Wenn sich der schwere rote Vorhang schloss und das ohrenbetäubende Klatschen von Tausenden begeisterten Zuschauern langsam in der Ferne verhallte, offenbarte sich oft eine völlig andere Realität, als es die bunten Scheinwerfer vermuten ließen. Nach einer ihrer fulminanten und makellosen Fernsehsendungen, als die Telefone nicht mehr stillstanden und prominente Freunde von der Perfektion jeder einzelnen gesungenen Note schwärmten, passierte hinter den Kulissen etwas Unfassbares: Caterina Valente saß allein in ihrer Garderobe und weinte bitterlich. Ihre enge Vertraute, die Moderatorin Katrin Briegel, erinnerte sich später mit einem Schauer an diesen Moment und an jenen verhängnisvollen, fast schon prophetischen Satz, den der Weltstar unter Tränen immer wiederholte: “Immer, wenn ich etwas gut gemacht habe, kommt wenig später der Rückschlag.”

Es ist eine paradoxe, tief melancholische Aussage für eine Frau, die in den Geschichtsbüchern der Unterhaltungsindustrie eigentlich als unangreifbare Titanin verankert ist. Caterina Valente absolvierte in ihrer unfassbaren 60-jährigen Karriere über 10.000 Auftritte. In der ewigen, elitären Bestenliste der Entertainer mit den meisten Live-Performances weltweit rangiert sie auf einem legendären zweiten Platz – nur übertroffen von dem unsterblichen Frank Sinatra. Sie nahm mehr als 1.350 Lieder in unglaublichen 13 verschiedenen Sprachen auf, wurde vom renommierten Guinnessbuch der Rekorde zeitweise als Europas absolut erfolgreichste Künstlerin geführt und hatte allein bis zum Jahr 1972 schwindelerregende 18 Millionen Schallplatten verkauft. Wenn sie Formulare ausfüllte, notierte sie unter ihrer liebsten Tugend schlicht das Wort “Arbeit” und unter ihrem stärksten Charakterzug “Selbstdisziplin”. Doch der unerbittliche Preis für dieses glanzvolle Denkmal war hoch. Auf der Bühne galt für sie ein eisernes, unverrückbares Gesetz: Niemals durfte sie auch nur den Hauch von eigener Traurigkeit oder Erschöpfung zeigen. “Das wäre das Schlimmste”, sagte sie einmal mit brutaler Nüchternheit. “Die Leute haben bezahlt, um mich zu sehen. Ich muss tun, wofür sie gekommen sind.”

Um zu verstehen, warum die größte Entertainerin Europas so dachte und woher diese eiserne Disziplin – gepaart mit einer fast schon panischen Angst vor dem Glück – rührte, muss man die glitzernde Oberfläche des Showbusiness durchbrechen und weit in die Vergangenheit reisen. Die Geschichte beginnt nicht in einem Luxushotel oder einem Tonstudio, sondern in der rauen, unbarmherzigen Welt des Zirkus. Caterinas Mutter, Maria Valente, war kein gewöhnlicher Musikclown. Sie war ein absolutes Ausnahme-Talent, das unglaubliche 33 Instrumente virtuos beherrschte, fließend mehrere Sprachen sprach und riesige Theaterhäuser stundenlang völlig allein unterhalten konnte. Maria, die als Tochter eines russischen Staatszirkusdirektors während der Oktoberrevolution fliehen musste, heiratete später den italienischen Akkordeonvirtuosen Giuseppe Valente. In diese von tiefster Armut und ständiger Reisetätigkeit geprägte Artistenfamilie wurde Caterina im Januar 1931 in Paris hineingeboren.

Eine normale Kindheit, wie wir sie kennen, existierte für sie schlichtweg nicht. Caterina besuchte nicht einen einzigen Tag in ihrem Leben eine reguläre Schule. Ihre Schulbank waren zugige Zugabteile, anonyme Hotelzimmer und staubige Proberäume. Die Mutter regierte mit eiserner, “gouvernantenstrenger” Härte. Zehnstündige Probentage waren für die kleine Caterina und ihren älteren Bruder Silvio keine Ausnahme, sondern die brutale Regel. Es gibt Nachrufe und Zeitzeugenberichte, die von rauen, fast schon grausamen Erziehungsmethoden sprechen. Die Mutter habe ihre Tochter emotional gequält und ihr jegliches Talent abgesprochen. Eine Frau, die 33 Instrumente spielen konnte, fand für ihr eigenes Kind kein einziges Wort der warmen Anerkennung. Dennoch oder gerade deshalb sehnte sich Caterina ihr Leben lang nach der Bestätigung dieser unnahbaren Frau.

Letzter Auftritt 2003: So geht es Caterina Valente heute

Doch die Schrecken der Bühne verblassten gegen die Schrecken der Weltgeschichte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Familie von den Nationalsozialisten die Auftrittserlaubnis entzogen. Das einstige gefeierte Zirkuskind musste in einem Essener Hotel schuften und später in einem Lazarett arbeiten. Sie erlebten ausgebombte Theater in Berlin und die Hölle der Schlacht um Breslau. Doch das absolute Trauma ereilte die Familie, als sie von russischen Soldaten der Spionage verdächtigt und in ein trostloses Lager nahe Odessa deportiert wurde. Dort grassierten Hunger und Verzweiflung. Es war ein bitteres Paradoxon des Schicksals, dass ausgerechnet Maria, jene harte, unbarmherzige Mutter, der gesamten Familie das Leben rettete. Mit ihrem unvergleichlichen Talent unterhielt sie die Wärter, spielte Theater und handelte so lebenswichtige Rationen aus dem Nichts aus. “Sonst wären wir dort im Lager alle verhungert”, gestand Caterina später. Die Wunden dieser Zeit heilten nie, doch sie formten aus Caterina eine Überlebenskünstlerin, die das Wort “Beruf” mit “Überleben” gleichsetzte.

Als der Krieg endlich endete, kehrte die Familie nach Paris zurück und Caterinas beispielloser Aufstieg begann. Entdeckt vom Unterhaltungschef von Radio Zürich, stieg sie rasch zu einem globalen Phänomen auf. Sie heiratete 1952 den Jongleur Erik van Aro, der zu ihrem Manager wurde. Gemeinsam jonglierten sie mit Verträgen, Kontinenten und Erfolgen. 1958 wurde Sohn Eric geboren. Doch nach 19 Jahren zerbrach die Ehe lautlos, ohne schmutzige Skandale, und beide blieben Geschäftspartner. Kurz darauf ehelichte sie den britischen Pianisten und Komponisten Roy Budd, ein ehemaliges Wunderkind, das 16 Jahre jünger war als sie. Aus dieser Verbindung stammt ihr zweiter Sohn, Alexander. Aber auch hier schlug das Schicksal erbarmungslos zu. In einem extrem seltenen, persönlichen Interview deutete sie eine tiefe Tragödie an: “Während der Arbeit passierte etwas Schreckliches. Ich verlor mein Baby.” Auch diese zweite Ehe hielt nicht ewig und endete 1979. “Sie hatte ihr Leben lang Pech mit den Männern”, fasste es ihre Freundin Katrin Briegel später treffend zusammen.

Der einzige Mann, der ihr niemals von der Seite wich, war ihr Bruder Silvio Francesco. Er stand jahrzehntelang im Schatten seiner berühmten Schwester, fungierte als ihr musikalischer Leiter, Bühnenpartner und emotionaler Fels in der Brandung. Als Silvio im Jahr 2000 im Alter von 73 Jahren verstarb, riss das eine Wunde in ihr Herz, die niemals wirklich verheilte. “Silvio fehlt mir jeden Tag”, gestand sie noch 19 Jahre nach seinem Tod. Roy Budd war bereits 1993 an einer plötzlichen Hirnblutung gestorben, und ein Jahr nach Silvio ging auch ihr erster Ehemann Erik von Aro.

Trotz dieser massiven inneren Kämpfe und Verluste war Caterina Valente eine bemerkenswerte Mutter. Ihr älterer Sohn Eric beschrieb sie in einem Interview als “herrlich normal”. Nach Auftritten vor tausenden ekstatischen Fans zog sie sich in die private Anonymität zurück, wusch ab, putzte und kochte für die Familie. Es gab keinen Luxus hinter der Bühne, nur harte Arbeit und bedingungslose Liebe, die sie – im Gegensatz zu ihrer eigenen Mutter – reichlich und mit viel Humor an ihre Kinder weitergab. Sie zelebrierte ihr Stardasein zu Hause nie, denn sie wollte eigentlich gar nicht der weltberühmte Mega-Star sein. Sie wollte lediglich, wie all die Artisten vor ihr in ihrer Familie, einfach nur eine verdammt gute Arbeit abliefern.

Maria Valente: The World's Only Female Clown – Glitz and Glamour vs.  Reality: Understanding Showbiz

Dies erklärt auch ihren wohl radikalsten und konsequentesten Schritt: das absolute Verschwinden. Nachdem sie 2005 einen Ehren-Bambi für ihr gewaltiges Lebenswerk entgegengenommen hatte, zog sich Caterina Valente für fast 20 Jahre komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Es gab keine nostalgischen Comebacks, keine weinerlichen Talkshow-Auftritte und keine pompösen Jubiläen. Sie lehnte Tribute-Alben von Größen wie Till Brönner dankend, aber bestimmt ab und weigerte sich strikt, sich in Fernsehdokumentationen feiern zu lassen. Sie verkaufte ihr Haus in Kalifornien, zog in die beschauliche Ruhe von Lugano in der Schweiz und fand endlich das, was sie all die Jahrzehnte verzweifelt gesucht hatte: inneren Frieden. In einer seltenen, schriftlichen Äußerung im Jahr 2019 erklärte sie: “Ich habe zwei verrückte Söhne, die sich um mich kümmern und mich zum Lachen bringen.” Es war nicht mehr jenes strahlende, künstliche Lächeln für die zahlenden Massen, das ihr einst in die Seele gedrillt wurde. Es war ein echtes, eigenes Lachen.

Als junges Mädchen hatte sie auf die Frage, wie sie einmal sterben wolle, trotzig mit “Auf dem Weg zur Arbeit” geantwortet. Doch das Schicksal hatte glücklicherweise eine sanftere Pointe für diese gepeinigte und großartige Seele vorgesehen. Am 9. September 2024 verstarb Caterina Valente in ihrem Haus in Lugano eines natürlichen Todes im Alter von 93 Jahren. Beide Söhne wachten an ihrer Seite. Die Beisetzung fand unter dem strikten Ausschluss der sensationslüsternen Öffentlichkeit statt. Kein frenetischer Applaus, kein helles Rampenlicht, keine Zugabe. Nur eine tiefe, respektvolle und selbstgewählte Stille für eine Frau, die der Welt alles gab, sich selbst aber glücklicherweise am Ende zurückholte.