar eine Überraschung für Ruth. Sie hat ihren Kleiderschrank aussortiert und ein paar alte Sachen zusammengesucht, die Ruth gefallen könnten. Als Ruth mit einer großen Tüte Klamotten nach Hause kommt, ist sie bester Laune.

 Sie und ihre Schwester Jenny machen sich direkt über die neuen alten Kleidungsstücke her und probieren sie zusammen an. Bei manchen Outfitkombinationen können sie sich kaum noch halten vor Lachen. Erst recht, als sie auch noch anfangen, den Kleiderschrank ihrer eigenen Mutter zu plündern.

 Es ist einfach ein richtig schöner witziger Abend unter den beiden Schwestern. Es wird gleichzeitig auch ihr letzter sein. Der Morgen des 27. November 1995 ist bei den Wilsons ziemlich turbulent. Mr. Wilson hat an diesem Montag morgen einen wichtigen Termin. ist ja Lehrer und eine Inspektion der Schulbehörde steht an. Dafür muss er noch einiges vorbereiten und deshalb unbedingt pünktlich aus dem Haus. Er sieht Ruth nur ganz kurz.

 Sie trödelt herum und hört über ihren Walkman Musik. Er spricht nur zwei knappe Sätze mit ihr oder eher zu ihr. Geh aus dem Weg, ich habe es eilig. Mr. Wilson bereut diese Worte bis heute, denn es sind die letzten, die er jemals zu seiner Tochter sagen wird. Erst einmal kommen aber sowohl Mr. als auch Mes Wilson pünktlich von zu Hause los.

Jenny und Ruth fahren eigentlich jeden Morgen zusammen mit dem Bus zur Schule, aber als Jenny schon aus der Tür raus will, sagt Ruth ihr in allerletzter Sekunde, dass sie nicht mitkommt. Jenny ist ein bisschen genervt, dass ihre Schwester ihr das erst auf den letzten Drücker sagt, aber auch nicht unbedingt überrascht.

 Ru steuert auf ihren Abschluss zu. Manchmal lässt sie Unterrichtsstunden für weniger wichtige Fächer aus, um in der Zeit lieber zu Hause konzentriert Sachen nachzuarbeiten, die für die Prüfung relevanter sind. Die eine oder andere Stunde sausen zu lassen, ist in Ruth Klassenstufe vollkommen normal. Die Schule bietet auch extra ein paar Freistunden im Plan an.

 Gut möglich, dass Ruth an diesem Morgen welche hat. Auch wenn Jenny findet, ihre Schwester hätte hier das ruhig schon vorher sagen können. Aber viel Zeit, um sich zu ärgern, hat Jenny nicht. Sie muss ja den Schulbus erwischen. Also verabschiedet sie sich schnell und macht sich auf den Weg. Ruth ist jetzt allein zu Hause.

 Sie hat am Morgen noch einmal Kontakt zu wem anders? Zu William. Der kommt nämlich vorbei und bietet ihr an, er könne sie später mit dem Auto mit zur Schule nehmen. Aber Ruth lehnt ab. Sie hat an diesem Morgen andere Pläne, Pläne, die bis heute niemand richtig verstehen kann, denn sie ruft bei einem Taxiunternehmen im Nachbarsdorf an und bestellt sich einen Wagen.

 Das Taxi bringt sie um etwa 11:30 Uhr in die Innenstadt von Dorking zur Bücherei. Dort verbringt Ruth einige Stunden. Vielleicht hat Ruth sich einfach dazu entschieden, einen Lerntag einzulegen und in der Bibliothek ein paar Bücher zu wälzen. Allerdings geht sie nach mehreren Stunden Aufenthalt dort nicht nach Hause, sondern zu einem Floristen namen Thistels, wo sie einen Blumenstrauß bestellt.

 Der soll geliefert werden und zwar an ihre Mutter, Miss Wilson. Ruth nimmt der Floristin das Versprechen ab, dass dieser Strauß erst zwei Tage später am 29. November 95 geliefert werden soll. Auf gar keinen Fall früher. Nach ihrem Besuch beim Floristen ruft Ru sich abermals ein Taxi. Zu diesem Zeitpunkt ist es etwa 16 Uhr.

 Am Bahnhof von Doking wird sie eingesammelt. Bei ihrem Anruf hat sie gebeten, zum Box Hill gefahren zu werden. Der Box Hill ist ein Berg, von dem man eine tolle Aussicht über die Landschaft der Grafschaft Curry hat. Vor allem im Sommer ist es ein sehr beliebtes Ausflugsziel in der Gegend. Jetzt bei grauem Novemberwetter eher weniger.

Allerdings endet die Fahrt schon etwas früher. Ruth bittet den Taxifahrer sie an einem Reitweg in der Nähe des Pups Hand-in Hand rauszulassen am Fuß des Berges. Da ist es etwa 16:15 Uhr. Als der Taxifahrer kehrt macht, schaut er noch mal in den Rückspiegel. Ruth Wilson steht einfach dort, mitten auf dem Weg und macht keine Anstalten irgendwo hinzugehen.

Ähnlich wie Mr. Wilson macht sich der Taxifahrer später Vorwürfe. Immerhin hat er ein 16 Jahre altes Mädchen ganz allein mitten im Nirgendwo abgesetzt. Andererseits war das Ruth Wunsch und der Taxifahrer konnte nicht wissen, dass er der letzte sein wird, der Ruth Wilson jemals mit Sicherheit gesehen hat. Als Mr.

 und Mes Wilson und Jenny nach und nach aus der Schule nach Hause kommen, taucht Ruth nicht auf. Zuerst macht sich niemand große Sorgen. Neben dem Job im Musikgeschäft Babysittet Ruth auch manchmal. Die Wilsons gehen davon aus, dass Ru das vielleicht auch heute macht und einfach vergessen hat Bescheid zu sagen.

 Der Fall spielt sich ja 1995 ab in einer Zeit bevor jeder ein Handy hatte. Aber je später es wird, desto mehr Sorgen machen sich die Eltern. Also rufen sie bei der Polizei an. Die nimmt den Fall direkt ernst und startet eine große Suchaktion, aber vergeblich. Die letzten Novembertage vergehen und Ruth Wilson bleibt verschwunden. Die Blumen von Ruth werden am 29.

November in Miss Wilson geliefert, genauso wie die 16-jährige es am Tag ihres Verschwindens organisiert hat. Es ist keine Karte beigelegt. Ihre Eltern können sich beim besten Willen nicht erklären, was das soll. Sie leiden sehr unter dem plötzlichen Verschwinden ihrer Tochter. Genau wie Schwester Jenny.

 Bis zu ihrem Verschwinden hat sie sich mit Ruth ein Zimmer geteilt. Nun, wo sie auf einmal weg ist, bekommt Jenny nachts kaum noch ein Auge zu. Erst am 1. Dezember findet ein Mitglied des Suchteams etwas Wichtiges. Etwas, das sofort die schlimmsten Befürchtungen schürt. In einem Gebüsch am Boxhil findet man drei kleine Zettel.

 Es scheint sich um Abschiedsnotizen zu handeln. An ihre Eltern, ihre beste Freundin und ihren besten Freund William. In der Nähe findet man leere Packung von Paracetamultabletten und Wehrmut. also hochprozentigem Likörwein. Ob diese Dinge auch zu Ruth gehören, ist unklar, aber die Vermutung, dass sie sich vielleicht das Leben nehmen wollte, steht unweigerlich im Raum.

 Andererseits passt alles andere einfach gar nicht zu dieser Theorie. Vor allem, weil man am Boxhill sonst keine Spur von Ruth findet. Wenn sie irgendwo dort wäre, dann müsste man sie ja finden. Oder wenigstens andere Spuren von ihr, ihren Haustürschlüssel, eine Mütze, ihr Portemonnaie, irgendetwas. Aber von all dem ist weit und breit nichts zu sehen.

 Selbst ihre blaue Stofftasche mit ihrem Walkman und ihren Kassetten ist verschwunden. Die hatte sie aber auf jeden Fall dabei. Der Taxifahrer hat sich noch genau an dieses Detail erinnert. Bis heute sind keine persönlichen Gegenstände von Ruth Wilson aufgetaucht und das, obwohl man direkt wirklich sehr großflächig gesucht hat.

 Insgesamt wurden rund 40 Hektar um den Boxhill herum durchgekämmt. Es waren auch Spürhunde und Helikopter dabei und neben zahlreichen Einsatzkräften auch viele Leute aus Ru Freundeskreis, die sofort helfen wollten. Sie kennen sich in der Gegend gut aus. Leute aus Ru Schule haben sich oft am Boxhill getroffen oder sind nach dem Unterricht gemeinsam dorthinegangen, um abzuhängen.

So kommt die Theorie auf, dass Ru vielleicht auch am Tag ihres Verschwindens dort verabredet war. Allerdings war es Ende November schon ziemlich kalt und das Wetter an diesem Tag eher bescheiden und sie hat niemanden von irgendwelchen Vorhaben erzählt. Niemand kann sich Ruth verhalten und ihr Verschwinden erklären.

 Mit jedem Tag, der vergeht, wird es für ihre Familie schlimmer. Einerseits wollen die Wilsons natürlich, dass weiter nach ihrer Tochter gesucht wird. Andererseits sehen sie es nicht ein, sich selbst bei der Suche nach Theu in den Mittelpunkt zu stellen. Sie bekommen z.B. für das Angebot an einer Gameshow im Fernsehen teilzunehmen.

 In der Sendung soll das Publikum voten, welche Schritte die Wilsons als nächstes unternehmen sollten, um ihre Tochter zu finden. Anfragen wie diese lehnen die Wilsons ausnahmslos ab. Sie suchen sich sehr genau aus, mit welchen Journalisten sie sich wohl genug fühlen, um über ihre Tochter zu sprechen. Darunter ist auch ein Mann namens Martin Bright.

 Er ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Ruth Fall schon bald in einem ganz neuen Licht erscheint. Als Disclaimer muss man vielleicht noch mal sagen, dass die Familie von Ru sicherlich niemanden etwas schuldig ist. Mr. und Misses Wilson wollen einfach ihre Tochter finden. Dafür sollten sie nicht ihr gesamtes Privatleben vor den Medien ausbreiten müssen.

 Trotzdem ist Journalist Bright ziemlich vor den Kopf gestoßen, als er auf Umwegen etwas Verblüffendes erfährt. Er schreibt schon früh ein Artikel über [räuspern] Ruth Verschwinden. Dafür trifft er sich sogar mit ihren Eltern bei den Wilsons zu Hause. Viele Infos, die über Ruth und ihre letzten Tage gehört habt, stammen aus seinen Artikeln.

 Martin Bright ist über die Jahre dran geblieben, auch wenn er Kontakt zur Familie von Ruth irgendwann im Sanne verlaufen ist. Nur durch Zufall erfährt Bright, dass Mes Wilson gar nicht Ruth und Jennys leibliche Mutter ist. Das war eine Frau namens Nester, die gestorben ist, als Jenny noch ein Baby und Ruth ein Kleinkind war.

 Das ist ein sehr sensibles Thema. Ganz offensichtlich war Mes Wilson für Jenny und Ruth einfach eine Mutterfigur. Punkt. Leibliches Kind hin oder her. Solche Situationen und Dynamiken sind sehr komplex und wir können uns nicht anmaßen, das zu beurteilen. Trotzdem ist Martin Bright irritiert, dass ihm diese Info trotz des engen Kontakts zu den Wilsons vorenthalten wurde.

 Als er noch mal eine Doku zum Fall produzieren will, kontaktiert er die Wilsons wieder. Die wollen dieses Mal jedoch nicht mitwirken. Stattdessen spricht Bright mit Freunden von Ruth, unter anderem mit ihrem besten Freund William. William bestätigt, dass Ruth leibliche Mutter verstorben ist. Sie habe ihm erzählt, daß ihre Mutter wohl zu Hause die Treppe heruntergefallen ist und sich dabei das Genick gebrochen hat.

William erzählt auch, dass bei Ru zu Hause nicht alles so rosig war, wie es anfangs dargestellt wurde, sondern dass die 16-jährige daheim ziemlich unglücklich war. Gut, wir waren alle selbst mal Teenager. Ich würde mal behaupten, eine Phase nehmen zu Hause alles blöd findet, ist in dieser Zeit nicht ungewöhnlich.

 Dennoch stellt sich in diesem Fall die Frage, ob das etwas mit dem Verschwinden von Ru zu tun haben könnte. Was die Journalisten umtreibt, die den Fall aufarbeiten wollen, ist aber vor allem die Sache mit Nester, der leiblichen Mutter von Jenny und Gruth. Es gelingt ihn die Sterbeurkunde einzusehen und da steht noch mal etwas ganz anderes drin.

 Von einem Treppensturz mit Genickbruch ist keine Rede. Neste hat sich nämlich wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1982 selbst das Leben genommen. Ruth war drei, ihre kleine Schwester Jenny gerade ein paar Monate alt. Viel ist über Nester nicht bekannt, nur dass sie am 1. Mai 1948 geboren wurde. Sie war also gerade Anfang 30, als sie Rut und Jenny auf die Welt gebracht hat.

Nester wurde als Kind adoptiert. 1976 heiratete sie Mr. Wilson, den Vater ihrer Töchter. Sie starb schließlich am 10. Dezember 1982 in dem Cottage, in dem Ruth und Jenny aufgewachsen sind. Ein knappes Jahr nach Nessers Tod heiratete Mr. Wilson dann Ende 1983 Mes Wilson. Eine Freundin von Ruth namens Katherine erzählt, dass Ruth selbst die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst kurz vor ihrem Verschwinden erfahren hat und das auch nicht von ihren Eltern, sondern bei einem Besuch in London im Oktober.

 Sie hat ein Personenarchiv besucht und dort in alten Unterlagen gestöbert und so die Sterburuhkunde ihrer Mutter in die Hände bekommen, auf der auf einmal die Todesursache Erhängen angegeben war. Und das hat sie verständlicherweise sehr mitgenommen, zumal sie auch schon so mit dem Tod ihrer Mutter zu kämpfen hatte.

Die Geschichte, sie habe sich das Genick gebrochen, hat Wus nämlich auch schon grübeln lassen. Sie soll sich sogar immer wieder gefragt haben, ob das vielleicht ihre Schuld gewesen ist, ob sie als Kleinkind vielleicht Spielzeug liegen lassen hat, über das ihre Mutter tödlich gestolpert ist. Dass ihr die wahren Todesumstände ihrer Mutter all die Jahre verschwiegen wurden, hat sie im Herbst 1995 sehr belastet.

Auf Anfrage äußern sich die Wilsons wie Volk dazu. Ihre Familie ist durch diese Aussage zutiefst verletzt und kann sich mit dieser Sichtweise auf Rut Kindheit nicht identifizieren. Ruth wusste immer um den Tod ihrer leiblichen Mutter, nur nicht um die genaue Todesursache. Leider wissen wir heute, dass Ru vor ihrem Verschwinden die tragischen Umstände des Todes ihrer Mutter entdeckt hatte, aber ebenso traurig ist, dass sie sich entschied, dies mit keinem Familienmitglied zu besprechen oder zu hinterfragen.

Überprüfen können wir all das nichts. Und ich finde, das ist auch ein guter Moment, um inne zu halten und zu hinterfragen, ob wir so etwas überprüfen sollten oder überhaupt wissen sollten. Denn wenn man über wahre Verbrechen spricht, spricht man unweigerlich auch über die Menschen dahinter. Oft ist das auch angemessen und für hinterbliebene sogar sehr wichtig.

 Aber wie weit darf und sollte man mit solchen Infos gehen? Denn ja, es kann sein, dass Rose über die Enthüllung zum Tode ihrer Mutter so erschüttert war, dass sie selbst verschwinden wollte. Es kann aber auch sein, dass das alles nichts mit ihrem Verschwinden zu tun hat. Und dann wären hier völlig unnötig ziemlich sensible Infos einer ganzen Familie aufgewirbelt worden, die genau das ja eigentlich vermeiden wollte.

 Das ist ein echt schwieriger Konflikt, den ich bei Recherchen immer wieder begegne. Die Öffentlichkeit hat eben aus gutem Grunde kein Recht darauf, alle Infos zu bekommen. Im Fall von Ruth wusste die Polizei nämlich durchaus Bescheid. Die Ermittler haben sich bewusst entschieden, den Familienhintergrund der Wilsons nicht öffentlich breitzutreten, damit Zeugenaussagen nicht dadurch beeinflusst würden.

 Stattdessen entschied man sich bewusst für das Narrativ von perfekten Mittelklassehaushalt und einem unerklärlichen Verschwinden. Und wie gesagt, es gibt ja durchaus Raum für beides. Diese Dinge können nebeneinander existieren, ohne sich zu beeinflussen. Das was Ru in den letzten Wochen vor ihrem Verschwinden beschäftigt hat, macht den Fall nicht weniger rätselhaft, denn bis heute gilt er als ungelöst.

 Ein Polizeisprecher fst das 2018 wie Volk zusammen. Es gibt fünf Erklärungen für Ruth Wilson Verschwinden. Ein tragischer Unfall, Entführung, Freitot, Mord oder dass sie sich zurückgezogen hat, um ein neues Leben zu beginnen. Lass uns mal genau auf die einzelnen Möglichkeiten schauen. Nummer 1: Ein Unfall. Ich denke, das können wir schnell abhaken.

Kann passieren. Logisch. Im Herbst ist es nass draußen. Gerade an Orten wie am Box Hill bestimmt auch rutschig. Allerdings ist der Boxhill auch nicht der Mount Everest. Logisch, passieren kann immer überall etwas, aber dass man nach einem Unfall mehr als 30 Jahre lang keinen Leicht gefunden hat, macht das für mich unwahrscheinlich.

Nummer 2, die Entführung. Das ist schon kniffliger. Ich lege es mal direkt mit der Mordtheorie zusammen. Der Taxifahrer hat ja gesagt, R sei einfach stehene geblieben, als er weggefahren ist. So als wollte sie entweder nicht, dass er sieht, wohin sie als nächstes geht, oder als würde sie dort auf jemanden warten.

Sicherlich wäre vor dem PUA auch ein guter Treffpunkt, wenn man sich am Boxthil mit jemandem verabredet hätte. Dort würde man sich bestimmt nicht verpassen. Allerdings gibt es dafür keine Beweise. Niemand will Ruth an diesem Tag in Begleitung einer anderen Person oder in einem Fahrzeug gesehen haben.

 Viele Leute sind sich einig, dass es irgendwen geben muss, der weiß, was mit Ruth geschehen ist. darunter auch ihr bester Freund William und Freundinnen von Ruth. Ich würde diese Theorie nicht ganz so bestimmt beiseite schieben wie den Unfall, aber doch eher auf andere Möglichkeiten gucken, z.B. auf Nummer 3, den Freitot. In jederlei Hinsicht ein schwieriges Thema.

 Obwohl R Leistungen in der Schule eigentlich immer gut waren, hat ihr der Lernstress wohl sehr zugesetzt. Zuletzt soll sie sich große Sorgen um ihre Noten gemacht haben. Erst nach ihrem Verschwinden erfahren ihre Eltern, dass Ru sogar ihr letztes Zeugnis vor ihnen versteckt hat. Das hat sie in der Woche vor ihrem Verschwinden bekommen.

 Dazu kam noch der Stress, der durch die ganze Sache mit ihrer leiblichen Mutter aufgewühlt wurde. Man darf nicht vergessen, dass Ru auch selbst erst 16 Jahre alt war. Und das ist eine ganze Menge Ballast für jeden, aber vor allem in dem Alter. Dafür sprechen ja leider auch die einzigen Fundstücke, die die intensive Suche vorgebracht hat.

 Die Alkoholflasche mit den Tablettenpackungen sowie die Briefe an Freunde und Familie. Wir werden gleich bei den nächsten Punkten noch etwas mehr über Ruts Freundin Katherine hören. Sie ist eine der wenigen, die die Freitodtheorie für wahrscheinlich hält. Katherine hat auch eine klare Meinung zu dem Blumenstrauß, den Ruth wie ihre Mutter bestellt hat.

Sie ist sich ganz sicher, dass es ein metaphorischer Mittelfinger an Mes Wilson sein sollte. Abseits von Katherine scheint Freunde und Familie jedoch weitgehend der Meinung zu sein, dass Rusich nicht das Leben nehmen wollte. Natürlich weiß niemand, wie es wirklich in anderen Leuten ausschaut, selbst wenn man sie jeden Tag sieht oder sogar mit ihnen unter einem Dach lebt.

Aber Ru selbst können wir hier nicht fragen, also müssen wir den Worten ihres Umfeldsglauben schenken. Bleibt dann noch der letzte offene Punkt? Ruth Wilson ist freiwillig verschwunden, um ein neues Leben zu beginnen. Ich weiß, dass diese Theorien so gut wie jedem vermissten Fall aufkommt und genauso oft direkt abgetan wird.

  Meistens auch nicht ganz zu Unrecht. Beim Fall Ruth Wilson lohnt sich allerdings ein genauerer Blick. Einerseits ist da das Offensichtliche, Ruth war 16 Jahre alt. Sie hatte zwar ihre Jobs im Musikgeschäft und beim Babyshitten, aber dabei wird man sicherlich nicht so wohl haben, dass man mal eben auswandern und eine neue Identität organisieren kann.

 R Freundin Roxy erzählt, dass die 16-jährige keinen Führerschein hatte und nicht fahren konnte. Und soweit Roxy sich erinnert, hatte Ruth auch keinen Reisepass. Es fällt ihr also schwer zu glauben, dass Ruth es irgendwie weit weg geschafft haben soll, um sich dort ein schönes Leben zu machen. Auch wenn das wohl irgendwie die tröstlichste Vorstellung ist bei all den möglichen Szenarien und es ist wie erwähnt nicht die unwahrscheinlichste, denn am 27.

November 1996 wird zwei Meilen von Boxhill entfernt eine beinah unheimliche Beobachtung gemacht. Es ist genau ein Jahr nach Ru Verschwinden. Also ihr Verschwinden jährt sich zum ersten Mal. An genau diesem Tag betritt eine Jugendliche Kios in der Nähe des Box Hill. Sie hat eine ungewöhnliche Bitte. Sie möchte jeweils eine Ausgabe von allen Lokalzeitungen haben.

 Sie wirkt unruhig. Als der Kiosbesitzer ihr sagen muss, dass eine Zeitung schon ausverkauft ist, wird sie gerade zu emotional. So etwas kann natürlich ärgerlich sein, aber diese Reaktion kommt dem Besitzer doch sehr merkwürdig vor. Vor allem als er bemerkt, dass die Person ihn an irgendwen erinnert, nämlich an Ruth Wilson, die im Vorjahr verschwunden ist.

Nach ihrem Einkauf verschwindet die Frau wieder und taucht nie wieder dort auf. Weil es der erste Jahrestag von Ris vers Verschwinden war, gab es in den Lokalzeitung an diesem Tag verschiedene Artikel über sie. So entsteht die Theorie, Ruth könnte nach genau diesen Zeitung gesucht haben, um sich über den aktuellen Ermittlungsstand in ihrem eigenen Vermissten Fall zu informieren.

Der Kiosbesitzer meldet sich umgehend bei der Polizei und stellt auch das Material seiner Überwachungskameras zur Verfügung. Die Qualität ist nicht gerade gut, aber ausreichend, um den Wilsons Hoffnung zu geben. Mr. und MS Wilson schauen sich das Video dutzende Male an. Erst glauben sie nicht, dass Ru darauf zu sehen ist.

 Doch nach und nach ändern sie ihre Meinung. Kurz zuvor am 6. Oktober 1996 soll Ruth am Rand von London gesehen worden sein. London liegt nur etwa 20 Meilen vom Ort ihres Verschwindens entfernt. Ganz undenkbar ist das also nicht, zumal diese zwei Sichtungen gut zusammenpassen. Eine Bekannte namens Louise sagt außerdem, sie glaubt Ruth am Tag ihres Verschwindens oder den Tag zuvor gesehen zu haben.

 Sie habe einen blauen Koffer bei sich gehabt und sei die Raygate Road hinuntergelaufen. Diese Hauptstraße liegt zwischen dem Boxhüll und ihrem Heimatdorf Batchworth. Die Straße führt auch in Richtung der Station Road, wo der Bahnhof von Bworth liegt. Von dort gibt es Verbindung nach Reeding Redill und zum Flughafen Gwick. Einer der Ermittler sagt, Wages haben in den Wochen nach Ruth Verschwinden mehrere Sichtungen Doring gegeben, auch von Person, die Ruth gut kannten.

Damit sind diese Hinweise durchaus ernst zu nehmen. Ein Kumpel namens Ben berichtet, Ru sei etwa einen Monat vor ihrem endgültigen Verschwinden schon mal von zu Hause weggelaufen. Das wüsse er so genau, weil Ruse versteckt hat. Dieses Ereignis passt zu dem Zeitpunkt, an dem Ruth die wahren Todesumstände ihrer Mutter herausbekommen haben soll.

Und Rut Freundin Katherine erzählt, dass es kurz vor R verschwinden noch etwas Wichtiges gab. Die Zeit für die Freundin war damals nicht leicht, denn Katherins Familie stand kurz vor einem Umzug nach Sheffields. Sowohl Katherine als auch Ruth waren sehr traurig. Nach so einem Umzug sieht man sich immer seltener.

Ruth soll ihre Freundin sogar gefragt haben, ob sie nicht einfach mit nach Sheffeld kommen könnte. Das hatten offenbar auch die Ermittler auf dem Schirm. Als Katherine 8 Monate nach dem Verschwinden von Ruth befragt wurde, haben die Ermittler darauf bestanden, in ihren Kleiderschrank zu schauen, um zu gucken, ob Katherine dort vielleicht ihre Freundin Ruth versteckt hat.

 Wie bei Teenagern so üblich, haben die Freundin damals immer mal wieder übernachtet. Allerdings immer bei Katherine. Sie war kein einziges Mal bei Ruth zu Hause. Wie sie glaubt unter anderem auch, weil Ruth sich dort nicht wohl gefühlt hat, auch wenn sie nie darüber gesprochen hat, was konkret zu Hause los war. Zuletzt hat Ruth am 11. November bei Katherine geschlafen.

 Ihre Mutter erinnert sich noch daran, dass Ru damals gesagt hat, sie wolle nicht mehr nach Hause. Warum hat sie nichts gesagt? Aber Katherines Mutter hatte damals ein ziemlich mieses Gefühl. Katherine gehört trotzdem zu denjenigen, die nicht glauben, dass Ru untergetaucht ist.

 Als ziemlich einzige sagt sie sogar ganz offen, dass sie denkt, dass Ru sehr wohl vorhat, sie ihrem Leben ein Ende zu setzen. Trotzdem beschäftigt es natürlich, dass man nie einen Körper gefunden hat, sondern eben nur den Alkohol und diese Tablettenpackung. In diesem Szenario könnten diese Dinge absichtlich von Ruther Boxhill platziert worden sein, damit es ebenso aussieht, als habe sie sich das Leben genommen.

 In so einem jungen Alter den eigenen Tod vorzutäuschen wäre heftig und soweit ich weiß beispiellos, aber das muss es nicht unmöglich machen. Vielleicht ist es auch eine Verkettung von Theorie. Vielleicht wollte Ruth wirklich von zu Hause weg. Der Schulstress, die Enthüllung zum Tod ihrer Mutter.

 Vielleicht war das einfach der Tropfen, der das Fass für sie zum Überlaufen gebracht hat. Und vielleicht ist danach irgendetwas passiert. Womöglich gab es jemanden, der versprochen hat, Ruth beim Untertauchen zu helfen oder eine Bekanntschaft, bei der die 16-jährige unterkommen wollte und von der sie niemanden erzählt hat. Wie das Statement aus 2018 zeigt, betrachtet die Polizei Möglichkeiten wie diese ja weiterhin sehr ernsthaft.

Wie oft haben wir sonst Fälle, in denen leider sehr schnell, manchmal sogar vorstell ausgegangen wird? Hier scheint die Polizei sogar zu vermeiden, diese Möglichkeiten in den Raum zu stellen. Vielleicht, weil die Ermittler längst Spuren haben, die ein Verbrechen wahrscheinlicher machen. 2006 schreibt ihr Vater einen offenen Brief an Ruth.

 11 Jahre nach ihrem Verschwinden. Wir haben immer noch die Geschenke, die wir dir 1995 zu Weihnachten gekauft haben. Sie liegen sicher in einer Schublade und warten darauf, dass du zurückkommst. Obwohl ich vermute, dass sich dein Geschmack so sehr verändert hat, dass du wahrscheinlich über die Musik und die Kleidung lachen würdest.

 Obwohl das Haus jetzt, nachdem deine Schwester Jenny ausgezogen ist, zu groß ist, können wir es nicht über uns bringen umzuziehen. Es ist schließlich dein Zuhause. Dein Verschwinden ist immer noch ein Rätsel. Du warst selbstbewusst, unabhängig und schienst abgesehen von den üblichen Reibereien mit Teenagern zu Hause so glücklich zu sein.

 Du kannst dir vorstellen, wie erschrocken wir waren und wie wir Monat für Monat nach dir gesucht haben. Ich habe ganz London abgesucht in der Hoffnung, dich zu finden. Wir fragten uns, ob du ein Geheimnis hattest, aber dein Kalender verriet nichts. Die Polizei fand heraus, dass du zuvor Box Hill besucht hattest, aber ich weiß nicht warum.

 Es gab viele falscheen. Jedesmal wurden unsere Hoffnung geweckt, nur um dann wieder zu nichte gemacht zu werden. Es ist eine Qual. Selbst jetzt fahre ich noch an Bushaltestellen vorbei und starre die Leute an. Könnte diese junge Frau, du bist jetzt 27, du sein? Der Brief ist mittlerweile 20 Jahre alt. Heute wäre Ruth Wilson schon 47 Jahre alt.

Der Fall gilt auch heute noch ausdrücklich als vermissten Fall. Bis heute wurde nicht bekannt gegeben, was genau auf den drei Zetteln steht, die Ruth am Box Hill hinterlassen hat. Die Info, dass es sich um Abschiedsbriefe handeln könnte, stammt nur aus den Medien, nicht von den Ermittlern selbst. Ich frage mich, ob der Inhalt dieser Briefe bewusst zurückgehalten wurde und ob er vielleicht vermuten lässt, dass Ruth doch noch am Leben ist.

 Denn die Ermittler selbst haben diese Briefe nie als Abschiedsbriefe bezeichnet. Und wenn Sie sich all die anderen möglichen Theorien noch immer offen halten, dann impliziert das für mich eigentlich, dass die Briefe an ihre Angehörigen doch recht offen formuliert gewesen sein müssen. Eben genauso, dass sie auch den Schluss zulassen, dass Ruth irgendwo anders neu angefangen hat.

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 Bis dahin, ciao Leute. เฮ M.

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