Es gibt Persönlichkeiten in der deutschen Medienlandschaft, an denen die Wellen der moralischen Empörung schlichtweg abprallen wie Regen an einer gut versiegelten Fensterscheibe. Harald Schmidt, der unangefochtene Meister des deutschen Late-Night-Talks, gehört zweifellos zu dieser seltenen Spezies. In einer Zeit, in der das öffentliche Leben zunehmend von ideologischen Grabenkämpfen, vorauseilendem Gehorsam und einer allgegenwärtigen “Cancel Culture” dominiert wird, wirkt Schmidt wie ein Fels in der Brandung. Ein aktuelles Interview, geführt von seinem Kollegen Torsten Sträter, offenbarte jüngst auf faszinierende Weise, wie souverän, sarkastisch und intellektuell überlegen Schmidt mit den Vorwürfen der politisch korrekten Mainstream-Medien umgeht. Es war ein Lehrstück darüber, wie man die hysterische Empörungsmaschinerie nicht nur überlebt, sondern sie gezielt für die eigene Unterhaltung nutzt.

Die Ausgangslage des Gesprächs war klassisch für die heutige Zeit: Ein Vertreter des Mainstreams versucht, den vermeintlich abtrünnigen Altmeister wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Sträter, dessen Sendung sich klar gegen rechte Strömungen positioniert, konfrontierte Schmidt mit der Unterstellung, er sei mittlerweile zu einer Art Heilsbringer für die AfD und rechte Medien wie das Magazin “Compact” avanciert. Auslöser für diese steile These war ein einziges Foto. Ein simpler Schnappschuss, entstanden auf dem Sommerfest der renommierten Schweizer Wochenzeitung “Weltwoche” in Zürich, der Schmidt Seite an Seite mit dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen und dem streitbaren Publizisten Matthias Matussek zeigte. Für weite Teile der deutschen Presse ein unverzeihlicher Skandal – für Harald Schmidt hingegen ein minutiös geplanter Triumph.

Schon zu Beginn des Interviews machte Schmidt deutlich, warum er für Journalisten ein derart schwieriger und zugleich faszinierender Gesprächspartner ist. Im Gegensatz zu fast allen anderen Prominenten und Politikern verzichtet er völlig auf die übliche PR-Glättung. Er liest Interviews niemals gegen. Kein Medienberater darf seine Zitate weichspülen, keine brisante Aussage wird nachträglich gestrichen. Was er gesagt hat, hat er gesagt. Diese radikale Authentizität schützt ihn paradoxerweise vor den üblichen Fallstricken der Medienwelt. Wer keine Angst davor hat, zitiert zu werden, den kann man auch nicht mit aus dem Kontext gerissenen Sätzen erpressen. Schmidt nutzt den direkten, ungeschönten Duktus als Waffe gegen die weichgespülte Sprachpolizei unserer Tage.

Doch der eigentliche Geniestreich offenbarte sich in seiner Analyse des viel diskutierten Züricher Fotos. Sträter wollte wissen, ob Schmidt sich von der Berichterstattung nicht beschädigt oder instrumentalisiert fühle. Schmidts Reaktion war an Gelassenheit kaum zu überbieten. Er erklärte, dass er sich in dieses Foto regelrecht “verliebt” habe, weil es so generalstabsmäßig funktioniert habe. Er reiste zu einem Fest mit 400 geladenen Gästen, nahm ein Glas Wein in die Hand, blickte entspannt und leicht überrascht in die Handykamera – und überließ den Rest der berechenbaren Reaktionskette der Medien. “Mission accomplished”, kommentierte er trocken. Er wusste genau, dass das Bild viral gehen und ein hysterisches “Gehüstel” in den deutschen Redaktionsstuben auslösen würde.

Schmidt, Harald (geb. 18.08.1957)

Mit dieser Herangehensweise entlarvt Schmidt die Medien als willenlose Marionetten ihrer eigenen Reflexe. Wenn ein harmloses Foto auf einer Sommerparty ausreicht, um tagelange Schlagzeilen zu produzieren und die absurde Frage aufzuwerfen, ob nun der Verfassungsschutz wegen eines solchen Festes ermitteln müsse, dann hat nicht Harald Schmidt ein Problem, sondern die Gesellschaft. Er entzieht sich ganz bewusst der Verantwortung für das, was andere in sein Handeln hineininterpretieren. Wenn rechte Magazine ihn feiern oder linke Blätter ihn verdammen, tangiert ihn das nicht im Geringsten. Es ist, wie er treffend bemerkte, das Prinzip einer freien Wahl: Wer mit dem Ergebnis unzufrieden ist, muss mit dem Wähler reden, nicht mit der Wahlurne.

Besonders tiefgründig wurde das Gespräch, als Schmidt auf das Wesen der heutigen Empörungskultur zu sprechen kam. Unter Berufung auf eine französische Philosophin lieferte er einen Satz, der das Dilemma des modernen Internets perfekt zusammenfasst: “Empörung ist negativer Narzissmus.” Wer sich permanent über andere aufregt, Haltung einfordert und moralische Zeigefinger erhebt, tut dies meist nicht, um die Welt zu verbessern. Es geht vielmehr um die eigene Selbstinszenierung. Es geht darum, sich selbst auf die vermeintlich “richtige” Seite zu stellen. Empörung kostet nichts, sie erfordert keinen Mut und keine echte intellektuelle Auseinandersetzung. Sie ist ein billiges Mittel, um sich in der eigenen Blase Applaus zu sichern. Schmidt durchschaut dieses Spiel und verweigert konsequent die Teilnahme.

Dass Schmidt über jeden Zweifel erhaben ist, liegt natürlich auch an seinem legendären Status. Er ist seit über drei Jahrzehnten eine feste Größe im deutschen Fernsehen. Er hat die Comedy-Szene geprägt wie kein Zweiter und Generationen von Zuschauern zum Lachen, aber auch zum Nachdenken gebracht. Selbst radikal linke Comedians saßen einst ehrfürchtig in seiner Show. Diese jahrzehntelange Erfahrung macht ihn immun gegen den oft kurzlebigen und hysterischen Medienhype von heute. Er kann es sich leisten, über sich selbst zu lachen. Herrlich selbstironisch erzählte er im Interview, wie er heutzutage auf der Straße angesprochen wird – nicht mehr, um selbst auf einem Selfie zu glänzen, sondern um als Fotograf für junge Leute und seinen Kollegen Pierre M. Krause herzuhalten. Er nimmt den Lauf der Zeit mit jener stoischen Ruhe hin, die seinen Kritikern so schmerzlich fehlt.

zukunftsmusik | Torsten Sträter

Um die ganze Dimension der medialen Aufregung zu verstehen, muss man auch einen Blick auf die Protagonisten werfen, die neben Schmidt auf dem ominösen Foto zu sehen waren. Hans-Georg Maaßen, der wegen seiner kritischen Haltung zur Migrationspolitik der Ära Merkel vom Establishment verstoßen wurde, und Matthias Matussek, ein brillanter Kopf, der vom Axel-Springer-Verlag entlassen wurde. Matusseks Vergehen? Er hatte nach den schrecklichen Terroranschlägen von Paris auf Facebook deutliche Kritik an der deutschen Asylpolitik geäußert. Im Rückblick, betrachtet man die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre, haben sich viele seiner damaligen Warnungen bewahrheitet. Eine Entschuldigung derer, die ihn damals aus dem öffentlichen Diskurs drängten, blieb selbstverständlich aus. Diese Hintergründe illustrieren eindrucksvoll, wie extrem verengt der Meinungskorridor in Deutschland geworden ist. Jeder Kontakt, jedes Gespräch mit Personen, die abseits der genehmigten Meinungsnorm stehen, wird sofort als “Kontaktschuld” geahndet.

Harald Schmidt führt uns mit seinem Auftritt eindrucksvoll vor Augen, dass Freiheit im Kopf beginnt. Wer sich von den schrillen Tönen der Empörungsindustrie leiten lässt, verliert seine Eigenständigkeit. Schmidt hat sich diese Eigenständigkeit bewahrt. Er provoziert, er analysiert und er demütigt den Mainstream nicht durch laute Parolen, sondern durch souveräne, sarkastische Gelassenheit. Der Versuch, ihn in eine politische Ecke zu drängen oder ihn gar zum Fall für den Verfassungsschutz umzudichten, entlarvt lediglich die Hilflosigkeit derer, die keinen echten intellektuellen Diskurs mehr führen können. Gefährlich, so zitierte Schmidt am Ende treffend, wird es für das System, wenn sich die Elite mit dem Mob verbindet. Solange wir jedoch Persönlichkeiten wie Harald Schmidt haben, die den Irrsinn mit einem entspannten Lächeln und einem Glas Wein in der Hand als das enttarnen, was er ist, besteht noch Hoffnung auf ein wenig Vernunft in einer verrückt gewordenen Welt.