Es ist ein Thema, das die Gemüter erhitzt und den ehrlichen, zahlenden Bürger fassungslos zurücklässt: Die politische Diskussion um die Entkriminalisierung des Schwarzfahrens nimmt wieder Fahrt auf. Was auf den ersten Blick wie ein harmloser bürokratischer Akt zur Entlastung von Justiz und Gefängnissen wirken mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein hochbrisantes gesellschaftliches Experiment. Im Kern geht es um nicht weniger als die Frage, welche Werte unser Rechtsstaat vertritt, wen er schützt – und wem er am Ende die Zeche zahlen lässt.

Kürzlich schlug ein Interview mit Justizministerin Stefanie Hubig in der “Neuen Osnabrücker Zeitung” hohe Wellen. Hubig brachte darin offen ein Ende der strafrechtlichen Verfolgung für Fahrgäste ohne gültiges Ticket ins Spiel. “Aus meiner Sicht sprechen gute Gründe für eine Entkriminalisierung”, lautete die zentrale Botschaft. Die Argumentation der Befürworter klingt auf dem Papier zunächst pragmatisch: Die Justiz sei chronisch überlastet, die Gerichte kämen mit der Arbeit kaum noch hinterher und die Gefängnisse seien voll mit Menschen, die sogenannte Ersatzfreiheitsstrafen absitzen müssen, weil sie ein simples Ticket für den öffentlichen Nahverkehr nicht bezahlen konnten oder wollten. Der Deutsche Anwaltsverein schlägt in die gleiche Kerbe und rechnet vor, dass der gigantische bürokratische Aufwand für die Verfolgung dieser Delikte den Steuerzahler jährlich rund 200 Millionen Euro koste.
Ein leichtes Einsparpotenzial? Ein Akt der sozialen Gnade? Weit gefehlt! Die Realität abseits dieser vermeintlich wohlklingenden politischen Theorie ist weitaus komplexer und vor allem gefährlicher für das gesellschaftliche Miteinander.
Beginnen wir mit der wirtschaftlichen Dimension. Die Verkehrsbetriebe in Deutschland kämpfen ohnehin seit Jahren mit massiven finanziellen Problemen. Schon heute verursachen Fahrgäste, die vorsätzlich ohne Ticket fahren, Einnahmeverluste in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe – Experten gehen von mindestens 500 Millionen Euro jährlich aus. Die Verkehrsunternehmen reagierten dementsprechend alarmiert auf die Vorstöße aus der Politik. Wenn der abschreckende Effekt des Strafrechts komplett wegfällt, ist die logische und absehbare Konsequenz ein drastischer Anstieg der Schwarzfahrer-Zahlen. Wer soll diese explodierenden Kosten am Ende auffangen? Es ist kein Geheimnis: Es sind die ehrlichen Ticketzahler, die mit höheren Fahrpreisen belastet werden, und der gemeine Steuerzahler, der die dauerhaft defizitären staatlichen Verkehrsunternehmen subventionieren muss. Die Rechnung, man würde durch die Entkriminalisierung 200 Millionen Euro Justizkosten sparen, ist daher eine politische Milchmädchenrechnung. Die volkswirtschaftlichen Schäden durch massenhaften Betrug würden diese Summe um ein Vielfaches übersteigen.
Noch gravierender ist jedoch der kulturelle und moralische Flurschaden, den ein solches Gesetz anrichten würde. Schwarzfahren ist kein Kavaliersdelikt. Wer sich bewusst in eine Bahn oder einen Bus setzt, ohne dafür zu bezahlen, nimmt ganz gezielt eine kostenpflichtige Dienstleistung in Anspruch und erschleicht sich einen Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit. Es ist schlichtweg ein Betrug an der Gesellschaft. Wenn der Staat nun das Signal aussendet, dass dieser Betrug keine strafrechtlichen Konsequenzen mehr hat, untergräbt er aktiv das Rechtsbewusstsein der Bürger.
Stellen wir uns die psychologische Wirkung auf den rechtschaffenen Pendler vor. Er steht jeden Morgen am Bahnsteig, kauft brav sein teures Ticket, zahlt seine Steuern und hält sich an die Regeln. Neben ihm sitzt jemand, der sich ganz bewusst weigert, seinen Beitrag zu leisten – und der Staat schaut künftig milde lächelnd weg. Irgendwann kommt bei jedem ehrlichen Bürger unweigerlich die Frage auf: “Warum bin eigentlich immer ich der Dumme, der alles finanziert?” Die Gefahr ist real, dass das Solidarprinzip in unserem Land massiv beschädigt wird. Wenn die Strafe fehlt, wird das Risiko, ab und zu die 60 Euro “erhöhtes Beförderungsentgelt” zahlen zu müssen, schnell als reine betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung abgetan. Der Staat verliert seine ordnungspolitische Autorität.
Ein oft ins Feld geführtes Argument der Befürworter ist das soziale Mitgefühl. Es heißt, man müsse arme Menschen davor bewahren, wegen ein paar Euro im Gefängnis zu landen. Dieses Argument greift jedoch deutlich zu kurz. Unser Sozialstaat ist keineswegs blind für die finanzielle Not seiner Bürger. Menschen, die Bürgergeld oder andere soziale Leistungen beziehen, haben bereits heute Zugang zu stark rabattierten Sozialtickets, die im Durchschnitt nur noch 25 bis 35 Euro im Monat kosten. Eine komplette Straffreiheit für Schwarzfahrer ist daher nicht zwingend sozial, sondern vielmehr ein Freibrief für jene, die sich bewusst aus der Solidargemeinschaft verabschieden wollen.

Zudem offenbart die Diskussion eine bemerkenswerte und zutiefst heuchlerische Doppelmoral in der deutschen Politik. Während man bei der Erschleichung von Transportdienstleistungen plötzlich eine grenzenlose Milde walten lassen will, kennt der Staat an anderen Stellen absolut kein Pardon. Ein Paradebeispiel ist der Umgang mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wer sich weigert, seine GEZ-Gebühren zu zahlen – selbst wenn er das Angebot der Sender nachweislich überhaupt nicht nutzt –, wird vom Staat mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt. Am Ende droht auch hier die Gefängniszelle. Warum, so muss sich die Politik fragen lassen, landen Menschen, die den Rundfunkbeitrag boykottieren, im Knast, während Ticket-Betrüger straffrei ausgehen sollen? Die Ungleichbehandlung ist eklatant und für den normalen Bürger schlichtweg nicht nachvollziehbar.
Die Pläne zur Entkriminalisierung des Schwarzfahrens, die bereits zu Zeiten der Ampelkoalition in der Schublade lagen, sind der völlig falsche Weg. Sie lösen keine strukturellen Probleme der Justiz, sondern verlagern diese nur auf die Verkehrsunternehmen und schlussendlich auf die zahlenden Bürger. Anstatt Straftaten gesellschaftlich zu legitimieren und den ehrlichen Bürger zu frustrieren, sollte die Politik echte Lösungen suchen. Der öffentliche Nahverkehr braucht mehr Investitionen, faire Preise und – ganz entscheidend – Regeln, auf die sich jeder verlassen kann und die für alle gleichermaßen gelten. Wer den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft bewahren will, darf diejenigen nicht vor den Kopf stoßen, die sich jeden Tag an diese Regeln halten.
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