Es sind Nachrichten, die man eher in dystopischen Science-Fiction-Romanen wie George Orwells “1984” oder in den Geschichtsbüchern über autoritäre Regime vermuten würde, aber nicht im Herzen eines modernen, demokratischen Europas. Was sich derzeit in Österreich abspielt, schlägt hohe Wellen und ruft bei Verfechtern von Meinungsfreiheit und Bürgerrechten blankes Entsetzen hervor. Unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit und der Spionageabwehr wird ein Gesetzesentwurf vorangetrieben, der das Potenzial hat, die kritische Öffentlichkeit, den investigativen Journalismus und die freie Meinungsäußerung massiv und nachhaltig zu beschädigen. Es geht um nichts Geringeres als die drohende Kriminalisierung von unbequemer Kritik an staatlichen Institutionen und der Europäischen Union. Wer die aktuellen Entwicklungen genauer betrachtet, dem muss ein eiskalter Schauer über den Rücken laufen.

Der Kern dieses brisanten Vorstoßes ist die geplante Ausweitung des bestehenden Spionageparagrafen. Bisher war die Sachlage relativ klar definiert: Wer als Agent für einen ausländischen Geheimdienst tätig wird, Staatsgeheimnisse verrät und damit seinem Land einen konkreten, nachweisbaren Schaden zufügt, begeht Hochverrat und wird entsprechend hart bestraft. Daran gibt es in einem Rechtsstaat absolut nichts auszusetzen. Doch die österreichische Regierung unter Beteiligung der Justizministerin Anna Sporrer (ÖVP) plant nun einen fatalen Paradigmenwechsel, der die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit gefährlich verschwimmen lässt. Künftig soll nicht mehr zwingend ein tatsächlicher, materieller oder sicherheitsrelevanter Schaden eingetreten sein, um strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten. Es soll bereits die bloße Möglichkeit ausreichen, dass durch eine Handlung das Ansehen oder andere Interessen der Republik Österreich oder von Einrichtungen der Europäischen Union (wie etwa auch die UNO oder die OPEC) geschädigt werden könnten. Die Strafmaße, die hierfür im Raum stehen, sind drastisch: Sechs Monate bis zu unfassbaren fünf Jahren Haft.

Diese schwammige Formulierung von der “Gefährdung des Ansehens” ist ein juristischer Gummiparagraf par excellence. Er öffnet staatlicher Willkür und der Unterdrückung von Dissidenten Tür und Tor. Man fühlt sich unweigerlich an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte erinnert, insbesondere an den DDR-Paragrafen der “staatsfeindlichen Hetze”. Damals wie heute dient eine derart unscharfe Gesetzgebung dazu, jeden, der sich in irgendeiner Form kritisch äußert oder nicht der offiziellen Regierungslinie folgt, potenziell ins Visier der Justiz zu nehmen. Die Tragweite dieser geplanten Änderung ist immens und betrifft nicht nur klassische Spione aus dem Kalten Krieg, sondern richtet sich als scharfes Schwert direkt gegen die eigene Bevölkerung: gegen kritische Journalisten, YouTuber, Blogger, Aktivisten und im Grunde gegen jeden Bürger, der auf sozialen Netzwerken seinen Unmut über politische Missstände äußert.

Spielen wir ein absolut realistisches Szenario durch, um die Absurdität und die immense Gefahr dieses Gesetzesentwurfs greifbar zu machen. Angenommen, engagierte Investigativ-Journalisten decken einen massiven, weitreichenden Korruptionsskandal auf. Ein Skandal, der bis in die höchsten Regierungskreise in Wien oder gar bis in die elitären Flure der EU-Institutionen in Brüssel reicht. Steuergelder in Millionenhöhe wurden veruntreut, Politiker haben sich bestechen lassen, Vetternwirtschaft und Amtsmissbrauch stehen schonungslos im Raum. Die Journalisten recherchieren sauber, legen die Fakten auf den Tisch und publizieren ihre Ergebnisse. Die Berichterstattung schlägt ein wie eine Bombe. Die Bürger sind zu Recht empört, äußern ihre Wut in den sozialen Medien, demonstrieren, und die Umfragewerte der betroffenen Regierungsparteien stürzen völlig ins Bodenlose ab. In diesem Moment ist faktisch und zweifellos eines passiert: Das “Ansehen” der Regierung und der involvierten EU-Organe wurde massiv geschädigt.

Kritische Journalisten verlassen das Land - Reporter ohne Grenzen

Nach der Logik des neuen österreichischen Gesetzesentwurfs könnten nun genau jene Journalisten, die diese Wahrheit ans Licht gebracht haben, ins Fadenkreuz der Ermittler geraten. Denn ihre Handlung – die Veröffentlichung der verifizierten Fakten – war “geeignet”, das Ansehen der Republik oder der EU zu beeinträchtigen. Die Wahrheit selbst wird zur Gefahr für das Ansehen der Machtelite erklärt und damit potenziell strafbar. Der Journalist hat nichts Falsches berichtet, er hat nicht für fremde Mächte spioniert, er hat lediglich seinen Job gemacht und die Verfehlungen derer aufgedeckt, die eigentlich dem Volk dienen sollten. Doch das neue Gesetz liefert der ertappten Politik ein perfektes Werkzeug, um den Überbringer der schlechten Nachricht abzustrafen, anstatt die eigenen Fehler zu korrigieren.

Ein weiterer, zutiefst beunruhigender Aspekt ist die geplante Strafbarkeit der sogenannten “Agentenrekrutierung”, die von Kritikern massiv bemängelt wird. Im Extremfall, so warnen Rechtsexperten, könnten bereits simple Kontakte über soziale Netzwerke unter diesen Verdacht fallen, sofern die Behörden einen ausländischen Einfluss auch nur “vermuten”. Diese Beweislastumkehr durch bloße Vermutungen ist ein toxisches Gift für jede offene Gesellschaft. Die Vorwürfe, kritische Stimmen seien lediglich bezahlte Marionetten ausländischer Mächte (insbesondere Russlands), sind ein beliebtes und perfides Instrument der politischen Auseinandersetzung geworden. Selbst hochrangige deutsche Politiker wie Robert Habeck bedienten sich im Wahlkampf solcher unbelegten Behauptungen gegenüber politischen Mitbewerbern wie der AfD oder dem BSW – Aussagen, die Habeck später teils per Unterlassungserklärung zurücknehmen musste. Wenn solche haltlose politische Rhetorik jedoch auf ein Gesetz trifft, das bereits bei der “Vermutung” eines ausländischen Einflusses und einer “möglichen Ansehensschädigung” Ermittlungen zulässt, dann droht eine regelrechte Hexenjagd auf Andersdenkende.

Das primäre Ziel dieses Vorgehens ist offensichtlich: Einschüchterung und die Etablierung einer vorauseilenden Selbstzensur. Wenn Menschen – seien es professionelle Medienschaffende oder normale Bürger – fürchten müssen, wegen eines kritischen Videos, eines scharfen Artikels oder eines unliebsamen Kommentars Kriminalisiert zu werden, in ein jahrelanges Gerichtsverfahren verwickelt zu werden, ihren Job zu verlieren oder sozial geächtet zu werden, dann werden sie verstummen. Sie werden ihre Worte sorgfältiger abwägen, Brisantes lieber verschweigen und sich in vorauseilendem Gehorsam dem politisch gewünschten Mainstream anpassen, um nicht auf irgendeiner Sanktionsliste zu landen. Genau dies ist der Todestag einer lebendigen, wehrhaften Demokratie, die vom offenen Diskurs und der schonungslosen Kontrolle der Mächtigen lebt.

Justizministerin Anna Sporrer: „Das Verbot ist eine Überschrift“

Auch für die Bundesrepublik Deutschland ist dieser Vorstoß im Nachbarland ein fatales und brandgefährliches Signal. Die Tendenzen, den Meinungsraum künstlich zu verengen, Kritiker zu stigmatisieren und staatliche Sanktionsmöglichkeiten gegen unliebsame Stimmen auszuweiten, sind auch hierzulande unübersehbar. Wenn Österreich mit diesem anti-demokratischen “Maulkorb-Paragrafen” durchkommt, besteht die akute Gefahr, dass sich andere Regierungen, die mit sinkenden Zustimmungsraten und wachsender Kritik kämpfen, diese Methode als Blaupause nehmen. Es ist ein perfider Trick, die eigenen Pfründe abzusichern: Man bekämpft nicht mehr die Ursachen des Unmuts, sondern schlichtweg diejenigen, die ihn äußern. Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft wachsam bleibt und sich mit aller Entschlossenheit gegen jeden Versuch wehrt, berechtigte Kritik unter dem fadenscheinigen Vorwand des “Ansehensschutzes” zu kriminalisieren. Die Freiheit des Wortes ist das höchste Gut – sie darf niemals der Bequemlichkeit der Herrschenden geopfert werden.