Es ist der Morgen nach der Wahl, und über dem sonst so beschaulichen und wirtschaftsstarken Baden-Württemberg liegt ein dunkler Schatten. Was viele Kritiker und Branchenkenner seit Jahren hinter vorgehaltener Hand prognostiziert haben, tritt nun mit unerbittlicher Härte ans Tageslicht: Das Land erlebt ein wirtschaftliches Erwachen, das schmerzhafter und folgenschwerer kaum sein könnte. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste, und dieses Mal sprechen wir nicht von den üblichen, zyklischen Schwankungen des Marktes. Wir sprechen nicht von einzelnen, isolierten Insolvenzen kleinerer Betriebe, die sich verkalkuliert haben. Nein, die Dimensionen, um die es hier geht, sind von einer ganz anderen, geradezu historischen Tragweite. Es wird jetzt richtig ernst für den einst so stolzen Wirtschaftsstandort Deutschland, denn das, was sich aktuell am Horizont abzeichnet, ist weit mehr als nur eine vorübergehende, kurzfristige Krise. Es geht um den massiven, unwiderruflichen Verlust von industriellen Kernkompetenzen und Arbeitsplätzen – es geht um den systematischen Exodus unserer wichtigsten Leitindustrie.

Im Zentrum dieses wirtschaftlichen Bebens steht die deutsche Automobilindustrie, das unangefochtene Rückgrat unseres Wohlstandes. Über Jahrzehnte hinweg war das Siegel „Made in Germany“ ein weltweites Garantieversprechen für höchste Ingenieurskunst, Zuverlässigkeit und technologische Spitzenleistung. Nirgendwo war dieser Stolz so greifbar wie in Baden-Württemberg, der Heimat der Premium-Hersteller. Doch genau diese großen, deutschen Automobilgiganten beginnen nun zunehmend und in einem atemberaubenden Tempo, ihre wertvolle Produktion nach Osteuropa zu verlagern. Diese Entwicklung ist so massiv, dass man sie selbst mit bestem Willen und den schönsten politischen Floskeln nicht mehr schönreden kann.

Renommierte Wirtschaftsexperten schlagen bereits lautstark Alarm und bezeichnen diesen schleichenden Prozess völlig zu Recht als eine regelrechte Katastrophe für den Standort Deutschland. Und seien wir ehrlich: Genau so fühlt es sich für die hart arbeitenden Menschen in den Fabrikhallen, in den Zuliefererbetrieben und in den Planungsbüros auch an. Ein besonders brisantes und überaus deutliches Beispiel für diese fatale Entwicklung liefert derzeit Ungarn. Dort, in der Stadt Kecskemét, verdoppelt der Stuttgarter Autobauer Mercedes in diesem Jahr seine Produktionskapazitäten von bisher 200.000 auf gigantische 400.000 Fahrzeuge. Das ist kein kleines, strategisches Signal für den osteuropäischen Markt. Es ist ein unmissverständliches, klares Zeichen gegen den Standort Deutschland. Es ist eine Abstimmung mit den Füßen, beziehungsweise mit dem Kapital der Konzerne.

Dieses gigantische Investment im Ausland passt erschreckend nahtlos in das Bild, das sich in den vergangenen Monaten immer klarer abzeichnet. Immer mehr Unternehmen, vornehmlich aus dem industriell geprägten Süddeutschland und ganz explizit aus Baden-Württemberg, kehren ihrer Heimat den Rücken. Der Grund dafür wird in den Chefetagen meist höflich, aber bestimmt mit den sogenannten „Standortfaktoren“ umschrieben. Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter diesem sterilen, bürokratischen Begriff? Standortfaktoren, das sind die Rahmenbedingungen, unter denen ein Unternehmen wirtschaften, produzieren und Arbeitsplätze sichern kann. Dazu gehören Steuern, Lohnnebenkosten, Energiekosten, bürokratische Hürden, die Verfügbarkeit von Fachkräften und nicht zuletzt die Verlässlichkeit und wirtschaftsfreundlichkeit der politischen Entscheidungen.

Und genau hier müssen wir die entscheidende Frage stellen, die in der öffentlichen Debatte allzu oft verschwiegen oder verwässert wird: Wer beeinflusst denn diese essenziellen Standortfaktoren? Wer schafft die Rahmenbedingungen, die Unternehmen entweder anlocken oder eben massenhaft in die Flucht treiben? Die Antwort ist so einfach wie schmerzhaft: Es ist die Politik. Sie spielt die alles entscheidende Rolle. Und in Baden-Württemberg regieren nun einmal seit vielen Jahren die Grünen. Egal ob unter der Führung von Winfried Kretschmann oder in immer wieder wechselnden Koalitionskonstellationen – die politische Richtung, die ideologischen Prioritäten und die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen sind seit über einem Jahrzehnt völlig klar und eindeutig definiert.

Es wurde systematisch eine Politik etabliert, die den Fokus auf ökologische Transformation, strenge Regulierungen und moralische Vorgaben legt, während die nackten, harten Bedürfnisse der produzierenden Industrie immer weiter ins Abseits gedrängt wurden. Höchste Energiepreise, gepaart mit einem ideologisch getriebenen Ausstieg aus verlässlichen Energiequellen, extrem hohe Steuerbelastungen und eine Bürokratie, die selbst mittelständische Weltmarktführer an den Rand der Verzweiflung treibt, sind die hausgemachten Resultate dieser Regierungsjahre.

Und genau an diesem Punkt beginnt für den rational denkenden Beobachter das eigentliche, fast schon schizophrene Problem. Auf der einen Seite klagen die Menschen – völlig zu Recht – über Arbeitsplatzverluste, über drohende Insolvenzen und den stetig wachsenden wirtschaftlichen Druck, der auf ihren Familien lastet. Die Angst vor dem sozialen Abstieg greift tief in der Mittelschicht um sich. Doch auf der anderen, völlig paradoxen Seite, haben genau diese Menschen an der Wahlurne gesprochen. Fast ein Drittel der Wähler hat jene politische Richtung, die für diese katastrophalen Standortfaktoren maßgeblich verantwortlich ist, mit ihrer Stimme erneut unterstützt und legitimiert.

Das ist keine abstrakte politische Theorie aus dem Lehrbuch, das ist die bittere, gelebte Realität in Deutschland. Eine Realität, die jetzt, nach dem Auszählen der Stimmen, Schritt für Schritt, Tag für Tag für jeden einzelnen Bürger spürbar wird. Wenn die Bänder in Stuttgart, Sindelfingen oder Rastatt stillstehen oder gedrosselt werden, während in Kecskemét die Sektkorken knallen, dann ist das die direkte Quittung für jahrelange politische Fehlentscheidungen und eine Wählerschaft, die offensichtlich den Bezug zur Grundlage ihres eigenen Wohlstandes verloren hat. Es ist ein historisches Paradoxon: Die Menschen wählen jene Kräfte, die die Basis ihres Lebensstandards systematisch demontieren.

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Doch wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Das, was wir heute sehen, ist erst der absolute Anfang. Es ist lediglich die Spitze eines gigantischen wirtschaftlichen Eisbergs. Die wirklichen, tiefgreifenden Auswirkungen dieser industriellen Fluchtbewegung werden wir in ihrer vollen Zerstörungskraft wahrscheinlich erst in den kommenden drei bis fünf Jahren vollständig zu spüren bekommen. Wenn die großen Konzerne erst einmal weg sind, folgen unweigerlich die unzähligen mittelständischen Zulieferer, die Dienstleister und das lokale Handwerk, das von den Aufträgen der Industrie abhängig ist. Es droht ein Dominoeffekt, der ganze Regionen, die heute noch in Wohlstand baden, in strukturschwache Krisengebiete verwandeln könnte.

Die entscheidende Frage, die über die Zukunft unseres Landes entscheiden wird, lautet daher: Wie wird sich diese gesellschaftliche und politische Dynamik weiterentwickeln? Wird die blinde Unterstützung für eine Politik, die Ideologie über wirtschaftliche Vernunft stellt, weiterhin so stark und unerschütterlich bleiben? Oder beginnt jetzt, angesichts der nackten, existenzbedrohenden Realität der Werksschließungen und Verlagerungen, endlich ein langsames, aber dringend notwendiges Umdenken in der Bevölkerung?

Der Weckruf ist laut genug. Die Verlagerung von 200.000 Mercedes-Fahrzeugen nach Ungarn ist ein Paukenschlag, den niemand mehr überhören darf. Es ist höchste Zeit, dass die Politik aus ihrem ideologischen Elfenbeinturm herabsteigt und die Realität der globalen Wirtschaftsmärkte anerkennt. Und es ist ebenso an der Zeit, dass die Bürger verstehen, dass der Wohlstand, den wir so selbstverständlich konsumieren, erst einmal hart erarbeitet werden muss – an Standorten, die den Unternehmen auch das Atmen erlauben. Wenn dieses Umdenken nicht bald geschieht, wird der stille Exodus der Industrie das laute Ende des deutschen Wirtschaftswunders besiegeln.