Es war ein brütend heißer Julitag im Jahr 1983 auf dem kleinen, beschaulichen Friedhof in Rottach-Egern am Tegernsee. Eine Szene, die bizarrer und tragischer kaum hätte sein können: Hunderte von Menschen drängten sich dicht an dicht. Sie waren aus München, aus Hamburg, aus Berlin und allen Teilen der Republik angereist. In ihrem blinden Drang, ihrem Idol noch ein letztes Mal nah zu sein, zertrampelten sie rücksichtslos die Gräber anderer Toter. Es war die Trauerfeier für einen Mann, den bis zu 30 Millionen Deutsche zu kennen glaubten. Sieben Jahre lang waren die Straßen der Republik jeden Freitagabend wie leer gefegt gewesen, wenn er auf den Bildschirmen erschien. In 97 Fällen hatte er ermittelt, Morde aufgeklärt und Täter überführt – und das, ohne ein einziges Mal eine Waffe zu ziehen. Seine Waffe war der Verstand, seine Methode die messerscharfe Schlussfolgerung, und das machte ihn für die Kriminellen weitaus gefährlicher als jede Pistole. Doch die bittere Ironie an diesem Trauertag am Tegernsee war: Fast niemand in der drängelnden Menge kannte den Mann, um den sie weinten. Sie trauerten um den „Kommissar“. Aber wer war Erik Ode wirklich?

Die Antwort auf diese Frage ist die Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang vor dem Scheinwerferlicht fliehen wollte und letztlich von seiner eigenen Berühmtheit verschlungen wurde. Ein Mann, der am Ende seines Lebens darum bat, dass seine Asche anonym dem Meer übergeben wird – ohne Grabstein, ohne Denkmal, ohne einen Ort, an dem Fans pilgern könnten. Sein langjähriger Schauspielkollege Reinhard Glemnitz, der in allen 97 Folgen an seiner Seite stand, brachte es später treffend auf den Punkt: Erik Ode war einer der „anonymsten Superstars, die das deutsche Fernsehen je hervorgebracht hat“. Der berühmteste unbekannte Mann des Landes.

Dabei wollte der junge Erik, dessen bürgerlicher Name Fritz Erik Sign Odemar lautete, ursprünglich niemals Schauspieler werden. Ein bemerkenswerter Widerstand für einen Jungen, der tief in eine traditionsreiche Theater- und Filmfamilie hineingeboren wurde. Sein Vater, Fritz Odemar, war ein gefeierter Charakterdarsteller der UFA, der unter anderem 1931 in Fritz Langs unsterflichem Meisterwerk „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ an der Seite von Peter Lorre brillierte. Auch seine Mutter, Erika Nümgau, war eine erfolgreiche Bühnenschauspielerin. Doch Erik träumte davon, hinter der Kamera zu stehen. Er wollte Kameramann werden, das Geschehen durch die Linse einfangen, anstatt selbst das Motiv zu sein. Zwar stand er schon mit 12 Jahren plötzlich vor der Kamera – als Jesusknabe in Robert Wienes Stummfilm „INRI“ neben Legenden wie Asta Nielsen –, doch danach suchte er hartnäckig seinen eigenen Weg. Er absolvierte eine Lehre in einer fotochemischen Anstalt und arbeitete als Assistent renommierter Kameramänner. Erst 1928, als das Schicksal unnachgiebig anklopfte, gab er nach. Eine Bühnenrolle am Berliner Theater am Schiffbauerdamm veränderte alles, und plötzlich war er Schauspieler. Ob er wollte oder nicht.

Was viele heute nicht mehr wissen und was Odes unglaubliche Vielseitigkeit beweist: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zur deutschen Stimme Hollywoods. Er synchronisierte nicht nur Ikonen wie Cary Grant, Frank Sinatra und Fred Astaire, sondern lieh auch Gene Kelly in dem legendären Musical „Singin’ in the Rain“ („Du sollst mein Glücksstern sein“) seine Stimme. Und das nicht nur beim Sprechen – Erik Ode sang die anspruchsvollen Passagen von Gene Kelly in der deutschen Fassung selbst! Der Mann, der später als wortkarger Kriminalbeamter in die Fernsehgeschichte eingehen sollte, war ein begnadeter Sänger und Tänzer.

Die Rolle seines Lebens ließ jedoch noch lange auf sich warten. Ode hatte sich eigentlich schon wieder hinter die Kamera zurückgezogen, führte Regie bei Schlagerfilmen und genoss das Leben fernab des Rampenlichts. Er war fast 60 Jahre alt und hatte mit der aktiven Schauspielerei innerlich abgeschlossen, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung war Helmut Ringelmann, Produzent einer neuen Krimiserie für das ZDF. Es war das Jahr 1969. Die Gesellschaft befand sich im radikalen Umbruch. Studenten gingen auf die Barrikaden, Martin Luther King war erst wenige Monate zuvor ermordet worden, die Welt schien aus den Fugen zu geraten. Inmitten dieser stürmischen Zeiten schuf das Fernsehen einen Gegenpol: Kommissar Keller. Ein Mann mit schütterem Haar, leichtem Bauchansatz, stoischer Ruhe und der obligatorischen Zigarette in der Hand. Er verkörperte Besonnenheit, Ordnung und Verlässlichkeit. Das Publikum hungerte genau nach dieser Stabilität, und der Erfolg war schlichtweg beispiellos. Die Einschaltquoten schossen auf bis zu 70 Prozent.

Interview mit Erik Ode

Doch mit dem kometenhaften Aufstieg begann auch Odes persönliches Drama. Die Grenzen zwischen dem Menschen Erik Ode und der Kunstfigur Kommissar Keller lösten sich in der öffentlichen Wahrnehmung komplett auf. Wildfremde Damen sprachen ihn auf der Straße an und baten ihn, gestohlene Handtaschen wiederzufinden. Als ihm und seiner Frau im Tirol-Urlaub wertvoller Schmuck aus dem Hotelzimmer entwendet wurde, begrüßte ihn die eintreffende Polizei mit den Worten, man werde sich „doppelt bemühen, da Sie ja ein Kollege von uns sind“. Erik Ode war kein Kollege. Er war ein feingeistiger Schauspieler, und diese ständige Gleichsetzung trieb ihn in die Verzweiflung. „Ich bin nicht der Kommissar, ich spiele den Kommissar“, betonte er 1975 unermüdlich. Für die Masse war es nur Wortklauberei, für ihn ging es um seine Existenz als Künstler.

Hinter den Kulissen führte er jahrelang einen zermürbenden Kampf mit dem Drehbuchautor Herbert Reinecker. Ode forderte mehr Leichtigkeit, mehr Humor, wollte ausbrechen aus der tierisch ernsten Schablone der väterlichen Autorität. Ohne Erfolg. Er blieb im goldenen Käfig gefangen, der nicht einmal finanziell vergoldet war. Rund 10.000 D-Mark erhielt er pro Folge – eine „Beamtengage“, wie er es bitter nannte. Während die Serie international bis nach Venezuela, Schweden und in die Niederlande verkauft wurde, sah Ode keinen Pfennig aus Wiederholungen oder Auslandserlösen. Er war der bekannteste Schauspieler Deutschlands, verdiente jedoch weniger als mancher unbekannte Theaterschauspieler.

In seiner wachsenden Frustration griff er 1972 zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Er schrieb ein Buch. 440 Seiten stark, unter dem Titel „Der Kommissar und ich“. Es war ein verzweifelter intellektueller Befreiungsschlag, ein Buch, geschrieben, um zu beweisen, dass er mehr war als der Mann im Fernsehen. Doch das Publikum verstand die Botschaft nicht. Als die Serie 1976 endete, war Ode endgültig gebrandmarkt. Er bekam kaum noch andere Rollen im Fernsehen angeboten. Man sah in ihm nur noch den Kriminalbeamten im Ruhestand. Er floh zurück auf die Theaterbühnen, spielte in „Tod eines Handlungsreisenden“ und bewies sein schauspielerisches Facettenreichtum, doch das breite Publikum wollte davon nichts wissen.

Privat lebte Erik Ode ein völlig anderes Leben, als es seine ruhige TV-Persona vermuten ließ. Er war ein leidenschaftlicher, manchmal jähzorniger Mann, der Ungerechtigkeiten zutiefst verabscheute. Seine größte Stütze war seine Frau Hilde Volk, mit der er 41 Jahre lang glücklich verheiratet war. Auch sie war Schauspielerin. Ihr Gesicht kannte kaum jemand, doch ihre Stimme prägte Millionen von Kindheiten – sie sprach Rollen in Kult-Hörspielen wie „Bibi Blocksberg“ und „Benjamin Blümchen“. Beide lebten für die Kunst, ihre Ehe blieb kinderlos. Die Ironie ist fast greifbar: Der Mann, der für zigtausende Deutsche die absolute Vaterfigur verkörperte und seine Fernseh-Assistenten wie Söhne behandelte, hatte selbst keine Kinder.

Vor 50 Jahren startete «Der Kommissar»

Der unermüdliche Stress und der ständige Konsum von 20 Zigaretten am Tag – auf dem Bildschirm wie im echten Leben – forderten schließlich ihren brutalen Tribut. 1982 erlitt Ode auf einer Münchener Theaterbühne einen schweren Schwächeanfall und brach vor Publikum zusammen. Er zog sich radikal aus der Öffentlichkeit zurück. Als sein Zustand kritisch wurde und er ins Krankenhaus musste, ließ er sich unter falschem Namen einliefern. Er wollte in Ruhe sterben, ohne Blitzlichtgewitter, ohne die erdrückende Liebe seiner Fans. Am 19. Juli 1983 versagte sein Herz-Kreislauf-System. Er wurde 72 Jahre alt.

Doch selbst im Tod bewies Erik Ode, wer er wirklich war. In seinem Testament vererbte dieser kinderlose Vater der Nation einen beträchtlichen Teil seines Vermögens, einschließlich der noch laufenden Tantiemen, den SOS-Kinderdörfern. Er sorgte für Kinder, die ihn nie gekannt hatten. Und er bestand auf einer Seebestattung. Er wollte verhindern, was am Tag seiner Trauerfeier dennoch geschah: dass die Massen ihn nicht als Mensch, sondern als TV-Idol vereinnahmen. Heute erinnert uns seine Lebensgeschichte daran, wie trügerisch Ruhm sein kann. Erik Ode war Sänger, Regisseur, Synchronsprecher und Theatermann. Er war so unendlich viel mehr als der Kommissar – wir müssen nur endlich anfangen, richtig hinzusehen.