Es gibt diese seltenen Symbole im Leben, die mehr über einen Menschen verraten als tausend gesprochene Worte. An seinem Finger trug der große Karlheinz Böhm bis zum Schluss keinen gewöhnlichen Ehering, obwohl er im Laufe seines bewegten Lebens stolze viermal vor den Traualtar trat. Stattdessen zierte seine Hand ein schlichter, dreimal gewundener Golddraht. Dieses bescheidene Schmuckstück stand für etwas viel Größeres als das private Liebesglück: Es stand für Äthiopien. Es war das sichtbare Zeichen seiner unverbrüchlichen Treue zu fünf Millionen Menschen, für die er unermüdlich Schulen baute, lebensrettende Brunnen grub und dringend benötigte Krankenstationen eröffnete. In den staubigen Straßen von Addis Abeba und in den entlegensten Dörfern des afrikanischen Landes nannten sie ihn ehrfürchtig und voller Liebe “Abo Karl” – Vater Karl. Als er am 29. Mai 2014 im österreichischen Grödig bei Salzburg für immer die Augen schloss, trauerte nicht nur Europa um einen berühmten Schauspieler, sondern ein ganzer Kontinent um einen humanitären Giganten. Es entbehrt nicht einer gewissen schmerzhaften Poesie, dass er am exakt selben Tag verstarb wie 32 Jahre zuvor Romy Schneider, seine unvergessliche Filmpartnerin aus der legendären Sissi-Trilogie.

Er hinterließ ein monumentales Lebenswerk, das die Welt nachhaltig veränderte. Doch er hinterließ auch sieben Kinder aus vier verschiedenen Ehen – und eine quälende Frage, die bis heute wie ein dunkler Schleier über seinem glänzenden Erbe liegt. Nur acht Monate nach seinem Tod detonierte in der europäischen Medienlandschaft eine emotionale Bombe. Seine älteste Tochter Sissy, hervorgegangen aus seiner allerersten Ehe, veröffentlichte ein Buch, an dem sie ganze drei Jahrzehnte lang im Verborgenen geschrieben hatte. Der vielsagende Titel lautete: “Im Schatten des Lichts”. In diesem Werk erhob sie schwerste, herzzerreißende Vorwürfe gegen ihren Vater, Vorwürfe, zu denen sich dieser nun nicht mehr äußern oder verteidigen konnte. Während seine letzte Ehefrau Almaz tapfer betonte, dass ihr Mann ein absolut wunderbarer Mensch gewesen sei, formulierte Sissy einen Satz, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: “Er konnte mir nie in die Augen schauen.” Wie konnte ein Mann, der in Afrika als der Inbegriff der väterlichen Fürsorge galt, im Kreise seiner eigenen Familie eine derart immense emotionale Kälte hinterlassen?

Um diesen gigantischen Widerspruch zu verstehen, muss man tief in die traumatische Vergangenheit von Karlheinz Böhm eintauchen. Er selbst hatte einmal in einem seltenen Moment der völligen Offenheit erklärt, was ihn sein Leben lang antrieb: Es war Wut. Eine rasende Wut über die menschenverachtende Diskrepanz zwischen Arm und Reich. Doch der wahre Ursprung dieser Wut lag viel näher und war viel persönlicher. Sein Vater war der legendäre Karl Böhm, einer der bedeutendsten und gefeiertsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Ein musikaikalisches Genie, aber auch ein Mann, der politisch fatale Kompromisse einging. Er war zwar kein Parteimitglied, doch er wurde von den Nationalsozialisten hochgeschätzt und profitierte massiv von deren Gunst. In dem gewaltigen, kalten Schatten dieses Patriarchen wuchs Karlheinz als Einzelkind auf. Eine unbeschwerte Kindheit gab es nicht. Die Familie zog rastlos von Stadt zu Stadt – Hamburg, Dresden, Wien – immer dorthin, wo der Vater gerade dirigierte. Zu Beginn des Krieges schoben die Eltern den Jungen mit einem gefälschten Attest in ein Schweizer Internat ab. Er verbrachte die schweren Kriegsjahre mutterseelenallein. Die Kälte des elterlichen Hauses gipfelte in einem erschütternden Vorfall in Graz: Als der junge Karlheinz einmal den Hausschlüssel vergaß und seine Eltern vor der Tür warten mussten, strafte ihn seine Mutter mit der eisigen Bemerkung, man werde ihm das nie verzeihen. In derselben Nacht versuchte sich der verzweifelte Teenager das Leben zu nehmen. Ein Hausmädchen fand ihn gerade noch rechtzeitig. Erst Jahrzehnte später, an seinem 80. Geburtstag, brach er sein Schweigen über dieses familiäre Trauma.

Die Flucht vor diesen inneren Dämonen führte ihn in die Schauspielerei, doch auch hier fand er nicht den ersehnten Frieden. Die Rolle des Kaiser Franz Joseph an der Seite von Romy Schneider machte ihn zwar in den 50er Jahren über Nacht zum umschwärmten Weltstar, doch das süße Märchenimage wurde für ihn rasch zur unerträglichen Zwangsjacke. Er versuchte verzweifelt, dieses Bild zu zerstören. In dem britischen Psychothriller “Peeping Tom” spielte er 1960 einen psychopathischen Serienmörder – eine Rolle, die der Regisseur ihm exakt deshalb gab, weil er wusste, dass Böhm die tiefe, zerschmetternde Erfahrung mit einem herrschsüchtigen Vater teilte. Später in den 70er Jahren suchte er bewusst die Zusammenarbeit mit dem Enfant terrible des deutschen Films, Rainer Werner Fassbinder, und glänzte als eiskalter Sadist in dem Werk “Martha”.

Karlheinz Böhm: Die Wut machte ihn zum Menschenfreund - Yahoo Nachrichten  Deutschland

Auch privat schien Böhm zeitlebens auf der Flucht zu sein. 1954 heiratete er Elisabeth Zonewa, die Mutter von Sissy. Die Ehe hielt nur drei Jahre. Nur zwölf Monate nach der Scheidung stand er mit Gudula Blau vor dem Traualtar, mit der er drei Kinder bekam. Auch diese Verbindung zerbrach nach nur vier Jahren. Mit der polnischen Schauspielerin Barbara Lass hielt es immerhin 17 Jahre, bevor auch diese Ehe scheiterte. Er war ein Mann, der immer weiterging, rastlos und zerrissen. Seine Tochter Christina erinnerte sich später schmerzlich daran, dass sie erst im Alter von 13 Jahren überhaupt einen echten Kontakt zu ihrem berühmten Vater aufbauen konnte. Er hinterließ bei seinen Frauen und Kindern oft nichts als emotionale verbrannte Erde.

Der absolute und unwiderrufliche Wendepunkt seines Lebens ereignete sich im Jahr 1981. Ein Kuraufenthalt in Kenia öffnete ihm brutal die Augen für die unvorstellbare Armut auf dem afrikanischen Kontinent. Der Anblick von Menschen, die vom blanken Hunger gezeichnet waren, entfachte jene alte Wut in ihm neu – aber diesmal gab er ihr einen hochgradig konstruktiven Sinn. Es folgte der legendärste Moment der deutschen Fernsehgeschichte: Am 16. Mai 1981 saß Böhm bei Frank Elstner in “Wetten, dass..?” und wettete, dass nicht einmal jeder dritte Zuschauer bereit wäre, eine Mark für die hungernden Menschen in der Sahelzone zu spenden. Er hoffte inständig, diese Wette zu verlieren. Obwohl er sie rein rechnerisch gewann, sammelte er unglaubliche 1,2 Millionen Mark. Im selben Jahr, in dem kurz nacheinander beide seiner Eltern starben, gründete er die Stiftung “Menschen für Menschen” und kehrte seinem bisherigen Leben rigoros den Rücken.

Er hängte die lukrative Schauspielerei komplett an den Nagel und widmete sich von nun an mit jeder Faser seines Körpers der humanitären Hilfe in Äthiopien. Dort traf er die junge Agrarexpertin Almaz Teshome, die er 1991 heiratete und mit der er zwei weitere Kinder bekam. Für die Notleidenden in Afrika war er der rettende Engel. Er siedelte Vertriebene um, baute Krankenhäuser und gab unzähligen Kindern durch Schulbildung eine Zukunft. Doch der Preis für dieses gewaltige Engagement war die fortwährende Vernachlässigung seiner europäischen Familie. Während er für afrikanische Waisenkinder zum “Vater Karl” wurde, verblasste er für seine leiblichen Töchter und Söhne zu einem abwesenden Phantom.

Wie tief die Wunden in seiner eigenen Familie reichten, offenbarte sich in ihrer ganzen Grausamkeit im Buch seiner Erstgeborenen Sissy. Sie beschreibt ein Leben, das vollständig in Trümmern lag. Fünf gescheiterte Ehen, verzweifelte Aufenthalte in der geschlossenen Psychiatrie und der tragische Freitod ihrer eigenen Mutter Elisabeth im Jahr 2011. Sissy bettelte zeitlebens um die Anerkennung und Liebe ihres Vaters, stieß jedoch nur auf eine Mauer des Schweigens und der Zurückweisung. Er habe sie abfällig als “larmoyant” bezeichnet, wenn sie ihre tiefe Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit äußerte. Der Vorwurf, er habe ihr nie in die Augen schauen können, ist die ultimative Anklage eines Kindes, das nie den Respekt des eigenen Erzeugers spüren durfte. Er wollte sich der schmerzhaften Geschichte seiner eigenen Familie schlichtweg nicht stellen, weil er vermutlich selbst zu tief traumatisiert war.

Sie braucht absolute Ruhe": Sissy Böhm aus dem Koma erwacht - ntv.de

Doch am Ende seines Lebens, als eine schwere Alzheimer-Erkrankung langsam seine glänzenden Erinnerungen auslöschte, gab es auch eine andere Wahrheit. Seine Tochter Christina schilderte einen letzten, tief berührenden Besuch an seinem Sterbebett. Der einst so unnahbare Patriarch nahm zärtlich ihre Hand, zog sie zu sich heran, während ihm eine Träne aus dem Auge kullerte, und flüsterte ihr mit letzter Kraft zu: “Vergiss nie, dass ich dich liebe.” Nur wenige Tage später verstarb er.

Das Leben des Karlheinz Böhm bleibt ein faszinierendes, aber zutiefst tragisches Mysterium. Es zeigt uns auf schmerzhafte Weise, dass Menschen keine eindimensionalen Helden sind. Ein Mann, der in der Lage ist, die Welt ein gigantisches Stück besser zu machen und Millionen vor dem sicheren Tod zu bewahren, kann gleichzeitig unfähig sein, die zerbrochene Seele seines eigenen Kindes zu heilen. Er trug den goldenen Draht für Äthiopien bis zu seinem letzten Atemzug – doch für Sissy gab es diesen Draht niemals. Es bleiben zwei Töchter, zwei völlig verschiedene Wahrheiten und das unsterbliche Vermächtnis eines Mannes, der vor sich selbst davonlief, um am Ende doch noch die Welt zu retten.