In den Straßen von Budapest pulsiert das jüdische Leben. Wer durch das historische jüdische Viertel der ungarischen Hauptstadt schlendert, sieht Synagogen, koschere Restaurants und junge Männer, die ganz selbstverständlich mit ihrer Kippa zur Arbeit oder zum Gebet gehen. Es ist ein Bild, das in westeuropäischen Metropolen wie Berlin, Paris oder London immer seltener wird. Dort, wo jüdische Bürger zunehmend Opfer von Anfeindungen werden und ihre Identität aus Angst im Alltag verbergen, scheint Budapest eine paradoxe Insel der Sicherheit zu sein.
Sicherheit durch Abschottung? Die Sicht der Community

Gabor und Dália Bíró sind Teil dieser lebendigen Community. Wir treffen das Ehepaar in einem koscheren Café und später auf einem Spielplatz mit ihren Kindern. Für sie ist die Sicherheit in Ungarn kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten politischen Weichenstellung. „Ich trage jüdische Symbole, wie meine Davidstern-Kette, und hatte hier noch nie Probleme“, erzählt Dália. Wenn sie Verwandte in Schweden besucht, ist das Gefühl ein ganz anderes – dort herrsche ständige Wachsamkeit.
Ihr Ehemann Gabor ergänzt, dass viele ihrer Freunde in Westeuropa aus Angst vor Belästigungen ihre Identität verbergen müssen. Ein Bekannter in den Niederlanden lebe in ständiger Sorge, seitdem bei einem anderen jüdischen Bekannten die Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Die Bírós führen diese Sicherheit in Ungarn direkt auf die rigide Einwanderungspolitik der Regierung Orbán zurück. Durch den geringen Anteil an Zuwanderern aus muslimisch geprägten Ländern sei das Risiko für den „importierten Antisemitismus“, der in Westeuropa derzeit eskaliert, in Ungarn minimal.
Orbáns strategische Allianz mit Israel
Ministerpräsident Viktor Orbán hat sich in den letzten Jahren als einer der engsten Verbündeten Israels in Europa positioniert. Seine Freundschaft mit Benjamin Netanjahu ist legendär und geht weit über rein diplomatische Floskeln hinaus. Während andere EU-Staaten den Kurs Israels kritisch hinterfragen, steht Orbán demonstrativ an der Seite des jüdischen Staates. Ungarn fungiert sogar als Austragungsort für Heimspiele der israelischen Nationalmannschaft und nahm nach den Terrorangriffen der Hamas im Oktober 2023 hunderte Flüchtlinge aus Israel auf.
Für die ungarische Regierung ist dieser Kurs doppelt wertvoll: Er dient als Schutzschild gegen internationale Kritik an ihrer Migrationspolitik und festigt gleichzeitig die Unterstützung der jüdischen Community im Inland. Netanjahu selbst lobte Orbán bei Besuchen für seine „mutige Haltung gegen Antisemitismus“.
Ein bitterer Beigeschmack: Korruption und Kampagnen

Doch die Unterstützung für Orbán ist in der jüdischen Gemeinde alles andere als uneingeschränkt. Die Bírós machen keinen Hehl daraus, dass sie viele Aspekte seiner Regierungsführung ablehnen. Dália kritisiert das „hochgradig korrupte System“, das Orbán aufgebaut hat, und seine oft xenophobe Rhetorik. Besonders schmerzhaft war für viele ungarische Juden die Kampagne gegen den US-Börsenguru George Soros im Jahr 2017. Die Plakate, die einen „lachenden Soros“ zeigten, weckten bei vielen Erinnerungen an antisemitische Stereotype der 1930er Jahre.
Aktuell nutzt Orbáns Partei ähnliche optische Mittel in einer Kampagne gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Trotz dieser Vorbehalte steht Gabor Bíró vor einem Dilemma: Bei der nächsten Wahl wird er wohl dennoch für Orbán stimmen – zum ersten Mal in seinem Leben. „Im Judentum ist das Leben der höchste Wert“, erklärt er. Da er keine politische Alternative sieht, die ihm und seiner Familie die gleiche physische Sicherheit garantieren kann, überwiegt am Ende der Pragmatismus.
Gegenwart statt Erinnerung
Das jüdische Leben in Ungarn ist heute keine reine Gedenkkultur mehr, sondern lebendige Gegenwart. Während in Westeuropa die Angst wächst, blicken viele Juden fast schon sehnsüchtig auf das Modell Budapest. Es bleibt die fundamentale Frage, ob Sicherheit dauerhaft durch Ausgrenzung anderer Gruppen erkauft werden kann und welchen Preis eine Gesellschaft für diesen Schutz zahlt. Für die Familie Bíró ist die Antwort vorerst klar: Solange ihre Kinder unbeschwert auf den Spielplätzen Budapests aufwachsen können, bleibt Ungarn ihre sichere Heimat – trotz Viktor Orbán.
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