Wir leben in einer Ära der rasanten Empörung. Ein falsches Wort, ein unglücklicher Blickwinkel oder ein umstrittenes Foto genügen heute oft schon, um mediale Stürme von beispielloser Heftigkeit zu entfachen. Karrieren, die über Jahrzehnte mühsam aufgebaut wurden, können innerhalb von wenigen Stunden im digitalen Tribunal von sozialen Netzwerken in Trümmern liegen. Doch es gibt eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Unterhaltungslandschaft, an der diese modernen Mechanismen der sogenannten Cancel Culture spurlos abzuprallen scheinen: Harald Schmidt. Der Altmeister des deutschen Late-Night-Fernsehens demonstriert uns derzeit mit einer geradezu faszinierenden Mischung aus Gelassenheit und scharfem Intellekt, wie man sich der vorhersehbaren Hysterie des Mainstreams nicht nur entzieht, sondern sie sogar meisterhaft für die eigenen Zwecke orchestriert.

Der Auslöser der jüngsten medialen Eruption war denkbar simpel und doch so wirkungsvoll: Ein Sommerfest der Schweizer Wochenzeitung “Weltwoche” in Zürich. Harald Schmidt folgte der Einladung und genoss den Abend. Doch in der heutigen Zeit ist ein Fest niemals nur ein Fest. Es entstand ein Foto, das rasend schnell virale Ausmaße annahm. Darauf zu sehen war Schmidt in Gesellschaft von Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen und dem Publizisten Matthias Matussek – Männer, die im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs höchst umstritten sind und von vielen Medien als rotes Tuch betrachtet werden. Für den reflexhaften Aufschrei im Netz war der Tisch damit reichlich gedeckt. Die Vorwürfe ließen nicht lange auf sich warten: Wurde Harald Schmidt nun zum Heilsbringer der politischen Rechten? Ist er ein Fall für den Verfassungsschutz? Hat er sich endgültig ins politische Abseits manövriert?

Wer jedoch glaubte, Schmidt würde nun in Panik geraten, Reue zeigen oder eilig den Kontakt zu den abgelichteten Personen dementieren, sah sich getäuscht. Im Gegenteil: Die Reaktion des Entertainers war legendär und offenbarte sein tiefes Verständnis für die Funktionsweise unserer Mediengesellschaft. Statt sich in Rechtfertigungen zu verlieren, lehnte er sich entspannt zurück und resümierte den Vorgang mit einem süffisanten “Mission accomplished”. Er gab offen zu, dass er sich fast ein wenig in dieses Foto verliebt habe. Denn für ihn war es eine geradezu generalstabsmäßige Operation. Er wusste genau, dass sein Erscheinen auf diesem Fest für ein gewisses “Gekrösel” sorgen würde. Als das besagte Foto dann gleich zu Beginn geschossen wurde, war ihm klar: Wenn dieses Bild an die Öffentlichkeit gelangt, ist bestens für Unterhaltung gesorgt.

Diese Haltung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit der Öffentlichkeit. Schmidt verweigert sich konsequent dem weichgespülten Medienbetrieb, in dem fast jeder Prominente seine Aussagen von Beratern und PR-Agenturen glätten, umschreiben oder gar zensieren lässt, bevor sie gedruckt werden. Bei Harald Schmidt gilt ein eisernes Gesetz: Er liest seine Interviews nicht gegen. Was er sagt, das hat er gesagt. Diese radikale Authentizität macht ihn angreifbar und gleichzeitig völlig unverwundbar. Er überlässt die Verantwortung für die Wirkung seiner Worte und Taten ganz bewusst dem Empfänger. “Ich bin nicht verantwortlich für das, was über mich geschrieben wird”, stellt er nüchtern fest. Wir haben Presse- und Meinungsfreiheit, jeder kann schreiben, was er möchte. Warum also sollte er permanent das Netz kontrollieren und sich Sorgen machen? Sobald der Begriff “Skandal” oder “Aufregung” fällt, betrachtet er den Fall für sich als abgeschlossen und schreitet zu neuen Aktivitäten.

Harald Schmidt im Schweizer Fernsehen - Scheitern inklusive

Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang seine analytische Sicht auf den gesellschaftlichen Reflex der Empörung. Unter Berufung auf eine französische Philosophin prägte Schmidt den Satz, mit dem er seit geraumer Zeit durchs Land reist: “Empörung ist negativer Narzissmus.” Ein Satz von enormer philosophischer Tiefe, der den Nagel auf den Kopf trifft. Wer sich empört, will in der Regel nichts Konstruktives verändern. Es geht vielmehr um die eigene moralische Erhöhung, um die Selbstdarstellung auf Kosten anderer. Die Empörung dient als Bühne, um sich selbst als gut und richtig zu positionieren. Wer sich empören will, so Schmidt pragmatisch, soll das tun – aber bewirken tut es am Ende nichts. Eng damit verbunden ist seine Kritik am modernen Konzept der “Haltung”. Haltung, so merkt er trocken an, kostet nichts. Sie sieht gut aus, sie bringt Applaus auf der richtigen Seite, aber echte Empathie oder wirkliche Konsequenz fordert sie selten ein.

Es ist diese scharfsinnige Distanz zum Geschehen, die Harald Schmidt seinen Ausnahmestatus sichert. Seit seiner ersten Sendung “Maz ab!” im Jahr 1988 hat er das deutsche Fernsehen geprägt wie kaum ein Zweiter. Er hat Tabus gebrochen, als andere sich nicht einmal trauten, sie zu benennen. Sein Einfluss war stets so breit gefächert, dass selbst ultra-linke Comedians gerne bei ihm zu Gast waren. Diese jahrzehntelange Verwurzelung in der Kulturlandschaft gibt ihm heute die Freiheit, über den Dingen zu stehen. Er ist einfach zu lange im Geschäft, um sich von einem oft hysterischen und kurzatmigen Medienhype unterkriegen zu lassen.

Und er hat sich dabei die wichtigste Eigenschaft bewahrt: die Selbstironie. Während sich die gesellschaftlichen Eliten und die Medienvertreter in Diskussionen über seine politische Verortung verstricken, erzählt er mit einem Augenzwinkern von seinen Begegnungen auf der Straße. Früher wurde er ständig um Autogramme gebeten, heute bittet er selbstironisch junge Passanten um Selfies, um überhaupt noch einen Maßstab für seine Beliebtheit zu haben. Als ihn unlängst junge Frauen ansprachen, nahm er bereits in freudiger Erwartung eine Pose ein – nur um dann gebeten zu werden, doch bitte ein Foto von ihnen und seinem Begleiter Pierre M. Krause zu machen. Wer so über sich selbst lachen kann, bietet der echten Häme schlichtweg keine Angriffsfläche.

Der Fall Harald Schmidt ist somit weit mehr als nur eine Anekdote über einen alternden Fernsehstar auf einem Sommerfest. Er ist ein lehrreiches Sittengemälde unserer Zeit. Er führt uns vor Augen, wie reflexhaft und vorhersehbar die Mechanismen der medialen Empörung funktionieren. Wenn Schmidt sich vermeintlich “falsch” positioniert oder auch nur den Anschein erweckt, eher konservative Standpunkte zu dulden, bricht der linksgerichtete Aufschrei sofort los. Doch im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten, die sich daraufhin entschuldigen oder sich in endlose Erklärungen flüchten, entzieht sich Schmidt diesem Spiel komplett. Er hält der Gesellschaft und insbesondere den Medien einen Spiegel vor.

Letztlich zeigt uns Harald Schmidt, wie wichtig es ist, Souveränität zu bewahren. In einer Zeit, in der jeder Schritt und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden, erinnert er uns daran, dass wahre Freiheit auch bedeutet, die Erwartungen anderer einfach mal grandios zu enttäuschen. Er bleibt der unantastbare Zyniker, der kluge Beobachter und der lachende Dritte. Wenn es gefährlich für ein System wird, wenn sich die Elite mit dem Mob verbindet, dann ist Harald Schmidt der Dirigent dieses faszinierenden Abends. Und wir können eigentlich nur staunend zuschauen und lernen: Ein bisschen mehr Gelassenheit und deutlich weniger hysterische Empörung würden unserem gesellschaftlichen Klima überaus gut zu Gesicht stehen.