Die deutsche Politik gleicht in diesen Tagen oftmals einem bizarren Theaterstück, bei dem man als Zuschauer nicht genau weiß, ob man weinen, den Kopf schütteln oder einfach nur noch hysterisch lachen soll. In Zeiten, in denen multiple Krisen den Alltag der Menschen bestimmen und die Unzufriedenheit der Bürger mit den Regierenden neue, historische Höchststände erreicht, braucht es ein gesellschaftliches Ventil. Es braucht dringend jemanden, der die Absurdität des politischen Betriebs mit chirurgischer Präzision seziert und die oft pompös aufgeblasenen Egos der Berliner und Münchner Politikblase auf ein erträgliches, realistisches Maß zurechtstutzt. Niemand in der Bundesrepublik beherrscht diese hohe Kunst der feinen, aber gnadenlos treffsicheren Demontage besser als Harald Schmidt. Der Altmeister des deutschen Zynismus meldet sich in Höchstform zu Wort und beweist einmal mehr, dass er das vielleicht letzte echte Korrektiv in einer zunehmend humorlosen, von moralischer Überlegenheit geprägten Mediendemokratie ist. Wenn Schmidt austeilt, bleibt kein Auge trocken und kein politisches Phrasenschwein ungeschlachtet. Seine jüngsten scharfsinnigen Beobachtungen sind ein fulminanter Rundumschlag, der von Friedrich Merz über Markus Söder bis hin zu moralisierenden Fußballfunktionären wie Uli Hoeneß reicht. Dabei legt er schonungslos offen, woran unsere Debattenkultur derzeit massiv krankt.

Beginnen wir unsere Reise durch das Kabinett der politischen Eitelkeiten im tiefen Süden der Republik, bei einem Mann, der die politische Inszenierung liebt, atmet und lebt wie kaum ein Zweiter: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Söder hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche optische und rhetorische Metamorphose nach der anderen vollzogen. Wer erinnert sich nicht an den plötzlichen, markanten Bartwuchs, der ihm laut Schmidt eine fast schon “diabolische” Aura verlieh? Doch der absolute Höhepunkt der Söderschen Selbstinszenierung ist seine neu entdeckte Leidenschaft für auffällige Hüte. Schmidt, ein meisterhafter Beobachter von Details, der die Mechanismen der medialen Bildsprache aus dem Effeff kennt, nimmt diese Kopfbedeckung genüsslich auseinander. Ist es ein traditioneller Trachtenhut? Ist es ein amerikanischer Cowboyhut? Es ist, wie Schmidt messerscharf analysiert, “unentschieden und nach allen Seiten offen” – eine perfektere und entlarvende Metapher für Söders sprichwörtliche Flexibilität und seinen hartnäckigen Ruf als politischer Wendehals ließe sich wohl kaum finden. Doch der Satiriker setzt noch einen drauf: Er vergleicht den Hut augenzwinkernd mit der berühmt-berüchtigten roten “Make America Great Again”-Mütze von Donald Trump. Es ist das untrügliche visuelle Signal: Wenn Söder den Hut aufsetzt, wird es ernst, dann beginnt der unerbittliche Wahlkampfmodus. Dass er diesen Hut nicht ausgerechnet bei der Münchner Sicherheitskonferenz trug, exakt als dort der Satz “There is a new Sheriff in Town” fiel, sei ein echtes dramatisches Versäumnis gewesen, spottet Schmidt. Hinter diesem humoristischen Feuerwerk verbirgt sich jedoch eine tiefe und besorgniserregende Wahrheit über unsere heutige Mediendemokratie: Längst entscheiden nicht mehr tiefgreifende Inhalte, langfristige Visionen oder belastbare politische Konzepte über den Erfolg an der Wahlurne, sondern das schnell konsumierbare Bild, die oberflächliche Inszenierung, der inszenierte Volks-Sheriff für die Kameras.

Wer nun glaubt, die Union sei mit Söders Eskapaden bereits ausreichend gestraft, den führt Harald Schmidt ohne Umwege direkt zum Oppositionsführer und potenziellen Kanzlerkandidaten Friedrich Merz. Merz, der sich in Interviews und biografischen Rückblicken allzu gerne als ehemaliger jugendlicher Rebell mit langen Haaren und lautem Mofa stilisiert, wird von Schmidt ohne Vorwarnung humoristisch entzaubert. Recherchen bei alten Weggefährten und Kommilitonen fördern unbarmherzig zutage, dass der junge Merz unter der eisernen Fuchtel eines strengen Vaters stand und von wallenden, langen Haaren absolut keine Spur war. Doch die eigentliche Pointe, die das Publikum förmlich zum Ausrasten bringt und Schmidts unerreichtes Timing beweist, ist eine andere optische Enthüllung. Schmidt berichtet mit gespieltem Ernst von einem alten Foto aus Merz’ Jugendtagen, auf dem dieser die Haare kinnlang mit einem akkuraten Pony trägt. Der verheerende, aber urkomische Vergleich folgt auf dem Fuße: Er sah original aus wie eine junge Angela Merkel! Die Vorstellung, die Redaktionen des Landes mögen diese beiden Bilder doch bitte direkt nebeneinanderstellen, ist ein satirischer Geniestreich par excellence. Doch auch an dieser Stelle folgt unweigerlich der scharfe analytische Schnitt. Schmidt wirft die entscheidende, staatsmännische Frage nach der Impulskontrolle des CDU-Chefs auf. Kann ein Mann mit einem derart sprunghaften charakterlichen Zuschnitt das höchste Regierungsamt führen, ohne ständig neue diplomatische oder innenpolitische Flächenbrände auszulösen? Die zynische Empfehlung der Fernsehlegende lautet, er brauche dringend ein Heer von fähigen Beratern – und müsse vor allem seine “kleine Steuerinsel” auf dem Kopf, ein unvorteilhaftes, kreisrundes Überbleibsel seiner Haarpracht, schnellstens loswerden. Wieder zeigt sich überdeutlich: In der modernen, schnelllebigen Politik ist Optik alles. Das wusste schon Bundeskanzler Olaf Scholz mit seiner strategischen Flucht in die Glatze, und das musste auch Ex-Justizminister Marco Buschmann mit seinem viel kritisierten Drei-Tage-Bart schmerzhaft lernen, der von Schmidt lapidar als “bessere Flugasche” abqualifiziert wird.

Harald Schmidt glaubt an Markus Lanz | Kurier

Doch nicht nur die konservative Opposition, auch die scheidende und in sich zerstrittene Ampel-Regierung bekommt ihr redlich verdientes Fett weg. Als Schmidt in der Diskussion auf sein neues Bühnenprogramm “Ein völlig unvorbereiteter Abend” angesprochen wird, in dem er schonungslos gesellschaftliche Themen “von erektiler Dysfunktion bis zum Münchner Abkommen” abhandelt, kommt die Sprache unweigerlich auf das historische Scheitern der Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Hier entlarvt Schmidt nicht nur das offenkundige politische Versagen, sondern auch die wahnwitzigen und totalitären Auswüchse unserer modernen Sprachpolizei. Ein harmloser, alltäglicher Begriff wie “gejagt” im Zusammenhang mit der Oppositionsarbeit wird sofort von hyper-besorgten Interviewern als toxisches AfD-Vokabular markiert und gerügt. Schmidt lässt sich von solch hysterischen, vorauseilenden Zurechtweisungen nicht im Geringsten beeindrucken. Seine Bilanz der Ampel ist vernichtend, knapp und extrem präzise: Kanzler Olaf Scholz hat nicht geführt, die Grünen haben ihre Ministerien stellenweise absolut dilettantisch geleitet, und die FDP hat von Anfang an reine Obstruktionspolitik betrieben. Das vorhersehbare Ergebnis? Der viel zitierte “Sprengmeister” der Ampel hat sich durch seine Inkompetenz schlichtweg selbst in die Luft gejagt. Und sofort grätscht die fiktive, innere Sprachpolizei der Republik wieder dazwischen: Darf man “in die Luft jagen” heute in einem öffentlichen Diskurs überhaupt noch sagen? Schmidt erinnert wehmütig und kopfschüttelnd an die unbeschwerten 90er Jahre, als eine unantastbare nationale Lichtgestalt wie Franz Beckenbauer flapsig und mit bayerischem Charme fordern konnte, man möge doch einfach einen Terroristen finden, der das alte, ungeliebte Olympiastadion wegsprengt, um Platz für einen modernen Neubau zu schaffen. Ein Spruch, der damals in ganz Deutschland für herzhaftes Lachen und Beifall sorgte, würde den Kaiser in der heutigen Zeit unweigerlich zu einem Fall für den Verfassungsschutz und einen medialen Shitstorm gigantischen Ausmaßes machen. Es ist eine bittere, schwer zu schluckende Pille, die Schmidt uns hier verabreicht: Wir haben uns völlig freiwillig in ein so enges, unatmbares Korsett aus politischer Korrektheit und ständiger moralischer Empörung zwängen lassen, dass echte, befreiende Satire und spontaner, schwarzer Humor in der Öffentlichkeit kaum noch überleben können.

Besonders brisant und tiefgründig wird es jedoch, wenn sich Harald Schmidt dem gesellschaftlichen Umgang mit der AfD und der damit untrennbar verbundenen moralischen Heuchelei der Elite widmet. Angesprochen auf seinen bevorstehenden Auftritt in Kaiserslautern, einer ehemaligen stolzen linken Hochburg, die nun wahltechnisch von der AfD dominiert wird, reagiert Schmidt mit der pragmatischen, geerdeten Ehrlichkeit eines Vollblut-Entertainers. Ob er denn keine Angst habe, in einem solchen Umfeld Applaus von der sprichwörtlichen “falschen Seite” zu bekommen? Schmidts Antwort ist an trockener Brillanz und entwaffnender Logik nicht zu überbieten: Er arbeite nun seit über 40 Jahren hart und unermüdlich daran, von einem Publikum überhaupt Applaus zu bekommen. Da könne er unmöglich anfangen auszusortieren oder ideologische Hintergrundchecks durchzuführen, woher dieser Beifall stamme. Wer sich eine Karte kauft, sitzt im Publikum und darf lachen – so einfach und demokratisch ist das in der harten Realität der Unterhaltungsbranche. Diese erfrischend unaufgeregte und professionelle Haltung stellt Schmidt in einen extrem scharfen Kontrast zur lautstarken, moralisierenden Empörung eines Uli Hoeneß. Der mächtige Patron des FC Bayern München hatte medienwirksam und unter großem Applaus des Establishments verkündet, die AfD und ihre Anhänger in seinem Stadion auf keinen Fall haben zu wollen. Schmidt demaskiert diese wohlfeile, bequeme Haltung mit einer einzigen, genialen Frage: “Macht er denn Einlasskontrollen in der Allianz Arena?” Es entbehrt tatsächlich nicht einer gigantischen Portion unfreiwilliger Komik und Ironie, wenn sich ausgerechnet ein wegen millionenschwerer Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilter Mann zum obersten moralischen Kompass der Nation aufschwingt und Millionen von Wählern die ethischen Leviten liest. Und das gegenüber einer Partei, die zwar politisch von vielen aufs Schärfste bekämpft wird, sich aber rein juristisch als Organisation bisher nichts zuschulden kommen ließ – andernfalls hätte der Inlandsgeheimdienst entsprechende Hochstufungen nicht wieder peinlich berührt zurücknehmen müssen, wie in der Debatte treffend und provokant angemerkt wird.

Söder, Özdemir und andere Hutträger: Warum haben alle plötzlich den Hut  auf? - Kultur - SZ.de

Harald Schmidt beweist mit diesem meisterhaften Auftritt, dass er weit mehr ist als nur ein pensionierter, wohlhabender Late-Night-Talker, der aus der Ferne spottet. Er ist der präzise Seismograph einer Gesellschaft, die in ihren Debatten völlig aus der Balance geraten ist. In einer Zeit, in der fast jeder öffentliche Diskurs sofort von moralischer Hysterie, ständiger Empörung und einem vorauseilenden Gehorsam gegenüber einer unsichtbaren Sprach- und Meinungspolizei erstickt wird, ist Schmidts entspannter Zynismus ein wahrer, tiefes Durchatmen ermöglichender Befreiungsschlag. Er reißt den Politikern die mühsam aufgebauten, von PR-Agenturen erdachten Masken vom Gesicht, zeigt uns die lächerliche Absurdität ihrer Eitelkeiten und zwingt uns, schonungslos in den Spiegel zu schauen und über unsere eigene Heuchelei zu lachen. In einer Welt, die jeden Tag ein Stück verbissener, unversöhnlicher und humorloser wird, brauchen wir mutige und unabhängige Stimmen wie die von Harald Schmidt dringender denn je. Er erinnert uns auf brillante Weise daran, dass der gesunde Menschenverstand, die Gelassenheit und das befreiende, unkorrekte Lachen die mit Abstand stärksten Waffen gegen den täglichen politischen Wahnsinn sind.