Wir erleben derzeit eine der spannendsten, aber auch entlarvendsten Phasen in der Geschichte der deutschen Medienlandschaft. Die alten Gewissheiten bröckeln, die traditionellen Gatekeeper verlieren zusehends ihre Macht, und neue, unabhängige Formate erobern die Bildschirme und Kopfhörer von Millionen Menschen. Im Zentrum dieser rasanten Entwicklung steht ein bemerkenswerter Konflikt, der die tiefe Kluft zwischen dem etablierten Haltungsjournalismus und den aufstrebenden, unzensierten Medienmachern gnadenlos offenlegt. Auslöser dieses medialen Erdbebens war das mittlerweile legendäre Podcast-Interview von “Ben Ungescriptet” mit dem umstrittenen AfD-Politiker Björn Höcke. Ein Video, das völlig ohne die üblichen rhetorischen Filter und doppelten Böden auskam und binnen kürzester Zeit über fünf Millionen Aufrufe allein auf YouTube verzeichnete. Diese astronomische Reichweite versetzte die politische und mediale Elite der Bundesrepublik in eine spürbare Schockstarre. Plötzlich wurde offensichtlich: Die Bürger wollen sich ihr eigenes Bild machen, ganz ohne die paternalistische Handführung der Hauptstadtpresse.

Die reflexartige Reaktion der etablierten Medienmacher ließ nicht lange auf sich warten. Ein regelrechter Chor der Empörung erhob sich aus den Redaktionsstuben. Der Hauptvorwurf der sogenannten Haltungsjournalisten lautete unisono: Es habe an der notwendigen “Einordnung” gefehlt. Ein Begriff, der in den letzten Jahren immer mehr zum Totschlagargument in der medialen Debatte avanciert ist. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem schillernden Wort? Eine prominente Verfechterin dieser Einordnungs-Theorie ist die bekannte Journalistin Melanie Amann. Auf ihrem Instagram-Account versuchte sie jüngst, die Wogen zu glätten und ihren Followern zu erklären, warum ihre Art des Journalismus unverzichtbar sei. Wenn man jemanden einfach reden lasse und ihn nicht permanent hinterfrage, so Amann, fehlten den Menschen die entscheidenden Informationen, um die getätigten Aussagen selbst bewerten zu können. Ihr Ziel sei es, kritische Fragen zu stellen, die Befragten zu zwingen, Position zu beziehen, und so das “ganze Bild” zu liefern. Die Zuschauer könnten dann in völliger Freiheit entscheiden, was sie davon halten. Das klingt in der Theorie nobel und aufklärerisch. In der Praxis offenbart sich jedoch ein völlig anderes, weitaus problematischeres Muster.

Die Realität der journalistischen “Einordnung”, wie sie heute allzu oft praktiziert wird, hat mit objektiver Informationsvermittlung nur noch wenig zu tun. Es handelt sich vielmehr um ein subtiles, mitunter auch sehr plumpes Framing. Es geht darum, dem Zuschauer durch gezielte Fragestellungen, das Weglassen von unliebsamen Fakten und eine moralisierende Grundtonalität eine ganz bestimmte Sichtweise aufzuzwingen. Die politische Brille des Interviewers wird zur unumstößlichen Wahrheit deklariert. Und genau hier liegt der gewaltige Denkfehler dieser elitären Herangehensweise: Sie unterstellt dem mündigen Bürger eine fundamentale Unfähigkeit zur eigenen kritischen Reflexion. Wer glaubt, erwachsene Menschen müssten durch Journalisten erst “gezwungen” werden, Positionen zu verstehen, der offenbart ein erschreckend elitäres und bevormundendes Menschenbild. Die Bürger sind heutzutage durch das Internet bestens in der Lage, sich fehlende Puzzleteile selbst zusammenzusuchen. Sie benötigen keinen intellektuellen Vorkoster, der ihnen vorschreibt, wie sie die Welt zu sehen haben.

Besonders absurd wird dieser Anspruch auf die alleinige Deutungshoheit, wenn die selbsternannten Faktenprüfer und Einordnungs-Spezialisten selbst eklatante Wissenslücken aufweisen. Ein Paradebeispiel für diese journalistische Hybris lieferte Melanie Amann höchstpersönlich in einer hitzigen Diskussion bei der ZDF-Talkshow Maybrit Illner. Ihr Gegenüber war der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla. Als dieser die rechtlichen Probleme der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Zusammenhang mit den undurchsichtigen Pfizer-Impfstoffdeals ansprach, schritt Amann aggressiv und selbstgerecht ein. Sie warf Chrupalla vor, er würde für sein nächstes TikTok-Video lediglich “verleumderischen Unsinn” über andere Politiker verbreiten. Mit absoluter Gewissheit behauptete sie vor einem Millionenpublikum, dass in dieser Sache keine einzige Behörde und kein Geheimdienst ermitteln würde. Chrupallas Aussagen seien reine, bösartige Ablenkungsmanöver.

Melanie Amann verlässt den „Spiegel“ - WELT

Doch die Fakten sahen völlig anders aus, als Frau Amann es in ihrer selbstsicheren Zurechtweisung darstellte. Die Europäische Staatsanwaltschaft ermittelte zu diesem Zeitpunkt sehr wohl und ganz konkret gegen Ursula von der Leyen. Es ging um handfeste Vorwürfe wie Korruption, Einmischung in öffentliche Ämter und massive Interessenkonflikte, insbesondere im Hinblick auf verschwundene SMS-Nachrichten zwischen der Kommissionspräsidentin und dem Pfizer-Chef Albert Bourla. Diese Informationen waren öffentlich zugänglich und weltweit in den Nachrichten. Melanie Amann wusste dies entweder schlichtweg nicht – was ein fatales Licht auf ihre journalistische Recherchekompetenz werfen würde – oder sie hat diese unbequemen Fakten in der Talkshow bewusst verschwiegen, um einen politischen Gegner mundtot zu machen. In beiden Fällen stellt sich unweigerlich die Frage: Warum in aller Welt sollte ein Bürger seine politische Meinungsbildung einer “Einordnung” anvertrauen, die entweder auf eklatanter Unwissenheit oder auf bewusster Manipulation beruht? Der Vorfall bei Maybrit Illner ist der ultimative Beweis dafür, dass der Haltungsjournalismus oft genau das produziert, was er anderen vorwirft: Desinformation.

Als ob diese fachliche Blamage nicht schon ausreichen würde, um die Glaubwürdigkeit nachhaltig zu erschüttern, setzte die Geschichte noch einen drauf und wechselte vom politischen Drama in die reine Realsatire. Nachdem der ungeskriptete und völlig freie Podcast von Ben einen derartigen, massiven Erfolg feiern konnte, passierte das Unvermeidliche. Der Mainstream, der eben noch lauthals Kritik geübt hatte, erkannte das immense Potenzial dieses Formats. Und so kündigte Melanie Amann kurze Zeit später völlig ungeniert ihren eigenen, brandneuen Podcast an. Der Name dieses innovativen Meisterwerks? “Amann unframed”. Doch damit nicht genug der Peinlichkeiten: Das Logo-Design dieses neuen Podcasts bedient sich exakt derselben stilistischen Mittel, insbesondere der charakteristischen eckigen Klammern [ ], die das Markenzeichen von “Ben Ungescriptet” sind. Es ist eine glasklare, geradezu unverschämte Kopie der visuellen Identität eines unabhängigen YouTubers, den man zuvor noch scharf für seine Arbeitsweise kritisiert hatte.

Der Gipfel der unfreiwilligen Komik war jedoch die Gästewahl für die Premierenausgabe von “Amann unframed”. Als allerersten Gast lud Melanie Amann ausgerechnet Ben, den Macher von “Ungescriptet”, ein. In diesem Gespräch zeigte sich dann die ganze absurde Widersprüchlichkeit dieser Inszenierung. Während Amann versucht, sich mit dem Begriff “unframed” ein unabhängiges, freies Image zu verpassen, hatte sie auf Instagram doch gerade erst zugegeben, dass es ihre journalistische Absicht sei, Menschen in Positionen zu zwingen – was per Definition Framing in Reinkultur ist. Und während dieses Interviews warf sie Ben dann auch noch süffisant vor, er habe aus seinen unzensierten Gesprächen, insbesondere mit Politikern wie Höcke, ein lukratives Geschäftsmodell gemacht. Eine Journalistin, die gerade dabei ist, das exakte Format, den Stil und das visuelle Design dieses “Geschäftsmodells” für ihre eigene Karriere zu kopieren, wirft dem Original Profitgier vor. Diese atemberaubende Doppelmoral lässt den neutralen Beobachter sprachlos zurück. Es ist das Eingeständnis der eigenen kreativen und konzeptionellen Insolvenz.

ARD-Sommerinterview mit Tino Chrupalla, AfD-Fraktionsvorsitzender

Dieser mediale Stellvertreterkrieg zieht inzwischen auch weite Kreise in die Spitzenpolitik. Das Unbehagen der Elite über Reichweiten, die sie nicht kontrollieren kann, ist greifbar. So fühlte sich beispielsweise die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken berufen, öffentlich die Cancel Culture zu bemühen. Sie forderte ganz offen dazu auf, Formate wie das von Ben Ungescriptet abzuschaffen, weil dort vermeintlich falsche Meinungen unwidersprochen eine Plattform fänden. Es ist der klassische Reflex einer verunsicherten politischen Kaste: Was man inhaltlich nicht dominieren kann, muss verboten oder mundtot gemacht werden. Ben reagierte auf diese autoritären Anwandlungen mit beeindruckender Gelassenheit. Pünktlich zum Tag des Grundgesetzes kommentierte er Eskens Forderungen mit einem simplen, aber brillanten Hinweis auf Artikel 5 unserer Verfassung, der die Freiheit der Meinungsäußerung garantiert.

Eskens Replik, dass Meinungsfreiheit nicht das Recht auf Widerspruchslosigkeit bedeute und man Kritik aushalten müsse, war ein rhetorischer Bumerang. Denn wer Kritik und andere Meinungen wirklich aushalten kann, ruft nicht nach Zensur, sondern stellt sich dem offenen Diskurs. Genau diesen Ball nahm Ben meisterhaft auf und sprach direkt eine Einladung an Saskia Esken aus, sich in seinem Podcast einem echten, ungeskripteten und unzensierten Gespräch zu stellen. Ob die SPD-Chefin den Mut aufbringen wird, sich fernab von vorbereiteten PR-Phrasen und schützenden Haltungsjournalisten einer freien Diskussion zu stellen, bleibt mit größter Spannung abzuwarten. Es wäre die ultimative Feuerprobe für ihr Verständnis von Demokratie und Dialog.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass wir Zeugen eines fundamentalen Paradigmenwechsels sind. Die Zeiten, in denen eine kleine, elitäre Gruppe von Medienmachern festlegte, was die Menschen denken, sehen und diskutieren dürfen, neigen sich unweigerlich dem Ende zu. Die plumpen Versuche, unabhängige Stimmen erst zu diffamieren und ihre Erfolgsrezepte dann heimlich, still und leise zu kopieren, zeugen von einer tiefen konzeptionellen Hilflosigkeit des Establishments. Der Fall Melanie Amann und “Ben Ungescriptet” wird als lehrreiches Beispiel in die Mediengeschichte eingehen – als Lehrstück über Arroganz, unfreiwillige Komik und den unaufhaltsamen Siegeszug des freien, unzensierten Diskurses. Die Bürger haben längst erkannt, dass sie keine Vorkoster für ihre politische Meinungsbildung benötigen. Sie fordern Respekt vor ihrer eigenen Urteilskraft. Und genau diese Urteilskraft wird letztendlich entscheiden, welche Formate in der Zukunft bestehen und welche in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden.