Es war ein Amtsantritt, der mit gigantischen, fast schon utopischen Erwartungen beladen war. Als Friedrich Merz das Ruder im Kanzleramt übernahm, atmeten weite Teile der Bevölkerung und insbesondere die deutsche Wirtschaft erleichtert auf. Nach den chaotischen, oft zerstrittenen und von den Bürgern zunehmend als desaströs empfundenen Jahren der Ampel-Koalition sollte nun endlich wieder Professionalität, Stabilität und ein klarer Kurs in die Regierungspolitik einkehren. Die unausgesprochene, aber allgegenwärtige Prämisse lautete: Wir machen vielleicht nicht alles fundamental anders, aber wir machen es definitiv besser. Der wirtschaftliche Motor sollte wieder auf Hochtouren laufen, die bürokratischen Fesseln gesprengt und die massiven finanziellen Belastungen für die arbeitende Mitte spürbar gesenkt werden. Doch die bittere, eiskalte Realität im Jahr 2026 zeichnet ein völlig anderes, geradezu erschreckendes Bild. Die neuen Umfragewerte schlagen ein wie ein politischer Meteorit und hinterlassen eine kraterähnliche Spur der Verwüstung in der Berliner Republik: Die aktuelle Schwarz-Rote Koalition ist beim Wähler tatsächlich noch unbeliebter als es die viel gescholtene Ampel-Regierung jemals war. Wie konnte es zu diesem beispiellosen Absturz eines einstigen Hoffnungsträgers kommen?

Die Antwort auf diese drängende Frage liegt nicht in einem einzigen, isolierten Fehltritt, sondern in einer systematischen, schmerzhaften Aneinanderreihung von Inkompetenz, fatalen Kommunikationsdesastern und einer Politik, die völlig an der Lebensrealität der Bürger vorbeigeht. Der angesehene Experte für politische Kommunikation, Bendix Ander, der die Vorgänge im Berliner Politikbetrieb seit Jahren messerscharf analysiert, legt in einer schonungslosen Live-Abrechnung den Finger genau dorthin, wo es am meisten wehtut. Die Menschen im Land haben nicht im Geringsten das Gefühl, dass es aufwärts geht. Die versprochene wirtschaftliche Befreiung ist ausgeblieben, das Leben wird nicht einfacher und erst recht nicht günstiger. Im Gegenteil: Die gesellschaftlichen und finanziellen Herausforderungen werden immer komplexer und erdrückender. Was von der Regierung großspurig als „Entlastung“ verkauft wird, entpuppt sich beim genauen Blick auf den Kontoauszug als brutale, neue Belastung für den normalen Steuerzahler. Es ist ein Etikettenschwindel sondergleichen, der das Vertrauen in die staatlichen Institutionen nachhaltig zerstört.

Im Epizentrum dieses politischen Bebens steht der Bundeskanzler selbst. Friedrich Merz, der Mann, der jahrelang von der Oppositionsbank aus mit scharfer Zunge und spitzen Pfeilen gegen Olaf Scholz und Angela Merkel schoss, muss nun feststellen, dass das Regieren eine völlig andere Disziplin ist als das Kritisieren. Ein zentrales Problem, so der Experte Ander, liegt in Merz’ einzigartiger politischer Biografie. Anders als praktisch alle Kanzlerinnen und Kanzler vor ihm – sei es eine Angela Merkel, ein Gerhard Schröder oder ein Helmut Kohl – hat Friedrich Merz zuvor niemals ein Ministeramt bekleidet oder als Ministerpräsident die operative Verantwortung für ein Bundesland getragen. Er war ein parlamentarischer Freigeist, ein Fraktionsvorsitzender, der pointiert austeilen konnte, ohne je die direkten, exekutiven Konsequenzen seines Handelns spüren zu müssen. Ihm fehlt das tief verinnerlichte Sensorium dafür, dass das gesprochene Wort eines Bundeskanzlers eine massive, oft unwiderrufliche Wirkungskraft entfaltet. Er hat schlichtweg nie gelernt, für die Art und Weise, wie er sich ausdrückt, die volle und ungeteilte exekutive Verantwortung zu übernehmen.

Dieses eklatante Defizit offenbarte sich auf spektakuläre und peinliche Weise bei seinem jüngsten Vorstoß in der Migrationspolitik. Am Anfang der Woche stellte Merz sich hin und verkündete mit der Brustton der Überzeugung, dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer in ihr Heimatland zurückkehren müssten. Es war eine Aussage, die sofort die Nachrichtenzyklen dominierte und eine hitzige, gesellschaftliche Debatte entfachte. Doch das eigentliche Desaster folgte auf dem Fuß: Nur einen Tag später ruderte der Kanzler auf geradezu klägliche Weise zurück. Die Aussage wurde relativiert, in Watte gepackt und bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht. Es entstand eine bizarre öffentliche Verwirrung darüber, wer was überhaupt gefordert hatte – war es der Kanzler selbst oder berief er sich lediglich auf den syrischen Übergangspräsidenten? Ein Regierungschef, der von heute auf morgen seine zentralen Aussagen kassiert, wirkt nicht wie ein souveräner Steuermann in stürmischer See, sondern wie ein Getriebener, dem der Kompass völlig abhandengekommen ist. Merz glaubt fälschlicherweise immer noch, er genieße eine gewisse Schonzeit, gestützt durch denkbar knappe Wahlerfolge in Bundesländern wie Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg. Doch die Geduld der Bürger ist längst aufgebraucht. Die Schonzeit ist unwiderruflich vorbei.

Merzsplaining: the chancellor's overconfidence is unpopular in Germany. But  could it be what Europe needs? | Joseph de Weck | The Guardian

Doch das Trauerspiel dieser Regierung beschränkt sich keineswegs nur auf die Kanzlerpartei CDU. Auf der anderen Seite des Kabinettstisches spielt sich ein nicht minder tragisches Drama ab. Die SPD, die als sozialer Anker dieser Koalition dienen sollte, befindet sich im freien Fall und taumelt völlig orientierungslos durch die politische Landschaft. Die Umfragewerte sind katastrophal, das Profil der einstigen Volkspartei ist bis zur Unkenntlichkeit verwaschen. Im Fokus der massiven Kritik steht das Führungsduo, bestehend aus Bärbel Bas und Lars Klingbeil. Das Urteil über ihre Performance fällt in den Augen der Öffentlichkeit und der politischen Analysten vernichtend aus. Doch anstatt aus dem anhaltenden Sinkflug die notwendigen personellen Konsequenzen zu ziehen, klammern sich beide geradezu verzweifelt an ihre hochdotierten Stühle, als gäbe es kein Morgen.

Es offenbart sich eine tief sitzende, beunruhigende Machtarroganz innerhalb der Sozialdemokratie. Die Chefs stellen sich demonstrativ hin und erklären lakonisch: „Wenn jemand in der Partei die Debatte über unsere Führung eröffnet, dann sind wir bereit, darüber zu reden.“ Da jedoch in der eingeschüchterten oder desillusionierten Partei niemand den Mut aufbringt, diesen notwendigen Aufstand öffentlich zu proben, sehen Bas und Klingbeil keinerlei Anlass, den Weg für einen dringend benötigten Neuanfang freizumachen. Sie verwalten den Mangel und präsentieren der Öffentlichkeit „Reformvorschläge“, die im Kern nichts anderes sind als verdeckte finanzielle Belastungen für die ohnehin schon stark beanspruchte Mittelschicht. Der Kanzler wiederum greift nicht ein und lässt die SPD-Führung gewähren, vermutlich aus nackter politischer Berechnung: Würde er die Krise des Koalitionspartners aktiv befeuern, wäre seine ohnehin schon fragile Regierungsmehrheit endgültig Makulatur und er bekäme gar keine Gesetze mehr durch das Parlament.

Deutscher Bundestag - Bilddatenbank - Scholz, Olaf Reichstagsgebäude,  Plenarsaal

Was wir derzeit erleben, ist kein gewöhnliches politisches Tief, das jede Regierung einmal durchschreitet. Es ist das fundamentale Scheitern eines Bündnisses, das angetreten war, um das Land aus der Krise zu führen, und das stattdessen zu einem wesentlichen Teil des Problems geworden ist. Die fehlenden Wirtschaftsreformen, das grassierende Kommunikationschaos, die ungelösten Migrationsfragen und die völlige Ignoranz gegenüber den alltäglichen Sorgen der Menschen haben ein toxisches Klima der Frustration geschaffen. Die Politikwissenschaftler warnen eindringlich vor einer weiteren Radikalisierung an den Rändern, wenn die etablierten Parteien weiterhin derart grandios versagen. Friedrich Merz und seine Schwarz-Rote Koalition haben ein historisches Fenster der Möglichkeit leichtfertig verspielt. Wenn nicht bald eine radikale inhaltliche und personelle Kurskorrektur erfolgt, wird diese Regierung nicht nur als unbeliebter als die Ampel in die Geschichtsbücher eingehen, sondern als jene Koalition, die das letzte Quäntchen Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates vollends verspielt hat. Die Zeit der leeren Versprechungen ist endgültig vorbei – die Quittung wird der Wähler an der Urne präsentieren, und sie dürfte verheerender ausfallen, als es sich mancher in Berlin derzeit vorstellen kann.