Die Welt kennt die Riffs von „Back in Black“, „Highway to Hell“ und „Thunderstruck“. Sie kennt die Schuluniform von Angus Young und die Reibeisenstimme von Brian Johnson. Doch der Mann, der den Motor dieser gewaltigen Rock-Maschine über 40 Jahre lang am Laufen hielt, blieb meist im Hintergrund. Malcolm Young war nicht der Frontmann, er spielte keine ausufernden Soli, und doch war er die Seele, der Taktgeber und der wahre Architekt von AC/DC. Sein Ende jedoch war die Antithese zum donnernden Sound der Band: Es war leise, langsam und zutiefst herzzerreißend.
Geboren 1953 im schottischen Glasgow, wuchs Malcolm in ärmlichen Verhältnissen auf, bevor die Familie 1963 nach Australien auswanderte. Diese Arbeitermentalität – Disziplin, Härte und kompromisslose Loyalität – sollte später das Fundament von AC/DC bilden. Gemeinsam mit seinem Bruder Angus gründete er 1973 die Band, deren Name von einer Nähmaschine stammte und für Hochspannung stand. Während Angus im Rampenlicht tobte, stand Malcolm stoisch an seinem Marshall-Verstärker und lieferte den Rhythmus, den Angus später als den „Maschinenraum“ bezeichnete. Malcolm suchte nie den Ruhm; für ihn war Rock ’n’ Roll ein Handwerk, ein „9-to-5-Job“, den man mit absoluter Präzision auszuführen hatte.

Doch hinter der Fassade des unbesiegbaren Rhythmusgitarristen tobten Kämpfe, von denen die Öffentlichkeit lange nichts ahnte. In den 1980er Jahren kämpfte Malcolm gegen eine schwere Alkoholsucht, die seine Zuverlässigkeit bedrohte. Mit der ihm eigenen eisernen Disziplin zog er sich 1988 mitten in einer Welttournee zurück, begab sich in Entzug und kehrte nüchtern zurück – ein Zustand, den er bis zu seinem Lebensende beibehalten sollte. Doch Jahre später tauchte ein Feind auf, den er nicht mit bloßer Willenskraft besiegen konnte.
Während der Vorbereitungen zum Album „Black Ice“ (2008) bemerkte Angus die ersten beunruhigenden Zeichen. Sein Bruder, der Mann, der jede Note und jeden Übergang im Kopf hatte, vergaß plötzlich Akkordfolgen. Er hielt mitten im Song inne, wirkte desorientiert und verwirrt. Es war der Beginn eines grausamen kognitiven Abbaus. Trotz der Diagnose Demenz weigerte sich Malcolm, aufzugeben. Mit einer schier unmenschlichen Kraftanstrengung kämpfte er sich durch die gesamte „Black Ice World Tour“. Er musste Songs, die er selbst geschrieben und tausendfach gespielt hatte, jeden Tag neu lernen. Nacht für Nacht hielt er die Fassade aufrecht, während sein Gedächtnis ihm entglitt.
Nach der letzten Show 2010 in Bilbao zog er sich endgültig zurück. Die offizielle Bestätigung folgte erst 2014: Malcolm Young würde aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr zu AC/DC zurückkehren. Der Mann, der die klangliche Architektur der Band entworfen hatte, konnte sich nicht mehr an die Baupläne erinnern. Er verbrachte seine letzten Jahre im „Lulworth House“, einem Pflegeheim in Sydney. Dort verlor er nach und nach sein Kurzzeitgedächtnis. Schließlich erkannte er sogar seinen geliebten Bruder Angus nicht mehr.
Trotz der fortschreitenden Dunkelheit in seinem Geist blieb eine Verbindung bestehen: die Musik. Angus besuchte ihn regelmäßig und spielte ihm Platten von Chuck Berry oder Muddy Waters vor. In seltenen, kraftvollen Momenten kehrte der alte Malcolm zurück; er wippte mit dem Fuß oder lächelte. Musik war die letzte Sprache, die er verstand, als Worte längst keine Bedeutung mehr hatten.

Am 18. November 2017 verstarb Malcolm Young im Alter von nur 64 Jahren friedlich im Kreise seiner Familie. Sein Tod markierte das Ende einer Ära. Besonders tragisch: Nur vier Wochen zuvor war sein älterer Bruder und Mentor George Young verstorben. Die Rockwelt reagierte mit tiefer Erschütterung. Stars wie Slash, Dave Grohl und Tom Morello huldigten ihm als dem größten Rhythmusgitarristen der Geschichte. Bei seiner Trauerfeier in der St. Mary’s Cathedral in Sydney wurde seine ikonische rote Gretsch-Gitarre, genannt „The Beast“, mit in seinen Sarg gelegt – ein letztes Symbol für ein Leben, das voll und ganz dem Rhythmus gewidmet war.
Malcolm Young bekam nie die große Abschiedstournee, keine letzte Standing Ovation unter Stadionflutlicht. Er starb leise in einer Welt, die er nicht mehr verstand. Doch sein Erbe ist unsterblich. In jedem donnernden Riff, das heute noch durch die Stadien dieser Welt hallt, lebt sein Geist weiter. Er brauchte keine Scheinwerfer, um zu glänzen – er war das Feuer, das alles zum Leuchten brachte. AC/DC mag ohne ihn weitermachen, doch der Puls der Band wird für immer sein Herzschlag bleiben. Malcolm Young hat nie aufgehört zu spielen; seine Musik ist der Rhythmus der Ewigkeit.
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