Es gibt diese seltenen Momente in politischen Talkshows, in denen die üblichen, glattgeschliffenen Phrasen plötzlich von der ungeschönten Realität durchbrochen werden. Ein solcher Moment ereignete sich kürzlich, als ein erst 25-jähriger Bürgermeister aus einer ländlichen Gemeinde schonungslos aussprach, was an der Basis längst gelebter Alltag ist. Auf die provokante Frage, ob er in seinem Amt auch mit Vertretern der AfD zusammenarbeite, folgte kein betretenes Schweigen, kein rhetorisches Ausweichen und keine moralische Rechtfertigung. Seine Antwort war so simpel wie explosiv: „Ja.“ Ein klares, unmissverständliches Ja, das in den Redaktionsstuben und Parteizentralen der Hauptstadt für mächtig Zündstoff gesorgt hat.

Dieser junge Mann, Luca Piwodda, Bürgermeister der kleinen Stadt Gartz, verkörpert eine neue Generation von Lokalpolitikern, die keine Zeit mehr für das haben, was er treffend als „politische Tagträumereien“ bezeichnet. Wenn man ihm zuhört, begreift man schnell, dass sich die politische Tektonik in diesem Land massiv verschoben hat. Für Piwodda geht es in erster Linie um sein Dorf, um das Miteinander innerhalb der Gemeinschaft und um ganz handfeste Probleme. Die Bürger seiner Gemeinde interessieren sich nicht für die ideologischen Grabenkämpfe, die in Berlin oder in den Landtagen ausgetragen werden. Sie wollen wissen, wann die marode Stadtmauer repariert wird, wie die örtliche Schule saniert werden kann und wer den kaputten Stadtbrunnen wieder zum Laufen bringt.

Genau hier offenbart sich die gewaltige Kluft zwischen der großstädtischen Polit-Blase und dem ländlichen Raum. Piwodda schildert eine Lebensrealität, in der die sogenannten etablierten Volksparteien schlichtweg nicht mehr existent sind. Wenn Wahlen anstehen, so berichtet er nüchtern, glänzen SPD, CDU, Grüne und FDP meist durch absolute Abwesenheit. Die lokalen Ortsvereine sind vielerorts längst weggestorben, die Parteistrukturen haben sich still und heimlich aus der Fläche zurückgezogen. Man bekommt von den großen Parteien oft gar nicht mehr mit, dass überhaupt ein Wahlkampf stattfindet – außer durch ein paar lieblos aufgehängte Plakate an den Laternenmasten. Diese physische und inhaltliche Abwesenheit führt zu einem tiefgreifenden Frust bei den Menschen. Es ist nicht primär so, dass sie das Gefühl haben, ihre Meinung nicht mehr sagen zu dürfen. Das eigentliche Problem ist viel dramatischer und gefährlicher für unser System: Sie haben das Gefühl, dass ihnen schlichtweg niemand mehr zuhört.

In dieser Atmosphäre des politischen Vakuums verwundert es nicht, dass pragmatische Ansätze den Sieg über ideologische Brandmauern davontragen. Der junge Bürgermeister macht deutlich, dass man auf kommunaler Ebene einfach nicht die Zeit und den Luxus hat, sich in Ausgrenzungsdebatten zu ergehen. „Der macht das, der macht jenes“ – solche parteipolitischen Kinderspielchen lässt er ganz bewusst vor den Toren des Rathauses. Wenn ein AfD-Politiker vor Ort auf eigene Kosten den Stadtbrunnen repariert, dann wird das als bürgerschaftliches Engagement gewertet und nicht als Akt der politischen Unterwanderung verdammt. Diese verbindende, lösungsorientierte Politik ist exakt das, was die Menschen nach Jahren des Stillstands und der fruchtlosen Streitereien massiv einfordern.

Piwodda beschreibt in diesem Zusammenhang eine gefährliche „Abgrenzungsspirale“, in der sich die etablierten Kräfte völlig verfangen haben. Man definiert sich fast ausschließlich noch darüber, was die anderen Parteien vermeintlich falsch machen. Die CDU gibt der aktuellen Ampel-Koalition lautstark die Schuld an der Misere, obwohl sie selbst zuvor 16 Jahre lang ununterbrochen die Bundesregierung stellte und viele der heutigen Probleme offensichtlich mitzuverantworten hat. SPD und Grüne wiederum verweisen bei jeder Gelegenheit auf globale Krisen oder die Fehler der Vergangenheit. Das Resultat dieser endlosen Schuldzuweisungen ist ein lähmender politischer Stillstand, bei dem sich alles hochschaukelt, aber in der Sache absolut nichts mehr konkret diskutiert oder gar gelöst wird. Die Bürger durchschauen dieses durchschaubare Schauspiel. Sie sind es leid, dass drängende Konzepte für den ländlichen Raum, für den Erhalt von wichtigen Bahnlinien oder die Stärkung der regionalen Wirtschaft konsequent fehlen oder einfach bequem auf die finanzschwachen Kommunen abgewälzt werden.

Wie weit sich Teile des politischen Establishments tatsächlich von den eigenen Bürgern entfernt haben, zeigt auch die empörte Reaktion auf eine Aussage des ehemaligen Ostbeauftragten der Bundesregierung, Marco Wanderwitz. Dieser hatte allen Ernstes öffentlich behauptet, ein Teil der ostdeutschen Bevölkerung sei „für die Demokratie verloren“. Für Lokalpolitiker wie Piwodda ist ein solcher Satz ein unerträglicher Schlag ins Gesicht der Menschen. Es zeugt von einer furchtbaren und brandgefährlichen Arroganz, mündige Bürger einfach abzuschreiben und sie pauschal als undemokratisch abzustempeln, nur weil sie anders denken als der politische Mainstream oder weil sie massiv unzufrieden mit den Entscheidungen der aktuellen Regierung sind. Anstatt in den ernsthaften Dialog zu treten und sich selbstkritisch zu fragen, wo die eigenen, gravierenden Fehler liegen, wählt man lieber den bequemen Weg der vollumfänglichen Stigmatisierung.

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Doch wer immer noch glaubt, dieses Phänomen der Abkehr von den Altparteien sei rein auf die ostdeutschen Bundesländer beschränkt, irrt gewaltig. Die politische Realität holt den Westen der Republik längst mit rasender Geschwindigkeit ein. Jüngste Umfragen und konkrete Wahlergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass der Trend absolut flächendeckend ist. In Hessen erreicht die AfD bereits Werte um die 20 Prozent, und in den einst unerschütterlichen sozialdemokratischen Hochburgen des Ruhrgebiets brechen die sprichwörtlichen Dämme. Wenn die SPD in einer traditionsreichen Arbeiterstadt wie Gelsenkirchen zum allerersten Mal seit über 60 Jahren nicht mehr die stärkste Kraft bei den Zweitstimmen wird und die AfD völlig ungeniert an ihr vorbeizieht, dann stürzen historische Bastionen. Man muss wirklich kein Politikwissenschaftler sein, um zu erkennen, dass dies kein kurzfristiger Protest mehr ist, sondern eine tiefe, strukturelle Verschiebung der Wählerpräferenzen.

Die reflexartigen Antworten aus dem politischen Berlin auf diese dramatische Entwicklung wirken dabei zunehmend hilflos und planlos. Forderungen nach einem Verbot der AfD, wie sie unter anderem von Politikern wie Wanderwitz immer wieder lautstark geäußert werden, gehen völlig am Kern des eigentlichen Problems vorbei. Ein Parteiverbot ändert rein gar nichts an der berechtigten Unzufriedenheit von Millionen Wählern im ganzen Land. Man kann in einer Demokratie nicht einfach 20 bis 30 Prozent der Bürger aus dem politischen Diskurs verbannen, sie pauschal in die Schmuddelecke stellen und naiverweise hoffen, dass sich die tieferliegenden Probleme dadurch wie von Zauberhand in Luft auflösen. Auch der reflexartige Ruf nach einer strengeren Regulierung der sozialen Medien offenbart nur das komplette Unverständnis der politischen Eliten. Social Media ist definitiv nicht die Ursache für die tiefe Krise der Altparteien; es ist lediglich das moderne, digitale Megafon, durch das viele Bürger endlich jene Aufmerksamkeit und Gehör finden, die ihnen in der verstaubten analogen Politik konsequent verwehrt bleibt.

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Die wahre Lektion, die das politische Berlin von einem 25-jährigen Bürgermeister aus der tiefsten Provinz lernen könnte und dringend lernen sollte, lautet: Demokratie lebt vom ehrlichen Dialog und von der spürbaren Lösung ganz konkreter Probleme. Wenn wir leichtfertig aufhören, miteinander zu reden, wenn wir Bürger wegen ihres legalen Wahlverhaltens pauschal ausgrenzen und stigmatisieren, dann sägen wir sehenden Auges an dem Ast, auf dem unsere gesamte demokratische Gesellschaft sitzt. Die Mehrheit der jungen Generation, die pragmatisch, unvoreingenommen und unideologisch an die gigantischen Herausforderungen unserer Zeit herangeht, hat absolut keine Lust mehr auf erstarrte, verkrustete Strukturen. Sie wollen mit jedem reden, mit jedem an Lösungen feilen und Kompromisse finden, solange es dem Wohle der eigenen Gemeinde und der Menschen dient.

Es wird allerhöchste Zeit, dass die Verantwortlichen auf Bundes- und Landesebene endlich aus ihrem Tiefschlaf aufwachen. Die hart arbeitenden Menschen in diesem Land sind es zunehmend müde, an einem System festzuhalten, das ihre alltäglichen Sorgen so offensichtlich ignoriert, sie mit immer neuen Auflagen und Bürokratie erstickt und sie von oben herab belehrt. Der ländliche Raum darf unter keinen Umständen länger das vernachlässigte Stiefkind der Nation bleiben. Er braucht echten Respekt, eine solide finanzielle Ausstattung und vor allem Politiker, die sich nicht zu schade sind, den direkten Kontakt zur Basis zu suchen – auch und gerade dann, wenn es unbequem wird. Luca Piwodda hat eindrucksvoll vorgeführt, wie das heute geht: mit frischem Mut, echter Authentizität und dem glasklaren Bekenntnis, dass die Interessen der Bürger immer und überall vor der parteipolitischen Profilierungssucht stehen müssen. Wer diese simple, aber entscheidende Botschaft im Elfenbeinturm weiterhin nicht versteht, wird bei den kommenden Wahlen zweifellos ein sehr böses Erwachen erleben.