Es gibt Momente in der internationalen Politik, in denen man als stiller Beobachter einfach nur noch ungläubig den Kopf schütteln kann. Man reibt sich die Augen, liest die Statements zweimal und fragt sich unweigerlich: Passiert das hier gerade wirklich? Sind wir Zeugen eines ernsthaften diplomatischen Austauschs auf Augenhöhe, oder beobachten wir gerade, wie eine stolze Industrienation auf offener Bühne nach allen Regeln der Kunst vorgeführt wird? Genau dieses bittere Gefühl drängt sich mit brachialer Wucht auf, wenn man die jüngsten Ereignisse rund um den Besuch der syrischen Delegation in Berlin und London schonungslos analysiert. Was als Beginn einer neuen, konstruktiven Phase verkauft wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein beispielloser diplomatischer Zwischenfall. Es ist die Geschichte einer politischen Elite in Deutschland, die sich von den syrischen Machthabern regelrecht auf der Nase herumtanzen lässt – und das auf Kosten der deutschen Steuerzahler.

Alles begann mit einer scheinbar harmlosen, fast schon euphorischen Mitteilung auf den sozialen Netzwerken. Der syrische Außenminister Assad Shaibani zog nach seiner hochkarätig besetzten Reise, die unter der Leitung von Präsident Ahmed Alara stand und Gespräche mit dem deutschen Bundeskanzler, Oppositionsführer Friedrich Merz und sogar dem britischen König Charles III. umfasste, eine überaus positive Bilanz. In einem neunteiligen Thread auf der Plattform X (ehemals Twitter) feierte er den “historischen Besuch”, der den Grundstein für eine “neue Phase der syrisch-europäischen Beziehungen” legen solle. Die Worte klangen wie Balsam für geschundene Diplomaten-Seelen: Gegenseitiger Respekt, gemeinsame Interessen, Überwindung der Isolation und der Aufbau echter strategischer Partnerschaften.

Doch genau hier, bei dem schönen Begriff der “strategischen Partnerschaft”, beginnt das Kartenhaus der politischen Illusionen laut krachend in sich zusammenzustürzen. Eine Partnerschaft definiert sich per se dadurch, dass beide Seiten einen spürbaren, messbaren Mehrwert aus der Verbindung ziehen. Aber wo genau liegt der Vorteil für Deutschland? Welche konkreten Früchte soll unser Land aus dieser vermeintlich historischen Annäherung ernten? Bekommen wir plötzlich Zugang zu massiv verbilligter Energie? Werden syrische Fachkräfte unsere marode Infrastruktur, wie etwa das Netz der Deutschen Bahn, sanieren? Die bittere und zugleich schockierende Antwort lautet: Nichts dergleichen. In den ausführlichen Ausführungen des syrischen Außenministers findet sich nicht eine einzige Silbe, die einen konkreten Nutzen für Deutschland skizziert. Die “volle Offenheit”, die Shaibani lobt, ist eine Einbahnstraße der Forderungen.

Um das ganze Ausmaß dieser politischen Asymmetrie zu verstehen, müssen wir einen tiefen, schmerzhaften Blick auf die ungeschönten Zahlen werfen. Wir sprechen hier nicht von Peanuts. In der Hochphase der Flüchtlingskrise zwischen 2015 und 2018 beliefen sich die damit verbundenen deutschen Staatsausgaben auf astronomische 20 bis 30 Milliarden Euro – pro Jahr. Auch danach pendelten sich die Kosten auf einem konstant hohen Niveau von 15 bis 20 Milliarden Euro jährlich ein. Rechnet man das auf die letzten zehn Jahre hoch, blicken wir auf eine gewaltige Summe von schätzungsweise 200 bis 250 Milliarden Euro. Dieses Geld floss in Sozialleistungen, Unterkünfte, Integrationsmaßnahmen, Verwaltung und Sicherheit.

Natürlich gibt es auch eine Gegenseite der Medaille. Aktuell sind schätzungsweise 500.000 bis 600.000 Syrer in Deutschland erwerbstätig. Sie zahlen Steuern und Sozialabgaben, die sich auf rund 6 bis 9 Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Kumuliert stehen also Ausgaben in Höhe von einer Viertelbillion Euro bisherigen Einnahmen von etwa 44 bis 60 Milliarden Euro gegenüber. Das ist eine knallharte ökonomische Rechnung. Niemand verlangt, dass sich humanitäre Hilfe ab dem ersten Tag rentiert. Doch nach einem ganzen Jahrzehnt der Versprechungen durch die Politik ist es an der Zeit, eine ehrliche Bilanz zu ziehen. Und diese Bilanz sieht tiefrot aus.

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Deutschland befindet sich aktuell in einer hartnäckigen, sich immer weiter ausbreitenden Rezession. Die Inflation hat die Ersparnisse aufgefressen, die Infrastruktur bröckelt, und die Bürger müssen den Gürtel spürbar enger schnallen. In einer solchen Lage zu erwarten, dass Deutschland weiterhin als der unerschöpfliche Geldautomat der Welt fungiert, grenzt an völligen Realitätsverlust. Doch genau das ist die Erwartungshaltung von Damaskus. Shaibani erklärte unumwunden, dass am Tisch dieser neuen Partnerschaft “die wirtschaftliche Erholung und der Wiederaufbau zur obersten Priorität” erklärt wurden. Gemeint ist damit selbstverständlich ausschließlich der Wiederaufbau Syriens. Es wurden Mechanismen zur Aktivierung europäischer Investitionen in die syrische Infrastruktur gefordert. Deutsche Unternehmen sollen ihr Geld in ein Land pumpen, das geopolitisch höchst instabil ist.

Der eigentliche Skandal und die ultimative Demütigung für die deutsche Politik verbergen sich jedoch in einem anderen, sehr pikanten Teil von Shaibanis Botschaft. Der Außenminister machte kristallklar, dass Syrien jegliche “Zwangsumsiedlungen” – im Klartext: Abschiebungen und Rückführungen von abgelehnten Asylbewerbern oder straffällig Gewordenen – entschieden ablehnt. Stattdessen wird eine absurde Bedingung formuliert: Erst müsse durch europäische Investitionen die Infrastruktur in Syrien wiederhergestellt und ein “sicheres Umfeld” geschaffen werden, bevor man über eine “freiwillige und würdevolle Rückkehr” sprechen könne.

Das Recht auf Asyl ist ein Schutz auf Zeit vor Krieg und politischer Verfolgung. Es ist kein Blankoscheck, der solange gilt, bis das Heimatland mit dem Geld des Gastlandes zu einer florierenden Wirtschaftsnation wiederaufgebaut wurde. Doch Syrien geht sogar noch einen Schritt weiter und nennt die im Ausland lebenden Syrer ein “strategisch nationales Gut” und “keine Belastung”. Die perfide Logik dahinter ist kaum zu übersehen: Die Millionen Geflüchteten in Europa sind für Damaskus ein Faustpfand, ein gewaltiges diplomatisches Druckmittel. Sie sind der Hebel, mit dem man Gelder und Zugeständnisse aus Berlin und London erpressen will.

Und was macht die deutsche Politik? Sie nickt höflich. Weder von Bundeskanzler Scholz noch von CDU-Chef Friedrich Merz kam ein lautstarker, international vernehmbarer Aufschrei. Merz, der sich oftmals als harter Hund in der Migrationsdebatte inszeniert, scheint im direkten diplomatischen Kontakt völlig zahnlos zu sein. Es fehlt ihm offensichtlich nicht nur am Rückhalt in der aktuellen politischen Konstellation, sondern offenbar auch am echten Willen, den syrischen Forderungen die klare Kante des deutschen Nationalinteresses entgegenzusetzen. Wenn der syrische Außenminister ganz offen auf Twitter posaunt: “Unser einziger und unumstößlicher Kompass ist das syrische Nationalinteresse”, dann ist das eine beeindruckende Ehrlichkeit, die man sich von deutschen Politikern nur wünschen kann.

PROFILE - Asaad al-Shaibani: Syria's foreign minister in a critical stage

Es ist geradezu ironisch, wenn Shaibani in seinen Statements die gemeinsame Bekämpfung des Terrorismus lobt – und dabei geflissentlich ignoriert, dass in den syrischen Regierungsstrukturen heute Kräfte sitzen, die historisch höchst fragwürdige Verbindungen aufweisen. Doch die bittere Pille müssen wir schlucken. Die deutsche Diplomatie lässt sich hier nach Strich und Faden vorführen. Die syrische Flagge wird hochgehalten, die Interessen von Damaskus werden durchgesetzt, und der deutsche Steuerzahler darf am Ende die Rechnung für den “gegenseitigen Respekt” begleichen.

Dieses Treffen war kein diplomatischer Durchbruch, es war ein historisches Desaster. Es war ein lauter Schlag ins Gesicht für alle Bürger, die jeden Tag hart arbeiten und zusehen müssen, wie ihre Regierung die nationalen Interessen leichtfertig auf dem Altar der internationalen Harmonie opfert. Solange wir Politiker in Amt und Würden haben, die sich auf dem internationalen Parkett derart naiv abkochen lassen, wird sich an der dramatischen Lage unseres Landes nichts ändern. Die Bürger haben dieses unwürdige Pokerspiel längst durchschaut – es bleibt nur zu hoffen, dass auch die Verantwortlichen in Berlin endlich aufwachen, bevor der letzte Rest politischer Glaubwürdigkeit vollends verspielt ist.