
Die Flucht in der Feuernacht: Ein Leben in Trümmern
Es ist die Nacht des 1. März 1943. Die Luft über Berlin schmeckt nach Asche, der Himmel leuchtet in einem unheilvollen Rot. Zarah Leander, der unangefochtene und bestbezahlte Superstar des Dritten Reichs, kehrt von der Premierenfeier ihres neuesten Films „Damals“ zurück. Als sie an ihrer Prachtvilla in der Max-Eyth-Straße eintrifft, steht der Küchenflügel bereits lichterloh in Flammen. Eine Brandbombe hat das Dach durchschlagen. Die Feuerwehr kommt nicht – ganz Berlin brennt in dieser apokalyptischen Nacht.
Die Frau mit der markantesten und tiefsten Stimme Europas steht fassungslos vor den rauchenden Trümmern ihres Lebens. Wenige Tage später trifft sie eine Entscheidung, die ihr weiteres Leben prägen wird: Sie betritt ein Flugzeug nach Stockholm. In ihren Händen hält sie lediglich zwei persische Teppiche. Es ist alles, was von sieben Jahren unermesslichem Ruhm und Reichtum geblieben ist. Sie ahnt in diesem Moment vielleicht noch nicht, dass sie nie wieder nach Deutschland zurückkehren und dass ihr Name für immer mit einem der größten Rätsel der Filmgeschichte verbunden bleiben wird.
Ein schwedisches Mädchen mit einer Jahrhundertstimme
Die Geschichte der Frau, die später Millionen faszinieren sollte, beginnt weit abseits des Glamours. In der schwedischen Familie Hedberg gab es nur einen Menschen, der bedingungslos an das junge Mädchen glaubte: ihren Vater Anders Hedberg. Als Instrumentenbauer mit einem Studium in Leipzig fühlte er sich der deutschen Kultur tief verbunden. Er besorgte seiner Tochter ein deutsches Kindermädchen, sodass Zarah die deutsche Sprache fließend beherrschte, noch bevor sie die Schule beendete.
Ihre Mutter Mathilda hingegen, eine Frau von strengem protestantischen Glauben, verachtete die Theaterwelt als reinen Schein. Mit fünf Brüdern aufgewachsen, lernte Zarah früh, sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Interessanterweise genoss die Frau, deren Altstimme später Kinosäle zum Beben brachte, niemals eine professionelle Gesangs- oder Schauspielausbildung. „Es ist eine Naturstimme“, pflegte sie lapidar zu sagen. Nach dem frühen Tod ihres Vaters im Jahr 1929 musste sie sich ihren Weg alleine bahnen.
Der Aufstieg zum Superstar: Zwischen Stockholm, Wien und Berlin

Ihr Durchbruch glich einem Märchen: Als die gefeierte Sängerin Margit Rosengren erkrankte, brauchte der schwedische Revuekönig Ernst Rolf dringend einen Ersatz. Zarah sprang ein, und Rolf erkannte sofort ihr Potenzial. Nach zwei gescheiterten Ehen – zunächst mit dem Schauspieler Nils Leander, dessen Namen sie behielt, und später mit dem Journalisten Vidar Forsell – suchte sie ihren Weg auf den großen Bühnen Europas. 1936 eroberte sie Wien im Sturm. In der Operette „Axel an der Himmelstür“, einer bissigen Persiflage auf Greta Garbo, wurde sie über Nacht zur Sensation. Hollywood rief lautstark nach ihr, doch Zarah lehnte ab. Amerika war ihr zu weit weg von ihren Kindern. Sie wählte stattdessen Berlin.
Am 20. Februar 1937 betrat Zarah Leander mit ihren Kindern Berliner Boden. Die UFA hatte ihr einen astronomischen Vertrag angeboten: Gagen von bis zu 400.000 Reichsmark pro Film. Doch sie stellte eine Bedingung, die den allmächtigen Propagandaminister Joseph Goebbels schier in den Wahnsinn trieb: 53 Prozent ihres Einkommens mussten in schwedischen Kronen auf ein neutrales Bankkonto in Stockholm überwiesen werden.
Der Pakt mit dem Teufel: Zarah Leander und Joseph Goebbels
Die Beziehung zwischen der schwedischen Diva und der Führung des Dritten Reichs war von paradoxer Doppelmoral geprägt. Goebbels verachtete sie in seinen Tagebüchern und nannte sie eine „Feindin Deutschlands“. Er schäumte vor Wut darüber, dass das nationalsozialistische Deutschland nicht in der Lage war, eine eigene Filmgöttin dieses Kalibers hervorzubringen. Gleichzeitig brauchte er sie verzweifelt. Die Kinos waren dank ihr restlos ausverkauft.
Zarah wusste um ihren Wert. Sie behielt ihren schwedischen Pass, weigerte sich beharrlich, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, und mied offizielle Parteiveranstaltungen. Trotzdem stand sie 1939 beim Wunschkonzert des Großdeutschen Rundfunks vor Hakenkreuzfahnen auf der Bühne. Später behauptete sie stets, vollkommen unpolitisch zu sein und von den wahren Ausmaßen der Propaganda nichts gewusst zu haben. Goebbels selbst notierte einmal abfällig über sie: „Frauen sind gänzlich unpolitisch.“ Ein fataler Irrtum oder die perfekte Tarnung?
Das Geheimnis der Gestapo-Zelle: Die Wahrheit hinter den Liedern
Noch brisanter als ihre Gagenverhandlungen ist die Entstehungsgeschichte ihrer größten Hits. Lieder wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“ oder „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ wurden zu Hymnen einer ganzen Generation. Sie trösteten Millionen – die frierenden Soldaten an der Front ebenso wie die Frauen in den zerbombten Städten.
Was damals niemand wusste: Der Textdichter Bruno Balz schrieb das Lied von dem „Wunder, das geschehen wird“, nicht am warmen Kamin, sondern in einer kalten Zelle der Gestapo. Er war wegen seiner Homosexualität inhaftiert worden und rang um sein Leben. Diese Lieder der Hoffnung wurden im Schatten von Gefängnismauern geboren. Sang Zarah Leander diese melancholischen Verse im vollen Bewusstsein ihrer Herkunft? Sie selbst hüllte sich später in hartnäckiges Schweigen.
Zwischen allen Stühlen: Verräterin in zwei Ländern

Mit ihrer überstürzten Flucht im Jahr 1943 wendete sich das Blatt dramatisch. Als Zarah sich weigerte, ihre Gagen in Reichsmark auszahlen zu lassen, entband die UFA sie von ihrem Vertrag. Goebbels ließ ihre Filme unverzüglich in den sogenannten Giftschrank sperren. Doch wer glaubt, in Schweden hätte sie ein heldenhafter Empfang erwartet, der irrt gewaltig.
In ihrer Heimat sah man in ihr die eiskalte Nazi-Kollaborateurin. Der schwedische Rundfunk versah ihre Schallplatten mit einem Totenkopf-Symbol und sperrte sie ebenfalls weg. Die schwedische Sicherheitspolizei SÄPO überwachte jeden ihrer Schritte. Die Frau, der einst ganz Europa zu Füßen lag, fand nirgendwo mehr eine Bühne. Sie war zur persona non grata geworden, heimatlos zwischen zwei verfeindeten Welten.
Deckname Rosemarie: War die größte Filmdiva eine Spionin?
Das vielleicht faszinierendste Kapitel in Leanders Leben wurde erst 15 Jahre nach ihrem Tod aufgeschlagen. 1996 hinterließ der ehemalige hochrangige sowjetische Geheimdienstoffizier Pawel Sudoplatow eine brisante Tonbandaufnahme. Seine Behauptung sprengte alle bisherigen Vorstellungen: Zarah Leander sei in Wahrheit eine sowjetische Agentin mit dem Decknamen „Rosemarie“ gewesen.
Angeblich hatte sie bereits vor dem Krieg für Moskau spioniert, getrieben von geheimen Sympathien für die kommunistische Partei Schwedens. Britische Historiker wie Antony Beevor stützten diese Theorie. Hatte Zarah Leander ihr unpolitisches Auftreten nur inszeniert, um mitten im Herzen der Nazi-Diktatur unbemerkt agieren zu können? Schwedische Historiker widersprechen vehement und halten sie schlichtweg für politisch unfassbar naiv. Die Beweislage bleibt bis heute faszinierend widersprüchlich.
Das letzte Rätsel einer Unsterblichen
Trotz aller Anfeindungen kämpfte sich Zarah Leander nach dem Krieg zurück ins Rampenlicht. In den späten 50er Jahren feierte sie glänzende Comebacks in Wien, München und Berlin. Die Menschen strömten wieder in die Theater, um diese dunkle, rollende, unverwechselbare Stimme zu hören. Ihr Privatleben blieb jedoch von tragischen Verlusten gezeichnet, nicht zuletzt durch den plötzlichen Herztod ihres dritten Ehemannes Arne Hülphers im Jahr 1978.
Am 23. Juni 1981 verstarb Zarah Leander in einem Stockholmer Krankenhaus. Sie nahm ihre Geheimnisse mit ins Grab. Auf all die drängenden Fragen nach Schuld, Verstrickung und Spionage gab sie zu Lebzeiten nur eine einzige, ebenso brillante wie frustrierende Antwort: „Ich bin die Leander. Das muss reichen. Ich weiß selbst nicht, was ich bin.“
Was bleibt, ist der Mythos einer Frau, die wie keine Zweite den Soundtrack einer der dunkelsten Epochen der Weltgeschichte lieferte. Ihre Lieder überlebten die Diktatoren, die Kriege und die Zensur. Und wann immer heute die tiefen Töne von „Kann denn Liebe Sünde sein?“ erklingen, schwingt darin die ewige Frage mit, was es kostet, wenn man zwischen den Fronten der Geschichte tanzt.
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