In einer Zeit, in der das Weiße Haus von einem „unbestreitbaren, historischen und vernichtenden Sieg“ über den Iran spricht, meldet sich eine gewichtige Stimme der Vernunft zu Wort. Ben Hodges, ehemaliger Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa und pensionierter Drei-Sterne-General, zeichnet bei „ZDFheute live“ ein Bild, das in scharfem Kontrast zur offiziellen Siegesrhetorik von US-Präsident Donald Trump steht. Laut Hodges ist die aktuelle Situation alles andere als ein Triumph; vielmehr handele es sich um ein gefährliches strategisches Vakuum, geboren aus einer massiven Fehlkalkulation des Oberbefehlshabers.

Der gescheiterte „Enthauptungsschlag“

Die Recherchen der New York Times, die Hodges im Gespräch kommentiert, enthüllen einen erschreckenden Mangel an strategischer Tiefe. Demnach präsentierte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu Trump einen vier Phasen umfassenden Plan, der mit der „Enthauptung“ des Regimes durch die Tötung des Obersten Führers Ayatollah Chamenei beginnen sollte. Trump soll darauf kurz und knapp mit „klingt gut“ reagiert haben. Doch die Realität auf dem Schlachtfeld erwies sich als weitaus komplexer.

Hodges erklärt, dass Trump offenbar seinem „Bauchgefühl“ mehr traute als den Warnungen seiner Geheimdienste. Er glaubte, ein präziser Schlag gegen die Führung würde zum sofortigen Kollaps des Iran führen – eine Annahme, die Hodges als fundamentalen Irrtum entlarvt. „Die iranischen Revolutionsgarden sind die wirkliche Macht“, betont der Ex-General. Diese hätten sich längst auf ein solches Szenario vorbereitet. Der Tod des Obersten Führers habe die Machtstrukturen nicht zerstört, sondern den Widerstandswillen eher noch gefestigt.

Militärische Exzellenz trifft auf strategische Planlosigkeit

Ein zentraler Kritikpunkt von Hodges ist die fehlende Definition des strategischen Ziels. Zwar agierten die US-amerikanischen und israelischen Streitkräfte mit höchster professioneller Kompetenz und erzielten taktische Erfolge. Doch diese seien „völlig irrelevant“, solange das übergeordnete Ziel unklar bleibe. Weder wurde das iranische Atomprogramm dauerhaft neutralisiert, noch konnte die Blockade der strategisch lebenswichtigen Straße von Hormus beendet werden. „Militärischer Erfolg ist wertlos, wenn er nicht zur Erreichung des strategischen Ziels führt“, so Hodges trocken.

Besonders besorgt zeigt sich der erfahrene Militär über Trumps Drohungen, die iranische Zivilisation und Kultur auszulöschen – Worte, die er als „schrecklich“ bezeichnet. Solche Drohungen mit Kriegsverbrechen würden Amerikas Ansehen in der Welt nachhaltig beschädigen und die Unterstützung der Alliierten untergraben.

Die NATO: Unverzichtbar trotz Trumps Verachtung

Trump nutzt die aktuelle Krise auch für neue Angriffe auf die NATO und behauptet auf Truth Social, das Bündnis sei „nicht da gewesen, als wir es brauchten“. Hodges widerspricht dieser Darstellung entschieden. Er erinnert daran, dass die USA nie in ihrer Geschichte in der Lage waren, ihre Interessen allein zu schützen. Die Stützpunkte in Europa seien nicht nur zum Schutz Deutschlands da, sondern dienten vor allem der Projektion amerikanischer Macht in den Nahen Osten und nach Afrika. Ein Abzug oder eine Schwächung der Allianz wäre eine „Katastrophe für die Sicherheit der USA“.

Die Hälfte aller nachrichtendienstlichen Erkenntnisse der USA stammten von Alliierten, nicht von Satelliten. Hodges warnt die politische Führung im Pentagon eindringlich davor, den Wert dieses Netzwerks aus Ignoranz oder kurzfristigem politischem Kalkül aufs Spiel zu setzen.

Parallelen zum Irak-Krieg und der Weg aus der Krise

Als Brigadekommandeur im Irak-Krieg 2003 weiß Hodges genau, wie es sich anfühlt, wenn ein Krieg auf falschen Voraussetzungen basiert. Damals waren es die angeblichen Massenvernichtungswaffen, heute ist es die behauptete unmittelbare nukleare Bedrohung durch den Iran, der die Geheimdienste widersprachen. „Dieser Krieg begann unter einem falschen Vorwand“, stellt Hodges klar.

Ein Ausweg aus der Sackgasse ist laut Hodges derzeit nicht in Sicht, da Trump niemals einen Fehler öffentlich eingestehen würde. Dennoch sieht der Ex-General einen Hoffnungsschimmer im innenpolitischen Druck. Steigende Benzinpreise und die Sorge der „MAGA“-Wähler, die Trump ursprünglich als „Friedenspräsidenten“ gewählt hatten, könnten ihn zu einem Kurswechsel zwingen. Hodges vermutet, dass Trump bald versuchen wird, die Schuld für das militärische Pattsituation den Europäern zuzuschieben, um sich selbst aus der Affäre zu ziehen.

Das Fazit des Generals ist ernüchternd: Ohne eine Rückkehr zur Diplomatie und ohne die ehrliche Einbindung internationaler Partner steuern die USA auf einen langwierigen Konflikt zu, der keine Gewinner kennt. „So wird Amerika nicht mehr großartig“, schließt Hodges seine Analyse ab – ein deutlicher Seitenhieb auf Trumps bekanntesten Slogan.