Es ist eine dieser atemberaubenden Meldungen, die wie ein politischer Paukenschlag durch die Republik hallen und das gewohnte Koordinatensystem unseres Landes massiv ins Wanken bringen. Eine wahrhaftige Sensation ist an diesem Wahlabend perfekt geworden. Jetzt, nachdem sich die erste Aufregung in den Fernsehstudios gelegt hat und auch der letzte Wahlhelfer in den späten Abendstunden wirklich jede einzelne abgegebene Stimme akribisch ausgezählt und überprüft hat, steht eine neue politische Realität unumstößlich fest. Die Alternative für Deutschland (AfD) hat in Baden-Württemberg etwas Historisches geschafft, das noch vor wenigen Jahren selbst die kühnsten politischen Beobachter, Analysten und Meinungsforscher für absolut unmöglich, ja fast schon für absurd gehalten hätten.

Wir sprechen hier nicht einfach nur davon, dass die Partei in Westdeutschland ganz allgemein ihr bislang bestes und stärkstes prozentuales Ergebnis überhaupt eingefahren hat. Das allein wäre für die Parteistrategen sicherlich schon ein enormer Grund zum Feiern und für die politischen Mitbewerber ein Anlass zur tiefen Sorge. Nein, es ist an diesem schicksalhaften Wahltag noch etwas ganz anderes passiert. Etwas, das in seiner politischen und gesellschaftlichen Tragweite noch viel mächtiger, viel durchschlagender und vor allem ungleich symbolischer ist: Die AfD hat in Baden-Württemberg tatsächlich ein echtes Direktmandat gewonnen. Ja, ihr habt völlig richtig gehört und gelesen. Auf den ersten, vielleicht etwas flüchtigen Blick könnten manche Bürger nun mit den Schultern zucken und fragen: „Na und? Was ist denn bitteschön daran jetzt so besonders oder aufregend? Es ist doch nur ein einziger Sitz im Parlament.“

Doch wer das komplexe deutsche Wahlsystem mit seinen Erst- und Zweitstimmen auch nur ansatzweise kennt, der weiß sofort und instinktiv, warum genau dieses Ereignis eine absolute, außergewöhnliche und weitreichende Entwicklung darstellt. Dieses historische Direktmandat wurde nämlich nicht irgendwo in der abgelegenen Provinz, in einem winzigen Dorf fernab der großen Metropolen errungen, sondern mitten in Mannheim – einer pulsierenden, dicht besiedelten und wirtschaftlich bedeutenden Großstadt. Genau dieser urbane Kontext macht die ganze Geschichte so unfassbar spannend und brisant. Denn wenn wir ehrlich auf die politische Vergangenheit zurückblicken, dann wissen wir: In vielen kleineren, ländlich geprägten Wahlbezirken, besonders im Osten der Republik, hatte die AfD bereits in den vergangenen Jahren teils spektakuläre, fast schon erdrutschartige Ergebnisse eingefahren. Da sprachen wir teilweise von über siebzig Prozent der Wählerstimmen in kleinen Ortschaften mit nur wenigen tausend Einwohnern.

Das sind natürlich Zahlen, die für fantastische, reißerische Schlagzeilen in den Zeitungen sorgen und talkshowtauglich sind. Aber rein machtpolitisch und demokratisch betrachtet gibt es etwas, das für einen Abgeordneten und seine Partei noch ungleich wertvoller, bedeutender und prestigeträchtiger ist: nämlich den eigenen Wahlkreis ganz direkt, von Mensch zu Mensch, zu gewinnen. Ein solches Direktmandat bedeutet in der Praxis, dass man sich nicht einfach bequem hinter einer anonymen Parteiliste verstecken konnte. Man ist nicht über das abstrakte Zweitstimmenergebnis, das oft von bundespolitischen Trends getrieben wird, in das Parlament gerutscht. Wer ein Direktmandat gewinnt, der hat im direkten, persönlichen Duell gegen alle anderen Kandidaten vor Ort gesiegt. Er hat das absolute Vertrauen der Nachbarn, der Menschen auf der Straße, der Bäcker und Handwerker in seinem direkten Umfeld gewonnen. Er hat von allen angetretenen Politikern in diesem speziellen Wahlkreis die meisten ganz persönlichen Erststimmen der Bürger erhalten.

Die AfD schafft ein zweistelliges Ergebnis mit einer widersprüchlichen  Kampagne | FAZ

Natürlich haben auch die Kandidaten der anderen, etablierten Parteien in Mannheim Stimmen bekommen. Das ist völlig normal, das ist der Kernwettbewerb und das vitale Lebenselixier unserer Demokratie. Aber am Ende des Tages, als der Strich unter die Rechnung gezogen wurde, stand eine unumstößliche Tatsache im Raum: Dieser eine Kandidat der AfD hat die meisten Menschen vor Ort von sich, seinen Ideen und seinem Auftreten überzeugt. Und dass genau das in einer westdeutschen Großstadt wie Mannheim passiert ist, gleicht einem politischen Erdbeben der Stufe zehn.

Was diese Angelegenheit zusätzlich so besonders, ja fast schon dramatisch macht, ist der Blick auf die historische Verteilung der politischen Macht in unserem Land. Viele dieser städtischen und regionalen Wahlkreise galten über Jahrzehnte, teilweise seit der Gründung der Bundesrepublik, als fest und unerschütterlich in der Hand der alten, großen etablierten Parteien. Sie waren gewissermaßen deren natürliches politisches Erbhof-Territorium. Wenn wir beispielsweise nach Bayern blicken, dann sieht man dort bei jeder Wahl aufs Neue, wie tief und unerschütterlich die CSU traditionell in der Gesellschaft verankert ist. In vielen bayerischen Regionen gewinnt die Partei ihre Direktmandate praktisch automatisch, es gleicht einem Naturgesetz. Niemand zweifelt ernsthaft daran. Ähnlich verhielt es sich lange Zeit mit der CDU oder in anderen Regionen mit der SPD in Baden-Württemberg. Die Direktmandate waren so sicher wie das Amen in der Kirche.

Doch genau diese in Stein gemeißelten Gewissheiten beginnen nun vor unseren Augen zu bröckeln. Die jüngsten Ergebnisse zeigen uns mit einer fast schon brutalen Klarheit, dass sich politische Landschaften nicht nur verändern können, sondern dass sie es gerade in einer atemberaubenden Geschwindigkeit tun. Bei dieser Landtagswahl in Baden-Württemberg ist exakt das passiert, wovor die etablierten Parteistrategen seit Jahren intern warnen: Zum allerersten Mal ist es der AfD im Westen gelungen, in dieses absolute Kerngeschäft der alten Volksparteien einzubrechen und ein solches begehrtes Direktmandat zu erobern. Es ist ein tiefer Riss im Fundament der bisherigen politischen Architektur.

Natürlich werden die politischen Gegner, die scharfen Kritiker und die Analysten der unterlegenen Parteien sofort reflexartig abwiegeln und sagen: „Bleibt mal auf dem Teppich, es ist ja am Ende des Tages nur ein einziges, mickriges Mandat.“ Und ja, wenn man das Ganze rein mathematisch und nüchtern auf dem Taschenrechner betrachtet, dann mag das in der Gesamtzahl der Parlamentssitze durchaus stimmen. Aber Politik ist keine reine Mathematik, Politik ist vor allem Psychologie, Symbolik und das Erkennen von gesellschaftlichen Strömungen. Politisch betrachtet ist ein solches erstes Direktmandat oft das unübersehbare Vorbeben, das erste, laute Zeichen eines viel größeren, tiefgreifenderen Trends. Wenn sich in einzelnen, stark umkämpften Wahlkreisen plötzlich etwas derart Fundamentales verschiebt, wenn die Menschen bereit sind, alte Bindungen an die Volksparteien komplett zu kappen und ihr Kreuz bei einem völlig neuen direkten Vertreter zu machen, dann ist das ein Alarmsignal, das in Berlin, Stuttgart und München die Wände wackeln lassen sollte.

Auch beim prozentualen Gesamtergebnis kann man natürlich trefflich diskutieren. Es waren am Ende keine zwanzig Prozent landesweit in Baden-Württemberg, das ist völlig korrekt. Es gab keine absolute Erdrutsch-Mehrheit für die AfD im gesamten Bundesland. Trotzdem, und das muss man in aller Deutlichkeit so festhalten, ist dieses Ergebnis meiner persönlichen Meinung nach ein absolut bemerkenswerter, historischer Schritt für die Partei. Es ist ein massiver psychologischer Durchbruch, der beweist: Die oft beschworene unsichtbare Mauer im Westen, die gläserne Decke, die den Erfolg der AfD in den alten Bundesländern angeblich begrenzen sollte, sie hat Risse bekommen. Sie existiert in dieser massiven Form schlichtweg nicht mehr.

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Dieser Triumph in Mannheim könnte die solide, psychologische Grundlage sein, auf der die Partei in Zukunft bei kommenden Wahlen weiter aufbauen wird. Die Hemmschwelle der Wähler, einer Partei, die so stark im Kreuzfeuer der Kritik steht, nicht nur die Zweitstimme aus Protest, sondern das persönliche Direktmandat anzuvertrauen, ist in Mannheim offiziell gefallen. Das bedeutet auch für die anderen Parteien, dass sie sich nicht mehr auf ihren angestammten Lorbeeren ausruhen können. Der politische Kuschelkurs ist vorbei, der Kampf um jede einzelne Straße, um jedes Viertel, um die Herzen und Köpfe der Menschen hat eine völlig neue, ungekannte Schärfe erreicht.

Doch am Ende all dieser tiefgreifenden Analysen, der geschockten Gesichter in den Wahlstudios und der jubelnden Anhänger auf den Wahlpartys bleibt für uns Bürger die spannendste und wichtigste Frage immer dieselbe: Wie seht ihr das Ganze eigentlich? Welche Gefühle und Gedanken löst dieses historische Wahlergebnis bei euch aus? Glaubt ihr ernsthaft daran, dass dieser Sieg in Mannheim nur ein singulärer, zufälliger Ausreißer war, begünstigt durch vielleicht sehr spezifische lokale Gegebenheiten, die sich so nicht wiederholen werden? Oder spürt ihr ebenfalls, dass dies der unaufhaltsame Anfang einer viel größeren, weitreichenden politischen Veränderung in ganz Deutschland ist? Stehen wir an der Schwelle zu einer völlig neuen politischen Ära, in der die alten Gewissheiten nicht mehr zählen? Macht euch eure eigenen Gedanken, diskutiert mit euren Nachbarn und Freunden. Dieser Wahlabend in Baden-Württemberg wird uns alle, ganz gleich welche politischen Präferenzen wir haben, noch sehr lange und intensiv beschäftigen. Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft offen, ehrlich und ohne Scheuklappen darüber reden, wohin die Reise unseres Landes gehen soll.