Es gab eine Zeit im Fernsehen, in der die amerikanische Sitcom-Welt von einer zuckersüßen, fast schon unrealistischen Perfektion geprägt war. Familien saßen in makellosen Wohnzimmern zusammen, lösten ihre kleinen Alltagsprobleme innerhalb von zwanzig Minuten mit liebevollen Umarmungen und moralischen Lektionen. Doch dann, im Jahr 1987, trat eine Familie auf die Bildfläche, die dieses heile Weltbild mit einem lauten Knall in tausend Stücke sprengte: Die Bundys. “Eine schrecklich nette Familie” (im Original “Married… with Children”) war nicht einfach nur eine weitere Fernsehserie, sie war eine kulturelle Revolution. Wer erinnert sich nicht an die Adresse 9764 Jeopardy Lane in Chicago? An das durchgesessene Sofa, auf dem sich die wohl dysfunktionalste Familie der Fernsehgeschichte tagtäglich beleidigte, manipulierte, aber auf eine ganz verdrehte Art und Weise doch zusammenhielt?

Wenn wir heute an Al Bundy denken, wie er mit der Hand in der Hose vor dem flimmernden Fernseher sitzt und von seinen glorreichen Tagen an der Polk High School träumt, an denen er vier Touchdowns in einem einzigen Spiel warf, dann durchströmt uns eine Welle purer Nostalgie. Wir denken an Peggys turmhohe, feuerrote Frisur und ihre grenzenlose Aversion gegen jegliche Art von Hausarbeit. Wir denken an Kellys charmante Naivität und Buds verzweifelte, ewig scheiternde Versuche, das andere Geschlecht zu beeindrucken. Diese Charaktere waren so herrlich unperfekt, dass sie Millionen von Zuschauern weltweit aus der Seele sprachen. Doch das unerbittliche Rad der Zeit dreht sich unaufhörlich weiter – auch für die Ikonen unserer Jugend.

Ein kürzlich veröffentlichtes, tief bewegendes Video des Kanals “FilmZeit” mit dem Titel “Eine schrecklich nette Familie (1987) – In Erinnerung an verstorbene Schauspieler | Wer lebt noch?” schlägt derzeit im Internet hohe Wellen. Es ist ein Video, das uns schonungslos den Spiegel unserer eigenen Vergänglichkeit vorhält. Mit einer ebenso faszinierenden wie melancholischen Schnitttechnik präsentiert uns der Clip die Stars von damals. Wir sehen die gealterten Schauspieler von heute, wie sie plötzlich ihren eigenen jüngeren Ichs aus den 80er und 90er Jahren gegenüberstehen. Doch noch viel herzzerreißender sind die stillen, andächtigen Momente des Videos: Es zeigt die verbliebenen Darsteller an den realen Grabsteinen jener Kollegen, die uns bereits für immer verlassen haben. Oft flankiert von einer spirituellen Erscheinung der Verstorbenen, gekrönt mit einem leuchtenden Heiligenschein. Es sind Bilder, die einem unweigerlich die Tränen in die Augen treiben.

Einer der traurigsten Abschiede in diesem Video gilt Janet Carroll, die der Welt als Gary, die unbarmherzige und oft sadistische Besitzerin von “Gary’s Shoes & Accessories for Today’s Woman”, in Erinnerung bleiben wird. Gary war der ultimative Albtraum für Al Bundy an seinem verhassten Arbeitsplatz. Mit scharfer Zunge und strengem Blick trieb sie den armen Schuhverkäufer regelmäßig in den Wahnsinn. Dass Janet Carroll, eine so brillante und wandlungsfähige Schauspielerin, bereits im Jahr 2012 im Alter von 71 Jahren verstarb, reißt eine schmerzhafte Lücke in die Erinnerungen der Fans. Ihr Anblick am Grabstein, flankiert von den wehmütigen Blicken ihrer Kollegen, ist ein schwer erträglicher Moment der Stille.

Ebenso schmerzhaft ist die Erinnerung an Kevin Curran, der 2016 im Alter von 59 Jahren viel zu früh von uns ging. Curran war nicht nur ein genialer Autor und Produzent hinter den Kulissen, sondern lieh in der englischen Originalfassung auch dem zynischen und oft deprimierten Familienhund Buck seine Stimme. Buck war der heimliche Star der Serie, der einzige, der den Wahnsinn der Bundys messerscharf analysierte. Auch an Steve Susskind (1942 – 2005), der den Charakter Barney verkörperte, wird in dem Clip liebevoll gedacht. Er verstarb im Alter von 63 Jahren. Diese Männer und Frauen haben maßgeblich dazu beigetragen, die Serie zu dem Kult-Phänomen zu machen, das sie heute ist. Ihr Fehlen wird durch das Video auf erschütternde Weise greifbar gemacht.

Aber das Tribute-Video ist nicht nur ein Ort der Trauer; es feiert auch das Leben derjenigen, die noch unter uns weilen und verdeutlicht auf atemberaubende Weise, wie sich die Stars über die Jahrzehnte hinweg verändert haben. Ed O’Neill, der als Al Bundy den genervten, vom Leben enttäuschten Familienvater mit einer fast schon tragikomischen Perfektion spielte, war beim Start der Serie gerade einmal 41 Jahre alt. Heute, mit beeindruckenden 79 Jahren, blickt er auf eine Karriere zurück, von der andere nur träumen können. O’Neill hat das fast Unmögliche geschafft: Er hat den Schatten des Al Bundy abgeschüttelt und mit der Rolle des Familienpatriarchen Jay Pritchett in dem globalen Megahit “Modern Family” eine zweite, ebenso ikonische Ära des Erfolgs eingeläutet. Seine schauspielerische Klasse ist mit den Jahren nur noch gereift wie ein guter Wein.

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An seiner Seite brillierte Katey Sagal als Peggy Bundy. Damals eine blutjunge 33-Jährige, brachte sie mit ihrem watschelnden Gang, der Vorliebe für Leopardenmuster und der Weigerung zu kochen, eine völlig neue Art von Mutterrolle ins Fernsehen. Heute ist Sagal 72 Jahre alt und eine absolute Ikone der amerikanischen Popkultur. Weit entfernt von der arbeitscheuen Hausfrau, bewies sie in der gnadenlos harten Bikerserie “Sons of Anarchy” als knallharte Matriarchin Gemma Teller Morrow ihr immenses dramatisches Talent und gewann dafür einen Golden Globe. Zudem lieh sie der einäugigen Mutantin Leela in “Futurama” ihre unverwechselbare Stimme. Ihre Transformation im Video von der poppigen Peggy zur eleganten, starken Frau von heute ist schlichtweg phänomenal.

Dann sind da noch die “Kinder”. Christina Applegate, die als dumpfbackige, aber stets liebenswerte Kelly Bundy im zarten Alter von 15 Jahren weltberühmt wurde, ist heute 54 Jahre alt. Ihre Geschichte ist eine von extremen Höhen und herzzerreißenden Tiefen. Applegate feierte riesige Erfolge, spielte in Kinohits und gefeierten Serien wie “Dead to Me” mit. Doch das Schicksal traf sie hart: Nach einer überstandenen Brustkrebserkrankung machte sie vor einigen Jahren ihre Multiple-Sklerose-Diagnose öffentlich. Mit unglaublichem Mut und einer bewundernswerten Stärke stellt sie sich dieser schweren Krankheit in der Öffentlichkeit. Sie im Video neben ihrem fröhlichen, unbeschwerten 15-jährigen Ich zu sehen, erfüllt uns mit tiefem Respekt vor der Kämpferin, die sie heute ist.

Ihr Serienbruder David Faustino, der den schlagfertigen, aber notorisch glücklosen Bud Bundy spielte, war beim Serienstart gerade einmal 13 Jahre alt. Heute, als 52-jähriger Mann, wirkt er bodenständig und ruhig. Zwar konnte er nie wieder an den gigantischen, erdrückenden Erfolg seiner Kindertage anknüpfen, doch Faustino fand seinen eigenen Weg im Leben, arbeitete als Synchronsprecher und in diversen Gastrollen. Er wird für Millionen von Fans für immer der clevere Grandmaster B. bleiben.

Das Universum von “Eine schrecklich nette Familie” wäre jedoch niemals komplett ohne die illustren Nachbarn und Freunde. Amanda Bearse, die als spießige, politisch überkorrekte Marcy D’Arcy (zuvor Rhoades) Al Bundy das Leben zur Hölle machte, war damals 29. Heute ist sie 67 Jahre alt. Die erbitterten Wortgefechte zwischen Marcy und Al, in denen sie ihn als Versager betitelte und er sie respektlos mit einem Huhn verglich, gehören zum absoluten Goldbestand der Fernsehgeschichte. Später wechselte Bearse sehr erfolgreich hinter die Kamera und führte bei zahllosen Episoden selbst Regie. Ihre Ehemänner in der Serie wurden ebenfalls nicht vergessen: David Garrison, der den verklemmten Banker Steve Rhoades verkörperte, alterte von 35 auf 73 Jahre. Und Ted McGinley, der als arbeitsscheuer Schönling Jefferson D’Arcy dazustieß, ist vom 31-jährigen Beau zu einem charmanten 67-jährigen Herrn gereift.

Auch die treuen Gefährten von Al, allen voran die Mitglieder der legendären “No Ma’am” (National Organization of Men Against Amazonian Masterhood) Bewegung, haben sich drastisch verändert. Harold Sylvester, der den kühlen Griff spielte, ist von 45 auf 77 Jahre gealtert. E.E. Bell, der immer hungrige Bob Rooney, wandelte sich vom 38-jährigen Handwerker zum 71-jährigen Routinier. Und Dan Tullis Jr., der als Officer Dan bei Al auf der Couch saß und Bier trank, statt auf Streife zu gehen, ist heute stattliche 75 Jahre alt. Sogar Shane Sweet, der als kleines Kind die umstrittene Rolle des Seven übernahm, ist in dem Video von einem 6-jährigen Knirps zu einem 40-jährigen Mann herangewachsen. Und auch an Hill Harper, der damals mit 27 Jahren den Charakter Aaron spielte, wird im Alter von 60 Jahren erinnert.

Dieses unglaubliche Vorher-Nachher-Video rüttelt etwas tief in uns wach. Es ist weit mehr als nur ein nostalgischer Rückblick auf eine alte Fernsehserie. Es ist eine ergreifende Studie über das Leben selbst. Über das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit, über Jugend, das Altern und schließlich den Tod. Als wir damals in den späten 80er und 90er Jahren Woche für Woche gebannt vor dem Röhrenfernseher saßen und mit den Bundys lachten, schien diese Welt ewig zu währen. Al Bundy würde für immer im Schuhladen leiden, Peggy für immer auf der Couch sitzen.

Die Realität zeigt uns nun die Falten, die grauen Haare und die leeren Gräber. Doch genau hier entfaltet die Magie des Fernsehens ihre größte Kraft. Auch wenn Schauspieler altern, schwer erkranken oder diese Welt verlassen müssen – die Charaktere, die sie mit so viel Blut, Schweiß und Tränen erschaffen haben, sind unsterblich geworden. Sie haben den Tod besiegt. Sie existieren in einer ewigen Zeitschleife aus messerscharfen Pointen, zynischen Lebensweisheiten und echtem Lachen. Immer wenn wir eine alte Episode von “Eine schrecklich nette Familie” einschalten, kehren Janet Carroll, Kevin Curran und all die anderen zu uns zurück. Und für zwanzig glückselige Minuten sitzt Al Bundy wieder auf seinem durchgesessenen Sofa, das Leben ist herrlich kompliziert, und wir sind alle wieder ein bisschen jünger.